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I.G. Farben nach dem II. Weltkrieg

In zwei Etappen zum Sieg –
Wie Bayer & Co. die Nachkriegsgeschichte bestimmen

von Dr. Janis Schmelzer

Nach der Zerschlagung des von den IG FARBEN maßgeblich mitinstallierten Hitlerfaschismus übten BAYER-Direktor Prof. Dr. Ulrich Haberland und andere Chemieführer Druck auf die Adenauer-Regierung aus, um die Enteignung der IG FARBEN zu verhindern. Im Ergebnis wurde die einst so mächtige Chemie-Industrie, die Abertausende von Zwangsarbeitern in Auschwitz und anderswo bis zum Tod ausgebeutet hatte, nicht abgewickelt, sondern lediglich halbherzig entflochten. Heute sind die Konzerne BAYER, BASF und HOECHST jeder für sich mächtiger und reicher, als es das IG FARBEN-Kartell jemals war.

Die Zeit vom Sommer 1947 bis zum Ende des Jahres 1948 war von der zunehmend gegen den Geist der Anti-Hitler-Koalition gerichteten neuen Politik des "Eisernen Vorhangs" geprägt, wie sie in der Fulton-Rede Churchills formuliert worden war. Mit dem ersten Schritt zur wirtschaftlichen und politischen Absonderung von Teilen Deutschlands in Gestalt der Bizone wurden im Herbst 1948 im "Vereinigten Wirtschaftsgebiet" der ehemaligen amerikanischen und britischen Zone auf dem Sektor der chemischen Industrie zur Regelung des Gesetzes Nr. 9 des Alliierten Kontrollrates vom 30. November 1945 über die"Beschlagnahme und Kontrolle des Vermögens der IG-FARBENINDUSTRIE" zwei entscheidende Gremien geschaffen: DieBIFCO = "Zweimächte-IG-FARBEN-Kontrollbüro" (BIPARTITE IG-FARBEN CONTROL OFFICE) rekrutierte sich aus amerikanischen und britischen Kontrolloffizieren. Zum Stab zählten seit 1945 ungefähr 400 deutsche "Experten", die dem US-Kontrolloffizier unterstanden.Ihr Büro befand sich im BAYER-Haus in Frankfurt/Main. Das zweiteGremium wurde abgekürzt FARDIP genannt ("Zweizonen-IG-FARBEN-Aufteilungsausschuß" bzw. BIZONAL IG-FARBENDISPERAL PANEL), das sich im Dezember 1948 konstituierte. Die Berufung dieses Gremiums wurde als grundlegende Änderung der bisher von den westlichen Besatzungsmächten verfolgten IG-FARBEN-Politik gewertet. (1) Wohl mit Recht.

Unmittelbar nach der Aufforderung der BIFCO, die Mitglieder des FARDIP-Ausschusses zu benennen, fanden auf Initiative der "Arbeitsgemeinschaft Chemische Industrie des Vereinigten Wirtschaftsgebietes" im August 1948 Beratungen über die prinzipielle Linie bei der Auswahl der Experten statt. An diesen Beratungennahmen neben Prof. Ludwig Erhard allein drei Vertreter der IG-FARBEN teil. In der Beratung wurde zunächst folgender Standpunkt erarbeitet: "Der FARDIP-Ausschuß soll aus erstklassigen Fachleutender Chemie, der Rechts-, Finanz- und Wirtschaftswissenschaft bestehen. Eine Besetzung des Gremiums mit politisch abgestempelten Persönlichkeiten soll vermieden werden. Da die Entflechtung im Augenblick als eine der bedeutendsten politischen Fragen betrachtet werden muß, ist es notwendig mit den Vertretern der Politik und den Vertretern der möglicherweise hier aufkommende Interessen Fühlung zu halten." In einer weiteren Beratung, zu der auch Bankier Hermann Josef Abs hinzugezogen wurde, kam es zur erwarteten Bestätigung der Generallinie. Sie fand lediglich eine Erweiterung hinsichtlich der "Beteiligung und Berücksichtigung von Gewerkschaften und Verbänden", entsprechend des Grundsatzes, die Zusammensetzung des Ausschusses nur "rein fachlich" vorzunehmen. Zur politischen Abschirmung sollte eigens ein "Beirat" geschaffen werden (2). Die erste, am 6. September 1948 eingereichte Personalliste des Verwaltungsrates der Bizone FARDIP enthielt noch die Namen des Kriegsverbrechers Hermann Josef Abs und des ehemaligen Nazi-Wehrwirtschaftsführers und Vorstandsvorsitzenden der VEREINIGTEN GLANZSTOFF-FABRIKEN AG, Dr. Ernst H. Vits. Die Auswahl sei unter Berücksichtigung des "allgemeinen Ansehens, das sie in weitesten Kreisen des deutschen Volkes und der Wirtschaft genießen" erfolgt und der "besonderen Kenntnisse und Erfahrungen, die sie auf dem allgemein wirtschaftlichen, rechtlichen, finanziellen, betriebswirtschaftlichen oder chemisch-technischen Gebiet besitzen", hieß es zur Begründung. (3)

