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ErklĂ€rung von Überlebenden zur I.G. Farben Insolvenz

Das Restvermögen der I.G. Farben
gehört den Zwangsarbeitern!

ErklĂ€rung von Überlebenden des Nazi-Terrors und UnterstĂŒtzern
zum Insolvenzverfahren I.G. Farben und zur Klage gegen UBS

Berlin, 14. Januar 2004

Nach der Insolvenzmeldung der I.G. Farbenindustrie AG in Abwicklung am 10. November 2003 hat ein unwĂŒrdiges Geschacher um ihr geringes Restvermögen und um ihre möglichen AnsprĂŒche gegenĂŒber der Schweizer Großbank UBS begonnen. Einige AnwĂ€lte und AktionĂ€re wollen sich die Taschen fĂŒllen. Die involvierten Banken missachten offen ihre historische Verantwortung im Umgang mit den letzten Geldern des I.G.-Farben-Konzerns, der die NSDAP finanzierte, das Mord­gas Zyklon B produzierte und Zehntausende im konzerneigenen Konzentrationslager Monowitz „durch Arbeit vernichtete“.

UnabhĂ€ngig von allen juristischen SchachzĂŒgen gehört das Restvermögen der I.G. Farben moralisch allein den ĂŒberlebenden Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern des Konzerns, die ihre Gesundheit fĂŒr dieses Vermögen opferten. Es muss zu ihrer EntschĂ€digung und zur Aufarbeitung der verbrecherischen Geschichte des Konzerns verwendet werden.

Deshalb mĂŒssen schnellstmöglich ordentliche Insolvenzverfahren ĂŒber die I.G. Farben AG und ihre sĂ€mtlichen Tochterfirmen eröffnet werden. Das Amtsgericht Frankfurt am Main und die vorlĂ€ufige Insolvenzverwalterin Angelika Amend stehen in der Verantwortung, einen spĂ€ten aber bedeutsamen Schritt in Richtung historischer Gerechtigkeit zu gehen. Die ĂŒberlebenden Opfer des Konzerns sind seine wichtigsten GlĂ€ubiger, und als solche mĂŒssen sie im Insolvenzverfahren anerkannt werden.

Die GlĂ€ubigerbanken der I.G. Farben – allen voran die HSH Nordbank – mögen juristischen Anspruch auf „ihr“ Geld besitzen. Moralisch gehört ihnen kein Cent. Wenn durch den Verkauf der Immobilien der Farben-Tocher AWM KG zum wahrscheinlich letzten mal liquide Mittel des einstigen Mordkonzerns bewegt werden, darf dieses Restvermögen nicht stillschweigend in Banktresoren ver­schwinden. Die Immobilien wurden gekauft mit dem Vermögen, das die Zwangs­arbeiter erarbeiten mussten.

Der Bundestagsabgeordnete Otto Bernhardt (CDU) und der Rechtsanwalt Volker Pollehn haben als letzte Liquidatoren der I.G. Farben AG i.A. versagt. Nach der offenen PlĂŒnderung des Firmenvermögens durch ihre VorgĂ€nger haben sie zwar eine firmeneigene Stiftung zur EntschĂ€digung der Zwangsarbeiter und zur Aufarbeitung der Firmengeschichte gegrĂŒndet, diese aber nur mit lĂ€cherlichen 256.000 Euro ausgestattet. Weil die Stiftung von der ZahlungsunfĂ€higkeit des Unternehmens nicht betroffen ist, amtieren Bernhardt und Pollehn bis heute als deren Vorstand. Sie sind aufgefordert, diese Posten fĂŒr legitime Vertreter der ĂŒberlebenden Opfer zu rĂ€umen.

