|
Alternative Chronik des Siemens-Konzerns:
1847:
Der Berliner Artillerieleutnant Werner Siemens grĂŒndet mit dem UniversitĂ€ts- Mechanikus Johann Georg Halske die ,Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halskeâ. Gleichzeitig bleibt er Offizier der preuĂischen Armee und behĂ€lt in dieser Funktion Sitz und Stimme in der preuĂischen Telegraphenkommission.
1848:
Von ebendieser Kommission erhÀlt das Unternehmen den Auftrag, Europas erste Ferntelegraphenlinie von der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche zur Residenz von König Friedrich Wilhelm IV. in Berlin zu bauen.
1867:
Siemens beginnt mit dem Bau der ,Indo-EuropĂ€ischen Telegraphenlinieâ von London nach Kalkutta. Bis 1931 verbindet sie die britische Regierung mit ihrer indischen Kolonie.
1870:
Unter Beteiligung der Familie Siemens wird die Deutsche Bank gegrĂŒndet. Werners Vetter Georg Siemens wird spĂ€ter einer ihrer Direktoren.
1883:
Vier Wochen bevor die amerikanische ,Edison Co.â ihre erste deutsche Tochterfirma grĂŒndet, unterzeichnet sie einen Vertrag mit Siemens, der Konkurrenz zwischen den beiden Unternehmen weitgehend ausschlieĂt.
1887:
Die Deutsche Edison steht vor dem Konkurs und wird von Siemens und der Deutschen Bank durch eine Kapitalerhöhung gerettet. Bedingung dafĂŒr sind die Trennung von der Muttergesellschaft und die Umbenennung in ,Allgemeine ElektrizitĂ€ts Gesellschaftâ AEG. Im neuen Aufsichtsrat sitzen Georg Siemens fĂŒr die Deutsche Bank und Werners Sohn Arnold von Siemens fĂŒr die Firma Siemens.
1903:
Um den ersten ernsthaften Streik der Firmengeschichte zu beenden, muà die Unternehmensleitung der Belegschaft einen geheim gewÀhlten Arbeiterausschuà zugestehen. Die meisten seiner Petitionen lehnt sie jedoch ab.
1905:
AEG und Siemens sperren 40.000 Arbeiter aus, die gegen das Absinken ihrer Reallöhne streiken. Der Streik bricht zusammen.
1910:
Die Deutsche Bank entzieht der ökonomisch gesunden Bergmann ElektrizitÀtswerke AG die Kredite. Siemens kann den bisherigen Konkurrenten daraufhin aufkaufen.
1914:
Wegen Bestechung von Beamten wird Siemens in Japan rechtskrÀftig verurteilt.
1914:
In den ersten drei Jahren des 1. Weltkriegs erhĂ€lt Siemens von der deutschen Marine AuftrĂ€ge fĂŒr U-Boote im Wert von 63,5 Millionen Reichsmark.
1916:
Auf Umwegen liefert Siemens 700 Tonnen Elektrostifte und Elektrokohle an die britische Marine.
1919:
Mit den Firmen Auer und AEG grĂŒndet Siemens die GlĂŒhlampenfabrik OSRAM, die spĂ€ter ganz in Siemens-Besitz ĂŒbergeht.
1924:
In Genf grĂŒnden AEG und Siemens gemeinsam mit anderen Elektrofirmen das Phoebus-GlĂŒhlampenkartell.
1932:
Konzernchef Carl Friedrich von Siemens und andere Industrielle fordern ReichsprĂ€sident Hindenburg schriftlich auf, die Regierung an den FĂŒhrer der NSDAP zu ĂŒbertragen. Zwei Monate spĂ€ter, am 30. Januar 1933, ĂŒbernimmt Adolf Hitler die Macht.
1939:
Das Phoebus-Kartell kontrolliert ĂŒber 80 Prozent der europĂ€ischen Lampenproduktion.
1940:
Der kriegswichtige deutsche Konzern Siemens beschÀftigt erstmals Zwangsarbeiter.
1942:
Siemens errichtet Fabriken in unmittelbarer Nachbarschaft der Konzentrationslager Auschwitz und RavensbrĂŒck. âHaftstĂ€ttenâ unter SS-Verwaltung existieren auĂerdem bei den Siemens-Werken Berlin-Siemensstadt, Biezanow, Bobrek, Ebensee, Happurg, NĂŒrnberg, Oberaltstadt, Oberleutensdorf-Maltheuern, Strassfurt und Zwodau.
1943:
Mehr als 30 Prozent der Siemens-Belegschaft sind Fremdarbeiter, Kriegsgefangene, jĂŒdische Zwangsarbeiter und KZ-HĂ€ftlinge. Viele von ihnen verhungern oder werden âdurch Arbeit vernichtetâ. Nur an 2.203 jĂŒdische Ăberlebende zahlt der Konzern zwei Jahrzehnte spĂ€ter EntschĂ€digungen.
1967:
Die Firmen Bosch und Siemens grĂŒnden paritĂ€tisch die ,Bosch-Siemens-HausgerĂ€te GmbHâ, die identische GerĂ€te mit verschiedenen Firmenschildern produziert.
1968:
In Obrigheim geht das erste von Siemens errichtete Leistungs-Atomkraftwerk in Betrieb. Bis 1989 folgen 20 weitere Atomreaktoren von Siemens oder ihrer Tochter KWU in der Bundesrepublik Deutschland.
