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Verbrechen der I.G. Farben

Februar 1995 – Aufruf

Nie wieder!
50 Jahre Kriegsende.
50 Jahre Befreiung des KZ Auschwitz.
Die Verantwortung der IG Farben.

Das Jahr 1995 steht weltweit im Zeichen des Kriegsendes vor 50 Jahren. Bereits jetzt steht fest, daß ein Thema in den vielen mahnenden Feierlichkeiten zu kurz kommt: Die Rolle der großen multinationalen Konzerne bei Vorbereitung und Durchführung des II. Weltkriegs, vornehmlich die Verantwortung der IG Farben.

Mitverantwortung für Krieg und Naziverbrechen

Die IG Farben, der Zusammenschluß von Agfa, BASF, Bayer, Hoechst und einigen kleineren deutschen Chemiefirmen, nahm damals als weltgrößter Chemiekonzern eine führende Rolle ein. Die IG Farben war der größte Einzel-Finanzier der NSDAP; sie befürwortete ausdrücklich deren Kriegspläne und schaffte mit ihren Hitler persönlich gemachten Zusicherungen der Lieferung von Treibstoff, Munition etc. überhaupt erst die Möglichkeit für die Nazis, einen internationalen Krieg loszubrechen. Der Vorstand der IG Farben legte seine Interessen z.B. in einem Papier mit dem Titel „Neuordnung“ nieder: Dort plante die IG Farben die (wirtschaftliche) Eroberung der Welt im Gefolge der nationalsozialististischen Heerscharen.

Die IG Farben mit ihren Niederlassungen, Töchtern und Verbindungen in aller Welt, auch in den USA, verdiente auf beiden Seiten der (West-)Front. Sowohl die Nazi-Bomber, als auch die Maschinen der West-Alliierten flogen mit IG Farben-Sprit. Die IG Farben verdiente an todbringenden Waffen, an Medikamenten für sterbende Soldaten, an der „Industrialisierung“ des Völkermords in den KZs, an der massenhaften Versklavung von Häftlingen und „Feindbevölkerung“, an der Einverleibung aller nur irgend geeigneten „eroberten“ Betriebe.

Perverse Verbrechen und Massenmord

In ihrer Profitgier hat die IG Farben keine Perversion ausgelassen: Für geringe Beträge von der SS „gekaufte“ Häftlinge wurden in grausamen „medizinischen und anderen Versuchen im Dienste der Wissenschaft“ bei vollem Bewußtsein zu Tode gequält; der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung wurde mit dem Giftgas Zyklon B „perfektioniert“; im IG Farben eigenen KZ Auschwitz III (IG Monowitz) und seinen Nebenlagern wurden cirka 370 tausend Häftlinge bis zum Tod ausgebeutet.

Während des Kriegs war bei den Siegermächten unter Führung der USA der Wille entstanden, den „Blutkonzern“, die Nazi-Führung und einige andere Konzerne und Großbanken vor ein internationales Kriegsverbrecher-Gericht zu stellen. Unmittelbar nach der Niederlage begannen die Vorbereitungen des Prozesses gegen die IG Farben unter Führung der US-amerikanischen Militärbehörden (nicht ein Manager der IG Farben fand sich in der Sowjetzone). Doch überraschend wurde der US-Staatsanwalt selbst Opfer mächtiger IG Farben-Kräfte in den USA und des Wandels in der politischen Strategie der Westmächte hin zum Kalten Krieg. Der Chef-Ankläger wurde seiner Mittel beraubt, die Anklage verwässert und er persönlich als „Kommunist“ diskreditiert.

Milde Strafen

Trotzdem kam es im Juni 1947 noch zum Prozess. Doch: Alle Angeklagten kamen trotz erdrückender Beweislast mit lächerlichen Strafen bzw. sogar mit Freisprüchen bei bestimmten Anklagepunkten davon, nicht einer der Verurteilten mußte seine Strafe vollständig absitzen. Stattdessen nahmen sie ihre Posten in den alten IG Farben-Firmen und anderswo wieder auf und einige wurden sogar mit Orden der neuen Bundesrepublik ausgezeichnet. Der verurteilte IG Farben-Chef Fritz ter Meer z.B. war bereits 1956 wieder Vorsitzender des Aufsichtsrats bei Bayer.