Von der angekĂŒndigten Klage des US-Anwalts Ed Fagan distanzieren sich die Liquidatoren, lassen ihre eigenen PlĂ€ne bezĂŒglich UBS aber im Dunkeln. Fagan will im Auftrag einzelner I.G.-Farben-AktionĂ€re die Schweizer UBS-Bank verklagen, um sie zur Herausgabe des so genannten Interhandel-Vermögens zu zwingen. Die Firma Interhandel – frĂŒher firmierend als I.G. Chemie – war formell unabhĂ€ngig, wickelte wĂ€hrend des Zweiten Weltkriegs aber fast alle AuslandsgeschĂ€fte der I.G. Farben ĂŒber die Schweiz ab. Ihr Vermögen verleibten sich 1967 die USA und die UBS-VorlĂ€uferin Schweizer Bankgesellschaft ein. Bei der UBS sollen nach heutigem Wert 2,2 Milliarden Euro gelandet sein. Mehrere Klagen der I.G. Farben auf RĂŒckerstattung ihres einst verschleierten Auslandsvermögens scheiterten in den Jahrzehnten danach. Nun kĂŒndigt Anwalt Fagan unverbindlich an, bei einem Erfolg seiner neuen Klage einen kleinen Teil der gewonnenen Summe an die frĂŒheren Zwangsarbeiter ab zu treten. Die UBS selbst verweigert beharrlich jede RĂŒckzahlung an die I.G. Farben oder an deren frĂŒhere Arbeitssklaven.

Damit beleidigen alle Akteure die noch lebenden Opfer, die als wichtigste GlĂ€ubiger vollen Anspruch auf das Vermögen besitzen, das sie erschuftet haben. Die vage AnkĂŒndigung einiger Brosamen ist der erkennbare Versuch, die Opfer als Druckmittel gegenĂŒber UBS und US-Gerichten zu missbrauchen, um AktionĂ€rs- und Anwalts- taschen zu fĂŒllen. Und dieser Höhepunkt eines moralischen Skandals wird aus der Mitte der WirtschaftsbĂŒrgerschaft heraus inszeniert.

Insolvenzverwalterin Amend könnte zur ersten Akteurin werden, die Gerechtigkeit herstellt. Dazu muss sie die Eröffnung ordentlicher Insolvenzverfahren ĂŒber alle Konzernunternehmen durchsetzen, anschließend gemĂ€ĂŸ der Satzung der I.G.-Farben-Stiftung eine vertrauenswĂŒrdige Stiftungsleitung einsetzen, das Verfahren gegen die UBS an sich ziehen und schließlich den wichtigsten GlĂ€ubigern – den ĂŒberlebenden HĂ€ftlingen – zu ihrem Recht verhelfen.


Erstunterzeichner (Überlebende):

Adam König, Berlin,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Rudy Kennedy, London,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Esther Bejarano, Hamburg,
Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz und RavensbrĂŒck

Kurt Julius Goldstein, Berlin,
Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz und Buchenwald

Peter Gingold, Frankfurt am Main,
Überlebender WiderstandskĂ€mpfer in der RĂ©sistance,
Angehöriger von in Auschwitz Ermordeten


weitere Unterzeichner (Überlebende):

Alfred Cohn, Israel,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Paul GrĂŒnberg, Österreich,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Jakob Haiblum, Israel,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

David Handwohl, USA,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Herbert Kalter, USA,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Albert Kimmelstiel, USA,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Calia Mintek, USA,
Überlebende der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Joel Ostrowski, Israel,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Sam Rainer, USA,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Stefan Rothbart, Israel,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Jakob Silberstein, Israel,
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz

Manfred Wolf, USA
Überlebender der Zwangsarbeit fĂŒr I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz


Erstunterzeichner (UnterstĂŒtzer):

Lothar Evers, Köln,
Chairman of the Board Support for Survivors of Nazi Persecution International Inc.,
Kurator der Bundesstiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“

Klaus Harbart, Berlin,
BundesgeschĂ€ftsfĂŒhrer der Vereinigung der Verfolgten
des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA)

Christoph Heubner, Berlin,
VizeprÀsident des Internationalen Auschwitz-Komitees

Axel Köhler-Schnura, DĂŒsseldorf,
Sprecher der Kampagne „Nie wieder!“

Henry Mathews, Köln,
GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Dachverbands der Kritischen AktionĂ€rinnen und AktionĂ€re

Ruedi Meyer, ZĂŒrich,
Vorstandsmitglied der AktionĂ€rInnen fĂŒr nachhaltiges Wirtschaften ACTARES

Philipp Mimkes, Köln,
GeschĂ€ftsfĂŒhrer der Coordination gegen BAYER-Gefahren

Dr. Janis Schmelzer, Berlin,
Historiker

Dr. Susanne Willems, Berlin,
Historikerin


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