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Für Schrempp und Versammlungsleiter Hilmar Kopper, seit vielen Jahren Vorsitzender des Aufsichtsrates, war diese routiniert
moderierteVeranstaltung erkennbar eine lästige Pflichtübung. Die ausschließlich Herren von Vorstand und Aufsichtsrat ließen geduldig alles über sich ergehen: vereinzeltes Lob und die viele Kritik ebenso wie
Beschimpfungen, Schmähungen, Beleidigungen, ja den größten Quatsch. Sogar offensichtlich geistig verwirrte Anteilseigner, eitle Selbstdarsteller, Komiker (gewollte wie ungewollte) und bekiffte Möchtegern-Spontis
ließ Kopper ausreden, solange sie die verordnete Redezeit nicht überschritten. Die Veranstaltung wurde zeitweilig zur Groteske. "Einige Aktionäre haben etwas Wichtiges zu sagen, aber bei weitem nicht
alle", rügte Versammlungsleiter Kopper. Denn der hält deutsche Aktionärsversamm- lungen - und insbesondere diejenigen, denen er vorsitzt - für absurdes Theater. Als Mitglied einer von der Bundesregierung
eingesetzten Kommission für die Reform des Aktiengesetzes und entschiedener Gegner der Aktionärsdemokratie plädierte er kürzlich in einem Zeitungsinterview dafür, nur noch ausgewählten Aktionären ein Rede- und
Fragerecht einzuräumen. "Es gibt keine Demokratie in dem Sinne: 'Ein Aktionär - eine Stimme', es heißt vielmehr: 'Eine Aktie - eine Stimme'. Und deswegen gibt es unterschiedliche Aktionäre."
Zu den Aktionären, die tatsächlich etwas Wichtiges zu sagen hatten, gehörten die Sprecherinnen und Sprecher des Dachverbandes der
Kritischen AktionärInnen DaimlerChrysler (KADC): In einem weitgehend entweder nur auf Profitinteressen oder aber auf Blödelei ausgerichteten Umfeld stießen ihre Beiträge auf gute Resonanz.
Bereits im Eingangsbereich hatte der KADC mit einem Transparent gegen die Landminenproduktion von Daimler-Chrysler und dem acht Seiten
starken alternativen Geschäftsbericht "Schatten auf dem Stern" eindeutig Flagge gezeigt. Die Massen- entlassungen bei Chrysler, der Stellenabbau in der Hauptverwaltung in Stuttgart, die Vernachlässigung
des Klimaschutzes, Versäumnisse beim Umweltschutz, hohe Kraftstoffverbräuche der Fahrzeugflotten, Atomwaffen- und Landminenproduktion werden darin ebenso angesprochen wie die Mitverantwortung des Konzerns an
Menschenrechtsverletzungen in Argentinien während der Militärdiktatur.
"Größter Kapitalvernichter der Republik"
Jürgen Grässlin wies als erster Redner der Gruppe darauf hin, dass der Dachverband
1998 als einzige Aktionärsvereinigung gegen die gegen die Fusion mit Chrysler gestimmt und schon damals vor Massenentlassungen gewarnt hatte. "Herr Schrempp, macht es ihnen wirklich nichts aus, 35.000 Menschen in die Arbeitslosigkeit zu schicken? Menschen, von denen einige vielleicht nie wieder in ein festes Arbeits- verhältnis kommen werden? Sind Sie der eiskalte Manager, den so etwas gar nicht berührt?", fragte der Schrempp-Biograph den Vorstandsvorsitzenden ganz persönlich. Und er rechnete diesem das Ausmaß der im Zuge der Fusion und aufgrund zahlreicher Managementfehler akkumulierten Kapitalvernichtung vor: 70 Milliarden Mark. Eine verfehlte Geschäftspolitik, deren Konsequenzen in erster Linie die Beschäftigten und Zulieferer des Konzerns zu tragen haben. Das für die unternehmerischen Fehlentschei- dungen verantwortliche Top-Management sichert sich derweil weiterhin exorbitante Gehaltszuwächse. Als Grässlin Schrempp den "größten Kapitalvernichter der Republik" nannte und seinen Rücktritt forderte, hatte er - dem Applaus nach zu urteilen - die Mehrheit der anwesenden Anteilseigner hinter sich. Zuvor hatte bereits der für sein aufbrausendes Wesen und seine giftige Polemik bekannte Würzburger Wirtschafts- professor Ekkehart Wenger für eine geschliffene Rede so viel Beifall wie noch nie auf einer Daimler-Hauptversammlung erhalten. Doch der stört sich überhaupt nicht daran, dass DaimlerChrysler weiterhin kräftig im Rüstungsgeschäft mitmischt.
