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I.G. Farben Hauptversammlungen 1999

„Ein Tonfall wie in Auschwitz“

Zwei Hauptversammlungen 1999
bestimmt durch massive Proteste
Kritischer Aktionäre

Brutale Polizeiübergriffe begleiteten die
Demonstration von etwa 200 Menschen
vor der Hauptversammlung der I.G. Farben-
industrie AG in Auflösung am 25. März
1999 in der Stadthalle Bergen in Frankfurt.
Ein Polizist schlug einem Demonstranten
mit der Faust ins Gesicht, ein anderer
besprühte einen Protestierenden mit einer
„chemischen Keule“. Drei Demonstranten
wurden vorläufig festgenommen und erken-
nungsdienstlich behandelt, einer von der
Polizei regelrecht zusammengeschlagen.

Unter den Demonstranten befanden sich auch zahlreiche ehemalige Auschwitz-Häftlinge, die während der Nazizeit Zwangsarbeit für die I.G. Farben leisten mußten. Sie verlangten die sofortige Auflösung der Firma und die Verwendung ihres gesamten Vermögens zur Entschädigung der ehemaligen Zwangsarbeiter.

In der Versammlung wurde der Bericht von Liquidator Volker Pollehn durch Demonstranten unterbrochen, die mit einem Transparent das Podium stürmten. Bewaffnete „Sicherheits- kräfte“ zerrten sie jedoch binnen weniger Minuten aus dem Gebäude.

Der Auschwitz-Überlebende Hans Franken- thal unterbrach verschiedene Redner immer wieder mit lauten Zwischenrufen. „Halten
Sie den Mund“, bellte der Aufsichtsrats- Vorsitzende Ernst Krienke daraufhin vom Podium und drohte, Frankenthal ebenfalls abführen zu lassen.

Liquidator Volker Pollehn betonte in seiner Rede, er und seine Kollegen trügen „keine persönliche Schuld“ an den früheren Verbrechen der Firma.

„Sie machen sich aber mitschuldig an den Spätfolgen der damaligen Verbrechen der I.G. Farben“, hielt ihm Dachverbands- Sprecher Henry Mathews entgegen, „wenn Sie die Liquidation weiter verschleppen und Entschädigungen verweigern.“

Mathews nannte die I.G. Farben „die einzige kriminelle Vereinigung, die von der Polizei geschützt wird“ und forderte die Gründung einer Entschädigungsstiftung, in die das komplette Firmenvermögen einschließlich ihrer eventuellen Forderungen gegen Dritte eingebracht werden müsse.

Bei der zweiten I.G. Farben Hauptversamm- lung am 18. August 1999 eskalierten die körperlichen Auseinandersetzungen auch im Versammlungssaal. Hans Frankenthal hatte sich zu etwas unerhörtem hinreißen lassen: In seiner Rede hatte er begonnen, einen Brief vom August 1944 zu zitieren, in dem

das damalige Chemiekartell die Leitung des Konzentrationslagers Auschwitz-Monowitz aufforderte, einen Häftling „energisch zu bestrafen“. Noch am gleichen Tag sei der Häftling von den KZ-Wächtern totgeschlagen worden, berichtete Frankenthal. Der Brief beweise die Rolle deutscher Konzerne bei der Ermordung von Zwangsarbeitern.

Kurz zuvor hatte Frankenthal auch seine eigenen Erfahrungen als Zwangsarbeiter der
I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz geschildert. Nun stand er am Redepult der Hauptver- sammlung umringt von schwer bewaffneten Saalschützern in Kampfuniformen. Zwischen denen und ihm bildeten junge Antifaschistinnen und Antifaschisten einen Schutzwall. Sie würden sich prügeln lassen, bevor jemand den Zeitzeugen berühren könnte – das wurde jedem der knapp hundert Aktionäre im Saal klar.

