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außerordentliche Daimler-Benz Hauptversammlung 1998

Chrysler kommt – Rüstung bleibt

Kritische AktionärInnen sagen: Nein!

von Dr. Wolfgang Menzel, RIB

Ausgerechnet am 18. September 1998, dem Datum des jüdischen Neujahrsfestes, versammelten sich zeitgleich in Stuttgart (Württemberg) und Wilmington (Delaware) die Vorstände, Aufsichtsräte und Aktionäre der Konzerne Daimler-Benz und Chrysler Corporation, um den Zusammenschluß ihrer Firmen zum Daimler-Chrysler-Konzern zu beschließen. In der jüdischen Glaubenstradition ist es der Tag der ,schuwah‘, der Umkehr. Die Aktionäre der beteiligten Firmen mögen diesen Tag als historische Zäsur und Abschied von einer langen Firmentradition empfunden haben – doch von einer wirklichen Umkehr, ja überhaupt von einem Bedürfnis nach grundlegender Erneuerung war nichts zu spüren. DaimlerChrysler baut Kriegswaffen wie bisher. Ja es droht sogar eine Ausweitung des Rüstungsgeschäfts durch Zukäufe amerikanischer Rüstungsfirmen, auch wenn der Vorstand diese Absichten nicht bestätigen will.

Der Konzern verdoppelt seine Größe, wobei der Stellenwert des Autos enorm steigt, der anderer Produktbereiche deutlich geringer wird; er wird binational und zweisprachig, seine Spitzenmanager werden sehr viel mehr Geld verdienen, die Aktionäre haben die Aussicht auf weiter steigende Profite und – ein Viertel der Beschäftigten muß damit rechnen, in den nächsten Jahren entlassen zu werden. Es ging um Größe, um Stärke und um Profit. Eigentlich war diese außerordentliche eine Daimler-Benz Hauptversammlung wie jede andere auch.

„Sie schreiben heute Geschichte“, hatte Vorstandschef Jürgen Schrempp die teils skeptischen Aktionäre zu Beginn seiner 45minütigen Rede ermuntert. Der Co-Chef des künftig drittgrößten Autoherstellers der Welt forderte von der Politik Rechtssicherheit ein und den „freien Austausch von Waren und Dienstleistungen“ sowie einen „fairen Wettbewerb“ für sein global, aber vorwiegend in Nordamerika und Europa tätiges Mega-Unternehmen. Ein naiver PR-Berater hatte ihm die Sätze „Daimler-Benz spricht die Herzen an“ und „ein Unternehmen, in dem es Spaß macht zu arbeiten“ ins Manuskript geschmuggelt. Obwohl Schrempp sich mühte, Wärme in seine Stimme zu bringen, blieb der erhoffte Effekt, Applaus, weitgehend aus. Auch die Ankündigung, bis 2005 einen serienreifen Brennstoffzellen-Antrieb entwickeln zu wollen, war eher ein Zugeständnis an die winzige, aber argumentativ starke Öko-Lobby im Konzern, denn Ausdruck eines Kurswechsels. Das beschwörend gemeinte „Mobilität ist kein Selbstzweck“ entfuhr Schrempp deshalb auch nur als verächtlich ausgespuckte Phrase.

In der anschließenden über zwölfstündigen Aussprache, forderten nur die Sprecher der Kritischen AktionärInnen ernsthaft und mit guten Gründen die Ablehnung der Fusion. Die Größe des Unternehmens führe zu Machtkonzentration und schmälere den Einfluß der Politik, befürchten die Kritiker. Der Verlust von langfristig rund 100.000 Arbeitsplätzen und die Selbstbereicherung des Managements (Gehaltssprünge um bis zu 600 Prozent) gefährdeten den sozialen Frieden, die Umwelt komme weiter unter die Räder und der Frieden werde durch intensivierte Rüstungsproduktion unsicherer. Ganz von der Hand zu weisen sind diese Einwände nicht. Vor allem: Bei der von Edzard Reuter vor fast zehn Jahren eingeleiteten ,Diversifikation‘ durch den Zukauf von Rüstungsbetrieben wie MBB oder Elektrokonzernen wie AEG bewahrheiteten sich die Warnungen und Befürchtungen der Kritiker innerhalb kurzer Zeit. Nur durch entschlossenes Umsteueren, d.h. dem Verkauf defizitärer Bereiche, konnte der Vorstand das Desaster abmildern „ auf Kosten von 90.000 Arbeitsplätzen.

Schrempp machte an diesem 18. September 1998 deutlich, daß er auch bei einem Rüstungsanteil von dann nur noch zwei Prozent des Gesamtumsatzes nicht daran denkt, die Kriegswaffenproduktion aufzugeben: „Die Verteidigungstechnik gehört dazu.“ Er bestätigte die Zusammenarbeit mit Lookheed-Martin bei der Vorentwicklung des Lenkwaffensystems MEADS und hoffe auf „eine positive Entscheidung“ von Militärs und Politik. Auf Fragen zur Landminenproduktion antwortete er ausweichend, betonte aber, daß auch Daimler-Chrysler keine Antipersonenminen herstellen werde. Ein gleichlautendes Bekenntnis gegen Anti-Fahrzeugminen und minenähnlicher Submunition konnten die Kritischen Aktionäre ihm jedoch nicht abringen. Hier heißt es für die Friedensbewegung, weiterhin wachsam sein und auf eine künftige Wiederaufnahme von Entwicklung, Produktion und Export von Panzerminen aus dem Hause Daimler/Chrysler unverzüglich mit der Neuauflage der erfolgreichen Kampagne „Daimler-Minen Stoppen“ zu antworten.

