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Chronik des Siemens-Konzerns

Elektrotechnischer Gemischtwarenladen

Der Siemens-Konzern im Überblick

„Ich bin jetzt ziemlich entschlossen, mir eine feste Laufbahn durch die Telegraphie zu bilden, sei es in oder außer dem MilitĂ€r. Die Telegraphie wird eine eigene, wichtige Branche der wissenschaftlichen Technik werden, und ich fĂŒhle mich einigermaßen berufen, organisierend in ihr aufzutreten.“

Der Berliner Artillerieleutnant Werner Siemens schrieb diese programmatischen SĂ€tze an seinem 30. Geburtstag an seinen Bruder William. Ein knappes Jahr spĂ€ter, im Oktober 1847, grĂŒndete er mit dem Mechaniker Johann Georg Halske die ,Telegraphen-Bau-Anstalt von Siemens & Halske‘. Sein Vetter Johann Georg Siemens streckte ihm als GrĂŒndungskapital damals 6.842 Taler vor.

Heute beschĂ€ftigt der Siemens-Konzern weltweit ĂŒber 390.000 Menschen, die im GeschĂ€ftsjahr 1992/93 (1.10.) einen Reingewinn von fast zwei Milliarden Mark erwirtschafteten. Trotz Rezession in Deutschland stieg der Konzern-Umsatz im Vergleich zum Vorjahr um vier Prozent auf 81,6 Milliarden Mark.

Die UN-Konferenz fĂŒr Handel und Entwicklung (UNCTAD) zĂ€hlte Siemens in ihrem Welt-Investment-Report vom Juli 1993 ausdrĂŒcklich zu den global agierenden Konzernen, die sich zur treibenden Kraft der weltwirtschaftlichen Verflechtung entwickelt hĂ€tten.

Telegraphen fĂŒr Kaiser und Kolonialmacht

Erstes Produkt von Siemens und Halske war ein selbst entwickelter Zeigertelegraph, den sich Siemens schon eine Woche nach FirmengrĂŒndung patentieren ließ. Als 1848 in der Frankfurter Paulskirche die erste deutsche Nationalversammlung zusammentrat, erhielt das junge Unternehmen den Auftrag, beschleunigt eine Telegrafenlinie von dort in die Preußische Hauptstadt Berlin zu errichten – der König wollte informiert sein.

Siemens‘ Kabelverbindung vom Main an die Spree war die erste elektrische Ferntelegrafenlinie Europas. WĂ€hrend sie noch im Bau war, wurde der Auftrag erweitert, um weitere norddeutsche GroßstĂ€dte mit Berlin zu verbinden. „Das Biedermeier war verklungen“, triumphiert die Firmenchronik, „Raum und Zeit waren im Begriff, durch ein Werk der Technik ĂŒberwunden zu werden“.

In den folgenden Jahrzehnten errichtete die Firma Siemens & Halske, die Werner Siemens zusammen mit seinen BrĂŒdern Carl und William leitete, Telegraphenverbindungen durch ganz Europa. Von 1867 bis 1870 baute das Unternehmen die ‘Indo-EuropĂ€ische Telegrafenlinie’, die die Hauptstadt des britischen Weltreichs mit seinen indischen Kolonien verband. Bis 1931 habe diese fast 11.000 Kilometer lange Verbindung von London nach Kalkutta dann „technisch und wirtschaftlich sehr befriedigend gearbeitet“, berichtet die Chronik von 1981.

Telefone fĂŒr China

Die Produktpalette des Unternehmens wuchs rasch. Siemens ist stolz auf „Innovationen seit ĂŒber 140 Jahren“, darunter die erste elektrische Eisenbahn der Welt von 1879, das erste Rönt-genröhrenpatent von 1896 und das welterste Telexnetz von 1933.

Heute ist die Zahl der elektrotechnischen und elektronischen Produkte des Konzerns unĂŒberschaubar geworden. GrĂ¶ĂŸter GeschĂ€ftsbereich ist aber weiterhin die Fernmeldetechnologie: Satte 13,5 Milliarden Mark setzte Siemens im GeschĂ€ftsjahr 1992/93 im Bereich der öffentlichen Kommunikationsnetze um, weitere 6,3 Milliarden mit privaten Kommunikationssystemen.

