Home
Aktuelles
Konzernkritik
Kampagnen
Mitglieder
Jahresberichte
Stimmrechte
Termine
Links
Volltext-Suche
Kontakt
Hoechst Hauptversammlung 1994

Kein Grund zur Vorsorge

Rosa Brille für Hoechst-Chef Hilger

Eine rosarote Brille erhielt der scheidende Vorstandsvorsitzende des Frankfurter Chemieriesen Hoechst, Wolfgang Hilger, in der Hauptversammlung der Gesellschaft. Kleinaktionär Thomas Schlimme von der Umweltschutz-Initiative ,Hoechster Schnüffler un` Maagucker‘ überreichte sie ihm „als Erinnerung“ an die Sichtweise, mit der Hilger in seiner zwanzigjährigen Vorstandstätigkeit Umweltrisiken betrachtet habe.

Nach der spektakulären Häufung von Betriebsunfällen im Frühjahr 1993 seien die Hoechst-Werke keineswegs sicherer geworden, warnte Schlimme. „Die Störfallserie ist weitergegangen“, sagte er und erinnerte an einen Austritt von Chlorgas im Oktober und an die schwere Explosion, die sich im März in einer Anlage zur Produktion des neuen Kühlmittels R134a ereignete.

Hoechst habe von der Explosionsgefahr bereits 1993 erfahren, daraufhin aber keine entsprechenden Sicherheitseinrichtungen vorgesehen. Deshalb sei die Anlage schon vier Wochen nach ihrer Inbetriebnahme explodiert, wetterte Schlimme. Das Unternehmen habe anschließend „drei Tage ein peinliches Verwirrspiel“ mit der Öffentlichkeit getrieben, weil es sich die Explosion nicht erklären konnte.

Vorstandschef Hilger bemühte sich, die Unfallserie herunterzuspielen. Bei den meisten Fällen habe es sich lediglich um „Betriebsstörungen“ gehandelt. Den Schaden durch die Schwanheimer Verseuchung mit Ortho-Nitroanisol im Februar 1994 bezifferte er auf die Frage eines Aktionärs aber auf stolze 40 Millionen Mark. Hoechst kommt dabei trotzdem billig davon, denn 36 Millionen werden durch Versicherungen abgedeckt.

Aktionär Eduard Bernhard, Sprecher des ‘Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz’ (BBU) beantragte eine Sonderrückstellung, die spätere Schadensersatzforderungen der verseuchten Anwohner abdecken solle. Hilger entgegnete ihm, aus Sicht der Konzernleitung sei „medizinisch kein Grund vorhanden, Vorsorge zu treffen.“

8.000 Jobs weniger

Das nach den Unfällen angeschlagenen Image des Chemieriesen gleicht seinem wirtschaftlichen Ergebnis. Denn trotz eines leichten Umsatzzuwachses auf gut 46 Milliarden Mark sank der Konzerngewinn vor Ertragssteuern um krasse 42 Prozent auf 1,2 Milliarden, von denen nach Steuerabzug 756 Millionen übrig blieben.

Gleichzeitig hat Hoechst weltweit mehr als 8.000 Arbeitsplätze abgebaut. Knapp 100 Millionen Mark Löhne und Gehälter konnten die Manager dadurch gegenüber 1992 einsparen. Zum Ende des Geschäftsjahrs 1993 waren noch gut 170.000 Menschen im Konzern beschäftigt.

Hilger bedauerte, er hätte den Aktionären zum Ende seiner Amtszeit „gerne bessere Zahlen präsentiert.“ Denn an sie verteilt Hoechst nach neun Mark im Vorjahr diesmal nur sieben Mark Dividende pro Aktie – und damit eine Mark weniger als Konkurrent BASF und sogar vier Mark weniger als Bayer.

Erst „seit einigen Wochen“ sei wieder ein Aufwärtstrend zu spüren sagte Hilger. Er hoffe, daß „die Rezession in Deutschland exportgestützt überwunden werden kann“, denn in den außereuropäischen Absatzgebieten blieb das Geschäftsergebnis weitgehend stabil, während der europäische Markt für die Gewinneinbußen sorgte.

Hilger verabschiedete sich mit Ende der Hauptversammlung in der Ruhestand. Er hatte dem Hoechst-Vorstand zwanzig Jahre lang angehört, neun davon als Vorsitzender.

Als seinen Nachfolger hat der Aufsichtsrat Jürgen Dormann bestellt, der im Vorstand bislang für die Geschäfte in Amerika zuständig war. Kritiker Schlimme kündigte Dormann an: „So lange es bei ihnen dauernd ‘rumst, muß ich hier immer wieder auf der Matte stehen.“