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Thyssen Hauptversammlung 1996

Aufruf an die Besucherinnen und Besucher der
Thyssen-Hauptversammlung am 22. März 1996:

Die Ägäis gehört den Fischen –
nicht den Kriegsschiffen von Thyssen!

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre der Thyssen AG,

in der heutigen Hauptversammlung erwarten Sie mit Recht Informationen über den Geschäftsverlauf. Von Vorstand und Aufsichtsrat werden Sie dazu sicher auch in diesem Jahr vorwiegend beschönigende Worte hören. Ausgeklammert bleiben im offiziellen Geschäftsbericht jedoch die politischen Dimensionen. Dabei hat das Handeln eines Großkonzerns wie Thyssen selbstverständlich auch politische Folgen
– außenpolitische und umweltpolitische im besonderen.

Deshalb möchten wir Sie im folgenden auf zwei besondere Problemfelder hinweisen, die uns veranlassen, den amtierenden Mitgliedern der Konzernleitung die Entlastung
zu verweigern.

Ein Ausflug ins Mittelmeer:

Ägäis, Ende Januar 1996: Türkische Journalisten entfernen auf der bei Kalymos gelegenen unbewohnten Insel Imia – türkisch: Kardak – die griechische Flagge und hissen die türkische. Es kommt daraufhin zum Einsatz der griechischen Marine. Die Türkei und Griechenland drohen sich gegenseitig mit Krieg und schicken Schiffe in die Region. Erst nach einer Intervention der US-Regierung ziehen sie ihre Streitkräfte wieder ab.

Hintergrund des Streits sind die Ölvorkommen, die unter dem Meeresboden der Ägäis liegen. Die türkische Premierministerin Ciller drohte mit Krieg, falls Griechenland seine Hoheitsgewässer von sechs auf zwölf Seemeilen ausdehnen sollte. In einem Interwiew sprach sie von 3.000 Ägäis-Inseln, die zu Griechenland gehörten, auf die die Türkei jedoch einen Anspruch habe.

Was hat das mit Thyssen zu tun?

Im Konflikt um die Ägäis stehen sich auf beiden Seiten Kriegsschiffe aus Thyssen-Produktion gegenüber. Die Konzerntöchter Blohm+Voss und Thyssen-Rheinstahl-Technik haben in den vergangenen Jahren mit beiden Ländern Verträge über den Bau von MEKO-200-Fregatten abgeschlossen. Griechenland erhält vier, die Türkei acht Exemplare. Die Mehrzahl wurde bereits geliefert – ausgestattet mit Schiff-Land- und Schiff-Schiff-Raketen.

Dadurch schürt Thyssen die lange schwelenden Konflikte um die Hoheitsrechte in der Ägäis und um die völkerrechtswidrige Besetzung Nordzyperns durch die Türkei seit 1974. Wissentlich steigern Vorstand und Aufsichtsrat Ihres Konzerns, verehrte Thyssen-Aktionärinnen und -Aktionäre, die Gefahr einer militärischen „Lösung“ im Mittelmeer.

Wer will Kriegsprofite einstreichen?

Das Wettrüsten zwischen Griechenland und der Türkei fügt den Volkswirtschaften beider Länder schweren Schaden zu. Wir meinen, verantwortungsvolle Anteilseigner können kein Interesse haben, davon zu profitieren! Die amtierende Konzernführung setzt dennoch weiter auf den Export von Kriegsschiffen, statt eine Umstellung auf zivile Produkte voranzutreiben, für die es viele Vorschläge aus der Belegschaft gibt. Sie mißachtet langfristig Ihre Verantwortung für den Erhalt der Arbeitsplätze durch eine stabile, zukunftsweisende Zivilproduktion.

Rasend ins Milliardengrab?

Doch aus noch einem weiteren Grund möchten wir Sie bitten, Vorstand und Aufsichtsrat heute nicht zu entlasten: Unter ihrer Führung wurde Thyssen zum Konsortialführer eines der absurdesten Verkehrsprojekte der Nachkriegsgeschichte. Bereits zwei Milliarden Mark hat die Magnetschwebebahn Transrapid die deutschen Steuerzahler bis heute gekostet.

Wenn es nach dem Firmenbündnis geht, das unter Thyssen-Führung für den Transrapid verantwortlich zeichnet, sollen für den Bau der Referenzstrecke zwischen Hamburg und Berlin weitere Milliarden fließen. Mit vagen Versprechen von Exportchancen suchen die Konzernherren dafür die Politiker zu ködern. Doch echte internationale Marktchancen sind sowenig nachgewiesen, wie beim anderen deutschen Hochgeschwindigkeits- fahrzeug ICE. Selbst für den Einsatz des Transrapids in Deutschland hat der Bundesrechnungshof ein vernichtendes Urteil gesprochen.

Der Transrapid ist wirtschaftlich, verkehrspolitisch und ökologisch ein Flop. Er ist zu laut und zu teuer, verbraucht zuviel Energie und fügt sich nicht in bestehende Verkehrsnetze ein. Unter dem Deckmantel der Technologie- und Wirtschaftsföderung wird er so zum Milliardengrab für Steuergelder. – Soll das wirklich die Quelle der Thyssen-Umsätze sein?

Zeigen Sie die rote Karte!

Mit Sicherheit werden die Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats auch in der heutigen Hauptversammlung mit großer Mehrheit entlastet. Sie als Kleinaktionärinnen und Kleinaktionäre können aber ein Zeichen für soziale Verantwortung setzen: Stimmen Sie demonstrativ mit nein! Zeigen Sie den Konzernchefs die rote Karte für Waffenexporte und Steuerverschwendung! Demonstrieren Sie, daß Ihre Dividende so nicht erwirtschaftet werden soll!

Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre