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Deutsche Bank HV 2004: Brot fĂĽr die Bank

„Schulden werden sozialisiert,
Gewinne werden privatisiert.“

Die Rede des Kritischen Aktionärs Markus Fuhrmann OFM
in der Hauptversammlung der Deutschen Bank am 02. Juni 2004:

Meine verehrten Damen und Herren, dies ist ein ganz besonderes Schwein!
(Hält ein braunes Sparschwein in die Höhe und schüttelt es hin und her, so dass
die MĂĽnzen darin klimpern.)
Jahrelang bin ich nämlich mit diesem Schwein am
Weltspartag zu meiner Bank gegangen und habe das Zusammengesparte eines
Jahres auf mein Sparbuch eingezahlt – meine frühesten Erinnerungen an Geld.
Gespart habe ich damals fĂĽr die groĂźen Anschaffungen der Zukunft, wie etwa

den FĂĽhrerschein oder eben auch fĂĽr den Fall, dass
ich mal plötzlich in Not geraten würde, für die viel
zitierten „schlechten Zeiten“ also. Die Sorge um
das tägliche Brot plagte mich und meine Familie
allerdings nicht; Gott sei Dank. Ich bin in relativ
behüteten und bürgerlichen Verhältnissen groß
geworden, eben ein typischer Vertreter der
„Generation Golf“, um mit dem Publizisten
Florian Illies zu sprechen.

Dass es viele andere Menschen nicht so gut
haben wie ich, durfte und musste ich dann später
lernen. Im Rahmen meiner Arbeit als Sozial-
arbeiter in der Wohnungslosenhilfe traf ich
Menschen, die keineswegs aus Faulheit oder
Dummheit auf die Schattenseite des Lebens
geraten sind. Sie sind vielmehr wegen vermeint-
lich notwendiger UmstrukturierungsmaĂźnahmen
ihrer Betriebe aus dem Arbeitsprozess „freige-
setzt“ worden, eben Modernisierungsverlierer.
Sie waren ĂĽberflĂĽssig geworden, weil anderen-
orts die gleiche Arbeit billiger erledigt werden
konnte. Solche Entwicklungen sollen ja heutzu-
tage sogar bei Banken möglich sein. Auf der
anderen Seite lese ich aber auch von einer zunehmenden Zahl von Milliardären bei uns
im Land.

Durch weltweite Kontakte meiner Ordensge-
meinschaft, den Franziskanern, erfuhr ich dann

Franziskanerpater Markus Fuhrmann zeigt
den Aktionären sein Sparschwein und die
Sammelbüchse „Brot für die Bank“.

von den Schicksalen der Bauern und Produzenten in den Ländern des Südens. Selten,
dass ein Kaffeebauer wirklich einen fairen Preis für seine Ware und seine Arbeit erhält.
Stattdessen werden ganze Volkswirtschaften durch Verschuldung abhängig gehalten
von den reichen Ländern des Nordens, die zudem noch von den billigen Rohstoff-
preisen profitieren. Fazit: Bei uns wie auch weltweit sind die gesellschaftlich wertvollen
GĂĽter zunehmend ungleich und ungerecht verteilt.

„Unser Wirtschaftssystem geht über Leichen!“

Seit fünf Jahren gehöre ich der Initiative Ordensleute für den Frieden an, für die ich hier
auch spreche. Bereits seit vierzehn Jahren hält die Initiative regelmäßig Mahnwachen
vor der Zentrale der Deutschen Bank hier in Frankfurt und protestiert gegen unser
ungerechtes Wirtschaftssystem, in dem die Reichen immer reicher und die Armen
immer ärmer und zahlreicher werden. Wir sagen deshalb: „Unser Wirtschaftssystem
geht über Leichen!“

Wir fordern eine neue Geldordnung mit Infragestellung des Zinsnehmens, denn vom
jetzigen System profitieren allenfalls 20 Prozent zulasten von 80 Prozent der Menschen.
Unsere jetzige Form des Wirtschaftens setzt letztlich auf ein exponentielles Wachstum,

und dies trotz objektiv begrenzter Ressourcen.
Unser Zinssystem kann zu einem sprunghaften
Anwachsen von Geldvermögen führen – und dies
ohne Arbeit! – es kann aber auch sprunghaft ansteigende private wie öffentliche Schulden-
berge entstehen lassen. Schulden werden dann
meist sozialisiert, während Gewinne privatisiert
werden.

