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Zwischenbericht der Insolvenzverwalterin I.G. Farben

junge Welt vom 29. Mai 2004

Kaum Konkursmasse

I.G.-Farben-Insolvenzverwalterin von Gläubigermehrheit bestätigt.
Firmenarchiv noch immer unter VerschluĂź

Henry Mathews, Frankfurt/Main

Die Gläubiger und Aktionäre der Skandalfirma I.G. Farben »in Abwicklung«, aber auch die überlebenden Zwangsarbeiter werden leer ausgehen, wenn nicht vor einem amerikanischen Gericht ein Wunder geschieht. Dies ist das Fazit des ersten Zwischenberichts der Insolvenzverwalterin Angelika Amend am Donnerstag im Strafgericht Frankfurt am Main. Am Rande wurde deutlich, daß das historische Archiv des Konzerns wahrscheinlich unter die Obhut des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt/Main gelangen wird.

Nur zehn Gläubiger hörten den Bericht über Amends Arbeit seit Eröffnung des ordentlichen Insolvenzverfahrens im März. Der einzige erschienene Aktionär wurde als »nicht direkt Verfahrensbeteiligter« des Saales verwiesen. Der einzige Journalist – von der jW – wurde erst nach Verhandlungen mit dem Vorsitzenden Rechtspfleger »wegen der überregionalen Bedeutung des Falls« zugelassen.

Amend betonte, bei einem liquiden Restvermögen von nur 21 000 Euro, dem Schulden in vielfacher Höhe gegenüberstünden, wäre »normalerweise« keine Insolvenz eröffnet, sondern die Firma schlicht aus dem Handelsregister getilgt worden. »Aufgrund der Geschichte der I.G. Farben« habe sie sich dennoch für das Verfahren eingesetzt. Bereits früher hatte sie angekündigt, auch die Interessen der überlebenden Opfer wahren zu wollen. Diesen Einsatz nahm ihr die Mehrzahl der Gläubiger offenbar übel und stimmte dafür, sie durch einen unbekannten Rechtsanwalt aus Hamburg zu ersetzen. Das Vorhaben scheiterte jedoch trotz der »Kopfmehrheit« an der fehlenden »Summenmehrheit«, denn drei Gläubiger, die höhere Beträge einfordern, bestätigten Amend.

Einzige Hoffnung aller Anspruchsteller bleibt eine erfolgreiche Klage gegen die Schweizer Großbank UBS, deren Vorläuferin, die Schweizer Bankgesellschaft, sich nach dem Krieg das Vermögen der vermeintlichen I.G.-Farben-Tochter Interhandel einverleibt hatte. Historiker und Juristen streiten darüber, ob dieses Vermögen der I.G. Farben zusteht. Rechtsanwälte im Umfeld der I.G.-Farben-Stiftung bereiten eine entsprechende Schadenersatzklage in den USA vor, werden dabei aber noch vom Kölner Oberlandesgericht blockiert. Auch Insolvenzverwalterin Amend will Ansprüche gegen die UBS prüfen und eventuell einklagen.

Von der Stiftung, die die I.G. Farben im Jahr 2000 gegründet hatte, um Zwangsarbeiter zu entschädigen und die Konzerngeschichte aufzuarbeiten, fordert Amend das historische Archiv des Konzerns zurück. Dies lagert immer noch im Keller des Firmenbüros in der Frankfurter Silberbornstraße und bleibt dort bislang allen Historikern verschlossen. Stiftungsvorstand und Ex-Liquidator der Firma, der CDU-Bundestagsabgeordnete Otto Bernhardt, sagte jW auf Nachfrage, er wolle die Aktenberge an das renommierte Fritz-Bauer-Institut übergeben. Das gleiche Ziel nannte auch Amend, womit der Streit um die Rückübertragung gegenstandslos wäre – wenn Stiftungsvorstand und Insolvenzverwalterin sich einigen würden.

»Selbstverständlich« würde das Institut das Archiv gerne übernehmen, bestätigte dessen Direktor, Prof. Micha Brumlik, am Donnerstag gegenüber junge Welt:
»Das wäre die Krönung unseres Standorts im historischen I.G. Farben Gebäude.«
Nun wartet Brumlik auf einen Anruf der zerstrittenen HĂĽter der Akten, denn
»bislang hat uns noch niemand angesprochen.«
 

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