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150 Jahre Siemens (1997)
Aufruf zur Entschädigung ehemaliger ZwangsarbeiterInnen
1997 feiert die Siemens AG ihr 150jähriges Firmenjubiläum.
Teil dieser Geschichte ist auch die Rolle des Konzerns im Nationalsozialismus.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde zeitweise ein Drittel der wirtschaftlichen Produktion für das Deutsche Reich durch den
flächendeckenden Einsatz von ZwangsarbeiterInnen erbracht. Die Frauen, Männer und Kinder kamen aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten und auch aus Deutschland. Bis zum heutigen Tag wird den ehemaligen
ZwangsarbeiterInnen vom deutschen Staat die Anerkennung als NS-Verfolgte und eine materielle Entschädigung verweigert. Die Firmen, die von der Zwangsarbeit profiierten, so auch die Siemens AG, haben
Entschädigungsansprüche der ehemaligen ZwangsarbeiterInnen immer zurückgewiesen.
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Als Lieferantin der Rüstungsindustrie und führender Elektokonzern über- nahm die Siemens AG eine Vorreiter-
rolle bei der systematischen Ausbeu- tung von ZwangsarbeiterInnen. Zunächst bereicherte sich Siemens ab Frühjahr 1940 an jüdischen Zwangs- arbeiterInnen. Es folgte 1942 die
Errichtung eines eigenen Werkes mit schließlich 20 Produktionshallen beim Frauen-Konzentrationslager Ravens- brück. 1943 machten Fremdarbeiter- Innen, Kriegsgefangene, jüdische
ZwangsarbeiterInnen und KZ-Häftlinge mehr als 30 Prozent der Siemens- Gesamtbelegschaft aus. Sie wurden ausgebeutet, schikaniert und gequält; viele sind verhungert oder wurden
„durch Arbeit vernichtet“.
Die Siemens AG hat sich bis heute ihrer Verantwortung entzogen. Ein einmaliges finanzielles „Trostpflaster“
erhielten lediglich 2.203 jüdische
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Mitglieder der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und Kritische Aktionäre demonstrierten vor der Siemens Hauptver- sammlung 2000 in der Münchener Olympiahalle für die sofortige
Entschädigung aller Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter des Konzerns. (Foto: Henry Mathews)
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Überlebende durch das hartnäckige Engagement der Jewish Claims Conference
in den 60er Jahren, jedoch ohne Anerkennung eines Rechtsanspruchs auf Entschädi- gung. Die übergroße Mehrheit der ehemaligen ZwangsarbeiterInnen wurde bis heute nicht entschädigt. Dabei war Zwangsarbeit
bereits bei den Nürnberger Prozessen im Sinne eines der vier Hauptanklagepunkte als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ verurteilt worden. Das Europäische Parlament hat in seiner Entschließung vom 16.
Januar 1986 eindeutig festgestellt, es bestehe „eine klare moralische und rechtliche Verpflichtung der Firmen, die Sklavenarbeiter beschäftigt haben, Entschädigungs- leistungen zu zahlen“. Viele ehemalige
ZwangsarbeiterInnen sind schon gestorben, ohne entschädigt worden zu sein. Die heute noch Lebenden sind sehr alt, daher drängt die Zeit.
Wir fordern von der Siemens AG die rückhaltlose Aufklärung der Siemens-Firmen- geschichte, die Anerkennung des den ehemaligen
ZwangsarbeiterInnen zugefügten Leids und Unrechts, die Bestätigung des Rechtsanspruchs der Betroffenen auf
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finanzielle Entschädigung, die Entschädigung für die ehemaligen ZwangsarbeiterInnen und ihre Hinterbliebenen: entweder die
öffentlich erklärte Bereitschaft, einen angemessenen Beitrag in die seit längerem geforderte Bundesstiftung für die unbürokratische Entschädigung aller ehemaligen ZwangsarbeiterInnen zu leisten,
oder die direkte Entschädigung ehemaliger Siemens- ZwangsarbeiterInnen.