FARDIP nahm zahlreiche Neuordnungsvorschläge entgegen, so von Aktionärsvereinigungen, Vertretern der Gründerfamilien und Gewerkschaften. Aus der Reihe der Besetzungsvorschläge, die an FARDIP herangetragen wurden, erscheint der von Dr. Leisler-Kiep (Taunus) am bemerkenswertesten. Leisler-Kiep sprach sich unverblümt für den status quo ante aus, d. h. für die Wiederherstellung des Zustandes, wie zur Gründung der IG-FARBEN im Jahre 1925. Dieser, aus dem März 1948 stammende Vorschlag, werde, so hieß es, vom Vorsitzenden des Decartellisations-Branch unterstützt, der sich "von dem großen geschäftlichen Wert der Firmennamen der Gründer, HOECHSTER FARBENWERKE, BAYER, BASF, überzeugt habe und infolgedessen ihr Wiedererstehen zulassen würde". (4)

Voraussetzung für die Realisierung dieses Vorschlages sei, daß die Initiative von den Eigentümern der IG-FARBEN ausgehen müsse. Ein solcher Schritt würde einen ungeheuren Eindruck in der US-amerikanischen Öffentlichkeit auslösen, den Vertretern der Morgenthau-Pläne den "Wind aus den Segeln" nehmen, aber vor allem die IG-FARBEN "privatwirtschaftlich unantastbar" machen. (5)

Am 29. Juni 1950 unterbreitete FARDIP ihre "Grundlinien eines Gesamtplanes zur Entflechtung der IG-FARBEN-Industrie i. A." (6). Die Leitgedanken dieses Gesamtplanes beruhten im wesentlichen auf dem Vorschlag der IG-FARBEN "Beschleunigte Aufteilung statt Chemietreuhandverband", ausgearbeitet und vorgelegt durch die "Arbeitsgemeinschaft der Schutzvereinigungen für Wertpapierbesitz, Düsseldorf" vom Dezember 1949. (7) Als Alternative zum Gewerkschaftsvorschlag wurden folgende Nachfolgegesellschaften genannt:

1. die BASF mit den Werken Ludwigshafen und Oppau; 2, die Farbenfabriken BAYER mit den Werken Leverkusen, Dormagen, Uerdingen und Wuppertal-Elberfeld; 3. die Farbwerke HOECHST mit den Werken Frankfurt-Hoechst/Main, Griesheim, Mainkur und Offenbach. Diese Gliederung entsprach der bis zum Zusammenbruch des Hitlerfaschismus bestehenden Einteilung des Gesamtbetriebes des Konzerns in die Betriebsgemeinschaften Oberrhein, Niederrhein und Mittelrhein (Maingau). Die weiteren nicht genannten ehemaligen Betriebsgemeinschaften "Mitteldeutschland" und "Berlin" lagen im Gebiet der sowjetischen Besatzungszone.