1968:
Siemens erhĂ€lt aus Argentinen den ersten Exportauftrag fĂŒr ein Atomkraftwerk. Erst viele Jahre nach ,Atucha 1â bekommt SĂŒdamerika ein weiteres Atomkraftwerk.
1969:
AEG-Telefunken und Siemens grĂŒnden gemeinsam die ,Kraftwerk Unionâ KWU, die Siemens acht Jahre spĂ€ter ganz ĂŒbernimmt.
1974:
Der Durchschnittslohn fĂŒr schwarze BeschĂ€ftigte bei Siemens in SĂŒdafrika liegt bei umgerechnet 1,61 Mark pro Stunde und damit unter dem Existenzminimum.
1974:
Mit 1.229 AuftrĂ€gen im Gesamtwert von mehr als 338 Millionen Mark ist Siemens der zweitgröĂte Lieferant der Bundeswehr.
1977:
400 Angehörige des Siemens- Konzerns besitzen Mandate in deutschen Parlamenten, drei davon im Bundestag. Die Firma garantiert ihnen die Fortzahlung des Gehalts.
1978:
Siemens installiert nahe Hamburg den ReaktordruckbehĂ€lter des Atomkraftwerks KrĂŒmmel. Erst 18 Jahre spĂ€ter wird bekannt, daĂ dabei unpassende Teile des BehĂ€lters mit Hydraulikpressen gefĂ€hrlich zurechtgebogen wurden. Die Staatsanwaltschaft LĂŒbeck nimmt deshalb 1996 Ermittlungen gegen Siemens auf.
1984:
Das Atomkraftwerk KrĂŒmmel geht in Betrieb. In den Jahrzehnten danach hĂ€ufen sich in der Umgebung LeukĂ€miefĂ€lle bei Kindern.
1991:
Siemens schluckt die marode Computerfirma Nixdorf. Seitdem landen in deutschen Amts- und Poststuben fast ausschlieĂlich PCs von ,Siemens Nixdorfâ.
1993:
Wegen Bestechung im Zusammenhang mit der âMĂŒnchener KlĂ€rwerks-AffĂ€reâ werden zwei leitende Siemens-Angestellte verurteilt.
1993:
Nur vier Jahre nach dem Massaker auf dem Tienanmen-Platz in Peking, bei dem chinesische Soldaten mehr als 3.000 friedliche Demonstranten niedermetzelten, reist Siemens-Chef Heinrich von Pierer mit Bundeskanzler Helmut Kohl nach China, um GeschĂ€fte mit der chinesischen FĂŒhrung anzubahnen.
1993:
Im GeschÀftsbericht beklagt Siemens, daà die UmsÀtze mit Waffen-Elektronik infolge der Ost-West-Entspannung sinken.
1993:
70 VerbĂ€nde und BĂŒrgerinitiativen rufen zum Boykott aller Siemens-Produkte auf, bis der Konzern alle seine Atombetriebe geschlossen hat. In den folgenden Monaten steigt die Zahl der UnterstĂŒtzergruppen auf 120.
1994:
Auf Nachfrage von Kritischen AktionĂ€ren muĂ der Siemens-Vorstand in der Hauptversammlung eingestehen, daĂ 25 Prozent der Gesamtbelegschaft, aber nur 2,7 Prozent der FĂŒhrungskrĂ€fte Frauen sind.
1996:
Die Regierung von Singapur schlieĂt Siemens wegen Bestechung fĂŒr fĂŒnf Jahre von allen öffentlichen AuftrĂ€gen aus.
1996:
Entgegen der Voten des EuropĂ€ischen und des Ăsterreichischen Parlaments und trotz Protesten von mehr als einer Million Ăsterreicher beginnt Siemens in der Slowakei mit dem Weiterbau des sowjetischen Atomkraftwerks Mochovce. Westliches Sicherheitsniveau wird es nicht erreichen. Die deutsche Bundesregierung ermöglicht den Bau durch eine Hermes-BĂŒrgschaft von 146 Millionen Mark.
1996: Mit einer weiteren Hermes-BĂŒrg- schaft ĂŒber 1,135 Milliarden
Mark schafft die Bundesregierung dem Siemens- Konzern beste Voraussetzungen, den Auftrag fĂŒr den Bau der 14 Generatoren und Turbinen des âDrei-Schluchten- Staudammsâ am chinesischen Jangtse zu
ergattern, fĂŒr den die chinesische Regierung 1,8 Millionen Menschen zwangsumsiedeln will.
1997:
Bayerns Kultusminister legt in Garching bei MĂŒnchen den Grundstein fĂŒr den FRM II-Forschungsreaktor, den Siemens fĂŒr die Technische UniversitĂ€t MĂŒnchen errichten wird. Trotz heftiger Proteste der US-Regierung soll er mit atomwaffenfĂ€higem Uran betrieben werden.
1997:
Mit Jubelveranstaltungen lĂ€Ăt die Konzernleitung das 150. JubilĂ€um der FirmengrĂŒndung feiern. Höhepunkte sind ein Fest in Berlin-Siemensstadt vom 08. bis 10. August und ein Festakt im Berliner ICC am 12. Oktober.
2000:
Noch vor der Jahrtausendwende wollen Siemens und ihr französischer Partner Framatome die erste Baugeneh- migung fĂŒr ihren neuen ,EuropĂ€ischen Druckwasser-Reaktorâ EPR durchsetzen.
(Zusammenstellung: Henry Mathews, Dachverband der Kritischen AktionÀr-
innen und AktionÀre, 1997)
|