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Deutsche Lufthansa Hauptversammlung 2000

,Deportation Class' der Lufthansa stößt auf Kritik

Der Mann mit dem Megaphon sieht aus wie ein Pilot, der in seiner langen Laufbahn schon viele Abenteuer erlebt hat. Einer, der auf den Langstrecken zu Hause ist und die Airports dieser Welt wie seine Westentasche kennt. “Wir sind heute hier, um gegen die ,Deportation.Class' zu protestieren!” bellt er den Aktionären entgegen, die gerade die Rolltreppe zum Berliner Kongresszentrum ICC hochfahren.

In ein paar Minuten soll hier die Hauptversammlung der Deutschen Lufthansa AG stattfinden. Doch zuvor dürfen die Klein- und Großaktionäre miterleben, wie es aussieht, wenn ein sogenannter Schübling, ein abzuschiebender Flüchtling, gefesselt und geknebelt in einem Rollstuhl an Bord einer Lufthansa-Maschine gebracht wird. Vor dem Eingang zum ICC haben Demonstranten ein Spalier gebildet. Adrett gekleidete vermeintliche Stewardessen sammeln Unterschriften für ein Unternehmenskonzept ohne Abschiebungen namens ,Fair Fly'.

Dass die Aktionärsversammlung der Lufthansa am 15. Juni in Berlin von Protesten überschattet sein würde war absehbar. Seit Anfang März 2000 ist die Fluggesellschaft mit einer Kampagne konfrontiert, die erbittert gegen Abschiebungen auf Linienflügen kämpft. Dass das jährliche Aktionärstreffen aber in turbulenten Szenen gipfelte und mit einem kleinlauten Eingeständnis des Vorstandsvorsitzenden endete, dürfen die Abschiebungsgegner als Erfolg verbuchen.

Schon als der Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Schlede vor den 4.500 angereisten Aktionären die Hauptversammlung eröffnete, kam er nicht umhin, die Proteste ein erstes Mal zu würdigen. Er kündigte an, die Versammlungsleitung werde es nicht dulden, wenn die Aktionärsversammlung “zu einem Forum für Asylpolitik umfunktioniert” werde. Kaum hatte er den Satz beendet, sprangen auch schon die ersten Abschie- bungsgegner im Saal auf und breiteten vor dem Podium mehrere Transparente aus, auf denen die Lufthansa “Deportation.Class” scharf angegriffen wurde. Ein Spruchband erinnerte an Aamir Ageeb und Kola Bankole, die beide bei Abschiebungen an Bord von Lufthansa Flugzeugen umgebracht wurden.

Handgreifliche Auseinandersetzungen im Blitzlichtgewitter der zahlreichen Fotografen waren garantiert nicht das, was der Lufthansa Vorstand sich erträumt hatte für die Hauptversammlung – das drei Millionen Mark teure “Schaufenster des Konzerns”, wie es ein Mitarbeiter ausdrückte.

Live-Übertragung im Internet wurde zensiert

Vorstandsvorsitzender Jürgen Weber wurde bei seinem Bericht mehrfach durch Spruchbänder, Sprechchöre und Zwischenrufe aus dem Konzept gebracht. Die Live-Übertragung seiner Rede im Internet stockte dann jeweils für einige Minuten,
die Bilder wurden eingefrorenen.

Die eilig einschreitenden Sicherheitskräfte brauchten einige Minuten, um Weber wieder die Aufmerksamkeit zu sichern. Wütende Rentner in grauen Blousons und alter Berliner Frontstadtmentalität versäumten keine Gelegenheit, ihrem Konzern einen Bärendienst zu erweisen und mit den Demonstranten um die Transparente zu rangeln.

Am Ende seines Geschäftsberichts ging Weber nochmals auf die seit drei Monaten andauernde Kampagne gegen die ,Deportation.Class' ein. Lufthansa sei Opfer unge- rechtfertigter Angriffe, weil das Unternehmen mittlerweile keine Schüblinge “gegen deren erklärten Widerstand” transportiere. Ausserdem sei die gesetzliche Beförde- rungspflicht einzuhalten.

Schon im Vorfeld der Veranstaltung hatten die Aktivisten der Menschenrechts- Kampagne ,kein mensch ist illegal' auf die Unverbindlichkeit solcher Lippenbekennt- nisse hingewiesen. Sie fordern den unwiderrruflichen Ausstieg aus dem Abschiebungs- geschäft. Die Lufthansa sei mitverantwortlich für die zwangsweise Verschleppung von 10.000 bis 20.000 Menschen pro Jahr und lasse sich diese Dienste auch noch gut bezahlen.

Ziervögel werden besser geschützt als Flüchtlinge

Die Münchner Rechtsanwältin Gisela Seidler hielt Weber in der Aussprache entgegen, die vermeintliche Beförderungspflicht sei auf Betreiben der Lufthansa auch für tropische Ziervögel aufgehoben worden. Seidler wollte von Weber einige präzise Fragen beantwortet wissen: Was etwa dran sei an den unbestätigten Informationen, die Lufthansa verhandle hinter vershlossenen Türen längst mit dem Innenministerium über einen Ausstieg aus der ,Deportation. Class'.

Der Versammlungsleiter verlor völlig die Fassung, als ein paar Minuten später ein weiterer Vertreter der Kampagne ,kein mensch ist illegal' ans Rednerpult trat. Dieser konnte gerade einmal zwei Sätze sprechen, doch sobald er den Namen des vor fast genau einem Jahr getöteten Lufthansa-Schüblings Aamir Ageeb aussprach, verbot ihm der Leiter reichlich ungehobelt und ungehalten das Wort. Die Sicherheitskräfte stürzten sich auf den Aktvisten und schleppten ihn aus dem Saal.

Es mag blosse Schadensbegrenzung oder bereits eine geschickt eingeleitete Rückzugsstrategie gewesen sein, als Vorstandschef Weber gegen Ende der Versammlung erstmals klar eingestand: “Wir werden mit dem Innen- und dem Verkehrsministerium über eine Entbindung von der Beförderungspflicht verhandeln.”

Die Aktivisten von ,kein mensch ist illegal' und der Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre, die die Proteste vor und in der Hauptversammlung organisiert hatten, fühlen sich durch diese Aussage bestätigt. “Um der Lufthansa AG bei ihren schwierigen Verhandlungen mit dem Innen- und Verkehrsministerium Rückendeckung zu geben, werden wir unsere Beziehungen zu dem Konzern durch weitere Besuche festigen”, hieß es auf einer tags darauf stattfindenden Konferenz von ,kein mensch ist illegal'.