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Bericht von der Tomuschat-Pressekonferenz

Onkel Tom(uschat)s HĂŒtte

Zweifelhaftes Gutachten ĂŒber verschwundene
BetriebsrÀte bei Mercedes Argentinien

von Henry Mathews
Stuttgart, 08.12.2003

Der ganz große Wurf sollte es werden, die ganz große AufklĂ€rung. Nach einem Jahr Recherchen legte Professor Christian Tomuschat am 08. Dezember 2003 sein Gutachten ĂŒber das Verschwinden von 15 BetriebsrĂ€ten im Mercedes-Werk GonzĂĄlez CatĂĄn am Beginn der argentinischen MilitĂ€rdiktatur in den Jahren 1976/77 vor.
DafĂŒr wĂ€hlte er nicht wie ein unabhĂ€ngiger Experte seinen Arbeitsplatz, die Berliner Humboldt-UniversitĂ€t, sondern die Kulisse seines zahlenden Auftraggebers, die Konzernzentrale von DaimlerChrysler in Stuttgart.

Kernfrage war die Verantwortung der Mercedes-Werksleitung fĂŒr die EntfĂŒhrung, Folterung und Ermordung der BetriebsrĂ€te, insbesondere die Mitschuld des damaligen Produktionsleiters Juan Tasselkraut. Der Hauptbelastungszeuge HĂ©ctor Ratto, selbst 16 Monate lang gefolterter aber der Ermordung entgangener Mercedes-Betriebsrat, hat seit 1999 mehrfach ausgesagt, wie Tasselkraut in seinem Beisein am 12. August 1977 die Adresse seines Kollegen Diego NĂșñez an die MilitĂ€rs verriet. In der selben Nacht wurde NĂșñez aus seiner Wohnung in das Folterzentrum Campo de Mayo verschleppt und spĂ€ter ermordet.

FĂŒr Tomuschat sind Rattos Schilderungen schlicht unglaubwĂŒrdig. „Eine halbe Stunde“ habe er mit diesem wichtigsten Zeugen gesprochen, „aber nicht alle Aussagen fĂŒr bare MĂŒnze genommen.“ Stattdessen verlassen sich der Professor und seine zwei Co-Autoren auf viele Jahre Ă€ltere Aussagen von Ratto, deren Protokolle ihnen vor lagen und in denen sich keine VorwĂŒrfe gegen Tasselkraut finden. Dabei interessiert sie offenbar wenig, dass es bei diesen Aussagen nur am Rande um den Mercedes-Chef ging, und dass Ratto damals noch bei der Firma beschĂ€ftigt war. Vielmehr habe den Zeugen inzwischen „sein Erinnerungsvermögen im Stich gelassen“, gutachtet Völkerrechtler Tomuschat.

Die in Argentinien arbeitende deutsche Journalistin Gaby Weber, die den Fall 1999 ans Licht brachte und ihn seit dem verfolgt, sorgte sich schon bei Tomuschats Kurzbesuchen in Argentinien im MĂ€rz und August 2003 ĂŒber dessen eingeschrĂ€nkte Recherchetiefe. Schlagenden Beweis, wie begrĂŒndet diese Sorge war, lieferte Tomuschat am Montag auf Nachfrage selbst: Ein zweiter Belastungszeuge gegen die Mercedes-Leitung hatte sich vor wenigen Monaten bei Weber gemeldet, die darĂŒber publizierte und ein GesprĂ€ch zu vermitteln suchte. Der deutsche Professor nahm dies nicht zur Kenntnis. „Von Alfredo M. weiß ich nichts“, beschied er den Journalisten.

„Ein entscheidender Zeuge wurde nicht von Tomuschat vernommen“, entrĂŒstet sich deshalb Gaby Weber. Alfredo M., der bis 2001 als Meister bei Mercedes Benz beschĂ€ftigt war, wurde am 14.12.1976 verschleppt und gefoltert. Als er am nĂ€chsten Tag zur Arbeit erschien, war Werksleiter Tasselkraut bereits ĂŒber seine geheime EntfĂŒhrung informiert.

Weitere Ungereimtheiten tĂŒrmen sich im Bericht des Gutachters. So berichtet RamĂłn Segovia von der Gruppe,Ehemalige Mercedes-Benz-Arbeiter fĂŒr Erinnerung und Gerechtigkeit’: „Wir haben Tomuschat angeboten, mit ihm in die Fabrik zu gehen und ihm zu zeigen, wo unsere Arbeitskollegen von MilitĂ€rs verschleppt wurden. Das war fĂŒr uns sehr wichtig, doch Tomuschat hat das rundweg abgelehnt.“ Stellungnahme des Professors auf Nachfrage am Montag: „So ein Angebot habe ich nie bekommen.“

Gaby Weber erinnert, Tomuschat habe mit dem argentinischen Rechtsanwalt der Opfer und Hinterbliebenen, Dr. Ricardo Monner Sans, nur etwa 30 Minuten lang gesprochen. Das bestĂ€tigt der Gutachter und gesteht, er könne sich sowieso „nicht genau an das GesprĂ€ch erinnern.“

Die professurale Segnung fĂŒr DaimlerChrysler steht seit Montag dennoch schwarz
auf weiß. Es existierten „keinerlei Belege“ dafĂŒr, schreibt Tomuschat als wichtigstes
Ergebnis, dass die „verschwundenen Betriebsangehörigen von MBA auf Betreiben
der Unternehmensleitung von den staatlichen SicherheitskrÀften verschleppt und
ermordet worden wĂ€ren.“ Die Chefs des Konzerns möchten den Fall denn auch
zu den Akten legen.

Einen Strich durch diese Rechnung dĂŒrften ihnen zwei amerikanische AnwĂ€lte
machen, die derzeit im Auftrag der Angehörigen der Ermordeten eine Schaden-
ersatzklage vorbereiten. Und US-Richter könnten sich fĂŒr mehr Zeugenaussagen
interessieren als Professor Tomuschat.

 

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