Home
Aktuelles
Konzernkritik
Kampagnen
Mitglieder
Jahresberichte
Stimmrechte
Termine
Links
Volltext-Suche
Kontakt
Schering Hauptversammlung 1989

Arbeitsmedizinische WĂŒste

GesundheitsgefÀhrdung bei Schering in Peru

Bis 1989 waren die BeschÀftigten des peruanischen Schering-Werks in Lima tÀglich
hohen Dosen von Formaldehyd und der Bestrahlung mit ultraviolettem Licht ausgesetzt.
Erst nach Protesten des Schering-Aktions-Netzwerks (SchAN) in Deutschland wurde
diese gesundheitsschÀdigende Praxis eingestellt. Die Konzernleitung in Berlin bestrei-
tet die VorwĂŒrfe bis heute.

Schering eröffnete bereits 1957 in Lima die ,Schering FarmacĂ©utica Peruana‘ als
Vertriebsniederlassung ihrer Pharma-Sparte. Erst 1962 wurde der Konzern dann durch
protektionistische Maßnahmen der peruanischen Regierung gezwungen, im Land auch
eine „Produktion“ aufzubauen. Immense Zollbelastungen fĂŒr den Import von Fertigpro-
dukten und ein Gesetz, das den Import von Pharmazeutika weitgehend einschrÀnkte,
veranlassten in dieser Zeit u.a. auch die Pharmaabteilungen von Bayer, BASF und
Hoechst zu Investitionen in Peru.

Ihre AktivitÀten belaufen sich jedoch ebenso wie die der Schering-Niederlassung im
wesentlichen auf die AbfĂŒllung und Verpackung von Arzneien, die von den Konzern-

mĂŒttern bezogen werden. Die im Land erwirt-
schafteten Gewinne fließen ĂŒber entsprechend
gestaltete Preise dieser importierten Produkte
an die StammhÀuser in Deutschland, womit
die Maßnahmen zur EindĂ€mmung des Kapital-
abflusses aus Peru umgangen werden.

Die RĂ€ume des Schering-Werks in Lima, in
denen Medikamente abgefĂŒllt und verpackt
werden, mĂŒssen aus pharmazeutischen GrĂŒn-
den möglichst keimfrei gehalten werden. Eine
hierfĂŒr weltweit gebrĂ€uchliche Methode ist die
nÀchtliche Bestrahlung der Werkhallen mit
ultraviolettem Licht.

Die Eifrigkeit der Unternehmensleitung der
Schering Farmacéutica Peruana ging bis Mitte
1989 aber weit ĂŒber diese Anwendung hinaus.
WĂ€hrend des ganzen Tags blieben die UV-
Lampen eingeschaltet, so daß die BeschĂ€f-
tigten wÀhrend der gesamten Arbeitszeit ihrer
Strahlung ausgesetzt waren.

Der Vergleich mit einer Passage aus der UnfallverhĂŒtungsvorschrift (UVV), die die UV-
Desinfektion in der Bundesrepublik regelt,
macht die Unhaltbarkeit dieser Praxis deutlich:
„Ultraviolett-Strahler zur Desinfektion mĂŒssen
so angeordnet sein und betrieben werden,
daß die Augen und die Haut der BeschĂ€ftigten
nicht geschĂ€digt wird.“

Neben akuten HautschÀden kann UV-Licht
Hautkrebs auslösen und vor allem die Netzhaut
der Augen irreversibel schÀdigen. Aus diesem
Grund wird in den bundesdeutschen Schering-
Werken selbst in hochsterilen RĂ€umen streng
darauf geachtet, daß die Menschen nicht mit
dem auch dort eingesetzten UV-Licht bestrahlt
werden.

Die International Radiation Protection Asso-
ciation (IRPA), der auch der in der Bundes-
republik zustĂ€ndige Fachverband fĂŒr Strahlen-
schutz (FS) angehört, hat deshalb 1985 Richt-
werte fĂŒr die maximal vertretbare Bestrahlungs-
stÀrke am Arbeitsplatz erarbeitet, die im Juni
1989 noch verschÀrft wurden.

