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Bundesweites Bündnis gegen I.G. Farben: Aufruf 2001

03. August 2000 – Aufruf

In memoriam Hans Frankenthal

Keine Versöhnung mit Nazi-Verbrechern!
I.G. Farben auflösen!

Am 23. August 2000 wird die diesjährige Aktionärsversammlung der »I.G. Farbenindustrie AG in Abwicklung« (I.G. Farben i.A.) in Frankfurt stattfinden – fast auf den Tag genau 50 Jahre, nachdem die Alliierten die Zerschlagung des I.G. Farben Konzerns beschlossen hatten, weil die Beweise für dessen Beteiligung an massenhafter Versklavung und Vernichtung erdrückend waren; 30.000 Arbeitssklaven fanden allein im firmeneigenen KZ Auschwitz III Monowitz den Tod.

In der gerade gegründeten Bundesrepublik war I.G. Farben das einzige Unternehmen, welches vollständig aufgelöst, »liquidiert« werden sollte – von den anderen Zerschlagungsplänen, etwa gegen die Deutsche und die Dresdener Bank, hatten die westlichen Besatzungsmächte im Zuge des »Kalten Krieges« abgesehen. Das Vermögen von I.G. Farben wurde auf die Nachfolgefirmen, vor allem Bayer, BASF und Hoechst, aufgeteilt; zurück blieben Rentenansprüche ehemaliger I.G. Farben Angestellter, offene Vermögensfragen, Beteiligungen im Ausland und – aus der Sicht der I.G. Farben-»Liquidatoren« ganz zuletzt – Entschädigungsforderungen ehemaliger Zwangsarbeiter/innen, zu denen die Abwicklungsgesellschaft in einem außergerichtlichen Vergleich verpflichtet werden konnte. Damit die Nachfolgefirmen sich frei von diesen »Altlasten« entwickeln konnten, wurde eigens zu dem Zweck, diese Ansprüche zu befriedigen, aus den Restbeständen des Konzerns die I.G. Farben i.A. fortgeführt.

Der Name »I.G. Farben« stand und steht bis heute für die enge Komplizenschaft zwischen deutschen Unternehmen und dem nationalsozialistischen deutschen Staat und für den Profit, den deutsche Unternehmen aus der grenzenlosen Ausbeutung von Zwangsarbeiter/innen gezogen haben. Zugleich ist »I.G. Farben« Symbol für den Frieden, den die junge Bundesrepublik mit den Nazi-Verbrechern gemacht hat, sowie für den Krieg, der gegen die wenigen Überlebenden eben deshalb fortgesetzt wurde, sobald sie Ansprüche stellten und Zahlungen forderten.

Wir vergessen nie!

Seit über zehn Jahren protestieren wir gegen die jährlich stattfindenden Aktionärsver- sammlungen der I.G. Farben i.A. Von Anfang an ging es uns dabei um die endgültige Abwicklung dieser Nazi-Nachfolgefirma und die Verwendung des Restvermögens für Zahlungen an noch lebende I.G. Farben-Zwangsarbeiter/innen sowie für eine Gedenkstätte in Monowitz.

Der Protest wurde von Überlebenden begonnen, deren Angehörige in Auschwitz ermordet wurden; einige von ihnen hatten die Zwangsarbeit für die I.G. Auschwitz überlebt. Einer von ihnen war Hans Frankenthal, s.A., der die Proteste von Anfang an mit seiner unerschöpflichen Energie vorantrieb. Sein Bruder und er hatten über zwei Jahre für I.G. Farben in Auschwitz schuften müssen; sie überlebten nur Dank der Solidarität der Häftlinge untereinander. Hans Frankenthal konnte und wollte nicht vergessen, was seiner Familie und ihm, was Millionen Menschen angetan wurde. Auf den Aktionärsversammlungen trat er als Kritischer Aktionär auf und verlangte die Erfüllung unserer Forderungen. Viele Aktionäre, darunter zahlreiche Alt-Nazis, versuchten regelmäßig, ihn niederzubrüllen. Im August 1999 wurde er auf Anweisung der Versammlungsleitung von Saalschützern hinausgeworfen.

Ende Dezember 1999 starb Hans Frankenthal
nach kurzer, schwerer Krankheit.

Wir führen die Proteste in seinem Sinne weiter. Die bloße Existenz dieser Abwicklungsgesellschaft ist ein gesellschaftlicher Ausdruck der Verleugnung der Nazi-Verbrechen und der Versöhnung mit den Tätern. Deswegen werden wir nicht zulassen, dass nun, wo die lauteste Stimme unseres Protestes verstummt ist, Ruhe in die I.G. Farben-Aktionärsversammlungen einkehrt.

Heute versucht die deutsche Wirtschaft sich mit lächerlichen Beträgen aus ihrer Verantwortung freizukaufen, ohne ihre Mitverantwortung und Schuld einzugestehen und ohne dass das Verbrechen der massenhaften Versklavung noch einmal zur Sprache kommen soll, weil darauf spekuliert wird, dass die Überlebenden in den kommenden Jahren sterben. Gegen dieses Kalkül richten sich unsere Proteste, die wir fortführen werden, solange I.G. Farben existiert und die Profiteure der Nazizwangsarbeit ihre Verantwortung leugnen.

Nie wieder I.G. Farben Aktionärsversammlung!

Kommt zur Protestaktion gegen die I.G. Farben Aktionärsversammlung am Mittwoch, den 23. August 2000, um 8:00 Uhr vor und in der Stadthalle Bergen-Enkheim, Frankfurt am Main

Bundesweites Bündnis gegen I.G. Farben: Auschwitz-Komitee in der BRD; Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes / Bund der Antifaschisten (VVN/BdA), Bundesvereinigung, LV Rheinland-Pfalz, KV Frankfurt/M.; Antifaschistische Gruppe Frankfurt; Hamburger Bündnis für die Erfüllung der Forderungen aller NS-ZwangsarbeiterInnen; Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre; Coordination gegen BAYER-Gefahren; Kampagne »Nie wieder!«; Anti-Rassismus-Gruppe und AKW-Politgruppe, Würzburg; Berliner Bündnis gegen I.G. Farben; Bündnis gegen I.G. Farben, Marburg; Eva Bulling-Schröter, MdB PDS, Ingolstadt; Feministische Antifa Freiburg; Antifa-Café in der B5, Hamburg.