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Vattenfall Europe HV 2004 / Rede fĂŒr Klimaschutz

„Die Menschheit befindet sich in einem
geophysikalischen Großexperiment“

Die Rede der Kritischen AktionÀrin Alexa Kessler, Vorstandsmitglied
der Umweltschutzorganisation
Robin Wood, in der Hauptversammlung
der Vattenfall Europe AG am 17. Juni 2004 in Berlin:

Der Klimaschutz ist die grĂ¶ĂŸte Herausforderung an die Menschen in diesem Jahr-
hundert. Dies gilt nicht nur fĂŒr jede einzelne BĂŒrgerin und jeden einzelnen BĂŒrger oder
die Politik, dieser Herausforderung muss sich auch und vor allem die Wirtschaft stellen.
Es ist wissenschaftlich unbestritten, dass die enorm hohen und weiterhin ansteigenden
CO2-Emissionen mitverantwortlich fĂŒr den Klimawandel sind.

 

Ich berichte Ihnen, meine Damen und Herren, dies hier und
heute aus folgendem Grund: Ein Drittel der vom Menschen
verursachten CO2-Emissionen stammen aus dem Kraft-
werkssektor. Vattenfall Europe gehört zu den fĂŒnf grĂ¶ĂŸten
Luftverschmutzern in Europa. Diesen Umstand verdankt
der Konzern einzig und allein seinen ostdeutschen Braun-
kohlkraftwerken.

Die Menschheit befindet sich mitten in einem geophysika-
lischen Großexperiment, bei dem die Schwellenwerte unkal-
kulierbar sind. Niemand kann vorhersagen, was genau wann
passieren wird. Eines aber ist ganz klar: Es gibt schon jetzt
fĂŒr schĂ€dliche Klimagase in der AtmosphĂ€re keine ausrei-
chende AbsorptionsfÀhigkeit mehr.

Das HauptgeschÀftsfeld von Vattenfall Europe ist der Abbau
 und die Verstromung von Braunkohle, des klimaschĂ€dlich-
sten EnergietrĂ€gers ĂŒberhaupt. FĂŒr das Jahr 2003 gaben
Sie, Herr Professor HÀge, die Braunkohlefördermengen von
Vattenfall Europe mit ĂŒber 57 Millionen Tonnen an. Davon
gehen 95 Prozent in die Stromerzeugung, also rund 54
Millionen Tonnen Braunkohle.

Alexa Kessler sprach in der Vattenfall HV mit Vollmacht des Dachverbands der Kritischen AktionÀrinnen und AktionÀre

Fragen an den Vorstand: Welche Nachhaltigkeitsstrategie hat Vattenfall Europe, um
einen anspruchsvollen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten? In den Veröffentlichungen
der schwedischen Konzernmutter heißt es: "Care for the environment is a primary
consideration in all our activities. (Die Sorge um die Umwelt ist ein primÀrer Beweg-
grund in all unseren AktivitÀten.) Wie lÀsst sich dieses Prinzip mit der Verstromung
von Braunkohle vereinbaren? Wie werden die AktivitÀten oder genauer, die klima-
und umweltschÀdlichen Wirtschaftsbereiche der deutschen Tochter Vattenfall Europe,
vom schwedischen Mutterkonzern bewertet?

Die Politik hat auf die zu erwartenden Konsequenzen des Klimawandels reagiert.
Das Kyoto-Protokoll und seine Umsetzung auf nationaler Ebene sind ein wichtiger
Schritt in die richtige Richtung. Die Etablierung neuer Klimaschutzinstrumente wie der
Emissionshandel sind dabei von großer Bedeutung – klimapolitisch wie auch wirt-
schaftlich. Unternehmen, unter ihnen Vattenfall Europe, erhalten Zertifikate, die sie zur
Produktion einer festgelegten Abgas-Menge berechtigen. Kommen sie damit nicht aus,
mĂŒssen sie an der Börse Zertifikate kaufen. Wird weniger CO2 produziert, können die
nicht benötigten Zertifikate verkauft werden. Jede zusÀtzliche und auch jede einge-
sparte Tonne CO2 hat ab jetzt einen Preis.

Sehr geehrte Damen und Herren, ab 2005 werden Unternehmen wie Vattenfall Europe
auch nach ihrem Risikomanagement in Sachen Klimaschutz bewertet werden. Das
klimaschÀdliche CO2 wird in den Bilanzen der Konzerne auftauchen. Es ist deshalb
nicht nur umweltpolitisch geboten, CO2-Emissionen zu reduzieren, sondern auch
betriebswirtschaftlich im Sinne der AktionÀre.