Die Frage, ob diese Grenzwerte („exposure
limits“) der IRPA im Schering-Werk Lima
eingehalten wĂŒrden, ließ Klaus Peter Kantzer,

Dokumentation:
Schering lĂŒgt! (1)

Veranlaßt durch eine Anzeige der Betriebs-
gewerkschaft besichtigte am 13. April 1988
die Inspektorin des peruanischen Arbeits-
ministeriums, Julia Soledad Liñån Colchado,
das Schering-Werk in Lima. In ihrem Bericht
vom 10. Mai 1988 (Aktenzeichen 045-88-SD-
HSO) schrieb sie:

„Halle der SalbenabfĂŒllung: (
) In der Nacht
vor der AbfĂŒllung wird eine alkoholische
Formalinlösung (Formol - Alkohol zu gleichen
Teilen) in ein GefĂ€ĂŸ auf einer Heizplatte ge-
geben, damit es in die Umgebung verdampft
und so Keime vernichtet. Diese Information
gab der Produktionsleiter.Wie im Inspektions-
protokoll des Tages vermerkt ist, befand sich
in dem BehÀlter (Glas) ein Rest von 200 ml
Formalin, d.h. es verdampfte wÀhrend der
Arbeitszeit weiter in die Umgebung. Der cha-
rakteristische Geruch des Produkts ist wegen
seines Formolgehalts lÀstig und reizend. Es
gibt ein AbsaugungsgerĂ€t. Nach den AbfĂŒll-
vorschriften gibt es die Anweisung, daß die
AbfĂŒllung, d.h. der Zutritt des Personals, 30
Minuten nach der Ingangsetzung der Absaug-
anlage beginnt, um das Formalin zu beseitigen.
Aus dem genannten ergibt sich, daß dem nicht vollstĂ€ndig Folge geleistet wird. (
)“

In der Hauptversammlung der Schering AG im
Juni 1989, die ĂŒber das GeschĂ€ftsjahr 1988
zu befinden hatte, sagte Vorstandsmitglied
Klaus-Peter Kantzer auf Fragen des Kritischen
AktionÀrs Henry Mathews zu diesem Thema:

„Wir haben in unserer Produktion in Peru zwei
aseptische RĂ€ume, die alle drei bis vier
Wochen mit Desinfektionsmitteln behandelt
werden. Dies geschieht in der Regel am
Freitagabend bis Samstag frĂŒh, und bevor
die Mitarbeiter am Montag ihre Arbeit beginnen,
wird durch Luftproben festgestellt, daß die Luft
unbedenklich ist und daß also keine Gefahr und
kein Risiko fĂŒr unsere Mitarbeiter besteht.“

Vorstandsmitglied der Schering AG, in der AktionÀrs-Hauptversammlung des
Unternehmens 1989 unbeantwortet. Die UV-Lampen wĂŒrden nur nachts betrieben,
versicherte er den Anteilseignern. Hinweise eines SchAN-Mitglieds auf einen ununter-
brochenen Betrieb der Lampen konterte Kantzer: „(...) wenn ihre Behauptung zutreffen
wĂŒrde, (...) wĂ€ren unsere Mitarbeiter schon alle blind.“

Exakt diesem Schicksal versuchten die BeschÀftigten in Lima derweil durch das
Tragen von Schutzbrillen zu entgehen. Eine ehemalige Arbeiterin des Werks sagte
gegenĂŒber SchAN: „Die werden da alle langsam blind.“


Krebs durch Arbeit

ZusÀtzlich zum UV-Licht wurde bei der Pharma-Verpackung der Schering Farmacéu-
tica Peruana auch chemisch desinfiziert: „Formalina“ stöhnten die Arbeiterinnen, die
die Wirkung dieses Mittels am eigenen Leib erfuhren. Formalin – in Wasser gelöstes
Formaldehyd – war bei Schering in Lima viele Jahre lang das Mittel der Wahl.

Der krebserregende Stoff ist in der Bundesrepublik vor allem durch die Diskussion
um AusdĂŒnstungen aus Preßspanplatten bekannt. Über die akuten SchĂ€den, die er
verursacht, schreibt die Bundesanstalt fĂŒr Arbeitsschutz: Schon 2,5 bis 3,75 Milligramm
Formaldehyd pro Kubikmeter Atemluft „verursachen ein Stechen und Brennen in Nase,
Augen und Kehle. (...) In höheren Konzentrationen fĂŒhrt Formaldehyd zu lĂ€nger
anhaltenden und schließlich zu irreversiblen SchĂ€den am betroffenen Organ.“

Bei Schering in Peru wurde Formalin zur Desinfektion der VerpackungsrÀume
verdampft. Auch hier kann der Vergleich mit bundesdeutschen Regelungen zur
Beurteilung dieser Praxis herangezogen werden. Die Bundesanstalt fĂŒr Arbeitsschutz
schreibt fĂŒr die Zeit nach einer Formaldehyd-Verdampfung vor: Es „darf der desin-
fizierte Raum zunĂ€chst nur mit einer Atemmaske (...) betreten werden. Der Raum muß
mehrere Tage gelĂŒftet werden. (...) Auch nach mehrtĂ€gigem LĂŒften kann es in der
Raumluft (...) zu Formaldehydkonzentrationen kommen, die ĂŒber dem MAK-Wert
liegen.“

Diese im Heimatland des Schering-Konzerns verbindliche Regelung wurde im peru-
anischen Tochterwerk nicht eingehalten. Vielmehr wurde dort in jeder Nacht von 19.00
bis 5.00 Uhr mit Formalin desinfizert. Lediglich in der kurzen Zeitspanne bis zum
Arbeitsbeginn in den betroffenen RĂ€umen um 7.30 Uhr wurde dann gelĂŒfet.