Vom Herbst 1950 bis Dezember 1951 leistete die Bonner Bundesregierung einen enormen Arbeitsaufwand, um mit den westlichen Besatzungsmächten Einzelheiten über die Zusammensetzung der großen Nachfolgegesellschaften der IGFARBEN zu regeln. Auffallend ist, daß der damit befaßte Personenkreis weitgehend mit dem identisch war, der bereits ein Jahr vor der Gründung der BRD die Interessen der IG FARBEN direkt vertrat. Prof. Dr. Erhard und Dr. Brentzel (vor 1945 führenderMitarbeiter im IG FARBEN-Büro "Berlin NW 7" und im"Ostministerium" sowie zeitweilig Oberkriegs-Verwaltungsrat bei der Hitlerschen Militärregierung in Prag) waren 1948 als Leiter der "Verwaltung für Wirtschaft" der Bizone tätig. W. A. Menne (späteres Vorstandsmitglied der FARBWERKE HOECHST), Dr. Erlenbach und Dr. Haberland (Generaldirektor der BAYER-WERKE) waren 1948 Vertreter der "Arbeitsgemeinschaft Chemie".

Im Zentrum der Verhandlungen in dieser Etappe stand das von den Vertretern der IG FARBEN erarbeitete Dokument zur "Aufteilung der IG-FARBENINDUSTRIE AG", das im Oktober 1950 als Entwurf der "Vorschläge der Bundesregierung an die Alliierte Hohe Kommission" (AHK) (8) vorlag und im Dezember 1950 als "Memorandum der Bundesregierung" vom Bundeskanzler Adenauer an den Geschäftsführenden Vorsitzenden der Alliierten Hohen Kommission, Botschafter Francois-Poncet übermittelt wurde. (9) Adenauer bat in seinem Anschreiben darum, den Aufteilungsplan zum Gegenstand von Besprechungen zwischen den Sachverständigen des Bonner Wirtschaftsministeriums und den beteiligten Stellen des AHK werden zu lassen. So nahmen auch am 29. Mai 1951 an der erbetenen Beratung außer Prof. Erhard allein drei Vertreter der ehemaligen IGFARBEN teil. Laut Protokoll gab Prof. Erhard folgende Erklärung ab:"Die Verantwortung für das Gesetz Nr. 35 – auch vor der Geschichte – könne die Bundesregierung nicht übernehmen." (10)

In der am 27. September 1951 erneut angesetzten Beratung des gleichen Gremiums, an der auch Abs teilnahm, sprach sich Prof. Erhard erneut gegen das Kontrollrat-Gesetz aus. Dieses Mal ging es um die noch übliche Auslegung des Artikels 10, nach der Mitglieder des Vorstandes und des Aufsichtsrates der früheren IG FARBEN von der Aufnahme in die Organe der Nachfolgegesellschaften ausgeschlossen werden sollten, da nach diesem Artikel Kriegsverbrecher auszuschließen seien. Erhard setzte sich für eine grundsätzliche Klärung der Personalfragen ein. Um eine konkurrenzfähige Wirtschaft zu gewährleisten, seien die ehemaligen "leitenden Herren der IG" gerade die "besten Männer" für eine Übernahme der Nachfolgegesellschaften. Sie seien "am geeignetsten für die Liquidation und Führung der Nachfolgegesellschaften", zumal diese Herren schon selbst Entflechtungspläne entworfen hätten. Prof. Erhard sprach sich hinsichtlich der Besetzung für eine sofortige stabile Lösung aus. Abschließend äußerte er sich noch einmal zur Frage der früheren Vorstandsmitglieder des Kriegsverbrecherkonzerns wie folgt: "(…) bei vielen Deutschen (sei) eine innere Wandlung erfolgt (…). Im Himmel sei mehr Freude über einen reuigen Sünder als über 1.000 Gerechte. Er schlage einen kleinen Ausschuß für die Regelung der Personalfragen vor (…)." (11)

