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Kritik zur KWS Hauptversammlung 1994

KWS-Kritiker gegen Freisetzung
genmanipulierter Pflanzen

Erste Gegenanträge zur Hauptversammlung

Die im April 1993 begonnenen Freilandversuche mit gentechnisch manipulierten Pflanzen brachten der Kleinwanzlebener Saatzucht AG (KWS) in diesem Jahr erstmals drei Gegenanträge zu ihrer Hauptversammlung ein. Kleinaktionär Marco Tamm, Mitglied der Göttinger Umweltinitiative ,Arche GENoah‘, kritisierte in seinen Gegenanträgen die bewußt in Kauf genommenen Risiken der Freisetzungsversuche. Sie würden jeder landwirtschaftlichen Notwendigkeit entbehren und fungierten als „Türöffner“ für die Gentechnik in Deutschland, sagte Tamm in der Hauptversammlung.

Die Freisetzungen der KWS hätten wohl keine größeren Schlagzeilen gemacht, wenn nicht eine große Zahl von Kritikern der Gentechnik in der öffentlichen Anhörung zu diesen Freilandversuchen im Winter 1993 auf die Risiken aufmerksam gemacht hätten. Die Kritik an den Versuchen bekräftigten sie mit einer sechswöchigen Besetzung der Anbauflächen im April und Mai 1993, was das Unternehmen jedoch nicht von der Durchführung der versuche abhielt.

In seinen Gegenanträgen forderte Tamm, weder den Vorstand noch den Aufsichtsrat zu entlasten. Außerdem forderte er die Aktionäre auf, nicht für eine Ausschüttung einer Dividende von zehn Mark zu stimmen, sondern nur eine Ausschüttung von sieben Mark zu beschließen und den Restbetrag von 2.002.000 Mark zur Einrichtung eines Forschungsschwerpunktes „Saatgut für die biologische Landwirtschaft“ bereitzustellen.

Erste deutsche Freisetzung

Bei den Freilandversuchen, die 1994 fortgesetzt werden sollen, handelte es sich um die erste Freisetzung gentechnisch manipulierter Nutzpflanzen in Deutschland. Auf zwei Versuchsflächen, in Wetze (Niedersachsen) und in Oberviehhausen (Bayern), wurden gentechnisch veränderte Zuckerrüben ausgepflanzt.

Sie besitzen drei Resistenzen: gegen die viröse Wurzelbärtigkeit Rizomania, gegen das Totalherbizid BASTA der Firma Hoechst und gegen das Antibiotikum Kanamycin. Außerdem wurden für das Berliner Institut für Genbiologische Forschung (IGF) in Wetze Versuche mit genmanipulierten Kartoffeln angelegt.

Hoechst war an der KWS bislang mit zehn Prozent beteiligt. Zum Jahresbeginn 1994 ging diese Aktienbeteiligung in die von Hoechst und Schering gemeinsam neugegründete AgrEvo GmbH ein.

Wohnzimmeratmosphäre

Nur etwa 300 Menschen besuchten die Hauptversammlung der KWS, obwohl sie das zehntgrößte Saatgutunternehmen der Welt ist. Grund dafür sind die Mehrheitsverhältnisse: Über 50 Prozent des Stammkapitals liegen in den Händen der Gründerfamilien. Weitere 25 Prozent der Aktien hält die Südzucker AG. Die restlichen Aktien teilen sich zu etwa je 10 Prozent auf die AgrEvo und die schwedische Hilleshoeg AG auf. Nur ungefähr zwei Prozent des Stammkapitals befinden sich im Streubesitz.

Detailierte Kritik

In seinem fünfzehnminütigen Vortrag ging Marco Tamm noch einmal auf die Gefahren der Freisetzung von gentechnischen Pflanzen ein. Die Risiken der Freisetzung seien nicht zu überschauen, so Tamm, da zum Beispiel noch 95 Prozent der Bodenmikro-organismen unerforscht seien und so eine Wechselwirkung damit überhaupt nicht untersucht werden könne.

„Das Bundesgesundheitsamt hat zwar entschieden“, ging Tamm auf die verantwortbarkeit der Versuche ein, „daß nach dem ,Stand des Wissens‘ von den Versuchen keine Gefahren zu erwarten sind. – Aber was heißt das? Was bedeuten diese Worte, die von einer Behörde ausgesprochen wurden, die mittlerweile aufgelöst ist, weil sie im Skandal um HIV-infizierte Blutkonserven ihre Unschuld verlor. Können wir uns unsere eigene Verantwortung von solchen Institutionen abnehmen lassen, und haben wir nicht doch alle die Freisetzungen mit zu verantworten?“

Allgemeine, politische, ethische, religiöse, sozioökonomische, psychologische oder gesellschaftspolitische Gesichtspunkte seien bei der Entscheidung nicht berücksichtigt worden. Die Wissenschaft grenze sich weiter von der Gesellschaft ab, sagte Tamm.

