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Statement und HV-Rede Eduardo Fachal 2004

Statement Eduardo Fachal

Berlin, 06. April 2004, Pressekonferenz der Kritischen AktionärInnen DaimlerChrysler

(aquí en español)

Ich war Mitglied des Betriebsrats von Mercedes Benz Argentinien während der schlimmsten Militärdiktatur, die wir in unserem Land erleiden mussten. Ich hatte diese Funktion nur wenige Monate inne, weil meine Kollegen, darunter Esteban Reimer, aufgrund ihres gewerkschaftlichen Engagements ermordet wurden. Der Rest des Betriebsrats, darunter ich selbst, trat zurück, um unsere Leben zu retten. Nach unserem Rücktritt entstand ein neuer Betriebsrat, der von der korrupten Gewerkschaft dominiert wurde und nicht in gleichem Maße die Rechte der Arbeitnehmer verteidigte.

Auf die gleiche Art und Weise, wie sie mich damals zum Schweigen gebracht haben, hat mich heute der Bericht von Professor Christian Tomuschat zum Schweigen gebracht, der im Auftrag von DaimlerChrysler im Dezember 2003 veröffentlicht wurde. Ich wurde für diesen Bericht nie befragt, und trotzdem taucht mein Name im Bericht auf, als Mitglied des Betriebsrats, unter den Namen von Reimer und Ventura. Deswegen bin ich heute hier, damit Sie die Wahrheit hören.

Während der Diktatur brachten die Militärs Oppositionelle um, aber es gab auch Zivilisten, darunter Vorstandsmitglieder von Mercedes Benz Argentinien, die an die Militärs unsere Namen und Adressen weitergaben. Tomuschat gibt zu, dass den Militärs gesagt wurde, Esteban Reimer sei ein Aufrührer. Das bedeutete damals das selbe, wie in Berlin zu Zeiten Hitlers zu sagen, jemand sei ein Jude.

Am 04. Januar 1977 kamen Reimer, Ventura, sieben weitere Kollegen und ich von einer Sitzung auf der eine Lohnerhöhung aufgrund gesteigerter Produktivität ausgehandelt wurde. Deshalb, damit wir nicht mehr weiter stören, ließen sie Reimer und Ventura verschwinden und holten andere zu Hause ab. Ich selbst schlief bei Familienangehörigen und Freunden und rettete mein Leben, indem ich schwieg.

Alle 15 Verschwundenen waren wie ich Delegierte oder Aktivisten, fast alle waren von der Firma entlassen worden, weil wir es 1975 nicht hinnehmen wollten, dass der Betriebsrat von der korrupten Gewerkschaft dominiert wird.

Tomuschat leugnet dies. Er schreibt, die Firma trüge keinerlei Verantwortung – als ob jemand, der seine Angestellten als Aufrührer denunziert, die heute tot sind, keinerlei Verantwortung tragen würde. Tomuschat schreibt, dass Mercedes Benz Argentinien mit den Militärs kollaboriert hat, aber keinerlei Verantwortung trägt.
Er möchte die Wahrheit verschleiern, deswegen lehnt die argentinische Gesellschaft diesen Bericht ab.

Tomuschat zweifelt die Aussage meines Kollegen Héctor Ratto an, der bei allen Prozessen gegen die argentinische Militärdiktatur (dem Prozess gegen die Militärjunta, dem Prozess der von den Nürnberger Staatsanwälten vorangetrieben wird, und dem Wahrheits-Prozess vor dem Berufungsgericht von La Plata) stets dasselbe ausgesagt hat. Tasselkraut, Produktionschef des Werks in Argentinien hat Hector Ratto an die Militärjunta ausgeliefert, die ihn dann abgeholt hat. Tasselkraut hat auch die Adresse von Diego Nuñez, der bis heute verschwunden ist, an die Spezialkräfte weitergegeben.

Was muss getan werden, damit die Wahrheit ans Licht kommt und sich die selben Lügen der Diktaturen nicht wiederholen? Die Militärs sagten „irgendwas werden sie schon getan haben“, deshalb sind sie verschwunden, sie sind weder tot noch lebendig, sie sind einfach nicht mehr da. Tomuschat schreibt, dass Unternehmen habe die Verschwundenen als Aufrührer bezeichnet. Sie nannten uns alle Aufrührer und deswegen wurden wir verfolgt und in einigen Fällen zum Schweigen gebracht. Deshalb kann ich heute nicht erneut schweigen.

