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Weltweite Proteste gegen Siemens 1997

JubilÀumsjahr wurde weltweit zum Protestjahr

„Der Siemens-Boykott ist heute eine internationale Bewegung“, formulierte Andreas LĂ€mmermann, Sprecher des Koordinationskreis Siemens-Boykott, das Fazit aus weltweiten Aktionen im JubilĂ€umsjahr der Atom- und Elektrofirma.

WĂ€hrend sich die Konzernleitung 1997 sehr fleißig bemĂŒhte, das 150. JubilĂ€um der FirmengrĂŒndung festlich zu begehen, hĂ€uften sich rund um den Globus die Proteste gegen ihre GeschĂ€ftspolitik, die weiterhin auf den Neubau und die NachrĂŒstung von Atomkraftwerken setzt und die bleibende Verantwortung der Firma fĂŒr ihre frĂŒheren Verbrechen leugnet.

In Moskau blockierten Mitglieder der
Socio-Ecological Union und der
Rainbow Keepers am 25. MĂ€rz die
dortige Siemens-Niederlassung. Mit
Handschellen ketteten sie sich an den
Eingang, riefen zum Siemens-Boykott
auf und warnten auf Transparenten:
„No more reactors“. Die Polizei nahm
sechs der Aktivisten fest, setzte sie
aber bereits nach zwei Stunden wieder
auf freien Fuß. „Wir haben durch diese
Aktion einen Großauftrag fĂŒr Medizin-
gerĂ€te verloren“, gestand ein Firmen-
vertreter spÀter.

Die französische Anti-Atomkraft-
Bewegung mobilisierte Ende Mai zu
einer internationalen Demonstration
gegen einen Bau des ,EuropÀischen
Druckwasserreaktors‘ EPR durch
Siemens und Framatome in Le Carnet
an der französischen AtlantikkĂŒste.

400 Menschen demonstrierten vor der Siemens Hauptver-
sammlung 1997 im Berliner ICC. Aus einer nachgebauten
Reaktorkuppel entwichen 400 gelbe Ballons mit kritischen
Informationen ĂŒber den Konzern.  (Foto: Theo Heimann)

Die große britische Friedensinitiative CND entschloß sich 1997 ebenfalls zum Siemens-Boykott und rief ihre Mitglieder landesweit auf, keine Produkte des Konzerns mehr zu kaufen, solange er im AtomgeschĂ€ft tĂ€tig ist.

In Deutschland gingen Atomkraftgegener im JubilĂ€umsjahr gleich an drei Aktionstagen bundesweit fĂŒr den Siemens-Boykott auf die Straße. Am 26. April, am 12. Juli und am 11. Oktober informierten sie die Kundinnen und Kunden vor den Filialen der ElektrohĂ€user MediaMarkt, ProMarkt und Saturn ĂŒber den Zusammenhang von Atomkraftwerken und Siemens-GerĂ€ten.

Bei einer gutbesuchten Tagung der Evangelischen Akademie Arnoldshein im hessischen Gießen wurde Siemens erneut zum öffentlichen Diskurs ĂŒber den Boykott gezwungen. Pressesprecher Wolfgang Breyer mußte sich fĂŒr den Atomkurs seines Unternehmens rechtfertigen. Der Theologe und Biologe Prof. GĂŒnter Altner kritisierte auf der Tagung das anhaltende Atomengagement des Unternehmens. NachdrĂŒcklich sprach sich der 60-jĂ€hrige MitgrĂŒnder des Öko-Instituts fĂŒr den Siemens-Boykott aus.


3000 demonstrierten fĂŒr EntschĂ€digung

Bereits am 08. Februar demonstrierten in Berlin 3.000 Menschen gegen die AtomgeschĂ€fte des Konzerns und fĂŒr EntschĂ€digungszahlungen an die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die Siemens in der Zeit des Nationalsozialismus ausgebeutet hat.

FĂŒnf Tage spĂ€ter empfingen mehrere Polizei-Hundertschaften in Kampfuniformen die verdutzten Siemens-AktionĂ€re zur Hauptversammlung im Berliner Kongreßzentrum ICC. Die Firma hatte den PolizeiprĂ€sidenten ĂŒberzeugt, daß Gewalttaten zu befĂŒrchten seien.

Echte Gefahr fĂŒr Siemens ging an diesem Tag jedoch nicht von den Demonstranten vor der Halle aus, sondern vielmehr von den kritischen Informationen auf gelben FlugblĂ€ttern, die an 400 gasgefĂŒllten Luftballons in den Himmel stiegen. Sie waren unmittelbar vor dem ICC durch einen Riß in der Reaktorkuppel eines Atomkraftwerks in die AtmosphĂ€re entwichen. – Die Demonstranten hatten den vier Meter hohen Reaktor aus Holz und Stoff nachgebaut (siehe Foto oben).

Als ein Vertreter des Dachverbands der Kritischen AktionĂ€rinnen und AktionĂ€re mehr als hundert Eintrittskarten zur Versammlung an die Demonstranten verteilte, denunzierte ihn ein Siemens-Mitarbeiter bei der Polizei, er habe Eintrittskarten gefĂ€lscht. Dienstbeflissen aber ahnungslos bemĂŒhten sich uniformierte und zivile Beamte, den Kritischen AktionĂ€r festzusetzen. Wenige Minuten spĂ€ter verpuffte der Vorwurf jedoch in einem GesprĂ€ch mit Siemens-Justitiaren: Der Dachverband vertrat ganz legal ĂŒber hundert AktionĂ€rinnen und AktionĂ€re des Konzerns, die am AtomgeschĂ€ft nicht mehr mitverdienen wollen.


Internationale Redner in der Hauptversammlung

In der Hauptversammlung selbst hatte Vorstandschef Heinrich von Pierer MĂŒhe, sich Gehör zu verschaffen. Mehrere Sprechchöre unterbrachen seine Rede mit Slogans wie „Siemens-RavensbrĂŒck: Das war Mord – EntschĂ€digung sofort!“ und mit einem ,die-in‘ symbolischer Strahlenopfer. Zahlreiche Rednerinnen und Redner aus Weißrussland, der Slowakei, den USA, aus Österreich und Deutschland begrĂŒndeten die Forderungen nach Atomausstieg und EntschĂ€digungen. Von Pierer und Aufsichtsratschef Hermann Franz wiesen beiden Anliegen jedoch erneut die kalte Schulter.

Zur offiziellen JubilĂ€umsfeier im Oktober hatte Siemens 3.000 FĂŒhrungskrĂ€fte des Konzerns aus aller Welt nach Berlin einfliegen lassen. Auch sie wurden beim Betreten des Festsaals von atomkritischen Demonstanten empfangen. Die Ärzteorganisation IPPNW und der Koordinationskreis Siemens-Boykott hatten ein Transparent mit ihrer Ausstiegsforderung an einem Zeppelin unĂŒbersehbar in den Berliner Himmel gehievt.

WĂ€hrend sich im ICC Firmenoffizielle und Bundeskanzler Helmut Kohl in Festreden ergingen, sprachen sich der Direktor des MĂŒnchner Max-Planck-Instituts, Prof. Hans Peter DĂŒrr, und der Strahlenbiologe Prof. Edmund Lengfelder in einem Presse-
gesprĂ€ch der IPPNW gegen die Atomkraftnutzung und fĂŒr den Siemens-Boykott aus. Aufstichtsratschef Hermann Franz hatte eine Einladung zu diesem GesprĂ€ch ausgeschlagen.