ErstunterzeichnerInnen:
Aktion alternativer BASF-Aktionäre (AABA), Mannheim/Ludwigshafen;
Aktionärsgemeinschaft im Dienst des Ausstiegs aus der Atomenergie e.V. (AIDA), Hamburg; Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V., Berlin; Aktionsbündnis Potsdamer Appell, Berlin; AStA Technische
Universität, Berlin; Auschwitz-Komitee in der BRD e.V., Hamburg; Berliner GeschichtsWerkstatt e.V., Berliner Vereinigung ehemaliger Teilnehmer am antifaschistischen Widerstand, Verfolgter des
Naziregimes und Hinterbliebener e.V.; Bundes-Infostelle der Initiativen gegen Atomanlagen, Münster; Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz e.V. (BBU), Bonn; Bündnis 90 / Die Grünen,
Landesverband Bayern, München; Bündnis 90 / Die Grünen im Kreistag München, Pullach; Bürger gegen Atomreaktor Garching e.V.; Coordination gegen BAYER-Gefahren e.V. (CBG), Düsseldorf; Dachverband
der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre e.V., Köln; Dachverband der Oberpfälzer Bürgerinitiativen gegen die Errichtung von Atomanlagen e.V., Schwandorf; Deutsche Sektion der Internationalen
Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges – Ärzte in sozialer Verantwortung e.V., Berlin; Evangelische Jugend Berlin; Förderverein der kinder- und jugendpolitischen Arbeit e.V., Berlin; Frauenforum
Lüchow-Dannenberg; GewerkschafterInnen gegen Rassismus und Faschismus (RAG), Berlin; Gorlebenfrauen, Luckau; Humanistische Union, Landesverband Berlin; Internationale Frauenliga für Frieden und
Freiheit (WILPF) – Deutsche Sektion, Berlin; Kampagne gegen Wehrpflicht, Zwangsdienste und Militär, Berlin; Kampagne „Nie wieder!“, Düsseldorf; Kommunistische Plattform Westberlin in der PDS,
Berlin; Koordinationskreis Siemens-Boykott, Berlin; Lagergemeinschaft Ravensbrück / Freundeskreis, Stuttgart; Landshuter Bürgerforum gegen Atomkraftwerke; Ökologische Linke Berlin; Ökumenisches
Friedensforum europäischer Katholiken, Berlin; Queerulantifa, Berlin; Robin Wood Bundesgeschäfts- stelle, Bremen; Robin Wood Regionalgruppe Göttingen; Ständiger Arbeitsausschuß für Frieden und
Internationale Verständigung, Berlin; Verein Frauen für Frauen Lüchow; VVN / Verband der Antifaschistinnen und Antifaschisten, Berlin; Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der
Antifaschistinnen und Antifaschisten (Bundesausschuß), Hannover; Widerstand gegen Atomanlagen, Münster.
Annette Gille, Bündnis 90/Die Grünen Landesvorstand Niedersachsen,
Braunschweig; Astrid Scholz-Grün, Bündnis 90/Die Grünen, Lohhof; Claus Bunge, Berlin; Dr. med Dorothea Wagner-Kolb, IPPNW, Hamburg; Dr. sc. phil. Janis Schmelzer, Berlin; Dr. Ullrich Kissling, Berlin;
Franz von Hammerstein, Berlin; Friedrich W. Radenbach, VVN/BdA, Frankfurt/M.; Gotthard Schule-Tigges, Berlin; Heike Spieker, Bündnis 90/Die Grünen, Kreisverband Wolfenbüttel; Helmut Krause,
Vorstandsmitglied IPPNW - Deutsche Sektion, Ilmenau; Hiltrud Breyer MdEP, Die Grünen im Europaparlament, Brüssel; Horst Hagelberg, Friedensinitiative Berlin-Schöneberg; Inge Gerlinghoff,
Gedenkstättenarbeitskreis, Berlin; Ingrid, Rainer, Stefan und Linda Wundrak, Garching; Irene Maria Sturm MdL Bayern, Schwandorf; Irmle Turmann, Krummasch; Helmut Ulshöfer, Stadtverordneter Bündnis
90/Die Grünen im Römer, Frankfurt/M.; Jutta Kausch, Berlin; Karin Berger, Nahrendorf; Michael Venedey, Friedenskoordination Berlin; Berlin/Konstanz; Philipp Horn, Karlsruhe; Renate Bialluch,
Architektin, Hamburg; Rolf Bräuer, Bündnis 90/Die Grünen, Ilsede; Stefan Zwingel, Berlin; Susan Ritter, Arbeitsgemeinschaft Mensch und Umwelt" e.V., Hainburg; Susanna Tausendfreund,
Rechtsanwältin, München; Thomas Lutz, Hohen Neuendorf; Ursula Andreas, Berlin; Volker Best, Bamberg; Wolfgang Baumann, Rechtsanwalt, Würzburg; Prof. Dr. Jürgen Rochlitz, MdB.
