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Kritik an LanXess

„Groß angelegte Umverteilung von unten nach oben“

Die außerordentliche Hauptversammlung der Bayer AG am 17. November 2004
beschloss die Ausgliederung des Grundchemikalien-GeschÀfts in die neue Firma
LanXess, deren Aktien ab dem 31. Januar 2005 an der Börse gehandelt werden.
In der außerordentlichen Hauptversammlung warnte der Kritische AktionĂ€r Axel
Köhler-Schnura von der
Coordination gegen BAYER-Gefahren die AktionÀre:

Meine Damen und Herren, auch wenn wir Jahr fĂŒr Jahr miterleben, wie abwertend
der Vorstand mit kritischen GegenantrÀgen umgeht, ist es doch eine Missachtung
der AktionĂ€rsdemokratie, wenn der Vorstand – wie heute geschehen – in der
Hauptversammlung die AktionĂ€rInnen nicht ĂŒber den vorliegenden Gegenantrag
informiert und dazu keine Stellungnahme abgibt.

Herr Wenning, Sie werden
sicherlich unseren Gegenan
trag in gleicher Weise unsach-
lich und realitÀtswidrig abqua-
lifizieren wie in den Vorjahren,
aber ich bitte Sie doch, die
Grundregeln des Umgangs
mit AktionÀrInnen einzuhalten.

Und an dieser Stelle noch ein
Wort an meinen Vorredner,
Herrn Buhlmann: So spaßig
Ihre Bemerkung zu unserem
Gegenantrag war, so falsch
war sie auch. SelbstverstÀnd-
lich haben wir Argumente, und
zwar gute! Argumente fĂŒr die
Ablehnung der Abspaltung,
die von uns in der BegrĂŒndung

Vor der außerordentlichen Bayer Hauptversammlung im November 2004 warnten Kritische AktionĂ€re vor den sozialen Folgen der LanXess-GrĂŒndung.

des Gegenantrags auch mitgeteilt und von Bayer entsprechend veröffentlicht wurden.
Dass unsere Argumente aber von Ihnen nicht wahr und ernst genommen werden,
hĂ€ngt einfach damit zusammen: Sie passen nicht in ihr einzig am Profit ausgerichtetes WertgefĂŒge.

Sie alle, meine Damen und Herren, kennen den ehemaligen Bundesminister und GeneralsekretĂ€r der CDU, Dr. Heiner Geisler. Im Vorfeld dieser Hauptversammlung erreichte uns ein Beitrag von ihm. Gerade weil das Management immer versucht, meine RedebeitrĂ€ge mit Hinweis auf meine Mitgliedschaft in der Coordination gegen BAYER-Gefahren vom Tisch zu wischen, ist es mir eine besondere Freude, Ihnen jetzt das Statement von Dr. Geisler zur Kenntnis bringen zu dĂŒrfen. Und ich schreibe diesen Beitrag nachdrĂŒcklich allen ins Stammbuch, die vorhin bei Vorstand und BefĂŒrwortern der Abspaltung so zustimmungsfreudig applaudiert haben:

„Unter Berufung auf angebliche Gesetze des Marktes reden die ökonomischen und wissenschaftlichen Eliten einer anarchischen Wirtschaftsordnung, die ĂŒber Leichen geht, das Wort. 100 Millionen von Arbeitslosigkeit bedrohte Menschen in Europa und den USA und drei Milliarden Arme, die zusammen ein geringeres Einkommen haben als die 400 reichsten Familien der Erde, klagen an: die Adepten einer Shareholder- Value-Ökonomie, die keine Werte kennt jenseits von Angebot und Nachfrage, Spekulanten begĂŒnstigt und langfristige Investoren behindert. (...)
Die Arbeiter in den Industriestaaten und ihre Gewerkschaften, die angesichts der Massenarbeitslosigkeit mit dem RĂŒcken an der Wand stehen, fĂŒhlen sich anonymen MĂ€chten ausgeliefert, die von Menschen beherrscht werden, deren Gier nach Geld ihre Hirne zerfrisst.

