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I.G. Farben Hauptversammlung 2000

Rederecht für Neonazi
Rausschmiss für Antifaschisten

Julius Jäger von der rechtsextremistischen Partei ,Vereinigte Rechte‘ stellte sich
dreist ans Redepult der I.G. Farben Hauptversammlung und erklärte Entschädigungen
„für Zwangsarbeiter und Juden“ schlicht für überflüssig. Lautstarke Proteste aus
dem Saal zwangen ihn, seine Hetzrede zu unterbrechen. 

Der für seine rabiate Verhandlungsführung hinlänglich bekannte Aufsichtsratsvorsitzende Ernst Krienke schickte deshalb seine muskulösen Saalschützer in die Stuhlreihen, um die Zwischenrufer hinauszuwerfen. Mit äußerster Brutalität schleiften die ,Guards‘ daraufhin ein halbes dutzend Antifaschistinnen und Antifaschisten an Haaren und Beinen aus dem Saal und warfen sie auf die Straße. Ihre Kollegen verhinderten derweil mit ähnlichem Körpereinsatz, dass Fotos der Übergriffe gemacht werden konnten.

Nachdem Krienke alle ihm ungenehmen Aktionäre ausselektiert hatte, ließ er Jäger seine Tiraden fortsetzen, weil
der ja „zur Tagesordnung“ spreche. Kritische Aktionäre unterbrach er hingegen schon nach wenigen Sätzen barsch, wenn sie in ihren Reden an den jüngst verstorbenen Auschwitz-Häftling Hans Frankenthal erinnern wollten, der in früheren Hauptversammlungen stets für die Auflösung des Unternehmens und für gerechte Entschädigungen gestritten hatte.

Vor der Halle demonstrierten unter strenger Polizeibewachung 200 Menschen gegen den Fortbestand des Unternehmens. Die nur etwa 50 anreisenden Aktionäre mussten sich unter Schmährufen einen Weg zum Eingang erschleichen. VVN-Sprecher Peter Gingold und Esther Bejarano vom Auschwitz-Komitee riefen wie andere Kundgebungsredner die Ausbeutung hunderttausender Zwangsarbeiter im Dienst der I.G. Farben in Erinnerung.

In der Versammlung meldeten sich zahlreiche Kritische Aktionäre zu Wort und beantragten, die Liquidatoren und den Aufsichtsrat nicht zu entlasten, weil sie die Auflösung der Firma weiter verschleppen und die vor einem Jahr beschlossene Entschädigungs-Stiftung noch nicht eingerichtet haben.

„Das Geld für die Stiftung bekommen sie nicht zusammen“, schimpfte Dachverbands- Sprecher Henry Mathews, „aber die Gehälter der Liquidatoren haben sie im vergangenen Jahr fast verdreifacht.“ Laut Geschäftsbericht kassierten die beiden Abwickler 1999 zusammen 600.000 Mark von der I.G. Farben, die drei Aufsichtsratsmitglieder gemeinsam 90.000 Mark.

Liquidator Volker Pollehn kündigte an, die Stiftung „bald“ zu gründen. Allerdings solle sie „zunächst“ nur mit 500.000 Mark ausgestattet werden. Die Hauptversammlung im Vorjahr hatte ein Kapital von drei Millionen Mark beschlossen. Vertreter der überlebenden Zwangsarbeiter lehnen beide Summen als völlig unzureichend ab, zumal davon nur die Zinsen ausgeschüttet werden sollen. An der sogenannten Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft will sich die I.G. Farben nicht beteiligen.