Vor fast einem Jahr, im Juli 2000, ging die Daimler-Benz Aerospace (DASA) in dem neugeschaffenen europäischen Luft-, Raumfahrt und
Rüstungskonzern EADS (European Aeronautic Defence and Space Company) auf und dieser an die Börse. Mit rund 33% des Aktienkapitals dieser internationalen AG mit Sitz in den Niederlanden ist Daimler-Chrysler
größter Einzelaktionär. Die EADS erwirtschaftet 25 Prozent ihres Umsatzes im militärischen Bereich. Und sie hat vom französischen Verteidigungs- ministerium den Auftrag zur Entwicklung einer neuen
ballistischen Raktete (M-51) enthalten, mit der atomare Sprengköpfe von U-Booten aus abgefeuert werden können. Über Daimler-Chrysler wird somit der Nichtatomstaat Deutschland in die Herstellung atomarer Flugkörper
einbezogen, kritisiert der Dachverband der Kritischen AktionärInnen DaimlerChrysler. Und fragt, ob die zehn Jahre alten Konzernrichtlinien, nach denen Daimler-Chrysler-Mitarbeitern die Beteiligung an der Herstellung
von atomaren, biologischen und chemischen Massenvernichtungswaffen untersagt ist, noch Gültigkeit haben.
Bohrende Fragen - keine Antworten
Im Zentrum der Kritik stand jedoch einmal mehr die Landminenproduktion. KADC-Sprecher Paul Russmann konfrontierte Jürgen Schrempp mit der
skandalösen Tatsache, dass ein Tochterunternehmen des Konzerns (RTG Euromunition in Unter- haching) auf internationalen Rüstungsmessen immer noch für die Minen MIFF und MUSPA wirbt. Die nennt der Konzern jetzt zwar
nicht mehr Minen, sondern "Submunitionen". Doch für internationale Hilfsorganisationen und den deutschen Zweig der internationalen Landminenkampagne - 1997 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet -
verstoßen diese gegen Personen und Fahrzeuge gerichteten Sprengkörper eindeutig gegen das Ottawa-Abkommen. Das verbietet u.a. die Produktion, die Lagerung und den Einsatz von Anti-Personen-Minen. Für das
US-Verteidigungsministerium ist die MUSPA eine Anti-Personen-Mine, weil sie auch durch Personen ausgelöst werden kann und über einen sog. Aufhebeschutz verfügt. Der NATO-Partner Italien hat seine Bestände an MIFF
und MUSPA bereits vernichtet, weil er sie als Anti-Personen-Minen klassifiziert.
