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Kampagne 1998: Social Value

Social Value –
Arbeitsplätze statt Rekordgewinne!

„Wir möchten uns nochmals herzlich für Ihr Eintreten für den Erhalt der Arbeitsplätze bei ABB bedanken“, schrieb der Betriebsrat der Mannheimer ABB Kraftwerke AG Ende April 1998 an den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. „Ihr engagiertes Auftreten in der Aktionärsversammlung wurde von unseren Kolleginnen und Kollegen als wichtige Unterstützung empfunden.“

Wenige Tage später begannen die Verhandlungen zwischen ABB Vorstand und Betriebsrat
über den Stellenerhalt. Anfang Juni stand dann fest: Statt der geplanten 700 Arbeitsplätze streicht das Unternehmen an den Mannheimer Standorten nur 270 Stellen. „Bittere Pillen“
nannte Betriebsrat Udo Belz diese Verluste zwar immer noch, aber ein Erfolg war der Kompromiss allemal.

Was hatte die Unternehmensleitung zum Einlenken gezwungen? Wochenlange Proteste der Belegschaft, zahllose negative Pressemeldungen und das gemeinsame Trommelfeuer von Belegschaftsaktionären und Rednern des Dachverbands in der ABB Hauptversammlung
hatten den Vorstand wirksam unter Druck gesetzt.

Einigkeit bestand zwischen den ABB Betriebsräten und den Kritischen Aktionären auch über
die nötige Medizin für die angeschlagene Kraftwerksfirma: Das jahrzehntelange Geschäft mit Atomkraftwerken ist offensichtlich nicht geeignet, Arbeitsplätze zu erhalten oder neu zu schaffen. Besserung verspricht allein der massive Einstieg in Technologien zur Energieeinsparung und
zur Nutzung erneuerbarer Energiequellen wie Sonne, Wind und Biomasse.

Der Erfolg dieses beispielhaften Schulterschlusses zwischen der Belegschaft und den Öko- Aktionären darf trotzdem nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Stellenabbau bei deutschen Konzernen weitergeht. Während sich Unternehmensgewinne und Börsenkurse von Rekordmarke zu Rekordmarke schwingen, erreicht auch die Arbeitslosenquote immer neue Höchststände – von der Bundesregierung in Wahlkampfzeiten nur mühsam durch zehntausende zusätzlicher ABM-Stellen kaschiert.

Der Dachverband hat sich für 1998 deshalb das Schwerpunktthema Arbeitsplätze gesetzt.
In vielen Hauptversammlungen wehren sich seine Rednerinnen und Redner gegen das Diktat des Shareholder Value, gegen Profitmaximierung um jeden Preis, gegen soziale Kälte.
„Freuen Sie sich nicht bloß über Ihre gestiegene Dividende“, appellieren sie an die Aktionärinnen und Aktionäre, „sondern nehmen Sie auch Ihre Verantwortung gegenüber
den Menschen wahr, die Ihre Dividende erarbeitet haben!“

Aus aktuellen Anlässen warnen die Kritischen Aktionäre vor Unternehmensfusionen, die durch Rationalisierungen einen Extraprofit für die Eigentümer herauskitzeln sollen. Gemeinsam mit
den Beschäftigten der Fusionskandidaten Thyssen und Krupp verlangen sie den langfristigen Erhalt aller Stellen bei den beiden Stahlriesen. Den Vorständen von Daimler-Benz und Chrysler werfen sie vor, beim überraschend angekündigten Zusammenschluß ihrer Konzerne die Arbeitnehmer überrumpelt zu haben.

„Zwanzig Personen haben entschieden, daß ein Konzern mit 400.000 Beschäftigten und einem Umsatz von über 230 Milliarden Mark entsteht“, wettert auch Gerd Rathgeb. Der langjährige Daimler-Benz Betriebsrat glaubt dem Management nicht, daß im neuen Konzern langfristig
keine Arbeitsplätze wegrationalisiert werden. „Schon in ein oder zwei Jahren“, wenn die einzelnen Produktionsstandorte miteinander verglichen werden, befürchtet Rathgeb, könnten „von den 400.000 Arbeitsplätzen nur noch 300.000 übrigbleiben.“

Einer Börsenwelt, die Massenentlassungen mit Kurssprüngen honoriert, einer Aktionärs- mehrheit, die sich mehr für Dividenden als für Menschen interessiert, setzen die Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre die Vision einer sozialen Wirtschaft entgegen:

     Der Shareholder Value auf Kosten der Belegschaft darf nicht alleiniger Maßstab
     für Management-Entscheidungen sein. Der Erhalt und die Schaffung zukunftssicherer
     Arbeits- und Ausbildungsplätze sind mindestens gleichwertige Ziele.

     Ein Social Value, der das Engagement eines Unternehmens für Beschäftigung,
     Ausbildung, soziale Arbeitsbedingungen, gerechte Löhne sowie für umweltverträgliche
     Produkte und Produktionsweisen beschreibt, muß für Kunden und Kapitalanleger zum
     wesentlichen Entscheidungskriterium werden.