Die Menschen leben und arbeiten in einer globalisierten Ökonomie, die eine Welt der Anarchie ist – ohne Regeln, ohne Gesetze, ohne soziale ÜbereinkĂŒnfte. Eine Welt, in der Unternehmen, Großbanken und der ganze ,private Sektor’ unreguliert agieren können.

Wo bleibt der Aufschrei gegen ein Wirtschaftssystem, in dem große Konzerne gesunde kleinere Firmen mit Inventar und Menschen aufkaufen, als wĂ€ren es Sklavenschiffe aus dem 18.Jahrhundert, sie dann zum Zwecke der Marktbereinigung oder zur Steigerung der Kapitalrendite und des Börsenwertes dichtmachen und damit die wirtschaftliche Existenz von Tausenden mitsamt ihren Familien vernichten? Den Menschen zeigt sich die hĂ€ssliche Fratze eines unsittlichen und auch ökonomisch falschen Kapitalismus, wenn der Börsenwert und die ManagergehĂ€lter – an den Aktienkurs gekoppelt – umso höher steigen, je mehr Menschen wegrationalisiert werden."

Soweit das Statement des ehemaligen CDU-GeneralsekretĂ€rs Dr. Geisler. Ich kann diesem Statement persönlich beim besten Willen nichts mehr hinzufĂŒgen – es trifft einfach zu.

Sie alle wissen – es war ja sogar schon in der BILD-Zeitung zu lesen – Bayer ĂŒbertrĂ€gt auf Lanxess Schulden in Milliardenhöhe. Das ist Coup, mit dem sich Bayer ĂŒber die vom Bayer-Mann Heribert Zitzelsberger lancierte Steuergesetzgebung gnadenlos am SteuersĂ€ckel bereichert. Das ist im wahrsten Sinne des Wortes unsozial.

Zugleich bedeutet diese Schuldenlast knallharte Erpressung der BeschÀftigten.
Diese werden damit dauerhaft genötigt, Kosteneinsparungen durch Mehrarbeit und Lohnverzicht, aber auch durch Verlust ihres Arbeitsplatzes zu leisten. Trotz aller schöner Worte droht tausenden BeschĂ€ftigten der Abstieg in prekĂ€re ArbeitsverhĂ€ltnisse und in die Arbeitslosigkeit. LanXess-Vorstandsmitglied Ulrich Koemm hat bereits Schließungen von Betriebsteilen und VerkĂ€ufe ankĂŒndigt.

Und da die Arbeit in der Regel nicht wegfĂ€llt, steigt der hohe Arbeitsdruck auf die Belegschaft weiter an. Neu eingestellte BeschĂ€ftigte werden tariflich schlechter gestellt. Auch die Möglichkeit der Belegschaft, auf den Kurs des Unternehmens Einfluss aus zu ĂŒben, ist langfristig gefĂ€hrdet: Bei Aufsplitterung in immer kleinere Einheiten fĂ€llt die tarifliche Mitbestimmung weg. In der LanXess-Belegschaft wird das, was hier lĂ€uft, so auf den Punkt gebracht: „verraten und verkauft“ – das ist der bittere Kommentar aus den Werken. Das Gerede der Konzernleitung von Standortsicherung und BeschĂ€ftigungsgarantien erweist sich als fadenscheinig und verlogen.

Auch fĂŒr den Umwelt- und Verbraucherschutz ist LanXess eine neue Gefahr. LanXess wird – da als Profitbringer einzig auf die harte, weltweit verfemte, die Existenz des Planeten gefĂ€hrdende Chlorchemie als Produkt angewiesen – gegen jeden gesunden Menschenverstand all das weiter vermarkten, wogegen alle Welt Sturm lĂ€uft: Hormonaktive bzw. hochtoxische Produkte wie Weichmacher, Phosgen, Chlorbenzole, Isocyanate und Nitrotoluole.