Aufsichtsrats-Vorsitzender Krienke hatte Frankenthal das Wort entzogen, ihm das Mikrofon abgestellt, ihn vom Pult verwiesen. Doch der alte Mann war stehengeblieben. Auf seinen Krückstock gestützt hatte er seine Rede fortgesetzt, ohne Mikrofon aber mit lauter Stimme – und mit Tränen in den Augen. Das hatte Krienke zur Weißglut gebracht. Die „Sicher- heitskräfte“ sollten Frankenthal „an seinen Platz begleiten“, hatte er angeordnet.

Es ist Frankenthal zu verdanken, dass der Tumult nicht zu einer Massenschlägerei eskalierte. Wütend aber äußerlich gefasst verließ er die Versammlung. „Hier herrscht
ein Tonfall wie in Auschwitz“, meinte er am Ausgang zu Journalisten. Der Auschwitz- Überlebende blieb nicht der einzige, den Versammlungsleiter Krienke an diesem Tag
vom Redepult verteiben ließ. Ein Dutzend Kritische Aktionärinnen und Aktionäre meldeten sich zu Wort. Krienke solle „vor einem Mann wie Hans Frankenthal in Demut auf die Knie fallen“, forderte Dachverbands-Sprecher Mathews.

Dann begannen die Konzernkritiker, Berichte von überlebenden Zwangsarbeitern der
‘I.G. Farben zu verlesen. Jeder kam nur ein paar Sätze weit, bevor die kahlgeschorenen Saalwächter wieder anrückten. Doch die nächsten Redner lasen jeweils an der gleichen Stelle des Manuskripts weiter – immer ein paar Sätze. Die „ritualkonforme“ Aktion, schrieb das konservative ,Handelsblatt' am nächsten Tag anerkennend, „war offensichtlich gut vorbereitet.“

Auflösung überfällig

Hintergund der sich seit mehr als zehn Jahren wiederholenden Auseinandersetzungen
in den I.G. Farben Hauptversammlungen ist die Forderung nach sofortiger Auflösung
des Firmenfossils, die vom Auschwitz-Komitee, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, dem Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre sowie von zahlreichen Antifaschistischen Gruppen erhoben wird. Das Restvermögen der Firma
von etwa 25 Millionen Mark müsse vollständig für die Entschädigung der Zwangsarbeiter verwendet werden, verlangen sie.

Die Mehrheit des Aktienkapitals folgte dieser Argumentation wie erwartet auch 1999 nicht. Mit mehr als 92 Prozent der Stimmen beschloß die Hauptversammlung auf Vorschlag der Liquidatoren eine Entschädigungs-Stiftung, die mit lediglich drei Millionen Mark ausgestattet werden soll und auch nur die Zinsen dieses Kapitals ausschütten wird.

Hans Frankenthal spricht vor der I.G. Farben HV
am 18. August 1999 zu den Demonstranten.

Exakt drei Millionen Mark hatte die I.G. Farben in den sechziger Jahren von der Jewish Claims Conference zurückgefordert und zurückerhalten. Das Geld war seinerzeit bei einem gerichtlich erzwungenen Entschädigungs- fonds der Firma übriggeblieben, aus dem die im Westen leben- den ehemaligen Zwangsarbei- terinnen und Zwangsarbeiter mit lächerlichen Summen abgefun- den wurden. Die damaligen Liquidatoren wollten die Rest- summe nicht an Hinterbliebene der ermordeten Zwangsarbeiter auszahlen.

„Die drei Millionen Mark für die Stiftung sind weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein“, wetterte der Sprecher des Bundesweiten Bündnisses gegen I.G. Farben, Georg Brau, angesichts vieler tausend noch lebender Anspruchsberechtigter. Dass die Liquidatoren der I.G. Farben die neue Stiftung selbst leiten wollen, nannte Brau „einen historisch unerträglichen Fehl- griff.“ Die Stiftung müsse von Vertretern der Opferverbände geleitet werden.

Die Ankündigung von Liquidator Volker Pollehn, die Stiftung werde erst ab dem Jahr 2003 Gelder auszahlen, kommentierte Auschwitz-Häftling Frankenthal bitter: „Das werde ich nicht mehr erleben.“ – Er sollte leider Recht behalten: Am 22. Dezember 1999 ist Hans Frankenthal gestorben.