Heiterkeit rief beim Vorstand ein Tucholsky-Zitat hervor, mit dem der Berichterstatter, die relative Unverträglichkeit des Firmenzusammenschlusses andeutend, seinen Redebeitrag begann: „Hering ist gut. Schlagsahne ist gut. Wie gut muß erst Hering mit Schlagsahne sein.“ Die Topmanger der deutschen Rüstungsindustrie verfügen über einen schlechten Geschmack und robuste Mägen. Vor allem dann, wenn ein ganz fettes Sahnehäubchen den stinkenden Fisch versteckt. Die Kritischen Aktionäre konnten zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, was den Herren Schrempp und Bischoff zu zusätzlicher Selbstsicherheit verhalf. Brachten doch die Zeitungen erst am folgenden Tag eine Meldung der Nachrichtenagentur AP, wonach sich das Eurofighter- Konsortium am 18. September 1998 mit der NATO über die Produktion der ersten 148 Eurofighter-Kampfflugzeuge geeinigt habe. AP wörtlich: „Wie die Daimler-Benz Aerospace (DASA) am Freitag in München mitteilte, hat das Geschäft ein Volumen von 14 Milliarden DM.“ Wahrscheinlich trank man an diesem Abend bei der DASA in München zum Hering mit Schlagsahne Champagner.

Chrysler hat vor über einem Jahr seine Sparte Rüstungselektronik an Rayethon verkauft und ist damit zu einem weitgehend zivilen Unternehmen geworden - sieht man einmal von Militärfahrzeugen wie Jeeps und Klein-LKW ab. Mit der Fusion bleibt DaimlerChrysler das größte „deutsche“ Rüstungsunternehmen und unter den TOP 100 der Weltrangliste auf Platz 12 (reiner Rüstungsumsatz ca. 5 Mrd. DM pro Jahr). Angesichts wieder zunehmender Gewinnerwartungen im Rüstungsbereich und weltweiten Militärausgaben von über 1300 Milliarden DM jährlich wird es noch eine Weile dauern und großer Anstrengungen bedürfen, um aus DaimlerChrysler ein ziviles Unternehmen zu machen.

Vielleicht kommt Unterstützung hierzu aus den USA. Die dortigen Aktionäre haben „nur“ mit 97,5 Prozent der Fusion zugestimmt, während in Stuttgart die Quote bei 99,89 Prozent lag. Und in Wilmington hatte die über 70jährige jüdische Anteilseignerin Evelyn Y. Davis während der nur zweistündigen Versammlung Chrysler-Chef Eaton in deutscher Sprache (!) zugerufen: „Bob, du verkaufst die Gesellschaft an einen Kriegsverbrecher.“ Drohende Entschädigungsforderungen ehemaliger ZwangsarbeiterInnen waren auch Thema der Stuttgarter Versammlung. Während Schrempp darauf verwies, man habe diesen Teil der Unternehmensgeschichte inzwischen wissenschaftlich aufarbeiten lassen und entsprechende Studien großzügig finanziert, stellte Finanzchef Gentz klar: Der Konzern werde freiwillige Entschädigungszahlungen leisten, einen Rechtsanspruch dürfe es aber niemals geben.

Ende des Jahres 1944 beschäftigte die Daimler-Benz AG in ihren Werken 30.000 Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge – und zwar fast ausschließlich in der Kriegsproduktion. So steht es in der an die Aktionäre kostenlos verteilten bunten Daimler-Benz-Chronik. Im eigentlichen Verschmelzungsbericht dagegen kein Wort über die Geschichte, kein Wort über die Umwelt, nichts über aktuelle Rüstungsproduktion im Hause Daimler. Heute beschäftigt die DASA weit über 10.000, zum Teil hochqualifizierte und gut bezahlte Mitarbeiter, die ausschließlich in der Entwicklung und Produktion der Waffen für künftige Kriege arbeiten. Kriege, die anderswo als in Europa stattfinden werden - aber mit Waffen, die aus Europa exportiert werden. Und um die Absatz- und Exportchanchen ihrer Kriegswaffen zu verbessern, treibt die DASA die Gründung eines künftigen rein privatwirtschaftlichen Europäischen Luftfahrt- und Verteidigungskonzerns EADC (European Aerospace and Defense Corporation) weiter voran. Sollten diese ehrgeizigen Pläne für ein ausschließlich marktorientiertes und keinerlei direkten politischen Einflußnahme mehr unterworfenes europäisches Rüstungsmonopol Wirklichkeit werden, dann drohen uns Kriege, die aus betriebswirtschaftlichen Gründen geführt werden, um die Konkurrenzsituation und die Profite von DaimlerChrysler und Konsorten zu verbessern.

Dies zu verhindern und DaimlerChrysler zu ,entrüsten‘ bleibt weiterhin Aufgabe der Kritischen Aktionäre Daimler-Benz und der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland und den USA. Kurt Tucholsky hat 1932 ausgerufen: Entehren wir den Krieg! Wir ergänzen heute: Entehren wir die Rüstung. Beginnen wir bei DaimlerChrysler!