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Stiftung I.G. Farben will UBS verklagen

I.G. Farben Stiftung will UBS verklagen

Anteil für Zwangsarbeiter bleibt völlig offen

Bericht aus Berlin von Henry Mathews, 26. März 2004

Am Ende blieben mehr offene Fragen als Antworten – und ein skeptischer Ex-Innenminister. Zwei Stunden lang hatten die ehemaligen Liquidatoren der I.G. Farben AG und ihre Anwälte unter dem infamen Motto „I.G. Farben is changing it’s colours“ am Freitag in Berlin versucht, der Presse ihren Plan zu erläutern, mit dem sie angeblich eine Milliardensumme fĂĽr ĂĽberlebende Zwangsarbeiter beschaffen wollen. 

Kernpunkt ist eine Klage gegen die Schweizer Großbank UBS, deren Vorgängerin Schweizer Bankgesellschaft sich nach dem zweiten Weltkrieg das Vermögen der Firma Interhandel einverleibt hatte. Die soll eine getarnte Tochter der I.G. Farben gewesen sein, auch wenn Gerichte das in den 80er Jahren anders sahen. „Doku- mente in russischen und Schweizer Archiven sind erst kürzlich zugänglich geworden, und damit,

meint Rechtsanwalt Matthias Druba, ließe sich die Verflechtung beider Firmen belegen. Das auf 2,2 Milliarden bezifferte Interhandel-Vermögen wollten sich die heutigen Aktionäre der vermeintlichen Mutter I.G. Farben schon längst zurück holen.

Nun soll ein – unbenannter – Teil davon der im Jahr 2001 von der Firma gegründeten „Stiftung I.G. Farbenindustrie“ und damit bedürftigen Zwangsarbeitern zu Gute kommen. Zumindest definieren die Vorstände der Stiftung, Otto Bernhardt und Volker Pollehn, dies als ihr Ziel. Seit der Insolvenzmeldung des Skandalunternehmens im November 2003 leiten die beiden CDU-Politiker zwar nicht mehr die Firma I.G. Farben, aber weiterhin die gleichnamige Stiftung, die von der Insolvenz nicht betroffen ist.

Für ihr UBS-Projekt haben sie neben Anwalt Druba auch seinen amerikanischen Kollegen Gary Osen engagiert. Beide haben sich mit einer Entschädigungsklage für die von den Nazis enteignete Kaufhaus-Familie Wertheim gute Namen gemacht. Osen ist wichtig für das Vorhaben, weil die Klage gegen UBS bei einem Gericht in den USA eingereicht werden soll. Das geplante Vorgehen sei mit den „wesentlichen Aktionären“ der I.G. Farben und mit Insolvenzverwalterin Angelika Amend abgestimmt, berichtete Druba, womit ein „verlässlicher Ansatz“ bestehe.

Moralische Legitimität für das Projekt sollen Ex-Innenminister Gerhart Baum und Professor Ernst Ludwig Ehrlich sicherstellen. Letzterer ist ehemaliger Präsident und heutiger Ehren-Vizepräsident der B’nai B’rith, die nach seinen Worten die mitgliederstärkste jüdische Organisation weltweit ist. Positiv verliefen laut Druba auch Gespräche mit der amerikanischen Organisation Blue Card und mit Professor Micha Brumlik, dem Direktor des Fritz Bauer Instituts in Frankfurt.

Gerhart Baum, jetzt Rechtsanwalt in Köln, betont, er habe „kein Mandat“ für den Fall, sondern wolle „das Projekt kritisch begleiten“. Eine Klage gegen die UBS in den USA ist für ihn „das letzte Mittel“, dem er „eine Verhandlungslösung vorziehen“ würde. Gründliche Recherche und ehrliches Engagement bewies Baum, indem er vor den Medienvertretern im Haus der Bundespressekonferenz die Erklärung „Das Restvermögen der I.G. Farben gehört den Zwangsarbeitern“ mit vollem Titel erwähnte. Die Erklärung war im Januar 2004 von Überlebenden des Nazi-Terrors und von Vertretern ihrer und der sie unterstützenden Organisationen unterzeichnet und veröffentlicht worden. „Aktionärsinteressen dürfen nicht dominieren“, bekräftigte Baum im Hinblick auf seine weitere Mitarbeit an dem Projekt.

