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Deutsche Bank Hauptversammlung, 18. Mai 2005, Frankfurt am Main
„Zivilisiert den Kapitalismus!“
„Die Arbeiter geben aus, was sie verdienen,
und die Kapitaleigner verdienen, was sie ausgeben.“
Sehr geehrte Gastgeber, Gäste und Organisatoren,
mein Name ist Christoph Rinneberg, und als Mitglied der Initiative ,Ordensleute für den Frieden’ (IOF), die insbesondere den
Gastgebern in der Taunusanlage 23 seit 15 Jahren bestens bekannt ist, spreche ich zu Ihnen. Ich bin jedoch kein Ordensmann sondern gehöre zum Freundeskreis der IOF, der versucht, sich den gewiss unbequemen,
sperrigen, radikalen – nämlich nicht nur an die Nieren sondern an die Wurzeln gehenden – Botschaften der Ordensleute zu stellen, und der mithilft, diese durch – manchmal zivil ungebührliche, überraschende
– Aktionen für jedermann gebührend augenfällig zu machen.
In all den Jahren gleichermaßen auf geistige Durchdringung und konkretes Handeln – auf contemplatio et actio – bedacht, ist mir die
eigene Verstrickung in unser System des Wirtschaftens immer deutlicher geworden. Das hat leider heute fast gar nichts mehr mit dem zu tun, was eigentlich Anliegen der Ökonomie sein sollte, nämlich haushälterisch
– man könnte auch sagen: nachhaltig, achtsam, sorgsam, ethisch-verantwortungsvoll – mit allen unseren materiellen, sozialen, ökologischen und kulturellen Lebensgrundlagen umzugehen. In dem Wunsch nach guter
Besserung, nach Heilung eines als krankmachend erkannten modus vivendi fĂĽhlen wir uns in unserer Initiative untereinander verbunden.
Dreierlei muss ich Ihnen gestehen: Meine eigene Teilhabe am (noch) üblichen, regulären Erwerb und manchmal üblen, wegwerf-pflichtigen
Konsum hat mich in der Einsicht bestärkt, trotz jenes guten Willens summa summarum eher Teil des Problems als Teil der Lösung zu sein. Dieses Eingeständnis kann ich Ihnen heute erheblich leichter machen als vor
nicht allzu langer Zeit, als ich noch berufstätig war und in den einschlägigen sogenannten Sachzwängen steckte, die manchmal wie Scheren im Kopf wirkten. Die Ordensleute leben in Konsequenz aus der bitteren
anthropologischen Tatsache, dass das Sein insbesondere dann das Bewusstsein der Menschen bestimmt, wenn dieses Sein durch Haben kräftig angereichert ist, also durch Eigentum oder gar großen Reichtum.
Diese drei Teilgeständnisse zusammengenommen mögen Ihnen geradezu eine Liebeserklärung an die Ordensleute vermitteln, die ihrem
Armutsgelübde folgend ein einfaches, bei weitem nicht so verstricktes Leben führen wie unsereins und dadurch in ihrer ökonomisch-finanziellen Schwäche moralisch-ethisch so stark und in ihrer Glaubwürdigkeit so
ĂĽberzeugend sind.
Diese Hauptversammlung findet nicht irgendwann statt sondern im Einstein-Jahr. Vor 50 Jahren ist Albert Einstein gestorben, vor 100
Jahren hat er insbesondere die – zumindest die Welt des Wissens verändernde – Relativitätstheorie aufgestellt, mit der ja im Weltraum kräftig Praxis betrieben wird. Ich möchte meinen – hoffentlich Ihre
Aufmerksamkeit anregenden und Ihre Gedanken anreichernden – Vortrag deshalb auch unter ein Einstein-Zitat stellen, das er etwa 1932 aus seinen Erkenntnissen und Erfahrungen verdichtet und in „Mein Weltbild“
für uns Nachgeborene festgehalten hat: Derselbe technische Fortschritt, der an sich berufen wäre, den Menschen einen großen Teil der zu ihrer Erhaltung nötigen Arbeitslast abzunehmen, ist die Hauptursache des
gegenwärtigen Elends.