Weltweit errichtet der Konzern fĂŒr Telefongesellschaften schlĂŒsselfertige Vermittlungsanlagen – in Thailand ebenso wie in den USA oder den neuen deutschen BundeslĂ€ndern. Mehr als 157 Fernmeldeverwaltungen in 68 LĂ€ndern hĂ€tten sich bislang fĂŒr das digitale Telefonvermittlungssystem EWSD entschieden, rĂŒhmt der Siemens-GeschĂ€ftsbericht 1993.

Aber auch EndgerĂ€te fĂŒr den privaten Telefonkunden und Nebenstellenanlagen fĂŒr Firmen und Behörden gehören zum Sortiment von Siemens und ihrer bedeutendsten Tochter auf diesem Gebiet, der amerikanischen Rolm. Neben den osteuropĂ€ischen Staaten und SĂŒdostasien
ist vor allem China wichtiger Markt fĂŒr diese Produkte.
So ist die Volksrepublik nach Deutschland bereits das zweitgrĂ¶ĂŸte Absatzgebiet fĂŒr die Kommunikations- systeme der Hicom-Reihe von Siemens. FĂŒr die digitalen Mobiltelefone der sogenannten ‘D-Netze’, die in zwölf europĂ€ischen LĂ€ndern betrieben werden, ist der deutsche Elektronikriese ebenfalls einer der fĂŒhrenden Lieferanten.

Leuchten wie Osram

Weniger brisant ist das GeschĂ€ft mit GlĂŒhlampen, die
sich ebenfalls im Produktsortiment des Konzerns finden. Schon 1919 hatte Siemens ihre GlĂŒhlampenfabriken
mit denen von Auer und AEG zur Gemeinschaftsfirma ‘Osram’ zusammengelegt. Ihr Firmentitel ist aus den Namen der Metalle Osmium und Wolfram gebildet, die
fĂŒr die GlĂŒhfĂ€den verwendet werden. Seit 1978 gehört Osram zu hundert Prozent der Siemens AG.

Zum Mai 1993 ĂŒbernahm Osram auch das Lampen- geschĂ€ft der amerikanischen GTE Corporation. Die unter dem Markennamen ‘Sylvania’ bekannte GTE war mit einem Jahresumsatz von etwa zwei Milliarden Mark Nordamerikas zweitgrĂ¶ĂŸter Lampenhersteller.

„Damit“, frohlocken die Siemens-Chefs, könne Osram
"zu den beiden grĂ¶ĂŸten Lampenproduzenten der Welt aufschließen“. – Der weltweite Umsatz von Osram belĂ€uft sich nach dem Sylvania-Deal denn auch auf mehr als fĂŒnf Milliarden Mark. Ebenfalls ein Gemeinschaftsunternehmen ist die ‘Bosch-Siemens HausgerĂ€te GmbH’ (BSHG). Die 1967 gegrĂŒndete Firma gehört je zu HĂ€lfte den beiden Mutterkonzernen, die baugleiche GerĂ€te unter den jeweils eigenen Firmennamen verkaufen. Mit Waschmaschinen, KĂŒhlschrĂ€nken, Staubsaugern und Ă€hnlichem erreichte die BSHG 1992/93 erstmals die Umsatzmarke von sieben Milliarden Mark.

Der Autoindustrie liefert Siemens elektrische und elektronische Bauteile zu – fĂŒr Motorsteuerung, Heizung, Klimaanlage und Airbag beispielsweise. Aber der Konzern ist auch an Versuchen beteiligt, dem Individual- verkehr trotz Klimakatastrophe eine Zukunftsperspektive zu eröffnen: Sein ‘Verkehrs-Leit-und-Informationssystem Euroscout’ soll das Überleben im Verkehrschaos sichern.

