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DaimlerChrysler Hauptversammlung 2004

„Das Schweigen der Wölfe“

DaimlerChrysler-Vorstand verweigert Antworten auf massive VorwĂĽrfe

Eduardo Fachal und Helmut Frenz betraten zum ersten Mal eine Aktionärs-Haupt-
versammlung. Weder Fachal, der als einer der wenigen kritischen Betriebsräte bei
Mercedes-Argentinien die Militärdiktatur der 70er Jahren in seinem Land überlebt hat,
noch Frenz, der in der gleichen Zeit Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in
Chile, später deutscher Generalsekretär von Amnesty International war, fühlten sich
wohl bei diesem Besuch.

Wohlwollen des DaimlerChrysler-
Managements schlug ihnen am 07.
April 2004 im Berliner ICC wahrlich
nicht entgegen, doch sie hatten gute
GrĂĽnde, dem Vorstand der Daimler-
Chrysler AG Fragen zu stellen.
Fragen nach Mitverantwortung der
Firma fĂĽr Verschleppung, Folter und
Mord. Fragen an die heutigen Vor-
standsmitglieder, die damals noch
unbedeutende Nachwuchskräfte
waren, warum sie heute nicht die
Schuld der Firma anerkennen und
entsprechend handeln.

Aber Fachal und Frenz mussten war-
ten. Trotz ihrer frĂĽhen Wortmeldungen
schob Versammlungsleiter Hilmar
Kopper ihre Reden auf den Nachmit-
tag. Dem ehemaligen Boss der
Deutschen Bank schien es angeneh-
mer zu sein, vor dem Thema Men-
schenrechte erst RĂĽstungsexporte,
Dieselrusskrebs und Arbeitsplatz-
vernichtung ab zu handeln.

Dadurch konnte Jürgen Grässlin als
erster Kritischer Aktionär den 9.300
Aktionärinnen und Aktionären im
Berliner ICC recht frĂĽh mitteilen:
„Solange Daimler Geld auch mit
Waffen verdient, lehnt das Kinder-
hilfswerk UNICEF Sponsoring durch
DaimlerChrysler ab, weil die UNICEF-
Richtlinien null Toleranz gegenĂĽber
Unternehmen fordern, die im RĂĽst-
ungsbereich tätig sind.“ Besonders
kritisierte Grässlin, dass der Vor-
stand seit der Fusion mit Chrysler
79.439 Arbeitsplätze vernichtet hat,
und erhielt dafĂĽr groĂźen Beifall.

Auch Dachverbands-Vorstand Paul
Russmann griff das RĂĽstungsenga-
gement von DaimlerChrysler an und
forderte den Vorstandsvorsitzenden JĂĽrgen Schrempp auf, endlich aus
der Beteiligung an Europas größtem
RĂĽstungskonzern EADS auszusteigen.
Schrempp wies dies schroff zurĂĽck.

Der verkehrspolitische Sprecher der
Kritischen AktionärInnen Daimler-
Chrysler (KADC), Alexander Dauen-
steiner, griff den Konzern wegen
seiner umweltfeindlichen Produkt-
politik erneut scharf an: „Die Weige-
rungen, RuĂźpartikelfilter in alle Diesel-
PKW serienmäßig ein zu bauen und
ein 2-Liter-Auto auf dem Markt zu
bringen, fĂĽhrt dazu, dass Daimler
seinen Kunden weiterhin Technik
von gestern verkauft“, monierte der
Fahrzeugbau-Ingenieur.

Keinen Fortschritt gäbe es zudem
bei der Reduzierung des Flotten-
verbrauchs. Dauensteiner erinnerte
in seiner Rede daran, dass die
KADC bereits vor vielen Jahren die
Entwicklung von sparsamen Hybrid-
antrieben einforderten, der Konzern
aber erst jetzt in die Entwicklung
eingestiegen sei. Andere Hersteller
hätten unterdessen bereits PKW mit
umweltfreundlichen Hybridantrieben
auf dem Markt. JĂĽrgen Hubbert habe
es in seiner Verantwortung fĂĽr die
Mercedes Car Group in Fragen des
Umweltschutzes an Kompetenz und
Problembewusstsein gefehlt und
den Konzern „um Jahre hinter die
Konkurrenz zurück fallen lassen“,
konstatierte Dauensteiner, weshalb
die Kritischen Aktionäre seine Ablö-
sung fĂĽr dringend geboten halten
wĂĽrden.

