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BASF Hauptversammlung 2001

Höchste Dividende
Niedrigster Beschäftigungsstand

Die Rede von AABA-Sprecher Prof. Dr. Jürgen Rochlitz
in der BASF Hauptversammlung am 26. April 2001:

Als Vertreter des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre sowie der Aktion Alternativer BASF-Aktionäre muß ich Ihnen Glückwünsche aussprechen: für den höchsten Umsatz, das höchste operative Ergebnis der BASF-Geschichte, damit auch für die Behauptung der Spitzenposition unter den Chemie- und Giftgiganten der Welt, aber auch für die Kühnheit, nicht nur eine Spitzendividende sondern dazu noch das Sahnehäubchen einer Sonderdividende dieser Hauptversammlung vorzuschlagen.

Doch wo viel Licht ist, folgt viel Schatten. Zur tiefen Schattenseite des Unternehmens gehören die Bereiche Sinkende Beschäftigung damit Sinkende Verantwortung für Ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Mangelnde Zukunftssicherung und Unerhörte Zurückhaltung gegenüber den ehemaligen Zwangsarbeitern.

Und Sie, meine Damen und Herren Aktionäre, sollten alles dafür tun, damit die Schattenseiten des Unternehmens verschwinden - trotz oder gerade wegen Ihrer überschwappenden Dividendenbegeisterung. In Ihrem verständlichen Dividendenjubel sollten Sie eine alte Kaufmannsregel nicht vergessen und missachten, in guten Jahren Überschüsse vermehrt für die Zukunftssicherung in schlechten Zeiten einzusetzen. In diesem Sinne sollte es Ihnen heute nicht schwer fallen, auf  600 Mio Euro zu verzichten, wenn Sie sich damit künftige Dividenden sichern. Ich möchte Sie daher bitten, unsere Anträge zu unterstützen, d.h. auch den Vorschlägen der Verwaltung zu widersprechen und sie mit Nein abzulehnen.

Dabei sollten Sie auch noch bedenken, dass der bisherige Geschäftskurs des Vorstands an der Börse keineswegs honoriert wurde und wird. Dort hat man wohl richtig erkannt, dass es der BASF-Geschäftspolitik an der nötigen Kreativität mangelt. Wer seine Gewinne derart ausschließlich mit Hilfe von Arbeitsplatzabbau, Verkauf von Geschäfts-Aktivitäten und Ausgliederung von Arbeitssektoren einfährt, wird eben nicht mit steigendem Interesse und damit mit steigenden Börsenkursen belohnt. Zum Börsenliebling kann man nur avancieren mit einer farbigen, kreativen Geschäftspolitik, die eben nicht an die Substanz von Personal und dessen Struktur geht. Mit Ankündigungen einer anvisierten durchschnittlichen Ergebnisverbesserung von mindestens 12% in den nächsten Jahren, eben nicht auf der Basis neuer Produkte und Produktlinien, sondern weiter durch Arbeitsplatzabbau bleibt man an der Börse im Mittelfeld.

Diese kurzsichtige Geschäftspolitik führt nur zu Jubel, Jubel und nochmals Jubel - bei den Aktionären in der Hauptversammlung. Wir fordern dagegen, ganz im Einklang mit dem Betriebsrat eine Geschäftspolitik, die für Jobs, Jobs und nochmals Jobs sorgt,
für ihre Sicherung innerhalb der AG, für ihre Mehrung durch neue Produkte und Produktlinien, auf die ich noch zurückkommen werde.

Sehr geehrte Herren vom Vorstand, Sie haben den Abbau von mehr als 30.000 Arbeitsplätzen im letzten Jahrzehnt zu verantworten; sie planen einen Abbau von weiteren 5.000. Sie muten Ihren Mitarbeitern die Kürzung von Erfolgsbeteiligungen zu und streichen selbst beachtliche Steigerungen durch die hohe Dividende ein. Und dann wollen Sie, Herr Becks, Ihren Mitarbeitern diese Diskrepanz in enger betriebswirt- schaftlicher Sichtweise mit  einer gesunkenen Umsatzrendite am Standort Ludwigs- hafen verkaufen. Ihr zynischer Vergleich mit dem Öl- und Gasgeschäft spricht Bände, wo höhere Ergebnisse ohne zusätzliche Leistungen quasi in den Schoß fallen.

Sie sollten sich gleich jetzt im Anschluß bei Ihren Mitarbeitern für Ihre miserable Personalpolitik entschuldigen und eine Korrektur Ihrer Beschäftigungspolitik vornehmen!

Diese fortgesetzte und forcierte Kurzfriststrategie, nach Auffassung des Bundes- kanzlers - die ich im übrigen nicht teile – eine unverschämte Drückebergerei und Faulenzerei bei der Schaffung und Erhaltung von Arbeitsplätzen, wird keine Zukunft haben. Sie widerspricht auch diametral dem, was die BASF selbst als Leitlinie formuliert hat:

Die BASF richtet Denken und Handeln an den Leitgedanken des Sustainable Development aus, indem sie die Mitarbeiter anforderungs- und leistungsgerecht entlohnt und angemessene und zukunftsfähige Arbeitsplätze bietet und indem sie wirtschaftliche Tätigkeit im Bewusstsein sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung im Einklang mit einer nachhaltigen, zukunftsverträglichen Entwicklung ausübt.