Zwischen zwei und drei Milliarden Mark setzt Siemens jĂ€hrlich mit Eisenbahnen um. Vornehmstes Projekt ist dabei die ‘Intercity-Expreß’ Flotte der Deutschen Bundes- bahn. Allein im GeschĂ€ftsjahr 1991/92 orderte die Bahn 60 ICE-SchnellzĂŒge, die ein deutsches Firmenkonsortium unter FederfĂŒhrung von Siemens produziert. Der Exporterfolg des ICE lĂ€sst derweil noch auf sich warten. Einen 25-Milliarden-Mark-Auftrag aus SĂŒdkorea etwa schnappte der billigere französische ‘TGV’ den Deutschen im August 1993 weg.

Bereits international etabliert ist Siemens derweil mit Straßenbahnen. Der GeschĂ€ftsbericht listet jĂ€hrlich die StĂ€dte auf, in denen neuerdings auch Siemens-ZĂŒge fahren: Sheffield, San Diego, Tunis, St. Louis, Köln und Berlin waren es 1991 und ’92. In Nordamerika ist Siemens nach eigenen Angaben MarktfĂŒhrer bei Straßenbahnen.

Verlust mit Computern

Fast 15 Prozent vom Konzernumsatz trĂ€gt das ComputergeschĂ€ft der ‘Siemens Nixdorf Informationssysteme AG’ (SNI). Damit ist sie das mit Abstand grĂ¶ĂŸte selbstĂ€ndige Tochterunternehmen und wĂŒrde im Vergleich mit den Konzernbereichen den zweiten Rang einnehmen.

Die ‘Nixdorf Computer AG’ - NeugrĂŒndung eines geschĂ€ftstĂŒchtigen IBM-Aussteigers - hatte Konkurrenten einige Jahre lang mit enormem GeschĂ€ftserfolg beeindruckt, bevor Ende der achtziger Jahre der jĂ€he Niedergang folgte. Siemens witterte die Chance und kaufte das Konkursunternehmen kurzerhand auf. Zum Oktober 1991 legte sie den Neuerwerb dann mit ihrem bisherigen Konzernbereich Daten- und Informationstechnik zur SNI zusammen.

Nach einem massiven Stellenabbau arbeiten jetzt noch gut 43.000 Menschen bei der SNI. Sie bauen diverse Großrechner und GerĂ€te der sogenannten mittleren Datentechnik, aber auch Personal Computer und Peripheriesysteme. Saniert ist Nixdorf damit freilich nicht: 419 Millionen Mark Verlust brachte die SNI dem Konzern 1992/93 ein.

Technik zum Töten

In dem mit 1,2 Milliarden Mark Umsatz vergleichsweise kleinen Konzernbereich ‘Sicherungstechnik’ fĂŒhrt Siemens ihre militĂ€rischen Projekte - darunter Radaranlagen, WĂ€rmebildgerĂ€te und Armee-Funknetze. Auch an der Elektronik des Raketenprogramms ‘Patriot’ ist Siemens beteiligt.

Der GeschĂ€ftsbereich hatte 1990/91 noch einen satten Umsatzzuwachs von 56 Prozent gegenĂŒber dem Vorjahr verzeichnet. Als Folge der Ost-West-Entspannung sank das GeschĂ€ftsvolumen bis 1991/92 aber um 13 und bis 1992/93 nochmal um 15 Prozent

Technik zum Heilen

Es sei abzusehen, klagt Siemens im GeschĂ€ftsbericht, „daß sich die Ausgaben fĂŒr Verteidigungselektronik in den uns zugĂ€nglichen MĂ€rkten vorerst noch weiter reduzieren und wohl erst ab Mitte der neunziger Jahre auf niedrigerem Niveau stabilisieren werden“.

Doch auch mit den Folgen der Waffentechnik lĂ€ĂŸt Siemens den Menschen nicht allein: Fast acht Milliarden Mark Umsatz machen die Medizintechnik zum fĂŒnftgrĂ¶ĂŸten Konzernbereich.

Die Sparte hat sich vor allem auf diagnostische GerĂ€te spezialisiert. Computertomographen der ‘Somatom’- Baureihe sind das Flaggschiff der Produkte. Hinzu kommen der ‘Neurostar’ fĂŒr die Neuroradiologie, der ‘Ultraschall-Farbdoppler Q2000’ fĂŒr die GefĂ€ĂŸdiagnostik und andere SpezialgerĂ€te.