Der ehemalige Mitarbeiter der Abteilung für Entkartellisierung der US-Militärregierung in der BRD, J. Martin, charakterisierte diese Situation folgendermaßen: "Die Veränderungen in der amerikanischen Wirtschaftspolitik gegenüber Deutschland, die Wiedereinsetzung der Nazis in ihre alten Stellungen, die Förderung der Kartelle, die Spaltung Deutschlands durch die Bildung Bizoniens und dann Trizoniens – das alles sind eigenartige Gegenmaßnahmen, die die Erlangung der deutschen Unterstützung gegen Rußland zum Ziele haben." (12) Am14. Dezember 1951 eröffnete W. A. Menne in der Rhein-Main-Bank in Frankfurt/Main die erste Sitzung des Aufsichtsrates der IG-Nachfolgegesellschaft FARBWERKE HOECHST. Menne erklärte, daß die Verhandlungen in den letzten Wochen mit westdeutschen undalliierten Stellen erfolgreich gewesen seien. Zwar müßten formell für eine gewisse Übergangszeit noch Treuhänder in Funktion bleiben, der Vorstand könne aber faktisch so handeln, als ob er bereits die volle Verantwortung trage. (13)

Bemerkenswert offen ist das von H-D. Kreikamp formulierte Resümee der Entflechtung. Die formale Auflösung des IG FARBEN-Monopols hätte "keine grundsätzliche Entscheidung gegen Monopolbildung in der westdeutschen Wirtschaft" bewirkt, sondern solche Strukturen sogar begünstigt. Die Bemerkung, eine Wiedergeburt der IG FARBEN, die den Wünschen der IG FARBEN entsprochen hätte, sei selbst nicht erfolgt, da nur weniger als die Hälfte des Besitzes in den Westzonen lag, weist auf den revanchistischen Anspruch auf die in den sozialistischen Ländern verlorengegangenen Werke hin. "Formellwaren an die Stelle eines Monopol-Unternehmens mehrere zumindest den Binnenmarkt beherrschende Großgesellschaften getreten, die hinsichtlich ihrer Zielsetzung die Unternehmenspolitik `im alten Geist' fortführen." (14) Darüber hinaus blieben die Besitzverhältnisse unangetastet und "werden maßstabsgetreu auf die Neugründungen übertragen." (15)

Anmerkungen:
1) Trouet, Klaus. Der HOECHST-Konzern entsteht. Die Verhandlungen über die Auflösung von IG-FARBEN und die Gründung der FARBWERKE HOECHST AG 1945 bis 1953. Teil I. Dokumente aus HOECHST-Archiven. Beiträge zur Geschichte der Chemischen Industrie. HOECHST AG, Frankfurt/M. 1978. Dokument Nr. 6, S. 29ff.. Dok. Nr. 7. S. 32-35
2) ebd. Dok. Nr. 9. S. 38. ff.
3) ebd. S. 40
4) ebd. Dok. 13. S. 51
5) ebd. S. 47ff
6) ebd. Dok. Nr. 18
7) ebd. Dok. Nr. 15. S. 54ff.
8) ebd. Dok. Nr. 21. S. 70-82
9) ebd. Dok. Nr. 29. S. 126
10) ebd. Dok. Nr. 40. S. 161
11) ebd. Dok. Nr. 48. S. 182f.
12) Martin, J. All Honorable Men. New York 1950
13) Trouet, Klaus. a.a.O. Dok. Nr. 52. S. 189-192
14) Kreikamp, Hans-Dieter. Die Entflechtung der IG-FARBENINDUSTRIE AG und die Gründung der Nachfolgegesellschaften. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Stuttgart, 1977/2, S. 250
15) ebd.
16) Otto Köhler in KONKREIT 8/97, S. 30
17) ebd
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