Wir fordern den Vorstand eindringlich auf, sich endlich an dieser selbst gewählten Leitlinie zu orientieren, sich endlich seiner sozialen und gesellschaftlichen Verantwortung bewusst zu sein.

Und Sie, sehr geehrte Damen und Herren Aktionäre, können mit Ihrem Abstimmungsverhalten für diesen notwendigen Ruck in eine andere Richtung mit mehr sozialer und gesellschaftlicher Verantwortung sorgen, mit mehr geschäftspolitischer Kreativität, mit neuen Produkten und Produktlinien statt Abbau von Arbeitsplätzen. Unterstützen Sie unsere Anträge bei der Verteilung des Bilanzgewinns:

Wir beantragen, 600 Millionen Euro für das Projekt Umorientierung des Agrarsektors der AG auf eine biologische, nicht industrielle Landwirtschaft zu verwenden.
Zusätzlich halten wir 100 Millionen Euro für nötig, um einen Stop und Ausstieg aus der Gen-Forschung und -entwicklung im Agrarsektor der AG aus Vorsorgegründen zu ermöglichen.

Sehr geehrte Damen und Herren, wir alle haben in den letzten Wochen und Monaten die Auswirkungen des größten anzunehmenden Unfalls, des GAU der industriellen Landwirtschaft in Europa erlebt. BSE bedroht nicht nur die Rinderherden, die tückische Krankheit findet auch eine Fortsetzung beim Menschen als Creutzfeld-Jakob-Krankheit neuen Typs. Auch wenn die Maul und Klauenseuche ungefährlich für die Menschen ist, stellt der Umgang mit dieser Seuche im Rahmen der industrialisierten Landwirtschaft, im Rahmen eines aus ihr resultierenden unnatürlichen Verhältnisses zu Tieren eine existentielle Gefahr für die Landwirte dar. Leider wird nur an wenigen Stellen erkannt, dass die Fehlentwicklung zur industriellen Landwirtschaft insgesamt, d.h. vor allem auch in der Chemischen Produktion gestoppt und umgekehrt werden muß.

Hinter dieser Fehlentwicklung hat von Anfang an als Hauptprofiteur die weltweite Produktion der Chemischen Industrie gestanden. Auch die Geschichte der BASF-Agrarchemie ist verknüpft mit den weltweiten Folgen eines ungehemmten Chemie-Einsatzes in der Landwirtschaft. Dieser hat die Landwirtschaft dazu gebracht der Artenkiller Nr. 1 im Naturgefüge zu werden. Seit den bahnbrechenden Erfindungen von Haber und Bosch wurden die Interessen der BASF an einer intensiven und industriellen Landwirtschaft mit steigenden Einsätzen von Industriedüngern und Chemikalien entwickelt. Gegenwärtig nimmt die BASF Rang 3 der Branchenliste der größten Agrarchemieanbieter ein; eine Position, die nach den Vorstellungen des Vorstands noch weiter ausgebaut werden soll.

Der weltweit galoppierende Artenschwund, vor allem ausgelöst durch die ersten Generationen von Insektiziden und Herbiziden, die noch heute als hochpersistente Stoffe weltweit verbreitet sind, wird weiter begünstigt durch den immer breiteren Einsatz  immer selektiver und wirksamer arbeitender Pestizide. Sichtbar für alle ist dieser Artenschwund in den deutschen artenarmen Agrarsteppen, in denen nur noch Löwenzahn und Raps ein drohend leuchtendes Gelb verbreiten. Das Blau der Kornblume, das Rot des Mohns beispielsweise sind zusammen mit vielen anderen Pflanzen-, Schmetterlings-, Käfer-Arten sowie weiteren Insekten, sowie davon wieder abhängigen Vogel- Arten beinahe gänzlich verschwunden. Noch Schlimmeres signalisieren die immer länger werdenden Roten Listen der gefährdeten und vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten.

Mitverantwortlich an dieser Entwicklung ist auch immer wieder die BASF mit ihren Produkten für diese zerstörerische, industrielle Landwirtschaft gewesen.

Aber auch die Landwirtschaft in Übersee wird geprägt und gesteuert durch die Prinzipien der Industrialisierung, die durch eine sogenannte “Grüne Revolution” zu mehr Ernährungssicherheit führen sollte. Tatsächlich hat diese Revolution die regional angepassten bäuerlichen Strukturen zerstört, den Anbau einheimischer Nahrungsmittel verdrängt, die Sortenvielfalt uralter landwirtschaftlicher Kulturen vernichtet, die Zerstörung von Wäldern zu Gunsten von Agrarflächen begünstigt, die Auslaugung der Böden durch Monokulturen forciert und Menschen,Tiere,Pflanzen und Böden mitunter sogar tödlichen Giften ausgesetzt. Diese Entwicklung hat keineswegs zu mehr Ernährungssicherheit geführt, vielmehr war der verstärkte Anbau unangepasster Sorten in Monokulturen und der Export Ihrer Früchte die Ursache für Verarmung und Hungersnöte.