Das umfangreiche Wortgeklingel im Abspaltungs- und Übernahmevertrag zu Haftungsfragen und UmweltschĂ€den weist bereits darauf hin: FĂŒr Regierungen, Kommunen, Organisationen und Personen wird es kĂŒnftig noch schwieriger, AnsprĂŒche fĂŒr entdeckte und unentdeckte Altlasten und Umwelt- und GesundheitsschĂ€den durchzusetzen.

Wir alle hier im Saal werden heute, wenn der Vorschlag des Vorstands zur Abspaltung nicht abgelehnt wird, Zeugen wie das so funktioniert, was der „Stern“ in Millionen- auflage in seiner Ausgabe vom 24.10.2004 den „Putsch von ganz oben“ nennt: Bei der Abspaltung von LanXess geht es um eine groß angelegte Umverteilung von unten nach oben. Mehr als 73 Millionen Aktien sollen hier heute verschenkt werden. 95 Prozent dieser Aktien wird sich eine kleine Elite von institutionellen und anderen Großaktio- nĂ€ren aneignen. Aber auch die Masse der Klein- und KleinstaktionĂ€re werden mit je einer Neuaktie auf zehn Altaktien bedacht. Je nach Kurswertentwicklung geht es hier um einen Betrag von schĂ€tzungsweise 300 Millionen bis einer Milliarde Euro, der ohne jede Gegenleistung der AktionĂ€re deren Vermögen steigert. Dieser Umbau geht nicht nur voll zum Nachteil der Belegschaften, er geht auch auf Kosten des Sozialstaates und der arbeitenden Menschen im Land insgesamt.

Sie hier im Saal sind ĂŒberwiegend KleinaktionĂ€rinnen und KleinaktionĂ€re. Sie sind vielfach einfache Belegschaftsangehörige oder ehemalige BetriebsbeschĂ€ftigte. Doch den Ton hier geben die GroßaktionĂ€re und Banken mit ihrem Depotstimmrecht an. Und diese GroßaktionĂ€re und Banken bzw. Investmentgesellschaften haben im Gegensatz zu den BeschĂ€ftigten und den KleinaktionĂ€ren kein ethisches, kein soziales und auch kein ökologisches Gewissen.

Aber Sie, meine Damen und Herren KleinaktionÀre, Sie, die Sie als Gewerkschafts- kollegen und -kolleginnen wissen, wie es an den ArbeitsplÀtzen und hinsichtlich der Familienbudgets aussieht, Sie haben ein soziales und ökologische Gewissen. Sie wissen noch, wie Moral und Ethik buchstabiert werden.

Deshalb fordere ich Sie auf, zeigen Sie den GroßaktionĂ€ren, VorstĂ€nden und AufsichtsrĂ€ten, was Sie von ihnen halten. Auf jeder Hauptversammlung stimmen mehre Tausend KleinaktionĂ€rinnen und KleinaktionĂ€re mit uns. Trotz dieser Zahlen macht dies aufgrund der BesitzverhĂ€ltnisse der GroßaktionĂ€re rein mathematisch keinerlei Mehrheiten aus. Stimmen Sie aber bitte trotzdem – oder gerade deshalb – mit NEIN. Setzen Sie mit Ihren Aktien ein Zeichen fĂŒr soziale Sicherheit, Umweltschutz und Menschenrechte. Gegen Profitgier und Menschenverachtung. Entsprechend unser Gegenantrag: Stimmen Sie dem Abspaltungsvertrag nicht zu.

Ich stehe hier beauftragt von Hunderten von KleinaktionĂ€ren und KleinaktionĂ€rinnen mit Gewissen, die bereits im Vorfeld dieser Hauptversammlung der Coordination gegen BAYER-Gefahren und dem Dachverband der Kritischen AktionĂ€rinnen und AktionĂ€re ihre Aktien ĂŒbertragen haben. Tun Sie Ihre Aktien dazu, stĂ€rken Sie das Signal fĂŒr Soziale Sicherung, Umweltschutz und Menschenrechte!


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