Die Unternehmensleitung reagierte mit Gesprächsverweigerung. Keine Antwort auf die konkrete und doch leicht zu recherchierende Frage, ob
die RTG gegenwärtig noch für die Produkte MIFF und MUSPA werbe und diese vertreibe - auch nicht auf eine entsprechende Nachfrage. Statt dessen der Hinweis, dass der Konzern weiterhin zum Ottawa-Abkommen stehe,
"bestimmte Gruppen" jedoch durch das Verbreiten "falscher Behauptungen" Stimmung gegen den Konzern machten. Auf die Frage, ob der Konzern zu diesen, die Unwahrheit verbreitenden Gruppen auch das
US-Verteidigungs- ministerium, den Nato-Partner Italien, internationale Hilfsorganisationen wie Misereor und Brot für die Welt, den mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichneten bundesdeut- schen Initiativkreis für das
Verbot von Landminen und den Leiter des Minendokumen- tationszentrums der Bundeswehr in München, Bertram Hacker, zähle, schwieg Jürgen Schrempp beredt. Oberstleutnant Hacker hatte in einem Interview mit dem Fernseh-
magazin "Report" gesagt, man könne heute nicht mehr zwischen Anti-Personen-Minen und Anti-Fahrzeug-Minen unterscheiden. Auch eine Anti-Fahrzeug- oder Panzermine werde gegen Zivilisten wirken, wenn diese
mit einem Fahrzeug auf die Mine fahren.
Folterknechte auf den Gehaltslisten
Richtig spannend wurde es dann wieder beim Thema Menschenrechtsverletzungen in Argentinien. Bereits im Vorfeld der Hauptversammlung hatte
Dachverbandssprecher Holger Rothbauer zahlreiche Anfragen vor allem ausländischer Medien hierzu beantworten müssen. Auf der Versammlung fragten er und die Fernsehjournalistin Gaby Weber, die das staatanwaltliche
Ermittlungsverfahren gegen den Konzern mit ihren Recherchen in Südamerika ins Rollen gebracht hat, nach der Mitverantwortung des Konzerns.
Zum Hintergrund: Ein leitender Mitarbeiter des argentinischen Mercedes-Werks, Juan Tasselkraut, soll gewerkschaftlich aktive
Mitarbeiter des Unternehmens an die Militärjunta ausgeliefert haben. Diese Menschen sind bis heute verschwunden, höchst wahrscheinlich ermordet. Nun stellte der KADC die Frage: Ist Juan Tasselkraut immer noch
Angestellter des Konzerns? Die Antwort der Firmenleitung: Ja, er ist es. Auf die Frage Rothbauers, warum Daimler-Benz in den Jahren 1976 und 1977 nicht gegen die Verhaftung und Entführung von mindestens 13 aktiven
Gewerkschaftern im Werk Gonzales Catan protestiert habe, gab es dagegen keine Antwort. Man habe, so Schrempp, keine Anhaltspunkte für Menschenrechtsverletzungen durch Daimler- Mitarbeiter in Argentinien, werde aber
die Behörden bei der Aufklärung unterstützen. Der KADC forderte eine interne Untersuchungskommission, denn es gibt in diesem Zusammenhang einiges aufzuarbeiten und aufzuklären, damit die Schuldigen angeklagt und
bestraft werden können. Auch wenn Schrempp es noch abstreitet: Alles deutet darauf hin, dass es eine enge Kooperation argentinischer Folterer mit Mercedes Argentinien gegeben hat.
Krebserregende Rußpartikel
Auf sehr präzise gestellte Fragen gab es meist nur nichtssagende Floskeln zur Antwort. Auch Alexander Dauensteiner, der sich mit seinem
energischen Auftreten die Aufmerksamkeit des demonstrativ weghörenden Jürgen Schrempp erkämpfte, erfuhr nichts wirklich Neues über Ökostandars, Flottenverbräuche und das ökologische Mogelpaket Brennstoffzelle. Vor
allem mit seiner Forderung nach Einführung eines Partikelfilters für Dieselmotoren wie ihn der französische Hersteller Peugeot bereits serienmäßig anbietet, traf der Diplom-Ingenieur Dauensteiner einen wunden Punkt.
Denn Daimler-Chrysler Dieselfahrzeuge stoßen weiterhin Krebs erregende Rußpartikel aus. Peugeot-Motoren dagegen sind jetzt schon 100 Prozent rußfrei. Der werbe- wirksam aufgebaute Mythos, DaimlerChrysler baue die
besten Autos der Welt, wurde demontiert - vor rund 12.000 angereisten Anteilseignern.