„Aber wohin haben uns die Wissenschaft und der ,Stand des Wissens‘ geführt? Können wir heute den ‘Con-tergan’-Opfern sagen: Nach dem ,Stand des Wissens‘ hätte nichts passieren können!? Wie sieht es mit den Pestiziden aus? Nach dem ,Stand des Wissens‘ hätte es keine Grundwasserbelastung geben dürfen. Nun hat sich unser ,Stand des Wissens‘ vergrößert, wir wissen, wie gefährlich Pestizide sind. Aber ziehen wir Konsequenzen? Nein. Wir tun so, als wüßten wir nichts davon und produzieren weiterhin Pestizide. Auch dieVersuchspflanzen der KWS sind gegen das Totalherbizid BASTA resistent. Mit den Versuchen wird der Weg der Pestizidanwendung festgeschrieben.“

Versuche ohne Nutzen für die Landwirtschaft

Einen weiteren Schwerpunkt legte Tamm auf die Frage, ob die Versuche für die Landwirtschaft notwendig seien: „Rizomania stellt nach der einhelligen Meinung der beiden Fachzeitschriften ,Zuckerrübe‘ und ,Deutsche Zuckerrübenzeitung‘ keine Bedrohung für die Zuckerrübenanbauer dar. Insbesondere bei einer weltweiten Überproduktion an Zucker und einer Selbstversorgungsquote von 140 Prozent in Deutschland klingt die Argumentation für die Freilandversuche unglaubwürdig. Die Verlierer dieser GENstrategie werden die Kunden der KWS sein: die Landwirte!“

„Wie können solche neuen Techniken in der Pflanzenzüchtung ,natürlich‘ sein“, fragte Tamm, „wenn die daraus entstandenen Produkte patentierbar sind? Durch die Patentierung fallen diese Konstrukte nicht mehr unter das Sortenschutzrecht, sondern unter das Patentrecht. Damit fallen der ,Züchtervorbehalt‘ und das ,Landwirteprivileg‘ weg. Dies stellt eine existenzielle Bedrohung der Landwirte dar. Die Landwirte werden noch abhängiger, sie werden zu Vollstreckern der Industrie. Der Traum vom selbstständigen Unternehmer Landwirt ist längst ausgeträumt.“

KWS als Spielball der Chemieindustrie

Tamm zeigte sich auch besorgt um die Firma KWS: „Kann es sinnvoll sein, an diesem ,Goldgräberrausch‘ der Gentechnologie zu partizipieren? Ist es nicht vielmehr notwendig, sich im Sinne einer langfristigen Unternehmensentwicklung für nachhaltige Alternativen zu interessieren? Mit den Freilandversuchen hat die KWS viel von ihrem guten Ruf eingebüßt. Sie hat sich zum Gehilfen der Pestizidindustrie gemacht. Die Versuche bilden den ,Türöffner‘ für die Gentechnik in Deutschland. Dieses Jahr wird Hoechst bzw. die neu gegründete AgrEvo GmbH, die auch an der KWS beteiligt ist, ungeniert mit eigenen Versuchen nachziehen. Die Deregulierung des Gentechnikgesetzes wird den Widerstand gegen die Freisetzungen nur verstärken.“

Die KWS werde im Machtpoker um die Gentechnologie kaum mithalten können, fürchtete Tamm. Die vom Aufsichtsrat der KWS einseitig unterstützte Gentechnik in der Pflanzenzüchtung sei nur der Anfang. Sie werde weitergehen hin zur Entwicklung von Lebensmitteln, die großtechnisch erzeugt werden, die nicht mehr von Landwirten angebaut werden. Die Substitution von landwirtschaftlichen Produkten zeige sich gerade in der gentechnischen Entwicklung von Zuckerersatzstoffen.

Biologischer Landbau als Alternative

Abschließend ging Marco Tamm auf den biologischen Landbau als Alternative zur Gentechnologie ein. „In einer Landbewirtschaftung, die in einem natürlichen Kreislauf stattfindet und mit der Natur – und nicht gegen sie – arbeitet, wären viele Krankheiten, die uns heute als große Probleme erscheinen, nicht mehr von Bedeutung. Eine standortangepaßte Landwirtschaft wäre auch ein wichtiger Schritt für viele ,Entwicklungsländer‘. Heute werden dort oft mit sogenannten Hochleistungssorten ,Nahrungsmittel‘ von Großunternehmen, die rücksichtslos die Böden zerstören, produziert, um sie dann zu exportieren und in unserer umweltschädigenden Intensivtierhaltung zu ,veredeln‘. Ich frage Sie, wollen wir dies mit einem neuen, gentechnischen Kolonialismus verstärken? Ich meine, es ist höchste Zeit, zu einer standortangepaßten Landwirtschaft zu kommen, die weder auf Kosten der ,Entwicklungsländer‘ lebt, noch dabei ist, unsere Lebensgrundlagen zu zerstören.“