Auch wenn wir heute gewiss keine Weltwirtschaftskrise haben, trifft Einsteins Aussage dennoch den Nerv dessen, was unsere inzwischen
jahrzehntelange Dauerkrise betrifft, mit dem Zynismus der Massenarbeitslosigkeit nicht fertig zu werden. Es gehört zu den Widersprüchen des übrig gebliebenen – im Siegerwahn sich für einzig möglich haltenden
– Systems, dass der durch technischen Fortschritt mögliche Wohlstand nur temporär und nur partiell in realen Wohlstand eines ganzen Volkes umgesetzt wird. Jahrzehntelang, ja, bis zum heutigen Tag wird uns immer
wieder vorgegaukelt, neue oder gar Schlüssel-Technologien könnten zum Abbau der Arbeitslosigkeit beitragen. Bereits in den vdi-nachrichten vom 30.08.1996, also vor 9 Jahren, konnte der Leser von renommierten
Leuten wie Hauke FĂĽrstenwerth (BAYER AG), Hans-JĂĽrgen Warnecke (Fraunhofer Gesellschaft) und JĂĽrgen RĂĽttgers (Bundesminister) erstaunt erfahren, dass die Halbierung der Arbeitslosenzahlen in Europa bis zum Jahr
2000, die Wiedergewinnung verlorener Arbeitsplätze durch Konjunkturaufschwung und die Lösung der Beschäftigungsprobleme durch innovative, forschungsintensive Industrien unerreichbar sind.
Die Situation ist nicht neu, wie John Maynard Keynes schon 1936 in seiner Allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des
Geldes feststellte: Die auffälligsten Mängel der Wirtschaftsgesellschaft, in der wir leben, sind, ihr Versagen, Vollbeschäftigung zu gewährleisten und die willkürliche, unausgeglichene Verteilung von Vermögen
und Einkommen.
Das legt doch die Frage nahe, ob hier ein böses Schicksal am wüten ist oder ob es tiefere Gründe für die scheinbare Ausweglosigkeit
gibt. Lassen Sie mich dazu einen weiteren, ebenso wie Einstein gewiss unverdächtigen Zeugen in etwa desselben Zeitraums anführen, nämlich den Theologen Karl Barth, der 1951 in der kirchlichen Dogmatik sagte:
Wo nicht der Mensch sondern das zinstragende Kapital der Gegenstand ist, dessen Erhaltung und Mehrung der Sinn und das Ziel der
politischen Ordnung ist, da ist der Automatismus schon im Gang, der eines Tages die Menschen zum Töten und Getötetwerden auf die Jagd schicken wird.
Ein knappes Jahrhundert später, als es um die Propagierung des EU-Binnenmarktes ging, hat der arbeitgebernahe Deutsche Wirtschaftsdienst
seinen Euro-Guide mit den in der Tat schlagkräftigen Worten angepriesen: „Fressen oder Gefressen werden – Der Binnenmarkt geht auch Sie an!“ Was wir zu Zeiten der real existierenden sozialen Marktwirtschaft
noch glaubten dereinst überwinden zu können, hat längst wieder Profil und Programmatik erhalten: homo homini lupus – der Mensch ist des Menschen Wolf. Oder englisch ausgedrückt. Survival for the fittest.
Die dahinter steckende Logik entmenscht „automatisch“ deshalb, weil sie die (komplizierten) Bedürfnisse der von Menschenhand und
-geist produzierten Verhältnisse für viel wichtiger hält als die (vergleichsweise einfachen) Bedürfnisse der Menschen.
Nicht in der Technik oder im technische Fortschritt ist also der Grund dafĂĽr zu sehen, dass auf der einen Seite die Reichen immer
reicher und zahlreicher werden – und auf der anderen Seite die Armen immer ärmer und zahlreicher. Und diese „Rechnung“ geht freilich nur deshalb auf, weil die Krise bis in die Mitte unserer Gesellschaft wirkt
und diese Mitte dezimiert. Im Weltmaßstab verdienten 1960 die reichsten 20 Prozent der Bevölkerung circa 30 mal soviel wie die ärmsten 20 Prozent. Im Jahr 2000 ist diese Relation auf das 80-fache angewachsen.
