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Schering Hauptversammlung 1998

Gentechnik-Kritiker attackieren Schering-Vorstand

Ungewöhnliche Geschenke erwarteten die Aktionärinnen und Aktionäre der Schering
AG, als sie am 29. April 1998 das Berliner Hotel Intercontinental zu ihrer Hauptver-
sammlung betreten wollten. Vermeintliche Mitarbeiter der fiktiven Firma ,GENau' boten
ihnen angeblich gentechnisch veränderte Sonnenblumen-Sprößlinge an. – In den
,GENau'-KostĂĽmen steckten Mitglieder der Umweltschutzorganisation ,GrĂĽne Liga',
die mit der plakativen Aktion auf die Gefahren von Freilandexperimenten mit genver-
änderten Pflanzen aufmerksam machen wollten.

„Wir beglückwünschen Sie zu Ihrer Entscheidung für GENau-Pflanzen“, konnten die
verdutzten Aktionäre auf dem Beipackzettel lesen. „Das Saatgut dieser Pflanze wurde
gentechnisch und biotechnologisch effektiv behandelt. Es kann so besser den Herbi-
ziden, die wir fĂĽr Sie zur Pflege Ihrer wertvollen Zimmerpflanzen speziell entwickelten,
auf geradezu exzellente Weise standhalten.“ Die meisten Besucher lehnten die
Präsente ab. Nur wenige von ihnen wollten „zu einer sorgfältig auserwählten Gruppe
von Personen“ gehören, „die erstmals unsere Produktreihe außerhalb von Labor-
bedingungen testen dürfen.“

Die Aktivisten der GrĂĽnen Liga nahmen auf
Einladung des Dachverbands der Kritischen
Aktionärinnen und Aktionäre an der Schering
Hauptversammlung teil. Die Kritik beider
Verbände richtete sich vor allem gegen die
weltweit etwa 2.000 Freisetzungsexperimente
der Agrarchemie- und Saatgutfirma AgrEvo,
in der die Chemiekonzerne Schering und
Hoechst ihre frĂĽheren Pestizidsparten zusam-
mengelegt haben.

Schering-Vorstandschef Giuseppe Vita stili-
sierte den Einsatz der Gentechnik in der Landwirtschaft erneut zu einer Wunderwaffe
im Kampf gegen den Welthunger hoch. Dem
entgegnete Dachverbands-Sprecher Henry
Mathews, der Hunger in vielen Entwicklungs-
ländern entstehe durch ausbeuterische Welt-
handelsstrukturen und undemokratische
Verhältnisse in vielen Ländern.

„Die Ernährung der Weltbevölkerung ist ein
Verteilungsproblem und keine Mengenfrage“,
sagte Mathews. „An der ungerechten Land-
verteilung und daran, daĂź auf den Ă„ckern im
SĂĽden die Futtermittel fĂĽr die Rinder und
Schweine reicher Europäer und Nordameri-
kaner wachsen, kann und wird die Gentechnik
nichts ändern.“

Milana MĂĽller von der GrĂĽnen Liga beschrieb
in der Hauptversammlung zahlreiche wissen-
schaftlich ungeklärte Risiken bei der Frei-
setzung von genveränderten Pflanzen durch
Freilandexperimente und Anbau. Sie warnte
vor dem Einsatz von Herbiziden, sogenannten
,Unkraut'-Vernichtungsmitteln, die alle Pflanzen
auĂźer den genmanipulierten Nutzpflanzen
zerstören. Für die Landwirte bestehe die
Gefahr der langfristigen Abhängigkeit von
den Pestizid- und Saatgut-Produzenten,
die einschlägige Paketlösungen anbieten.

 

 

 

 

Dokumentation:
Schering lĂĽgt! (2)

Frage von Dachverbands-Sprecher Henry
Mathews in der Schering HV am 30. April
1997: „Wieviele AgrEvo-Projekte dienen
ausschlieĂźlich der Entwicklung besserer Nahrungsmittel-Pflanzen, nicht jedoch der
Erzielung von Pestizidtoleranzen oder
Pflanzen für nachwachsende Rohstoffe?“

Antwort von Schering-Vorstand GĂĽnter
Stock in der selben HV: „Die Frage nach
der Erzielung von Pestizid-Toleranzen läßt
sich wegen der Komplexität des Problems
nicht isoliert beantworten. Letztlich dienen
alle Arbeiten von AgrEvo dem Ziel, die
Nahrungs- und Futtermittelpflanzen zu
verbessern.“

Frage von Dachverbands-Sprecher Henry
Mathews in der Schering HV am 29. April
1998: „Auf welchen konkreten Nutzen für
die Menscheit zielt die AgrEvo bei den Freisetzungsexperimenten mit genverän-
derten Kartoffeln in Sanitz, Mecklenburg-
Vorpommern, mit Mais und ZuckerrĂĽben in
Tarnow, ebenfalls Mecklenburg-Vorpom-
mern, sowie mit Raps an einem Standort
in Niedersachsen?“

Antwort von Schering-Vorstand GĂĽnter
Stock in der selben HV: „Die Versuche in
Sanitz zielen auf eine verbesserte Kartof-
felstärke für die Papierherstellung. Bei den
Mais-Versuchen in Tarnow geht es um eine
Herbizidtoleranz, ebenso bei den dortigen
Versuchen mit ZuckerrĂĽben und bei denen
mit Raps in Niedersachsen.“