(Der Aufruf wurde nach seiner Erstveröffentlichung im
Februar 1997 von zahlreichen weiteren Organisationen und Personen unterzeichnet.)
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Siemens lügt!
Mit der Lüge, der Siemens-Konzern sei von der
SS zum Einsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern gezwungen worden, hat das Unternehmen auf die Forderung nach Entschädi- gung reagiert, die das ,Aktionsbündnis 150 Jahre
Siemens – Entschädigung jetzt!‘ am vergangenen Freitag auf einer Pressekonferenz in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt hatte.
Siemens behauptet: Im Rahmen von Lenkungs-
maßnahmen „zur rigorosen Steigerung der Rüst- ungsproduktion mußten sie (…) auf Zuweisung (…) Zwangsarbeiter beschäftigen, zuletzt auch Konzentrationslagerhäftlinge.“
Dem widerspricht nicht nur die Aussage des
Kommandanten des KZ Auschwitz, Höß, der sagte: „Die Konzentrationslager haben niemals Arbeitskräfte der Industrie angeboten. Vielmehr wurden die Häftlinge nur dann in die Betriebe
entsandt, wenn die Betriebe vorerst um Konzen- trationslagerhäftlinge angesucht hatten. In den Anforderungsschreiben mußten die Unternehmen genau angeben, welche Vorkehrungen für die
Sicherung, Unterbringung, usw. getroffen worden waren (…)“ (Rudolf Höß am 12.03.1947 vor US-Militärrichtern in Warschau).
Darüberhinaus wird die aktive Beteiligung von
Siemens-Angestellten bei der Selektion von Arbeitskräften in den Konzentrationslagern Maut- hausen, Ravensbrück, Flossenbürg, Sachsen- hausen, Groß-Rosen, Buchenwald und Auschwitz
von überlebenden Häftlingen bestätigt: „Man nahm dazu junge Mädchen und Frauen, die noch in gutem Gesundheitszustand waren, weil man
natürlich dachte, daß sie eine größere Produktion bringen konnten. Wir wurden ausgewählt durch Vertreter vom Siemens-Konzern unter Beihilfe von
SS-Männern und Aufseherinnen,“ berichtet die Belgierin Rita Guidon, die in Ravensbrück für Siemens Zwangsarbeit leisten mußte. Weiter
schreibt sie: „Waren die Häftlinge verletzt oder krank, so schickte man sie ins Lager zurück und Siemens konnte erneut die Auswahl treffen unter den jungen
Häftlingen, die neu ins Lager gekommen waren.“
Der US-Amerikaner Benjamin B. Ferencz, der in
den fünfziger Jahren im Auftrag der Jewish Claims Conference mit Siemens Verhandlungen über Entschädigungszahlungen führte, stellte lapidar
fest: „Die Behauptung deutscher Firmen, daß ihnen diese Insassen zugewiesen wurden oder daß sie gezwungen wurden, sie einzusetzen, ist einfach falsch.“
Ferencz beschreibt in seinem Buch ,Lohn des
Grauens‘ (New York / Frankfurt, 1981) die lang- wierigen Verhandlungen mit Siemens, die 1962 schließlich zur Zahlung von jeweils nicht mehr als DM 3.300 an 2203 ehemalige jüdische Zwangs-
arbeiterinnen und Zwangsarbeitern geführt haben. Über die Motivation des Konzerns, überhaupt zu zahlen, schreibt er: „Die Firma Siemens plante die
Erweiterung eines Zweigbetriebes in New York.“ Ferencz fragte sich entrüstet, „warum die Firma überhaupt eine Vereinbarung treffe, wenn sie sich
weder rechtlich noch moralisch verpflichtet fühle. Die Antwort blieb aus.“ – Von einer „Freiwilligkeit“ der Zahlungen, derer sich Siemens heute rühmt, kann also keine Rede sein.
Diese Tatsachen sind seit Jahrzehnten bekannt.
Die Reaktion des Siemens-Konzerns auf die Forderung nach Entschädigung setzt die Tradition des Lügens und Verschweigens ungebrochen fort. Offensichtlich will Siemens auf diese Weise einen
ungestörten Ablauf der Aktonärsversammlung am kommenden Donnerstag, dem Auftakt zum 150jährigen Firmenjubiläum, sichern und einen kritischen Blick auf die Firmengeschichte
unterdrücken.
(Presse-Information des Dach- verbands vom 10. Februar 1997)
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