„Gut 30 Jahre lang könnten Sie mit Ihrer Barreserve sogar mehr
als jene 6.400 Arbeitsplätze finanzieren, die Sie ausgerechnet in diesem Jahr meinten abbauen zu sollen!“
Wenn wir die Situation im eigenen Land beleuchten, dann mĂĽssen wir erschĂĽttert feststellen, dass die dem Zins und seiner ungehemmten
Anwendung innewohnende Dynamik dafür „sorgt“, dass nur die reichsten 10 Prozent unserer Bevölkerung Netto-Gewinne mit ihm machen und 80 Prozent hoffnungslos zusetzen. Die fehlenden 10 Prozent haben sich mit
einem Zins-Nullsummen-Spiel zu begnĂĽgen.
Das alles ist kein Zufall, sondern geradezu ein mechanisch wirkendes Prinzip, das Prof. Karl Georg Zinn in seinem Buch „Wie Reichtum
Armut schafft“ bestens herausgearbeitet hat. Messerscharf diagnostizierte bereits Keynes vor 70 Jahren die – auch kreislauftheoretisch erhärtete – Tatsache, dass die Gesamtausgaben der Eigner großen Kapitals
für Konsum und Investition immer wieder in die Taschen von Ihresgleichen zurückfließen. Der Wirtschaftswissenschaftler Kaldor hat das so auf den Punkt gebracht: „Die Arbeiter geben aus, was sie verdienen, und
die Kapitaleigner verdienen, was sie ausgeben.“
Verhielten sich die Eigner großen Kapitals wie die Arbeiter, dann hätten wir Vollbeschäftigung. Angewandt auf die Bank, die sich heute
den kritischen Augen ihrer Aktionäre zu stellen hat, verdient die Information in Ihrem Jahresbericht, Herr Ackermann, dass die Deutsche Bank über eine Barreserve von sieben Milliarden Euro verfügt, ein massives
Fragezeichen. Wenn diese Aussage nicht nur punktuell sondern für das gesamte Geschäftsjahr zugetroffen hat, dann bedeutet doch die einbehaltene Nachfrage einen Verzicht auf rund 200.000 Mannjahre. Gut 30 Jahre
lang könnten Sie damit sogar mehr als jene 6.400 Arbeitsplätze finanzieren, die Sie ausgerechnet in dem Jahr meinten abbauen zu sollen, in dem Ihre Bank soviel verdient hat wie lange nicht mehr oder wie nie zuvor.
Und als ob dies noch nicht skandalös genug wäre, wollen Sie nun nicht einmal mit einer Rendite von 16 Prozent auf das Eigenkapital zufrieden sein und peilen gar 25 Prozent an! In Ihren Schaufenstern haben Sie vor
kurzem die Unternehmer dazu animiert, ihren „Ertragswinkel“ zu steigern, die Zeit dazu sei so günstig wie nie zuvor. Sollte das die Idee des Logos Ihres Hauses sein, diesen Winkel auf gar 45 Grad zu spreizen?
Prima vista mag die Steigerung der Eigenkapital-Rendite für die Aktionäre interessant sein, doch ob es wirklich prima für das Ganze
ist, in dem sich doch auch die Teilaktivitäten Ihrer Bank abspielen, ist damit noch längst nicht ausgemacht. Wenn ich so hier in die Festhalle schaue, dann dürfte wohl die Mehrzahl der Aktionäre genau zu der
oben erwähnten Mitte (unserer Gesellschaft) zählen. Die shareholder selbst werden wie insbesondere die Beschäftigten unter diesem rasanten Rennen um Renditen entweder selbst leiden oder ihre Kinder leiden lassen:
An Baustellen sehen wir die Schilder: Eltern haften für ihre Kinder. An die Bankstellen gehören längst Schilder mit der Warnung: Kinder haften für ihre Eltern.
„Zukunft kann man nicht kaufen“
In unserer Initiative und bei unseren Aktionen erleben wir oft lichte Momente, wenn uns Banker die vielen GrĂĽnde aufzeigen, warum sie
meinen, nicht anders handeln zu können als sie es tun, warum sie glauben, sich eben immer weiter nach dem „mehr, mehr, mehr“ richten zu müssen, jenem ersten Hauptsatz des Kapitalismus. Überprüfen Sie selbst
Ihre eigene Liste des eigenen Nicht-Könnens bzw. des un-heimlich vorgeschriebenen Tun-Müssens: Lassen sich darin noch irgendwelche Anzeichen von dem ausmachen, was wir doch sonst als so ein hohes Gut ansehen,
nämlich unsere Freiheit? Wir wissen es doch: Wir sind in einem vertrackten System nicht nur verstrickt sondern gefangen.
