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das damalige Chemiekartell die Leitung des Konzentrationslagers Auschwitz-Monowitz aufforderte, einen Häftling „energisch zu bestrafen“.
Noch am gleichen Tag sei der Häftling von den KZ-Wächtern totgeschlagen worden, berichtete Frankenthal. Der Brief beweise die Rolle deutscher Konzerne bei der Ermordung von Zwangsarbeitern.
Kurz zuvor hatte Frankenthal auch seine eigenen Erfahrungen als Zwangsarbeiter der I.G. Farben in Auschwitz-Monowitz geschildert. Nun
stand er am Redepult der Hauptver- sammlung umringt von schwer bewaffneten Saalschützern in Kampfuniformen. Zwischen denen und ihm bildeten junge Antifaschistinnen und Antifaschisten einen Schutzwall. Sie würden
sich prügeln lassen, bevor jemand den Zeitzeugen berühren könnte – das wurde jedem der knapp hundert Aktionäre im Saal klar.
Aufsichtsrats-Vorsitzender Krienke hatte Frankenthal das Wort entzogen, ihm das Mikrofon abgestellt, ihn vom Pult verwiesen. Doch der
alte Mann war stehengeblieben. Auf seinen Krückstock gestützt hatte er seine Rede fortgesetzt, ohne Mikrofon aber mit lauter Stimme – und mit Tränen in den Augen. Das hatte Krienke zur Weißglut gebracht. Die
„Sicher- heitskräfte“ sollten Frankenthal „an seinen Platz begleiten“, hatte er angeordnet.
Es ist Frankenthal zu verdanken, dass der Tumult nicht zu einer Massenschlägerei eskalierte. Wütend aber äußerlich gefasst verließ er die
Versammlung. „Hier herrscht ein Tonfall wie in Auschwitz“, meinte er am Ausgang zu Journalisten. Der Auschwitz- Überlebende blieb nicht der einzige, den Versammlungsleiter Krienke an diesem Tag vom Redepult
verteiben ließ. Ein Dutzend Kritische Aktionärinnen und Aktionäre meldeten sich zu Wort. Krienke solle „vor einem Mann wie Hans Frankenthal in Demut auf die Knie fallen“, forderte Dachverbands-Sprecher Mathews.
Dann begannen die Konzernkritiker, Berichte von überlebenden Zwangsarbeitern der ‘I.G. Farben zu verlesen. Jeder kam nur ein paar
Sätze weit, bevor die kahlgeschorenen Saalwächter wieder anrückten. Doch die nächsten Redner lasen jeweils an der gleichen Stelle des Manuskripts weiter – immer ein paar Sätze. Die „ritualkonforme“ Aktion, schrieb
das konservative ,Handelsblatt' am nächsten Tag anerkennend, „war offensichtlich gut vorbereitet.“
Auflösung überfällig
Hintergund der sich seit mehr als zehn Jahren wiederholenden Auseinandersetzungen
in den I.G. Farben Hauptversammlungen ist die Forderung nach sofortiger Auflösung des Firmenfossils, die vom Auschwitz-Komitee, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, dem Dachverband der Kritischen
Aktionärinnen und Aktionäre sowie von zahlreichen Antifaschistischen Gruppen erhoben wird. Das Restvermögen der Firma von etwa 25 Millionen Mark müsse vollständig für die Entschädigung der Zwangsarbeiter
verwendet werden, verlangen sie.
Die Mehrheit des Aktienkapitals folgte dieser Argumentation wie erwartet auch 1999 nicht. Mit mehr als 92 Prozent der Stimmen beschloß
die Hauptversammlung auf Vorschlag der Liquidatoren eine Entschädigungs-Stiftung, die mit lediglich drei Millionen Mark ausgestattet werden soll und auch nur die Zinsen dieses Kapitals ausschütten wird.
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