SĂ€mtliche Arbeiterinnen und Arbeiter in der Abteilung Pharmaverpackung des Werks
litten stark unter Symptomen, die den oben beschriebenen typischen Auswirkungen von
Formaldehyd entsprachen. Insbesondere heftige Augen- und Schleimhautreizungen
gehörten zum Arbeitsalltag; Atemwegsinfektionen waren keine Seltenheit. Mehrfach
aufgetretene Wucherungen am GebÀrmutterhals weiblicher BeschÀftigter, die zur
SterilitĂ€t der Frauen fĂŒhrten, lassen sich nicht nachweislich auf das Formaldehyd
zurĂŒckfĂŒhren, können aber durchaus dadurch verursacht sein.

Die chemische Desinfektion pharmazeutischer ProduktionsrÀume ist ebenso wie die
UV-Desinfektion auch in der Bundesrepublik durchaus ĂŒblich. Verwendung finden hier
jedoch Chemikalien, die keine oder nur geringe belÀstigende oder gesundheits-
gefÀhrdende Wirkungen auf die in den RÀumen tÀtigen Menschen entfalten. Das
Formalin konnte nach Beendigung seiner Anwendung bei Schering in Lima problemlos
durch andere Desinfektionsmittel ersetzt werden. Sie haben fĂŒr das Unternehmen nur
einen Nachteil: Sie sind etwas teurer.

Die betroffenen BeschÀftigten hatten vor 1989 bereits seit Jahren gegen die Belas-
tungen durch UV-Licht und Formalin protestiert und die GeschĂ€ftsfĂŒhrung der Schering
Farmacéutica Peruana um Verbesserungen ihrer Arbeitsbedingungen ersucht. Die an
ihrer Spitze stets mit Deutschen besetzte Firmenleitung hatte die Ersuchen jedoch
generell zurĂŒckgewiesen und die Desinfektionspraxis als unbedenklich bezeichnet.

Eine von der Betriebsgewerkschaft veranlaßte Inspektion durch das Arbeitsministerium
(siehe obenstehende Dokumentation) blieb trotz von ihr festgestellter Gesundheits-
gefahren und ausgesprochener Verbesserungsempfehlungen folgenlos. Die BeschÀf-
tigten sehen als Ursachen die generelle Überlastung und die schlechte Ausstattung der
Behörden, die eine Durchsetzung von Arbeitsschutzmaßnahmen unmöglich machen.
Vor allem aber werden die peruanischen Arbeitsschutz-Vorschriften den Erforder-
nissen eines umfassenden Gesundheitsschutzes bei weitem nicht gerecht. Hier wÀre
Schering gefordert gewesen, von Beginn an freiwillig die im Heimatland des Konzerns
ĂŒblichen Standarts einzuhalten.


Erfolg durch Rede

In der AktionÀrs-Hauptversammlung der Schering AG im Juni 1989 und in kurz danach
erschienenen Publikationen machten SchAN-Mitglieder die gesundheitsgefÀhrdenden
Arbeitsbedingungen bei der Niederlassung in Lima erstmals öffentlich in der Bundes-
republik bekannt. WĂ€hrend Vorstand und Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns diese
Informationen bis heute dementieren, sorgte das Unternehmen hinter den Kulissen
fĂŒr Verbesserungen.

Eine Gruppe deutscher Schering-Techniker reiste nach Peru, um die VorwĂŒrfe zu
ĂŒberprĂŒfen. Als sie das Werk wieder verließen und die Produktion wieder aufgenom-
men wurde, waren die beschriebenen Gesundheitsbelastungen fĂŒr die dortigen
BeschÀftigten beseitigt worden. Die UV-Lampen werden seitdem tatsÀchlich nur noch
nachts, also in Abwesenheit der BeschÀftigten, betrieben, und der stechende Geruch
des Formalins ist in den VerpckungsrÀumen nicht mehr wahrzunehmen.

Eine vergleichsweise geringe öffentliche Aufmerksamkeit in Deutschland veranlasste
den Konzern zu den notwendigen Maßnahmen des Gesundheitsschutzes. Beschwer-
den und Proteste der betroffenen Belegschaft waren hingegen seit Jahren ignoriert
worden. Der Fall fĂŒhrt vor Augen, welche geringe Bedeutung die Verantwortlichen bei
Schering der Gesundheit einzelner BeschĂ€ftigter beimessen, wie groß hingegen ihre
Sorge um das gute Image des Konzern ist.