Home
Aktuelles
Konzernkritik
Kampagnen
Mitglieder
Jahresberichte
Stimmrechte
Termine
Links
Volltext-Suche
Kontakt
Erster alternativer GeschÀftsbericht

Alternativer Schering-GeschÀftsbericht
erschienen – und sofort verboten

Ende Februar 1992 erschien im Schmetterling Verlag, Stuttgart, der erste alternative
GeschĂ€ftsbericht ĂŒber den Schering-Konzern „Schering – Die Pille macht Macht“.
Das Buch beschreibt, wie der Pillenmulti immer wieder soziale Belange ignoriert
und Gefahren fĂŒr die menschliche Gesundheit und den Naturhaushalt produziert.

Am 10. MĂ€rz 1992 erwirkte ein Außendienst-Mitarbeiter der Schering AG beim Landgericht Berlin eine Einstweilige VerfĂŒgung, die dem Verlag die Verbreitung des Buchs untersagt, sofern es weiterhin ein Foto des Mitarbeiters enthĂ€lt.

In den 19 BeitrĂ€gen des Buchs dokumentieren zwölf Autorinnen und Autoren vom Schering-Aktions-Netzwerk, was sie seit der GrĂŒndung ihres Verbands im Jahr 1988 ĂŒber Schering recherchiert haben. Beginnend mit einem Abriß der Firmengeschichte und einer Übersicht der heutigen KonzernaktivitĂ€ten beleuchtet das Buch zahlreiche Einzelbeispiele verantwortungsloser Unternehmenspolitik.

Die Verwicklung in Menschenversuche zur Massensterilisation und die Verantwortung Scherings fĂŒr die Entwicklung hormonaler Kontrazeptiva werden ebenso geschildert wie die UnzulĂ€nglichkeit der firmeneigenen ,Ethik‘-Kommissionen und die HintergrĂŒnde des jĂŒngsten Skandals um die ,Mikropille“ Femovan.

Eine grundlegende Recherche der berliner Autorinnen Margit Englert und Josefa Wittenborg förderte bislang unveröffentlichte Informationen ĂŒber die Boden- und Grundwasserverseuchung im Schering-Werk Berlin-Wedding zutage. Die neuen Fakten stießen bereits kurz nach Veröffentlichung des Buchs auf lebhaftes Interesse der Tagespresse. Die SondermĂŒll-Problematik bei Schering schildert das Buch anhad der Berbrennungsanlage in Bergkamen sowie eines Deponiebrands und einer Altlast in WolfenbĂŒttel.

Welche Gefahren die Pestizide des Konzerns fĂŒr Umwelt und menschliche Gesundheit mit sich bringen, schildern die Autoren an Beispielen aus dem Inland und der sogenannten Dritten Welt. Aus verschiedenen EntwicklungslĂ€ndern dokumentieren sie auch gesundheitsschĂ€dliche Arbeitsbedingungen, denen Schering ihre BeschĂ€ftigten dort aussetzt.

Das Resultat ist ein einmaliges Dokument ĂŒber die Schattenseite der Schering-Bilanz. Der Herausgeber des Berliner ,Arzneitelegramm‘, Ulrich Moebius, schrieb im Vorwort des Buchs: „Was hinter Femovan steht, erfuhren die Schering-AktionĂ€re durch AktivitĂ€ten des Schering-Aktions-Netzwerks in der Hauptversammlung des Konzerns. Das Symptom der Sorglosigkeit – um nicht zu sagen, das Syndrom ungezĂŒgelter Profitgier – zieht sich nicht nur wie ein Roter Faden durch die Pharmadivision von Schering.“

Mitte MĂ€rz 1992 kam der Vertrieb des Alternativen GeschĂ€ftsberichts vorĂŒbergehend ins Stocken. Die von einem Schering-Mitarbeiter erwirkte Einstweilige VerfĂŒgung des Landgerichts Berlin zwang den Verlag, ein in dem Buch wiedergegebenes Foto unkenntlich zu machen.

Das Landgericht hatte die VerfĂŒgung ohne mĂŒndliche Verhandlung erlassen, d.h. ohne den Schmetterling Verlag anzuhören. Sie droht den GeschĂ€ftsinhabern des Verlags, Jörg Hunger und Paul Sandner, fĂŒr jeden Einzelfall der Zuwiderhandlung Ordnungs- strafen von DM 500.000,– an. Sie stĂŒtzt sich auf das Recht am eigenen Bild, das der
in dem Buch abgebildete Schering-Mitarbeiter geltend macht.

Das inkriminierte Foto hatte der Herausgeber des Buchs, Henry Mathews, aus dem offiziellen GeschĂ€ftsbericht 1987 der Schering AG ĂŒbernommen. Es zeigt den Außen- dienst-Mitarbeiter wĂ€hrend eines WerbegesprĂ€chs und ist in dem Buch wiederge- geben mit der Unterschrift: „Jede Branche hat ihre Klinkenputzer: Ein Pharmavertreter bewirbt Femovan bei einem niedergelassenen Arzt.“

Die Rechtsabteilung der Schering AG unterstĂŒtzte den Mitarbeiter, die Einstweilige VerfĂŒgung zu erwirken. Die von der Firma mehrfach abgegebene Versicherung,
nicht juristisch gegen Kritiker der Konzernpolitik vorzugehen, gilt somit nur noch eingeschrÀnkt.

    Die Verleger und der Herausgeber von „Schering –
    Die Pille macht Macht“ erklĂ€rten gegenĂŒber der Presse:

  • Die Einstweilige VerfĂŒgung stellt die inhaltlichen Aussagen
    des Buchs nicht in Frage.
     
  • Die Schering AG versteckt sich hinter einem ihrer Mitarbeiter
    bei dem Versuch, einen Kleinverlag und ein unabhÀngiges
    Selbsthilfenetzwerk einzuschĂŒchtern und ökonomisch zu treffen.
     
  • Juristische Schritte waren ĂŒberflĂŒssig: Einem formlosen Ersuchen
    des Schering-Mitarbeiters wĂ€re sinngemĂ€ĂŸ entsprochen worden.
     
  • Das Buch wird nach Unkenntlichmachung des inkriminierten
    Fotos weiterhin erhÀltlich sein.