Und auch in diesem GeschĂ€ft kann Siemens mit Rekorden aufwarten. „Im Sommer 1991 konnten wir das 100.000ste zahnĂ€rztliche RöntgengerĂ€t Heliodent ausliefern“, prahlte der GeschĂ€ftsbericht 1991. „Es wurde damit das meistverkaufte RöntgengerĂ€t fĂŒr Zahn- und Kieferaufnahmen in der Welt.“

Die Berichte der folgenden Jahre kĂŒnden von 600 verkauften Computertomographen und dem Kernspintomographen ‘Magnetom Impact’ der „mit 300 verkauften Anlagen im Berichtsjahr weltweit Bestseller unter den Magnetresonanz-Bildgebungsverfahren“ gewesen sei. „In der Röntgentechnik“, heißt es ohne EinschrĂ€nkung weiter, „sind wir MarktfĂŒhrer“.

(Auszug aus der BroschĂŒre „Atomschmiede Siemens – HintergrĂŒnde zum Siemens-Boykott“, herausgegeben fĂŒr den Koordinationskreis Siemens-Boykott vom Dachverband der Kritischen AktionĂ€rinnen und AktionĂ€re, Februar 1994)

 

 

Quellen beider Dokumente:
siehe
Literatur ĂŒber Siemens

 

 

 

 

 

 

Alternative Chronik
des Siemens-Konzerns:

1847: Der Berliner Artillerieleutnant Werner Siemens grĂŒndet mit dem UniversitĂ€ts- Mechanikus Johann Georg Halske die ,Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske‘. Gleichzeitig bleibt er Offizier der preußischen Armee und behĂ€lt in dieser Funktion Sitz und Stimme in der preußischen Telegraphenkommission.

1848: Von ebendieser Kommission erhÀlt das Unternehmen den Auftrag, Europas erste Ferntelegraphenlinie von der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zur Residenz von König Friedrich Wilhelm IV. in Berlin zu bauen.

1867: Siemens beginnt mit dem Bau der ,Indo-EuropĂ€ischen Telegraphenlinie‘ von London nach Kalkutta. Bis 1931 verbindet sie die britische Regierung mit ihrer indischen Kolonie.

1870: Unter Beteiligung der Familie Siemens wird die Deutsche Bank gegrĂŒndet. Werners Vetter Georg Siemens wird spĂ€ter einer ihrer Direktoren.

1883: Vier Wochen bevor die amerikanische ,Edison Co.‘ ihre erste deutsche Tochterfirma grĂŒndet, unterzeichnet sie einen Vertrag mit Siemens, der Konkurrenz zwischen den beiden Unternehmen weitgehend ausschließt.

1887: Die Deutsche Edison steht vor dem Konkurs und wird von Siemens und der Deutschen Bank durch eine Kapitalerhöhung gerettet. Bedingung dafĂŒr sind die Trennung von der Muttergesellschaft und die Umbenennung in ,Allgemeine ElektrizitĂ€ts Gesellschaft‘ AEG. Im neuen Aufsichtsrat sitzen Georg Siemens fĂŒr die Deutsche Bank und Werners Sohn Arnold von Siemens fĂŒr die Firma Siemens.

1903: Um den ersten ernsthaften Streik der Firmengeschichte zu beenden, muß die Unternehmensleitung der Belegschaft einen geheim gewĂ€hlten Arbeiterausschuß zugestehen. Die meisten seiner Petitionen lehnt sie jedoch ab.

1905: AEG und Siemens sperren 40.000 Arbeiter aus, die gegen das Absinken ihrer Reallöhne streiken. Der Streik bricht zusammen.

1910: Die Deutsche Bank entzieht der ökonomisch gesunden Bergmann ElektrizitÀtswerke AG die Kredite. Siemens kann den bisherigen Konkurrenten daraufhin aufkaufen.

1914: Wegen Bestechung von Beamten wird Siemens in Japan rechtskrÀftig verurteilt.