Eine sehr konkrete Antwort erhielt dagegen KADC-Sprecherin Beate Weber. Die Schwerbehindertenquote bei den Mitarbeiterzahlen sei im
letzten Jahr von 0,2 auf 4,6 Prozent gestiegen. Leider blieb unklar, welche Berechnungsmethode dabei angewandt wurde. Frauen sind, insbesondere im gehobenen Management, im Konzern weiterhin unterrepräsentiert.
Im Übrigen wurden seitens der Firmenleitung keine Fragen zum Personal beantwortet und keinerlei Angaben zu den Vorstandsgehältern gemacht. Hier hat der Konzern weiterhin etwas zu verbergen. Denn das Top-Management
hat sich in den vergangenen Jahren schamlos bereichert. Lediglich eine Zahl teilte Kopper gegen Ende der Versammlung pflichtschuldigst mit: Die Kosten der diesjährigen Hauptversammlung beliefen sich auf rund 20
Millionen Mark.
Für den Kölner Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre sprach Henry Mathews die Themen Zwangsarbeiterentschädigung und
Airbus-Fertigung im Naturschutzgebiet Altenwerder bei Hamburg an. Finanzchef Manfred Gentz antwortete für den Vorstand, indem er darauf hinwies, dass der Konzern Gründungsmitglied der Stiftungsinitiative sei und
sich an einem Fonds für Ausfallbürgschaften beteiligen werde. Er nannte aber keine Zahlen. Bekanntlich weigern sich weiterhin viele Unternehmen, ihren Beitrag in den Entschädigungsfonds einzuzahlen. Und wieder eine
der üblichen nichtssagenden Floskeln aus dem Lehrbuch der Diplomatensprache: Gentz zeigte sich "zuversichtlich, dass offene Rechtsfragen in absehbarer Zeit zu einem positiven Ende kommen werden".
Ist Schrempp ein Lügner?
Gebetsmühlenartig wiederholt Jürgen Schrempp seit über fünf Jahren die Behauptung: "Wir produzieren keine Landminen und haben noch
nie Landminen produziert." Durch die Kampagne Daimler-Minen-stoppen unter Druck gesetzt, schränkte er dann ein, dass er unter Landminen nur herkömmliche Anti-Personen-Minen verstehe, während der Konzern nur
Anti-Fahrzeug-Minen und so genannte "Submunitionen" herstelle.
Schrempp versprach auf der Aktionärsversammlung 1999, die Produktion der Panzerabwehrrichtmine PARM 1 einzustellen, sobald der
Beschaffungsauftrag für die Bundeswehr erüllt sei und die PARM 2 nicht mehr weiter zu entwickeln. Nun, da Beweise aufgetaucht sind, dass der Konzern weiterhin aktiv für die Minen MIFF und MUSPA wirbt, von denen
zumindest die MUSPA als Anti-Personen-Mine angesehen werden muss, verlegt sich Schrempp darauf, das Problem zu ignorieren und auszusitzen. Er wird wenig Freude mit dieser Taktik haben. Denn schon laufen
Vorbereitungen, die Kampagne "Daimler-Minen stoppen" fortzusetzen.
Wenn Schrempp, wie er es auch diesmal bekräftigte, "voll und ganz hinter dem Ottawa-Abkommen steht" und es "nach Kräften
unterstützt", dann muss er dafür sorgen, dass die Anti-Personen-Mine MUSPA sofort vom internationalen Rüstungsmarkt verschwindet. Auch hier steht seine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. Ob Schrempp, der
Anteilseigner und Öffentlichkeit bei der Fusion von Daimler-Benz mit Chrysler bereits über seine Absichten und Motive getäuscht hat, ein Lügner ist, mag jeder für sich selbst beantworten.
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