Die IG Farben Nachfolger stellen (wie andere verstrickte Konzerne und Banken ebenfalls) ihre Geschichte von etwa 1925 bis 1952 im Hinblick auf die Verbrechen der Nazizeit lückenhaft, irreführend und/oder verharmlosend dar. Bayer – die ehemalige IG Farben-Schwester Agfa gehört heute zum Konzern – schreibt z.B. in ihren „Meilensteinen“, die anläßlich des 125-jährigen Konzernjubiläums 1988 erschienen, zur „Verstrickung“ der IG Farben in den Naziterror (dieses Wort kommt natürlich nicht vor): „Man sah … (die Verstrickung) als Folge einer Zwangslage, in der die meisten nicht anders gehandelt hätten und gehandelt haben.“ Die BASF bewies noch 1991 ihr mangelndes Schuldbewußtsein, indem sie „aus Versehen“ die letzten erhaltenen Überreste, Baracken, Gaskammern und Krematorien, des ehemaligen IG-Farben-KZs Schwarzheide planierte.

Und heute?

Seien wir uns deshalb anläßlich des Gedenkjahrs 1995 stets bewußt: Jede der IG Farben-Firmen BASF, Bayer und Hoechst ist heute um ein Vielfaches mächtiger und gigantischer als die IG Farben seinerzeit. Diese drei Konzerne handeln trotz der formalen Auflösung der alten IG Farben in informeller Verbundenheit auf der Grundlage gemeinsamer Profitinteressen absolut homogen. Dafür stehen u.a. die Vermeidung jeder existenzgefährdenden Konkurrenz ebenso wie die Kontinuität beim gemeinsamen Besitz alter IG Farben-Werke im Ausland und die Teilung von Führungspositionen in nationalen und internationalen Chemie-Gremien in einvernehmlichem Wechsel.

Die Profitgier der großen deutschen Konzerne und Banken hat bereits zweimal innerhalb eines Jahrhunderts dazu beigetragen, die Welt in Schutt und Asche zu legen. Die IG Farben hatte wesentlichen Anteil daran. Ohne Aufarbeitung der Vergangenheit besteht jederzeit die Gefahr einer Wiederholung.

Wir fordern:

Anläßlich des 50. Jahrestages der Befreiung von Hitler und seinen Nazi-Schergen müssen die verantwortlichen Hintermänner aus der Wirtschaft in das Rampenlicht gestellt werden. Die IG Farben-Firmen BASF, Bayer und Hoechst und die noch immer existierende IG Farben i.L. müssen anläßlich dieses Gedenkjahres mit ihrer Schuld konfrontiert werden.

Die angemessene Entschädigung aller IG Farben-ZwangsarbeiterInnen und ihrer Hinterbliebenen durch die Nachfolgefirmen muß endlich erfolgen.

Die Nachfolgefirmen müssen die Finanzierung und den Erhalt der die IG Farben betreffenden Gedenkstätten Auschwitz und Schwarzheide sicherstellen.

Die IG Farben-Nachfolger müssen endlich den freien Zugang zu ihren Archiven gewähren.

Die IG Farben i.L. muß sofort aufgelöst, der Handel mit diesen „Blut-Aktien“ muß sofort unterbunden werden.

Pensionszahlungen an ehemalige IG Farben-Verantwortliche müssen eingestellt werden.

Wir werden diese Forderungen in Gegenanträgen, Aktionen und Redebeiträgen in den Hauptversammlungen der IG Farben-Firmen vertreten. Beteiligung aller Interessierten ist erwünscht. Sollten Sie Aktien der IG Farben-NachfolgerInnen besitzen, bitten wir Sie um die Übertragung Ihrer Stimmrechte.

ErstunterzeichnerInnen:

Aktion Alternativer BASF-AktionärInnen (AABA), Mannheim; Hans Frankenthal, Auschwitzkomittee, Dortmund; Bundesverband Information und Beratung für NS-Verfolgte, Köln; Coordination gegen BAYER-Gefahren (CBG), Düsseldorf; Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, Köln; Höchster Schnüffler un‘ Maagucker, Frankfurt am Main; Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bund der Antifaschisten (VVN/BdA), Landesverband Niedersachsen, Hannover; VVN/BdA, Landesverband NRW, Wuppertal; Verein zur Erforschung der nationalsozialistischen Verfolgung von Zwangsarbeitern durch IG Farben in Auschwitz, Hamburg.