1914: In den ersten drei Jahren des 1. Weltkriegs erhĂ€lt Siemens von der deutschen Marine AuftrĂ€ge fĂŒr U-Boote im Wert von 63,5 Millionen Reichsmark.

1916: Auf Umwegen liefert Siemens 700 Tonnen Elektrostifte und Elektrokohle an die britische Marine.

1919: Mit den Firmen Auer und AEG grĂŒndet Siemens die GlĂŒhlampenfabrik OSRAM, die spĂ€ter ganz in Siemens-Besitz ĂŒbergeht.

1924: In Genf grĂŒnden AEG und Siemens gemeinsam mit anderen Elektrofirmen das Phoebus-GlĂŒhlampenkartell.

1932: Konzernchef Carl Friedrich von Siemens und andere Industrielle fordern ReichsprĂ€sident Hindenburg schriftlich auf, die Regierung an den FĂŒhrer der NSDAP zu ĂŒbertragen. Zwei Monate spĂ€ter, am 30. Januar 1933, ĂŒbernimmt Adolf Hitler die Macht.

1939: Das Phoebus-Kartell kontrolliert ĂŒber 80 Prozent der europĂ€ischen Lampenproduktion.

1940: Der kriegswichtige deutsche Konzern Siemens beschÀftigt erstmals Zwangsarbeiter.

1942: Siemens errichtet Fabriken in unmittelbarer Nachbarschaft der Konzentrationslager Auschwitz und RavensbrĂŒck. „HaftstĂ€tten“ unter SS-Verwaltung existieren außerdem bei den Siemens-Werken Berlin-Siemensstadt, Biezanow, Bobrek, Ebensee, Happurg, NĂŒrnberg, Oberaltstadt, Oberleutensdorf-Maltheuern, Strassfurt und Zwodau.

1943: Mehr als 30 Prozent der Siemens-Belegschaft sind Fremdarbeiter, Kriegsgefangene, jĂŒdische Zwangsarbeiter und KZ-HĂ€ftlinge. Viele von ihnen verhungern oder werden „durch Arbeit vernichtet“. Nur an 2.203 jĂŒdische Überlebende zahlt der Konzern zwei Jahrzehnte spĂ€ter EntschĂ€digungen.

1967: Die Firmen Bosch und Siemens grĂŒnden paritĂ€tisch die ,Bosch-Siemens-HausgerĂ€te GmbH‘, die identische GerĂ€te mit verschiedenen Firmenschildern produziert.

1968: In Obrigheim geht das erste von Siemens errichtete Leistungs-Atomkraftwerk in Betrieb. Bis 1989 folgen 20 weitere Atomreaktoren von Siemens oder ihrer Tochter KWU in der Bundesrepublik Deutschland.

1968: Siemens erhĂ€lt aus Argentinen den ersten Exportauftrag fĂŒr ein Atomkraftwerk. Erst viele Jahre nach ,Atucha 1‘ bekommt SĂŒdamerika ein weiteres Atomkraftwerk.

1969: AEG-Telefunken und Siemens grĂŒnden gemeinsam die ,Kraftwerk Union‘ KWU, die Siemens acht Jahre spĂ€ter ganz ĂŒbernimmt.

1974: Der Durchschnittslohn fĂŒr schwarze BeschĂ€ftigte bei Siemens in SĂŒdafrika liegt bei umgerechnet 1,61 Mark pro Stunde und damit unter dem Existenzminimum.

1974: Mit 1.229 AuftrĂ€gen im Gesamtwert von mehr als 338 Millionen Mark ist Siemens der zweitgrĂ¶ĂŸte Lieferant der Bundeswehr.

1977: 400 Angehörige des Siemens- Konzerns besitzen Mandate in deutschen Parlamenten, drei davon im Bundestag.
Die Firma garantiert ihnen die Fortzahlung des Gehalts.

1978: Siemens installiert nahe Hamburg den ReaktordruckbehĂ€lter des Atomkraftwerks KrĂŒmmel. Erst 18 Jahre spĂ€ter wird bekannt, daß dabei unpassende Teile des BehĂ€lters mit Hydraulikpressen gefĂ€hrlich zurechtgebogen wurden. Die Staatsanwaltschaft LĂŒbeck nimmt deshalb 1996 Ermittlungen gegen Siemens auf.