Ich bin hierher gekommen, um den Tomuschat-Bericht zurück zu weisen. Ich bin hier her gekommen, um morgen in der Hauptversammlung zu fordern, dass alle Archive geöffnet werden, dass sie uns einen eigenen Bericht erstellen lassen.

Den Vorstand der DaimlerChrysler AG werde ich morgen auch fragen, ob er bereit ist, an die Angehörigen der Verschwundenen und an die überlebenden Gefolterten Entschädigungen zu zahlen, und wie er sich zu der Schadenersatzklage stellt, die die Angehörigen der Verschwundenen und die Opfer der Repression in den USA gegen DaimlerChrysler am 14. Januar eingereicht haben, und die ich hier ausdrücklich unterstützen möchte.

Ich werde Herrn Schrempp fragen, warum uns ehemaligen Beschäftigten im Werk González Catán Hausverbot erteilt wurde, und ob er bereit ist, uns den Zugang zu gestatten, damit wir mit dem heutigen Betriebsrat über unsere schlimmen Erfahrungen sprechen können, und damit wir eine Gedenktafel mit den Namen unserer verschwundenen Kollegen anbringen können.

Denn nur wenn wir zur Wahrheit gelangen, werden wir in Zukunft verhindern können, dass sich in der Geschichte der Menschheit solch schreckliche Taten wiederholen, wie diejenigen, die ich beschrieben habe. Nur die Wahrheit kann verhindern, dass sie sich wiederholen.

 

 

 

 

zum Bericht ĂĽber die DaimlerChrysler
Hauptversammlung 2004

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Rede Eduardo Fachal

Berlin, 07. April 2004,
Hauptversammlung der
DaimlerChrysler AG

(extracto aquí en español)

Mein Name ist Eduardo Fachal. Ich war Mitglied des Betriebsrats von Mercedes Benz Argentinien während der schlimmsten Militärdiktatur, die wir in unserem Land erleiden mussten. Ich hatte diese Funktion nur wenige Monate inne, weil meine Kollegen, darunter Esteban Reimer, aufgrund ihres gewerkschaftlichen Engagements ermordet wurden. Der Rest des Betriebsrats, darunter ich selbst, trat zurück, um unser Leben zu retten.

15 meiner Arbeitskollegen bei Mercedes Benz Argentinien wurde auf brutalste Weise umgebracht und ich warte immer noch auf Wahrheit und Gerechtigkeit, damit aufgeklärt wird was wirklich passiert ist. Ich komme aus Argentinien um den Bericht von Herrn Professor Tomuschat zurückzuweisen, weil dieser Bericht nur die Version des Unternehmens darlegt und nicht die Version der Opfer und ihrer Angehörigen miteinbezogen hat.

Auf die gleiche Art und Weise, wie sie mich damals zum Schweigen gebracht haben, hat mich heute der Bericht von Professor Tomuschat zum Schweigen gebracht, der im Auftrag von DaimlerChrysler erstellt und im Dezember 2003 veröffentlicht wurde. Ich wurde für diesen Bericht nie befragt. Während der 34 Tage, die die Tomuschat-Kommission in Argentinien verbrachte, hat sie sich nur ein einziges mal für 1 ½ Stunden mit einer Gruppe von 4 überlebenden Arbeitern getroffen. Nie wurde ich befragt und auch kein anderer Kollege meines Betriebsrats, von dem 2 Kollegen verschwunden gelassen wurden. Auch Hector Ratto und Alfredo Martín wurden niemals befragt. Beide sind Überlebende der von den Militärs zugefügten Folter.

Im Jahr 1977, nach einer Sitzung in der eine Lohnerhöhung aufgrund von gesteigerter Produktivität ausgehandelt wurde, verschwanden Reimer und Ventura, zwei Kollegen meines Betriebsrats. Nur wenige Tage später gab es eine Arbeitnehmerversammlung aller Mitarbeiter des Werkes in González Catán, wo 4000 Unterschriften gesammelt wurden, die eine sofortige Aufklärung der Situation der verschwundenen Kollegen forderten. Diese Unterschriften wurden danach dem Vorstand von Mercedes Benz Argentinien übergeben, der uns versprach, sie nach Deutschland weiterzuleiten. Nie haben wir über den Verbleib dieser Unterschriften erfahren.

