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Kampagne 1996: Unternehmensziel Umweltschutz!

Unternehmensziel: Umweltschutz!

Erstmals in der Geschichte deutscher Aktiengesellschaften wurde am 25. April 1996 darüber abgestimmt, ob der Umweltschutz als zentrales Unternehmensziel in der Satzung eines Chemiekonzerns festgeschreiben werden soll. Die Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre hatten in der Hauptversammlung der Bayer AG eine entsprechende Erweiterung der Tagesordnung erzwungen. Noch im gleichen Jahr bringen sie ähnlich lautende Anträge auch bei der Deutschen Bank, beim Pharmaproduzenten Merck und beim größten deutschen Energieversorger RWE ein.

Möglich wurden die historischen Abstimmungen durch die Erben eines Multimillionärs, die den Kritischen Aktionärinnen und Aktionären die Stimmen ihrer Aktienpakete übertrugen.
Mit dem Einfluß von Aktien im Nennwert von jeweils mindestens einer Million Mark konnten die Kritiker laut Aktiengesetz „zusätzliche Gegenstände zur Beschlußfassung“ in den Hauptversammlungen durchsetzen.

So verlangte die ,Coordination gegen BAYER-Gefahren‘ – eine der Gründungs- organisationen des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre – unter anderem die Abstimmung über einen neuen Satzungspassus, in dem der Bayer-Konzern „seine Verantwortung für alle Aktivitäten der I.G. Farbenindustrie AG“ anerkennt, zu der er während der Nazizeit gehörte. Allen ehemaligen Zwangsarbeitern des Chemiekartells soll Bayer deshalb eine lebenslange Rente zahlen. Finanzielle Entschädigungen forderte die Coordination auch für „alle Personen, die durch Produkte oder Produktionsmethoden des Unternehmens geschädigt werden.“

Die Hauptversammlung der Deutschen Bank am 28. Mai 1996 erweitert der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre gleich um zwölf zusätzliche Tagesordnungs- punkte. Demnach soll die Bank „keine Forschung und keine Geschäfte“ mehr finanzieren, „die gesundheitsgefährdende oder umweltschädliche Auswirkungen haben können oder die unabsehbare Risiken bergen.“ Speziell von Geschäften mit Rüstungsgütern, Atomenergie, Gentechnik oder chemischem Pflanzenschutz müßte das Geldhaus künftig die Finger lassen, wenn die Satzungsänderung beschlossen werden sollte.

Für Vorstand und Aufsichtsrat sähe die geänderte Satzung verbindliche Frauenquoten vor und „mit Regierungen, die keine demokratische Legitimation besitzen oder aus deren Staaten Berichte über staatlich veranlaßte oder staatlich geduldete Menschenrechts- verletzungen vorliegen“, soll die Deutsche Bank generell keine Geschäfte mehr tätigen.

Bei der Darmstädter Medikamentenfirma Merck will der Dachverband „Umweltschutz
und die Verbesserung der Gesundheitsversorgung aller Menschen – insbesondere in
der sogenannten Dritten Welt“ als zentrale Unternehmensziele in der Satzung verankern.
Weitere Ziele für die Hauptversammlung am 20. Juni 1996 sind die Förderung von
Frauen und Schwerbehinderten im Unternehmen.

In einem Gegenantrag werfen die Kritiker der Geschäftsleitung zudem „eine vollkommen veraltete Produktpalette mit pharmazeutisch unsinnigen Medikamenten“ vor. Hintergrund
der Kritik ist unter anderem das Mittel ,Polybion Forte C‘, das Merck in Pakistan gegen Streßerscheinungen bei Kindern vermarktet, obwohl es nur eine unsinnige Kombination
von Vitaminen enthält, die bis fünfzehnfach über dem Tagesbedarf dosiert sind.

Die Hauptversammlung des Stromriesen RWE am 12. Dezember 1996 will der Dachverband ebenfalls um Satzungsänderungsvorschläge erweitern. Wichtigste Forderungen werden dabei die sofortige Stillegung aller Atomkraftwerke des Konzerns
und ein baldiges Ende der Braunkohleverstromung sein.

In den Hauptversammlungen 1997 wollen die Kritiker die Satzungsänderungen erneut beantragen. „Dann sind auch Thyssen, BASF und Dresdner Bank fällig“, kündigte ihr Sprecher Henry Mathews an.