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FTSE4Good - Hintergrund

Der Aktienindex FTSE4Good ist eine Mogelpackung!

von Volkmar Lübke
Vorstandsmitglied des Dachverbands der
Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre

Am 31.Juli wird der FTSE4Good-Index auch in den deutschen Markt eingeführt.
Er wird von der Financial Times und der Londoner Börse getragen und soll nur “verantwortliche” Unternehmen aufnehmen, die nach sozialen und ökologischen Kriterien überprüft worden sind. Inzwischen haben bereits die ersten Kapitalgesell- schaften angekündigt, auf der Basis dieses Indexes “ethische” Fonds anzubieten.  Umweltschützer und Menschenrechtsgruppen protestieren jedoch gegen die
Kriterien des Idexes.

Sieht man sich die Liste der aufgenommenen Unternehmen an, so kommt man aus dem Staunen nicht heraus: 17 deutsche Großunternehmen sind dabei, die der kritischen deutschen Öffentlichkeit eher aus negativen Schlagzeilen bekannt sind.
So etwa Bayer und die BASF, die wegen ihrer Chemiepolitik seit Jahrzehnten kritisiert werden, die Deutsche Lufthansa, die nicht nur wegen ihrer Mitwirkung an der Deportation abzuschiebender Flüchtlinge sondern auch wegen ihres Kerngeschäfts - der Fliegerei - in einem ethisch-ökologischen Index nichts zu suchen hätte, oder
BMW und Volkswagen, deren Produkte per se die Umwelt verschmutzen.

Diese auf den ersten Blick unerklärlichen Widersprüche versteht man allerdings,
wenn man einen Blick hinter die Kulissen wirft und sich genauer ansieht, wer hier eigentlich mit welchen Kriterien und welchem Interesse wen bewertet.

Wie werden die Unternehmen für den FTSE4Good ausgewählt?

Der FTSE4Good befasst sich nur mit den börsennotierten Unternehmen, die Teil
des “FTSE Developed Index” oder des “FTSE All-Share Index” sind. Damit stehen
als Grundgesamtheit circa 2.300 Unternehmen weltweit zur Verfügung. - Bereits
dadurch entlarvt sich die Behauptung des Bayer-Vorstandsvorsitzenden Manfred Schneider, Bayer gehöre durch die Aufnahme in den Index “im Bereich Corporate
Social Responsibility zu den 100 besten Unternehmen der Welt” als dreiste PR-Lüge.

Aus diesem Universum werden diejenigen Unternehmen ausgeschlossen, die mit der Tabak- und Waffenproduktion und mit dem Betrieb von Atomkraftwerken oder der Förderung und Verarbeitung von Uran zu tun haben. Klassische Bewertungsprobleme wie das der sogenannten “dual-use-goods” bei der Rüstungsproduktion werden mit diesem Verfahren allerdings  nicht gelöst. Die verbleibenden Unternehmen werden in drei Bereichen bewertet.

Wie werden ökologische “Nachhaltigkeit”, soziale Verantwortung
und Einhaltung der Menschenrechte beurteilt?

Im Bereich der Ökologie und der Menschenrechte werden die Unternehmen für den FTSE4Good in zwei Gruppen eingeteilt: Solche mit hoher Relevanz für diesen Sektor und solche, bei denen die gesellschaftlichen Wirkungen als nicht so hoch eingeschätzt werden. Nur die Unternehmen, die zur ersten Gruppe gehören, werden tatsächlich untersucht und bewertet!

Bei den Unternehmen der zweiten Gruppe wird automatisch angenommen, dass
sie die Auswahlkriterien erfüllen. Durch dieses Arbeit sparende aber methodisch unsaubere Verfahren kommt es dazu, dass etwa die medizinisch-pharmazeutischen Unternehmen im Bereich der Menschenrechte als “nicht relevant” eingestuft werden
und automatisch eine positive Bewertung bekommen - obwohl z.B. die Auseinander-
setzung mit dieser Branche um die Versorgung von AIDS-Patienten in Entwicklungs-
ländern noch deutlich vor Augen stehen dürfte.

Noch skandalöser sind die Kriterien, die zur eigentlichen Bewertung der Unternehmen angelegt werden. Bei den Menschenrechten sind dies nur:

  • Veröffentlichung eines Statements zu den Menschenrechten,
    das mehr als nur die Rechte der Mitarbeiter umfasst,
     
  • Veröffentlichung eines Statements, das das Unternehmen
    auf mindestens zwei (von fünf!!) der Kern-Standards der
    Internationalen Arbeitsorganisation ILO verpflichtet
     
  • Mitwirkung bei Initiativen wie dem UN-Global Compact,
    den Sullivan Principles, dem SA 8000 u.a.

Hier wird deutlich, was ein Hauptproblem der gegenwärtigen Bewertung von Unter- nehmen nach sozialen und ökologischen Kriterien ist: Mangels Daten über das tatsächliche Verhalten von Unternehmen, die von unabhängiger Seite verifiziert sind, werden Worte für die Tat genommen. Die Unterzeichnung von “codes of conduct” oder die Veröffentlichung von Selbstverpflichtungen gelten als hinreichend, um in Hinblick auf die Erfüllung der Menschenrechte positiv bewertet zu werden. Immer wieder bekannt werdende Diskrepanzen zwischen den formulierten Zielen und dem tatsächlichen Verhalten von Unternehmen sollten längst deutlich gemacht haben, dass so keine glaubwürdige Bewertung des Verhaltens von Unternehmen entstehen kann.
Ein Beispiel dafür ist die Reaktion der britischen “Free Tibet Campaign” zur
Aufnahme von BP in den FTSE4Good.