1984: Das Atomkraftwerk KrĂŒmmel geht in Betrieb. In den Jahrzehnten danach hĂ€ufen sich in der Umgebung LeukĂ€miefĂ€lle bei Kindern.

1991: Siemens schluckt die marode Computerfirma Nixdorf. Seitdem landen in deutschen Amts- und Poststuben fast ausschließlich PCs von ,Siemens Nixdorf‘.

1993: Wegen Bestechung im Zusammenhang mit der „MĂŒnchener KlĂ€rwerks-AffĂ€re“ werden zwei leitende Siemens-Angestellte verurteilt.

1993: Nur vier Jahre nach dem Massaker auf dem Tienanmen-Platz in Peking, bei dem chinesische Soldaten mehr als 3.000 friedliche Demonstranten niedermetzelten, reist Siemens-Chef Heinrich von Pierer mit Bundeskanzler Helmut Kohl nach China, um GeschĂ€fte mit der chinesischen FĂŒhrung anzubahnen.

1993: Im GeschĂ€ftsbericht beklagt Siemens, daß die UmsĂ€tze mit Waffen-Elektronik infolge der Ost-West-Entspannung sinken.

1993: 70 VerbĂ€nde und BĂŒrgerinitiativen rufen zum Boykott aller Siemens-Produkte auf, bis der Konzern alle seine Atombetriebe geschlossen hat. In den folgenden Monaten steigt die Zahl der UnterstĂŒtzergruppen auf 120.

1994: Auf Nachfrage von Kritischen AktionĂ€ren muß der Siemens-Vorstand in der Hauptversammlung eingestehen, daß 25 Prozent der Gesamtbelegschaft, aber nur 2,7 Prozent der FĂŒhrungskrĂ€fte Frauen sind.

1996: Die Regierung von Singapur schließt Siemens wegen Bestechung fĂŒr fĂŒnf Jahre von allen öffentlichen AuftrĂ€gen aus.

1996: Entgegen der Voten des EuropĂ€ischen und des Österreichischen Parlaments und trotz Protesten von mehr als einer Million Österreicher beginnt Siemens in der Slowakei mit dem Weiterbau des sowjetischen Atomkraftwerks Mochovce. Westliches Sicherheitsniveau wird es nicht erreichen. Die deutsche Bundesregierung ermöglicht den Bau durch eine Hermes-BĂŒrgschaft von 146 Millionen Mark.

1996: Mit einer weiteren Hermes-BĂŒrg-
schaft ĂŒber 1,135 Milliarden Mark schafft die Bundesregierung dem Siemens- Konzern beste Voraussetzungen, den Auftrag fĂŒr den Bau der 14 Generatoren und Turbinen des „Drei-Schluchten- Staudamms“ am chinesischen Jangtse zu ergattern, fĂŒr den die chinesische Regierung 1,8 Millionen Menschen zwangsumsiedeln will.

1997: Bayerns Kultusminister legt in Garching bei MĂŒnchen den Grundstein fĂŒr den FRM II-Forschungsreaktor, den Siemens fĂŒr die Technische UniversitĂ€t MĂŒnchen errichten wird. Trotz heftiger Proteste der US-Regierung soll er mit atomwaffenfĂ€higem Uran betrieben werden.

1997: Mit Jubelveranstaltungen lĂ€ĂŸt die Konzernleitung das 150. JubilĂ€um der FirmengrĂŒndung feiern. Höhepunkte sind ein Fest in Berlin-Siemensstadt vom 08. bis 10. August und ein Festakt im Berliner ICC am 12. Oktober.

2000: Noch vor der Jahrtausendwende wollen Siemens und ihr französischer Partner Framatome die erste Baugeneh-
migung fĂŒr ihren neuen ,EuropĂ€ischen Druckwasser-Reaktor‘ EPR durchsetzen.

(Zusammenstellung: Henry Mathews,
Dachverband der Kritischen AktionÀr-
innen und AktionÀre, 1997)