Herr Klemm, wir sind eigentlich Kollegen, ich kann mich als Kollege an Sie wenden. Ich möchte Sie fragen, Kollege Klemm, kämpfen wir nicht beide darum, die Rechte und das Leben der Arbeitnehmer zu verteidigen, ich die der Argentinischen und sie die der Deutschen? Aber haben nicht beide dieselben Rechte?

Sie sind zur Zeit Gesamtbetriebsratsvorsitzender von DaimlerChrysler, und ich war Mitglied des Betriebsrats von Mercedes Benz Argentinien. Ich bin heute nicht hier, um mich mit ihnen ĂĽber gewerkschaftliche Visionen oder Praktiken auszutauschen, ĂĽber die wir sicherlich unterschiedliche Ansichten haben. Ich bin hier um ĂĽber Ethik zu sprechen.

Alfredo Martin arbeitete 36 Jahre bei Mercedes Benz, er war leitender Angestellter, Sekretär der Gewerkschaft der Angestellten, und er war und ist Mitglied der Sozialdemokratischen Partei. Als ehrlicher Gewerkschaftler wurde er im Dezember 1976 festgenommen, und von Unter-Kommissar Ruben Lavallen vernommen und gefoltert. Dieser Unter-Kommissar war an mehreren Entführungen von Gewerkschaftlern beteiligt. Er raubte ein einjähriges Mädchen, die Tochter von oppositionellen Verschwundenen und wurde von Mercedes Benz Argentinien belohnt, indem er zum Sicherheitschef befördert wurde. – Dies ist die Ethik, die das Unternehmen verletzt hat.

Der Kollege Martin kehrte nach seiner Freilassung in die Fabrik zurück und wurde dort vom Produktionschef Juan Tasselkraut und anderen Vorstandsmitgliedern der damaligen Zeit verhört. Tasselkraut kennt alle Einzelheiten der Festnahme von Martin. Als Professor Christian Tomuschat im Auftrag von DaimlerChrysler in Argentinien recherchierte, wollte der Kollege Martin mit ihm sprechen, aber Tomuschat sprach niemals mit ihm. – Dies ist die Wahrheit, die Sie nicht kennen.

Kollege Klemm, wären Sie bereit, nach Argentinien zu reisen, um sich mit Ihren Kollegen zu treffen, damit wir über Demokratie sprechen, über diese universellen Werte, über die Vorkommnisse, die diese universellen Werte verletzt haben, damit Sie alle die Wahrheit kennen lernen können – ohne Lügner, die dafür bezahlt werden, die Wahrheit zu verschleiern. Ich lade Sie ein, nach Argentinien zu kommen, und danach der Aktionärsversammlung darüber zu berichten, welche die wahre Verantwortung von Mercedes Benz Argentinien an der Festnahme, dem Verschwindenlassen, der Folter und dem Tod unserer Kollegen war.

An den Vorstand richte ich folgende Fragen:

  • Sind Sie bereit, die Archive von Mercedes-Benz Argentinien fĂĽr uns Betroffene zu öffnen, damit wir einen eigenen Bericht darauf stĂĽtzen können?
     
  • Sind Sie bereit, Nachforschungen ĂĽber den Verbleib der 4000 Unterschriften, mit denen eine Aufklärung ĂĽber den Aufenthaltsort unserer Betriebsrats-Kollegen Reimer und Ventura gefordert wurde, anzustellen?
     
  • Sind Sie bereit, an die Angehörigen der Verschwundenen und an die ĂĽberlebenden Gefolterten Entschä-
    digungen zu zahlen? Wie stellen Sie sich zu der Schadensersatzklage,
    die diese Opfer in den USA gegen DaimlerChrysler am 14. Januar eingereicht haben, und die ich hier ausdrücklich unterstützen möchte?
     
  • Warum haben Sie uns ehemaligen Beschäftigten im Werk González Catán Hausverbot erteilt? Sind Sie bereit, uns den Zugang wieder zu gestatten, damit wir mit dem heutigen Betriebsrat ĂĽber unsere schlimmen Erfahrungen sprechen können, und damit wir eine Gedenktafel fĂĽr die verschwundenen Kollegen anbringen können?

Wenn Sie uns diese kleinen Schritte der Vergangenheitsaufarbeitung verweigern, erklären Sie mir hier und heute ihre Gründe dafür! Vielen Dank.