Die Journalisten in der Pressekonferenz der
sechs Herren wurden trotz dieses Bekennt-
nisses ungehalten, als sie auf beharrliche
Nachfragen nur unklare und ausweichende
Antworten erhielten. „Es hat keinen Sinn, jetzt
über Prozente zu sprechen“, wand sich etwa
Anwalt Druba. Dabei ist dies die entschei-
dende Frage, denn ein wesentlicher Teil der
Interhandel-Gelder würden – wenn die UBS
sie herausrücken müsste – nicht bei den
Zwangsarbeitern, sondern in den groĂźen
Taschen der I.G. Farben Aktionäre landen,
weil die Stiftung die UBS nicht selbst verkla-
gen kann, sondern dafĂĽr auf die Hilfe der
Kölner „IG Farben Aktionärsvereinigung e.V.“
angewiesen ist.

Diesen Verein hatten 1982 acht gierige
Aktionäre gegrĂĽndet, und die Firma hatte 
ihm fast ihre gesamten AnsprĂĽche gegenĂĽber
der UBS ĂĽbertragen. Die damalige Klage des
Vereins scheiterte, woraufhin er schon 1989
wieder aus dem Vereinsregister gelöscht
wurde. Erst 2003 belebte ihn der Spekulant
Rüdiger Beuttenmüller – ein wegen Bilanz-
fälschung verurteilter Kaufmann – wieder
teilweise zum Leben. Gemeinsam mit einem
Kollegen ließ er sich vom Kölner Amtsgericht
zum „Pfleger“ des Vereins bestellen und
beauftragte den umstrittenen US-Anwalt
Ed Fagan mit einer Klage gegen die UBS.
Dessen medienwirksam inszenierte Klage-
einreichung zum Jahreswechsel 2003/2004
hat sich jedoch erledigt, denn inzwischen hat
das Kölner Oberlandesgericht Beuttenmüller
& Co. wegen fehlender moralischer Integrität
als Pfleger wieder abberufen.

Einen verlässlichen Nachfolger zu finden,
ist nun Aufgabe des zuständigen Gerichts.
Matthias Druba hofft auf die Benennung einer
Person, die auch die Interessen der Zwangs-
arbeiter berĂĽcksichtigt, obwohl der Verein
laut Satzung verpflichtet ist, das Interhandel-
Vermögen nur an die Aktionäre der I.G.
Farben zu verteilen.

Resolution der ehemaligen
Sklavenarbeiter der I.G. Farben

Wir, die ehemaligen Sklavenarbeiter der
I.G. Farben, die in Buna-Monowitz zur
„Vernichtung durch Arbeit“ bestimmt
waren, erklären, dass das folgende
Vermögen uns gehört:

  1. alles Geld, das die I.G. Farben
    in Auflösung besitzt
  2. alles Vermögen der früheren
    I.G. Chemie / Interhandel
    in der Schweiz
  3. alle Immobilieninvestitionen der
    I.G. Farben in Auflösung
  4. alles Stiftungskapital der
    „Stiftung I.G. Farbenindustrie“
  5. alle Profite der Aktionäre von
    I.G. Farben in Auflösung

Wir sind die einzigen rechtmäßigen
Gläubiger der I.G. Farbenindustrie!