„Die Gehälter von Schrempp und Co.
sind fĂĽr den Standort Deutschland zu
teuer“, kritisierte KADC-Rechtsanwalt
Holger Rothbauer die Steigerung der
GesamtbezĂĽge des Vorstands in den
beiden letzten Jahren um mehr als
100 Prozent. Die vom KADC aufge-
stellten Gegenkandidaten fĂĽr den
Aufsichtsrat, der Konversionsexperte
Prof. Uli Albrecht und die Greenpeace-
Referentin Marion Struck-Garbe
bekräftigten, im Falle ihrer Wahl „die
notwendige Umstellung des Gesamt-
konzerns hin zur Fertigung umwelt-
gerechter Zukunftstechnologien fach-
kompetent begleiten und kontrollieren“
zu wollen. Albrecht erhielt bei der
Abstimmung 683.743, Struck-Garbe
652.162 Stimmen. Damit hatten
erheblich mehr Aktionäre fĂĽr die  

Helmut Frenz, Gaby Weber und Eduardo Fachal erhoben die
Ermordung von 15 Betriebsräten bei Mercedes während der
argentinischen Militärdiktatur zum zentralen Thema der HV.

In einer gut besuchten Pressekonferenz am Tag vor der HV
informierten Kritische Aktionäre die Medien über soziale und
ökologische Versäumnisse der Konzernleitung.

Der ĂĽberlebende Betriebsrat Eduardo Fachal berichtete durch
einen Übersetzer vom Schicksal seiner während der argen-
tinischen Militärdiktatur verschwundenen Kollegen.

Ex-Bischof Helmut Frenz rief zu einer Schweigeminute fĂĽr die
Verschwundenen auf. Die Hälfte des Publikums erhob sich.
Vorstand und Aufsichtsrat blieben demonstrativ sitzen.

Der Journalistin Dr. Gaby Weber wurde der Mund verboten.
Hilmar Kopper schaltete ihr Mikrofon stumm, weil sie Fragen
zur Geldwäsche von Nazi-Vermögen stellen wollte.

beiden Kandidaten gestimmt, als die von den Kritischen Aktionären direkt Vertretenen.

Stunden später durfte Eduardo Fachal ans Mikrofon treten, und durch einen Übersetzer berichten: „Ich war Mitglied des Betriebsrats von Mercedes Benz Argentinien während der schlimmsten Militärdiktatur, die wir in unserem Land erleiden mussten. Ich hatte diese Funktion nur wenige Monate inne, weil meine Kollegen, darunter Esteban Reimer, aufgrund ihres gewerkschaftlichen Engagements ermordet wurden. Der Rest des Betriebsrats, darunter ich selbst, trat zurück, um unsere Leben zu retten.“

Das Publikum erstarrte. Dieses Thema hatten Kritische Aktionäre schon in den vier Jahren zuvor angesprochen, doch auf ihre Einladung stand nun erstmals ein Betroffener vor den Aktionären. Fachal verurteilte das „Gutachten“ des Berliner Völkerrechtlers Christian Tomuschat über das Verschwinden der Betriebsräte, das Daimler bezahlt und im Dezember 2003 veröffentlicht hatte (vgl. Jahresbericht 2003). Tomuschat habe nicht mit den Überlebenden gesprochen, sondern sich wesentlich auf Firmenangaben gestützt.