Der jetzt an die EU geschickte nationale Allokationsplan ist nicht der Weisheit letzter
Schluss. Es gibt Stimmen, die Nachbesserungen fordern, da die angestrebten CO2-
Einsparungen als nicht ausreichend angesehen werden.

Frage an den Vorstand: In welchem Maße soll der CO2-Ausstoß in den Braunkohle-
kraftwerken in den kommenden Jahren reduziert werden? Wie viele Tonnen CO2 sollen
an welchem Kraftwerksstandort durch welche Techniken eingespart werden? Setzen
Sie sich offensiv fĂŒr die Festlegung anspruchsvoller Reduktionsziele nach 2012 ein?

Technologien, die CO2-freie Kohlekraftwerke ermöglichen, sind auf absehbare Zeit
unrealistisch. Auch eine Steigerung des Wirkungsgrades der Braunkohlekraftwerke
wird diese Art der Stromerzeugung nicht von ihrer Position als Klimakiller Nr. 1
entlassen. An der Brandenburgischen Technischen UniversitÀt in Cottbus wird an
einem Verfahren gearbeitet, mit dem der Wirkungsgrad der Braunkohlekraftwerke
um vier bis fĂŒnf Prozent erhöht werden könnte.

Zur Illustration: Das vergleichsweise moderne Braunkohlekraftwerk Lippendorf arbeitet
mit einem Wirkungsgrad von 42 Prozent. Ein modernes Gas- und Dampfturbinenkraft-
werk hat dagegen einen Wirkungsgrad von 58 Prozent. Auch das modernste Braun-
kohlekraftwerk wird immer eine Dreckschleuder bleiben. Ein Festhalten an diesem
EnergietrĂ€ger – gemĂ€ĂŸ der Tatsache, dass jede Tonne CO2 jetzt einen Preis hat –
wird sich zunehmend auch in den Bilanzen niederschlagen.

Frage an den Vorstand: Welche weiteren Investitionen in Braunkohle-Kraftwerks-Blöcke
sind geplant? Wie wĂ€ren diese Investitionen gegenĂŒber den AktionĂ€ren zu rechtfertigen,
und welche alternativen Kraftwerksplanungen werden erwogen?

NatĂŒrliche Ressourcen werden bei der Stromerzeugung durch Braunkohle verbraucht,
enorme ökologische und soziale Probleme sind damit verbunden. Bis Ende 2002
wurde in Deutschland eine FlÀche von 1.646 Quadratkilometer verbraucht, davon fast
die HĂ€lfte allein in der Lausitz. Über 30.000 Menschen verloren in den letzten 50 Jahren
dadurch ihre Heimat, Jahrhunderte alte Dörfer verschwanden. WeitrÀumige Grundwas-
serspiegelabsenkungen sind ebenso Folgeerscheinungen, wie die damit verbundene
Vernichtung von einmaligen NaturschÀtzen. Selbst von der EU als FFH-Gebiete
geschĂŒtzte FlĂ€chen sind zur Zeit akut von der Vernichtung bedroht.

Frage an den Vorstand: Welche Umsiedlungen sind in den nÀchsten drei Jahren
geplant? Wie viele Menschen verlieren ihre Heimat und mĂŒssen dem Braunkohle-
tagebau weichen?

Noch ein Letztes: Ein Festhalten an der Atomenergie als EnergietrÀger sehen wir als
ebensolchen Fehler an, wie das Festhalten an der Braunkohle. Sehr geehrte Damen
und Herren, spÀtestens seit Tschernobyl wissen wir, dass Atomenergie sowohl unter
volkswirtschaftlichen, wie auch Risikogesichtspunkten nicht zu verantworten ist. Nur
mit GlĂŒck sind wir alle im Dezember 2001 einer Katastrophe entgangen, als es im
Atomkraftwerk BrunsbĂŒttel in unmittelbarer NĂ€he des ReaktordruckbehĂ€lters zu einer
Wasserstoffexplosion gekommen ist.

Frage an den Vorstand: In den letzten Tagen wurden aus den Oppositionsparteien
Stimmen laut, die LaufzeitbeschrÀnkungen der Atomreaktoren aufzuheben, bzw.
sogar neue Atomkraftwerke zu bauen. Teilen Sie diese Auffassungen?
 

Rede des Kritischen AktionÀrs René Schuster

Presse-Information zur Vattenfall HV 2004

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