Verabschiedet auf dem Treffen der
Ăśberlebenden von Buna Monowitz 2004,
Frankfurt am Main, den 26.03.2004

Das Dokument trägt 30 Unterschriften

Auf eine erfolgreiche Klage des Vereins oder auf einen Vergleich mit der UBS gründen die Vorstände der Stiftung I.G. Farben nun ihr Vorhaben. Die überlebenden Zwangs-
arbeiter können dabei nur hoffen, dass die Aktionäre freiwillig auf einen Teil der Schweizer Milliarden verzichten und ihn an die Stiftung spenden. Die Höhe dieser erhofften „Spende“ auch nur annähernd zu benennen, weigerten sich Bernhardt, Pollehn und ihre Anwälte beharrlich. „Die Prozente müssen vor der Klageerhebung geklärt werden“, viel ihnen deshalb Gerhart Baum ins Wort, und Professor Ehrlich pochte vehement auf „den größten Teil“. Auch deshalb, so Ehrlich, müsse „schnellstmöglich das Kuratorium besetzt werden“.

Dieses oberste Gremium der Stiftung muss jetzt die Insolvenzverwalterin der I.G. Farben AG; die Rechtsanwältin Angelika Amend, berufen, die am Donnerstag das ordentliche Insolvenzverfahren über die Skandalfirma eröffnete. Ihre seit Monaten wiederholten Bekenntnisse, die Interessen der Opfer wahren zu wollen, muss sie nun unter Beweis stellen. Ex-Liquidator Otto Bernhardt hält ihre Aufgabe hingegen für simpel, denn „die Immobilien reichen aus, um alle Bankkredite zu bedienen“ ist er sich sicher. „Nur die Rechnung des Wirtschaftsprüfers und ein paar andere kleine Rechnungen bleiben offen.“

Der einzige Lichtblick der Pressekonferenz kam erst auf Nachfrage ans Licht: Wenn die Stiftung Teile des Interhandel-Vermögens erhält, wird sie es nicht ihrem Kapitalstock zuführen, wo sie es nicht mehr anrühren und nur seine Zinserträge ausschütten dürfte. „Wenn, dann kommt das Geld als Spende“, stellte Anwalt Druba klar, „und die darf und wird die Stiftung sofort weitergeben.“

Bedürftige Empfänger zu finden, soll dann Aufgabe von B’nai B’rith sein. „Wir haben den Schlüssel“, so deren Professor Ehrlich, „damit die Richtigen das Geld bekommen, die bislang durch alle Entschädigungsnetze gefallen sind, weil sie zu alt oder zu krank sind, um Anträge zu stellen. Wir gehen auch in die Dörfer.“

Zur Forderung, das gesamte Interhandel-Vermögen den Überlebenden zu überlassen, zuckt Anwalt Druba allerdings die Schultern. Eine „angemessene Teilung“ sei ihm „lieber als gar nichts für die Opfer“, und eine andere Lösung sei juristisch unmöglich, denn „die Zwangsarbeiter haben keinen direkten Anspruch gegenüber der UBS.“ Deshalb arbeiten er und sein Kollege Osen auch gratis für die Stiftung. Ihre Honorare wollen sie aus dem Anteil der Aktionäre beziehen.

Die früher diskutierte Finanzierung der Klage durch Aktionäre wie den rechtslastigen Bolko Hoffmann, der sich dadurch weiteren Anspruch auf Anteile erworben hätte, ist somit hinfällig. „Es gibt keine Aktionäre, die etwas finanzieren“, bekräftigt Druba. Er und Osen trügen allein das Risiko.

Scharfen Protest gegen die Teilung der Gelder mit den Aktionären erhoben derweil
30 Ăśberlebende des frĂĽher von der I.G. Farben betriebenen Konzentrationslagers
Auschwitz-Monowitz bei einem Treffen in Frankfurt. „Alles Vermögen der Interhandel
gehört uns“, erklärten sie am Freitag in einer Resolution. Wohl auch deshalb gestand
Gerhart Baum gegenĂĽber einigen Journalisten ein, er stehe dem Projekt der Stiftung
„noch skeptisch gegenüber.“


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