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KarstadtQuelle HV 2001: Rede von Maik Pflaum

Selbst zwei Einkommen pro Familie
ermöglichen kaum ein würdiges Leben

Aus der Rede des Kritischen Aktionärs Maik Pflaum
in der Hauptversammlung der KarstadtQuelle AG
am 12. Juli 2001 in der Stadthalle Düsseldorf:

Ich bin sehr besorgt über Berichte von Arbeitsrechtsverletzungen, die dem Anspruch
der KarstadtQuelle AG deutlich widersprechen: Das Forschungsinstitut SOMO (Centre
for Research on Multinational Corporations) mit Sitz in Amsterdam beschreibt in seiner
Studie “The reality behind the label” von Juni 2001 Zulieferfabriken, die für die Karstadt-
Quelle AG in Tirupur, Indien, fertigen. Beispielhaft seien hier einige Arbeitsbedingun-
gen aus einer der untersuchten Fabriken herausgegriffen, die zu einem großen Teil für
die KarstadtQuelle AG fertigt:

Nach Angaben von SOMO verdienen alle Arbeiterinnen in der untersuchten Fabrik
einen Lohn, der bei weitem nicht ausreicht, eine Familie zur ernähren. Die Hälfte der
Arbeiterinnen verdient knapp über 2.000 Rupien, etwa 100 DM, im Monat. Für eine .

Familie braucht man nach Aus- sagen der interviewten Arbeiter- innen zwischen 4.000 und 6.000 Rupien. Die anderen liegen mit ihrem Lohn noch (weit) darunter. Selbst bei zwei Einkommen pro Familie können die Einkünfte kaum ein würdiges Leben ermöglichen. Dies widerspricht dem Verhaltenskodex der Kar- stadtQuelle AG, Punkt 3.8. Dort steht: “Als Ziel gilt eine Entloh- nung, die den Beschäftigten grundsätzlich eine Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse ermög- licht.”

Bezüglich der Arbeitszeiten legt der Kodex von KarstadtQuelle fest, die wöchentliche Arbeits- zeit dürfe die Vorschriften des Landes nicht verletzen, und Überstünden dürften nur freiwillig geleistet werden. Eine genaue Stundenzahl, wie dies von der Internationalen Arbeitsorgani- sation ILO mit globaler Gültigkeit getan wird, ist darin nicht festgelegt.

In besagter Fabrik sprechen die Fakten eine deutliche Sprache: 80 Prozent der Arbeiterinnen geben an, dass sie an mehr als sechs Tagen pro Woche arbei- ten. Sie leisten über 40 Über- stunden im Monat, einige liegen weit darüber. Ein Großteil verrichtet sogar obligatorische Überstunden. Bezahlten Urlaub bekommt so gut wie niemand.

Maik Pflaum arbeitet bei der Christlichen Initiative Romero und ver- trat in der Hauptversammlung die Kampagne für ‘saubere’ Kleidung. Er erinnerte die Aktionäre daran, dass ein großer Teil der Importe, die die KarstadtQuelle AG tätigt, aus nichteuropäischen Ländern stammt, und dass die Hälfte davon Textilien sind. Die Firma bekenne sich beim internationalen Warenbezug offiziell zu ihrer sozialen Verantwortung, sagte Pflaum, und zitierte aus dem Selbstbekenntnis des Unternehmens:

“Ein Konzern wie die KarstadtQuelle AG trägt selbstverständlich soziale Verantwortung. Sowohl für seine Mitarbeiter als auch für Lieferanten, (...) Die KarstadtQuelle AG hat für alle Konzernunter- nehmen Beschaffungs-Verhaltensregeln zur Gewährleistung von Sozial- und Umweltstandards verabschiedet. Diese gelten generell für alle Waren und ohne Einschränkung für alle Länder. (...) Diese Beschaffungs-Verhaltensregeln sind verbindlicher Bestandteil der Einkaufsbedingungen. (...) Die ausländischen Vertragspartner werden verpflichtet, die Einhaltung der Beschaffungs-Verhaltens- regeln zu gewährleisten. Die Überwachung geschieht zum einen durch externe Prüfungsgesellschaften, zum anderen auch durch unsere Zentraleinkäufer und Mitarbeiter, die mit der Qualitäts- kontrolle beauftragt sind, vor Ort in der Produktion.”

Das Recht auf Vereinigungsfreiheit wird auch im Kodex der KarstadtQuelle AG garan- tiert. Die Realität widerspricht diesem Anspruch allerdings deutlich: Das Management lässt in besagter Firma keine Gewerkschaftsgründung zu. ArbeiterInnen, die mit Gewerkschaften sympathisieren, verbergen dies aus Angst vor Entlassung. Auch eine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist verboten. In der Fabrik in Tirupur bekom- men Frauen allerdings keine Anstellungen als Facharbeiterinnen, die besser bezahlt wären.

Dieses Beispiele sind nach uns vorliegenden Informationen keine Einzelfälle. Bei ande- ren Zulieferern, die für die KarstadtQuelle AG fertigen, herrschen ähnliche Zustände. Hier wird deutlich, dass die Kontrollmechanismen der KarstadtQuelle AG nicht greifen! Erfahrungen z. B. der  internationalen Kampagne für 'saubere' Kleidung unterstreichen die Unverzichtbarkeit einer unabhängigen, institutionalisierten Kontrolle der Arbeits- bedingungen unter Beteiligung von Gewerkschaften und NGOs aus Nord- und Südländern.

Im Geschäftsbericht 2000 findet sich kein Wort darüber, wie die KarstadtQuelle AG ihrer sozialen Verantwortung gerecht werden will. Das beschriebene Beispiel aus Indien steht in deutlichem Widerspruch zum Verhaltenkodex von KarstadtQuelle mit dem Titel  “Verantwortlich Handeln” und zum Kodex der AVE, Vereinigung des Deutschen Einzelhandels, deren Mitglied die KarstadtQuelle AG ist.

Solange ich, wie im vorliegenden Geschäftsbericht, über die angesprochenen Punkte nicht zufriedenstellend informiert werde, ist es mir nicht möglich, für eine Entlastung
des Vorstands und des Aufsichtsrates zu stimmen!