Ähnlich unzureichend sind die Kriterien im Bereich der Umweltverantwortung und der sozialen Themenbereiche. Bei der Umweltverantwortung werden nur die Bereiche Selbstverpflichtungen, Managementsystem und Berichterstattung berücksichtigt, bei den sozialen Themen kommen noch Spenden für gemeinnützige Zwecke und die Beachtung des WHO-Codes für die Vermarktung von Baby-Milch dazu. Insbesondere bei den sozialen Themen sind die Unternehmensbewerter nahezu gänzlich auf die Selbstauskünfte von Unternehmen angewiesen, da diese Daten - zumindest nach deutscher Rechtslage - bei keiner anderen öffentlich zugänglichen Stelle vorliegen. Damit sind auch in Hinblick auf die Verlässlichkeit der Daten in diesem Bereich alle Fragen offen.

Der FTSE4Good muss insgesamt als ein Rückschritt gegenüber den Standards angesehen werden, die sich das ethische Investment bisher  erarbeitet hat.
Die britische Sektion von  “Friends of the Earth” drückt sogar ihre Sorge darüber
aus, dass dieser Index den Standard für ethisches Verhalten von Unternehmen
insgesamt senken wird.

Wer führt die Bewertungen durch?

Die Verantwortung für die Recherchen zum FTSE4Good liegt beim britischen
Ethical Investment Research Service (EIRIS) einer traditionsreichen Einrichtung
des ethischen Investments, die über langjährige Erfahrung in diesem Bereich
verfügt. Um so verwunderlicher ist es, dass sie mit den Arbeiten zum FTSE4Good Qualitätsstandandards, die sie seit Jahrzehnten entwickelt und hochgehalten hat,
einfach zu “vergessen” scheint.

Dieses Phänomen ist einzig aus dem gewaltigen Druck zu erklären, der in den
letzten Jahren im “ethischen Investment” entstanden ist: Immer schneller werden
sogenannte “ethische” Angebote entwickelt, um sich am rasant wachsenden Markt
einen möglichst großen Anteil zu sichern. Dabei wird auch der ursprünglich tatsäch-
lich ethisch motivierte Kampf um die Durchsetzung der Menschenrechte in einen
nach den Gesetzen des Marktes kommerziell verwertbaren Dienstleistungsbereich
umgewandelt.

Nachdem bereits vor einiger Zeit der “Dow Jones SustainabilityGroup Index”
vorgemacht hat, wie sich ethische Motive von Anlegern kommerziell blendend
verwerten lassen, ist jetzt die Epoche der Nachahmer angebrochen.
Die zunehmende nationale und internationale Konkurrenz unter den Ratingagenturen
führt dabei vor allem zu einem Sinken der Qualitätsstandards bei Recherche und
Bewertungstätigkeit.

Auf der anderen Seite entsteht offensichtlich auch eine neue “Nachfrage”, denn
das Thema wird mehr und mehr von PR-Abteilungen und PR-Agenturen entdeckt,
die positive externe Bewertungen von Unternehmen im Rahmen ihres “reputation-
managements” kommerziell gut verwerten können. Eine Studie der britischen
“New Economics Foundation” hat den zunehmenden Mißbrauch von sogenannten
“social audits” durch Großunternehmen eindrucksvoll nachgewiesen.

Beim FTSE4Good kann die Unabhängigkeit des Urteils - zumindest in Hinblick
auf die deutschen Unternehmen - noch aus einem anderen Grunde angezweifelt
werden. Die Tatsache, dass das für die Bewertung der deutschen Unternehmen
einbezogene Hannoveraner Institut “imug” vor einigen Jahren eine Schwester-
gesellschaft gleichen Namens eröffnet hat, die im Wesentlichen von der
Unternehmensberatung lebt, lässt bereits den Verdacht von Zielkonflikten
aufkommen. Wenn man dann noch weiss, dass z.B. die in den FTSE4Good
aufgenommene Volkswagen AG als ein guter Beratungskunde bei der imug
GmbH ein- und ausgeht, ist zumindest hinter die Bezeichnung “unabhängig”
ein großes Fragezeichen zu setzen.

Welche Konsequenzen können Kapitalanleger ziehen?

Wichtig ist, endlich klar zu definieren, was “ethisches Investment” sein soll
und sein darf. Gegenwärtig sind Begriffe wie “Ethik”, “Verantwortung” oder
“Nachhaltigkeit” immer noch ungeschützt dem Missbrauch durch jede Art
von Geschäftemacherei preisgegeben.

Bis dahin täten Öffentlichkeit, Verbraucher und Investoren gut daran, die
zahlreichen Finanzangebote, die heute unter der Bezeichnung “ethisch”
vermarktet werden, sehr genau unter die Lupe zu nehmen, möglichst
mehrere Angebote zu prüfen und tatsächlich unabhängige Beratung in
Anspruch zu nehmen, bevor sie auf eine Mogelpackung hereinfallen.