Kapital oder Kapitalismus – darin steckt das lateinische Wort caput, und das bedeutet nichts anderes als Kopf. Das Kapital ist – erst
recht in diesen neoliberal beherrschten Zeiten – zum Kopf der „Veranstaltung“ geworden, die wir individuelles und gesellschaftliches Leben nennen. Dazu braucht man weder Soziologie noch Marxismus studiert zu
haben, das weiß jedermann im Volk: Geld regiert die Welt. Leider scheint unsere Bildung die Menschen teilweise nicht einmal zu der Frage zu befähigen, wer denn das Geld regiert und wie es lebensdienlicher,
lebensfreundlicher regiert werden sollte als von jenem „mehr, mehr, mehr“. Fragen nach dem Sinn der ganzen „Übung“ erst gar nicht aufkommen zu lassen, kommt gewiss den Profiteuren gelegen. Doch: „Zukunft
kann man nicht kaufen“, wie die Wirtschaftswissenschaftler Gahrmann und Osmers in ihrem Buch über den kardinalen Denkfehler in der Ökonomie ausgeführt haben.
„So exorbitant hohe Managergehälter können nicht im Interesse der Aktionäre sein.“
Legen wir noch ein weiteres Wort auf die Goldwaage: Unsere Nachbarn in Europa sagen zu Aktiengesellschaft „societe anonym“ –
namenlose Gesellschaft. Wer keinen Namen hat, kann auch nicht zur Verantwortung gerufen werden. Und das scheint tatsächlich umso mehr das Prinzip zu sein, je größer, aufwendiger und irreversibler die Projekte
sind, in die heute besonders gerne dann investiert wird, wenn sie Bedürfnisse bei den Inhabern kaufkräftiger Nachfrage auslösen können. Verantwortung heißt aber doch, wenn ich hier Prof. Luck zitieren darf:
„Mit der ganzen Person zur Antwort werden auf eine durch das eigene Tun gestellte Frage und einstehen für die Folgen des eigenen Tuns“.
Wie weit hiervon entfernt diejenigen sind, die sich über die Reklamation ihrer Verantwortlichkeit unverantwortlich hohe Gehälter
genehmigen, werden Sie selbst am besten wissen. Herr Ackermann, Sie können doch gar nicht 200 mal besser sein als Ihre Sekretärin, an der Sie werktäglich mit dem 200-fachen des Gehalts vorbeigehen! Und so
exorbitant hohe Managergehälter können auch nicht im Interesse der Aktionäre sein, weil sie letztlich mit oder ohne eigenem Börsen-Engagement der Manager zum Substanzverlust des Betriebs führen müssen.
Auch wenn diese HV gewiss keine Märchenstunde ist, möchte ich zum Schluss doch noch einen Wunsch äußern. Der weltberühmte
Börsenjongleur Soros hat in überraschender Selbstkritik festgestellt, dass man einem System Grenzen auferlegen muss, wenn es Gefahr läuft, dass die eigenen Akteure es gewissermaßen in die Luft jagen können.
Dieses Maß an Selbstkritik wünschte ich mir von Ihnen, Herr Ackermann, weil Sie als Systembetreiber bestens mit den Mechanismen vertraut und somit eigentlich auch bestens in der Lage sind, schädliche
Entwicklungen zu vermeiden und lebensfreundliche zu befördern – nicht nur in Ihrem engeren Wirkungsbereich sondern auch in Ihrem gesellschaftlichen Umfeld, für das Sie Ihrem Geschäftsbericht zufolge
Verantwortung tragen. Von deren endlicher Wahrnehmung – ich bin so realistisch und freimütig – verspreche ich mir zwar keine Kopernikanische, aber doch wenigstens eine Ackermann’sche Wende im Sinne von
Gräfin Dönhoff: Zivilisiert den Kapitalismus!
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