Mitverantwortlich an dieser Entwicklung war auch immer wieder die BASF mit ihren Produkten für diese zerstörerische industrielle Landwirtschaft.

Hauptursache für diese Entwicklung zu einer industriellen Landwirtschaft waren von Anfang an die vielfältigen Verführungen der Landwirte durch die Angebote aus der Chemischen Industrie. Beginnend bei den Industriedüngern, über die Gifte für Tier- und Pflanzenwelt, die Halmverstärker im Getreideanbau bis zu den industriellen Vitaminen und Hormonen für Tierzucht und –mast waren es die Verlockungen zu Leistungs- steigerungen, die Landwirte zur Aufgabe ihrer bäuerlichen Landwirtschaft brachten. Diejenigen, die bei diesem Wettlauf um mehr Ertrag nicht mitmachen wollten oder konnten, blieben auf der Strecke. Es waren die Kleinbauern, die kleinen Höfe, die so ruiniert wurden, zur Aufgabe ihrer generationenlangen Arbeit gezwungen wurden. Mehr als eine Million waren es allein in Deutschland. Übrig geblieben beim Bauernsterben sind die großen Betriebe, die Agrarfabriken mit Intensivtierhaltung, mit Nullacht- fuffzehn-Apfelbäumen, mit Mais- oder Rapssteppen.

Mitbeteiligt an dieser Entwicklung und von ihr profitierend war auch immer wieder die BASF mit ihren Produkten für diese industrialisierte Landwirtschaft.

Heute wissen wir, dass wir auch ohne dieses aus den Fugen geratene agrarindustrielle System auskommen können, dass wir ohne den massiven Chemie-Einsatz bäuerliche Landwirtschaft betreiben können, dass es auch ohne Intensivtierhaltung geht. Wir wissen auch, dass eine gentechnisch dominierte Landwirtschaft die Negativseiten der Industrielandwirtschaft noch weiter verstärken würde, dass dann die Fehler mit den heute weltweit verbreiteten Agrarchemikalien wiederholt würden, diesmal mit vermehrungsfähigen, persistenten Stoffen und Organismen.

Meine Damen und Herren, es gibt also genügend triftige Gründe, eine Umorientierung auf eine biologische, bäuerliche, nicht industrielle Landwirtschaft in die Wege zu leiten.

Die BASF und ihre Aktionäre sind aufgerufen, dazu einen ansehnlichen Beitrag zu leisten, es wäre auch eine Leistung im Vorgriff auf mit Sicherheit zu erwartende Entschädigungsforderungen künftiger Generationen an die Adresse der Chemischen Industrie.

Sehr geehrte Damen und Herren Aktionäre tragen Sie mit dazu bei, dass über diese Umorientierungs-Aktivitäten wieder Arbeitsplätze im großen Stil in der BASF-AG geschaffen werden, dass mit der Umorientierung der Landwirtschaft wieder Klima, Wasser, Böden, Flora und Fauna geschont werden, dass damit auch in der Landwirtschaft selbst Arbeitsplätze geschaffen werden, dass  unsere Landschaften wieder den nötigen Erholungswert bekommen, dass die Früchte und Produkte aus der Landwirtschaft wieder ihren unverwechselbaren und einmaligen Geschmack bekommen und damit wieder zum Genuß werden.

Erteilen Sie den Plänen des Vorstands eine Absage, die auf eine konsequente Fortsetzung des verhängnisvollen Wegs durch die Agrarfabriken hinauslaufen. Verhindern Sie, dass weitere Chemiegifte für die Landwirtschaft entwickelt und auf die Natur losgelassen werden. Verhindern Sie, dass Pflanzen gentechnisch entwickelt werden, die mit höheren Gehalten an Vitaminen oder Omega-3-Fettsäuren eine gesündere Ernährung vorgaukeln.

Die Kunst- und Industrielandwirtschaft ist eine Sackgasse, sie vermag niemals gesunde Früchte und Produkte zu liefern, da sie auf einer Zerstörung der gesunden Natur aufbaut.

Deswegen beteiligen Sie sich an dem Umbau des Agrarsektors der BASF in Richtung von unterstützenden Aktivitäten für eine die Natur schonende und die menschliche Gesundheit fördernde, bäuerliche Landwirtschaft. Und bedenken Sie, wenn die Entwicklung zur bäuerlichen Landwirtschaft von Politik oder Verbrauchern erzwungen wird, ohne Beteiligung der Chemischen Industrie, dann wird die Agrarwende nicht nur zu deutlichen Umsatzeinbußen, sondern auch zu Einbußen bei der Beschäftigung in der Chemie-Industrie führen.


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