Leere öffentliche Kassen einerseits und das
gigantisch ansteigende Vermögen von Wenigen
andererseits sind die Folge. Die Initiative Ordens-
leute fĂĽr den Frieden sieht in der Deutschen Bank
ein repräsentatives Symbol für unser kapitalisti-
sches Wirtschaftssystem und die gigantische
Umverteilung von unten nach oben. Verglichen
mit dieser strukturellen Ungerechtigkeit sind
moralische Entgleisungen wie diese hier (Macht
das Victory-Zeichen des Herrn Ackermann im Mannesmann-Prozess nach.)
eher „peanuts“
fĂĽr uns.

Ach ja, schon wieder solche linken Träumer,
denken Sie jetzt vielleicht ĂĽber uns. Was wissen
denn die schon von volkswirtschaftlichen Zusam-
menhängen und von betriebswirtschaftlichen
Sachzwängen? Womöglich sind es ja doch nur
Sozialneider, die selber etwas mehr vom groĂźen
Kuchen abbekommen wollen.

Schwester Angela ĂĽbergibt fĂĽnf Kilogramm
Kleingeld an Vorstandschef Josef Ackermann.
Der bedankt sich artig.

Nun, vielleicht tut an dieser Stelle eine geistig-geistliche LockerungsĂĽbung gut.
Ein Blick in die Schriften der jüdisch-christlichen Tradition fördert Erstaunliches zutage:
„Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer – Gerechtigkeit nicht Almosen!“ Die Bibel fordert
den engagierten Gläubigen also auf, sein Seelenheil nicht ausschließlich in Gebet,
Askese und Nächstenliebe, sondern auch und gerade in praktizierter Solidarität und
im Einsatz für gerechte Strukturen zu suchen. „Wer Ohren hat zum Hören, der höre!“

„Wir sammeln für die Reichen. Wir sammeln ,Brot für die Bank’“.

Wem gehört die Welt, so fragen wir. Und wir meinen mit den Worten des Psalmisten
sagen zu können: „Die Erde ist des Herrn“. Wir alle sind nur die Nutznießer und Hüter
der Schöpfung. Leider verhalten wir uns nicht entsprechend. Vielen Menschen fehlt es
an den notwendigen GĂĽtern; selbst groĂźe Industrienationen wie die unsrige stehen vor
dem Bankrott. Irgendwo muss wohl ein groĂźes Loch sein, in dem die vorhandenen
ReichtĂĽmer dieser Welt spurlos verschwinden.

Deshalb haben wir uns von der Initiative Ordensleute fĂĽr den Frieden gedacht, dass
wir sammeln sollten. Aber nicht etwa fĂĽr die Armen. Das geschieht ja schon und hilft
doch nicht viel. Nein, wir sammeln für die Reichen. Wir sammeln „Brot für die Bank“!
(Hält eine Sammelbüchse mit einer entsprechenden Aufschrift hoch.) Mehrere
Monate lang haben wir auf Frankfurts StraĂźen fĂĽr Sie, Herr Ackermann, gesammelt:
„Brot für die Bank“. Und wir möchten Ihnen jetzt das Ergebnis unserer Bemühungen
ĂĽbergeben, insgesamt rund fĂĽnf Kilogramm Kleingeld. Und seien Sie gewiss,
Herr Ackermann: Jeder gesammelte Cent ist ein Protest dagegen, dass die
Armen immer noch die Reichen finanzieren!
 

Deutsche Bank HV 2004

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