Dann wendete sich Fachal an den Gesamtbetriebsrats-vorsitzenden und stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden, der den scheinbar entlastenden Tomuschat-Bericht gut geheißen hatte : „Kollege Klemm, wären Sie bereit, nach Argentinien zu reisen, um sich mit Ihren Kollegen zu treffen, damit Sie die Wahrheit kennen lernen – ohne Lügner, die dafür bezahlt werden, die Wahrheit zu verschleiern. Ich lade Sie ein, nach Argentinien zu kommen, und danach der Aktionärsversammlung darüber zu berichten, welche die wahre Verantwortung von Mercedes Benz Argentinien an der Festnahme, dem Verschwindenlassen, der Folter und dem Tod unserer Kollegen war.“ Kollege Erich Klemm antwortete darauf nicht und hat die Einladung bis heute nicht angenommen.

Eduardo Fachal forderte den Vorstand von DaimlerChrysler auf, die Archive des Konzerns in Argentinien zu öffnen sowie Entschädigungen an die Angehörigen der 15 Verschwundenen und an die Überlebenden der Folter zu zahlen. Zuletzt bat er darum, auf dem Werksgelände in Buenos Aires eine Gedenktafel für die verschwundenen Kollegen anbringen zu dürfen. Vorstandschef Jürgen Schrempp ignorierte diese Appelle „Ich habe zu Argentinien nichts hinzu zu fügen“, verkündete er – obwohl er noch kein Wort dazu gesagt hatte.

„Die Wahrheit wird ihnen immer wieder hinterherlaufen“, reagierte darauf Ex-Bischof Helmut Frenz in seiner Rede. Das „Gutachten“ von Prof. Tomuschat, von dem sich auch Amnesty International am Tag der HV öffentlich distanzierte, nannte er „verwerflich, weil es die Opfer verhöhnt.“ Frenz forderte die Teilnehmer der Hauptversammlung zu einer Schweigeminute für die Verschwundenen auf. Die Hälfte des Publikums erhob sich. Vorstand und Aufsichtsrat – einschließlich Klemm und der gesamten Arbeitnehmerbank – blieben demonstrativ sitzen.

Als die Journalistin Gaby Weber ans Mikrofon trat, und den Vorstand um Stellungnahme zu ihren Rechercheergebnissen über die Wäsche versteckter Nazi-Gelder durch Mercedes Argentinien in den 50er Jahren bitten wollte, vergaß Versammlungsleiter Hilmar Kopper alle Anstandsregeln und stellte ihr kurzerhand das Mikrofon ab. Antworten bekam Weber, die schon das Verschwinden der argentinischen Betriebsräte aufgedeckt hatte, vom Vorstand nicht. Trotzdem veröffentlichte sie ein halbes Jahr später ihr neues Buch „Daimler-Benz und die Argentinien-Connection“. Der Dachverband ist Mitherausgeber des im Oktober 2004 erschienen Werks, das beim dachverband@kritischeaktionaere.de für 10,– Euro pro Exemplar bestellt werden kann.

Kurz vor den Abstimmungen verlor Kopper bei der letzten Frage eines Kritischen Aktionärs erneut die Fassung. Der Kritiker hatte kurz vor 22:00 Uhr gefragt, warum Schrempps langatmige Antworten zu technischen Details einer neuen Standheizung und eines neuen Klarlacks zur Tagesordnung der Hauptversammlung gehören würden, während 15 verschleppte, gefolterte und ermordete Angehörige des Konzerns kein zulässiges Thema sein dürften. „Das ist doch offensichtlich“, bellte Kopper mit rotem Kopf und der vollen Resonanz seines gewichtigen Körpers zurück. Produktinforma-
tionen gehörten „selbstverständlich“ in die Hauptversammlung, „aber Sie können uns doch hier nicht mit neuen Dingen konfrontieren. Das geht nicht.“

Ex-Bischof Helmut Frenz verlieĂź seine erste Hauptversammlung mit einem
klaren Urteil ĂĽber das Informationsverhalten des DaimlerChrysler-Vorstands:
„Das Schweigen der Wölfe.“
 

Toma de posiciĂłn y discurso de Eduardo Fachal

Presse-Statement und HV-Rede von Eduardo Fachal

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