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Kampagne 1996: Chancen für Schwerbehinderte!

Chancen für Schwerbehinderte!

Schier endlos sind die Benachteiligungen, die körperlich, geistig oder psychisch behinderte Menschen im täglichen Leben zu erdulden haben. Von vielen gesellschaftlichen und kulturellen Ereignissen bleiben sie ganz oder teilweise ausgeschlossen. Sogar die Selbstverwirklichung im Beruf und die selbständige wirtschaftliche Absicherung wird vielen von ihnen faktisch verwehrt – denn die meisten Arbeitgeber suchen nur „vollwertige“ Beschäftigte.

Um dieser Tendenz entgegenzuwirken, soll in Deutschland das Schwerbehindertengesetz für die Eingliederung schwerbehinderter Menschen ins Berufsleben sorgen. Es verpflichtet alle Arbeitgeber, die mehr als 15 Arbeitsplätze anbieten, wenigstens sechs Prozent ihrer Stellen mit Schwerbehinderten zu besetzen. Als schwerbehindert gelten dabei Menschen, deren Behinderungsgrad 50 Prozent oder mehr beträgt. Die Verpflichtung gilt gleichermaßen für private wie für öffentliche Arbeitgeber.

Der Gesetzgeber ist davon ausgegangen, daß trotz der individuell unterschiedlichen Beschäftigungsmöglichkeiten jeder Arbeitgeber zumindest im vorgeschriebenen Umfang schwerbehinderte beschäftigen kann. Für ihre Einstellung kann er sich bis zu 80 Prozent der Arbeitsentgelte und bis zu 100 Prozent der Ausbildungsvergütungen vom Arbeitsamt bzw. von der Hauptfürsorgestelle oder dem Träger der jeweiligen Rehabilitationsmaßnahme erstatten lassen.

Trotzdem liegen viele Betriebe deutlich unter der geforderten Quote. Beim Chemieriesen Bayer beispielsweise beklagten die ,Kolleginnen und Kollegen für eine durchschaubare Betriebsratsarbeit‘ im Oktober 1995, ihr Arbeitgeber beschäftige in Leverkusen mit 1.152 Personen lediglich 3,79 Prozent Schwerbehinderte. Insgesamt erfüllen nach Angaben der Bundesanstalt für Arbeit (BA), lediglich 23 Prozent der deutschen Arbeitgeber die Sechs-Prozent-Quote. In den vergangenen Jahren ist der Anteil behinderter Beschäftigter laut BA-Präsident Bernhard Jagoda kontinuierlich gesunken. Dabei befinden sich unter den Arbeitslosen Behinderten nach seinen Worten „sehr gut qualifizierte und engagierte Mitarbeiter“.

Von den 184.300 laut Gesetz verpflichteten Arbeitgebern beschäftigen derzeit 68.800 überhaupt keinen schwerbehinderten Menschen. Insgesamt hat die Privatwirtschaft zur Zeit nur 560.600 Arbeitnehmer mit Handicap auf ihren Lohn- und Gehaltslisten. Das entspricht einer Quote von lediglich 3,6 Prozent. Besonders schlecht erfüllen der Handel mit 2,9 und die Kreditinstitute sowie das Versicherungsgewerbe mit jeweils 3,3 Prozent ihre Pflicht.

Die öffentlichen Arbeitgeber kommen zusammen auf 301.300 behinderte Staatsdiener, doch auch ihre Quote liegt nur bei 5,2 Prozent. Schizophren ist die Konsequenz daraus: Die Behörden kaufen sich mit Steuermitteln von ihrer Verpflichtung frei. Denn für jede nicht quotengemäß mit einem behinderten Menschen besetzte Stelle muß der Arbeitgeber monatlich 200,– Mark „Ausgleichsabgabe“ an die Hauptfürsorgestelle der Sozialbehörde zahlen. Bei Bayer-Leverkusen macht das stolze 108.600,– Mark im Monat aus, berichten die ,durchschaubaren‘ Betriebsräte. Die Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre wollen insbesondere die Großkonzerne verpflichten, ihrer Verantwortung für die Eingliederung behinderter Menschen gerecht zu werden.