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VW Hauptversammlung 2000

VW-Vorstand beharrt auf
Massenentlassungen in Südafrika

Entlassungen in Auslandswerken, Sozialkürzungen in Deutschland und Umweltaspekte der Autoproduktion standen im Mittelpunkt der Reden von Kritischen Aktionären in der Hauptversammlung der Volkswagen AG am 23. Mai 2000 in Hamburg.

VW ersetzt nach Streik fast 1.300 Beschäftigte

Manfred Stöter, Betriebsratsmitglied bei VW in Hannover, und Henry Mathews vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre griffen den Vorstand besonders für die Entlassung von 1.287 Beschäftigten des VW-Werks Uitenhage in Südafrika an, die im Februar 2000 für die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen gestreikt hatten.

„In einer Region, in der eine Erwerbslosigkeit von mehr als 50 Prozent vorherrscht, ist das eine menschenverachtende Entscheidung“, entrüstete sich Betriebsrat Stöter. In dem Konflikt gehe es hauptsächlich darum, 13 unliebsame Belegschaftsvertreter mit falschen Argumenten los zu werden. Dazu nehme das Management „1.287 Existenz- vernichtungen billigend in Kauf.“ Die erste Verhandlung einer Schlichtungskommission habe bereits zahlreiche Unstimmigkeiten in der Argumentation der Unternehmens- leitung aufgedeckt.

Ebenso geißelten Stöter und Mathews die Entlassung von 22 vermeintlichen Rädelsführern eines Bummelstreiks im brasilianischen VW-Werk Sao Carlos. Die dortige Belegschaft hatte die Angleichung ihrer Löhne an die ihrer Kollegen in den brasilianischen VW-Werken Anchieta und Taubaté verlangt, sowie gegen die Einführung von Arbeitszeit-Konten und für eine 40-Stunden-Woche protestiert.

„Ein ,Dienst nach Vorschrift‘ – auch ,Schildkröten-Aktion‘ genannt – ist in Brasilien ein übliches Instrument des Arbeitskampfs“, stellte Betriebsrat Stöter in der Hauptver- sammlung fest. Das VW Management habe darauf überempfindlich reagiert.

Arbeitsdirektor Peter Hartz beharrte hingegen auf der Rechtmäßigkeit der Kündigungen. Die 22 Entlassenen in Brasilien hätten gegen ihre Arbeitsverträge verstoßen. Beim Streik in Südafrika habe weniger als die Hälfte der Belegschaft für den Streik gestimmt, sodaß dieser nach südafrikanischem Arbeitsrecht illegal gewesen sei. VW habe „große Toleranz“ bewiesen, sei nach einem zweiwöchigen Stillstand der Produktion aber gezwungen gewesen, die Arbeitsplätze neu zu besetzen. Auch nach der für Juli erwarteten Entscheidung der Schlichtungskommission wolle VW die knapp 1.300 Entlassenen nicht wieder einstellen. Im übrigen, so Hartz, behandle VW seine Mitarbeiter weltweit gleich.

Betriebsrat kritisiert Arbeitsverdichtung und Überstunden

Stöter kritisierte auch verschlechterte Arbeitsbedingungen in deutschen VW-Werken. So seien die Löhne bei VW seit 1993 um durchschnittlich 15 Prozent gekürzt worden. „Neben der ständigen Arbeitsverdichtung und dem Sozialabbau existiert die sogenannte 28,8-Stunden-Woche für den Produktionsbereich faktisch nur auf dem Papier“, berichtete Stöter den Aktionären. „Tatsächlich wird in Hannover und den anderen VW-Betrieben überwiegend 35 Stunden und mehr gearbeitet.“

Über das Hilfskonstrukt der ,Wolfsburg AG‘, so der Betriebsrat weiter, würden Beschäftigte für die gleiche Arbeit um ein Drittel schlechter entlohnt, als ihre direkt bei VW angestellten Kollegen. Grundsätzliche fehle in allen Werken Personal. Die dadurch verschlechterten Arbeits- und Lebensbedingungen hätten „bei den Belegschaften eine niederschmetternde Arbeitsmoral“ hervorgerufen, konstatierte Stöter bitter.

Arbeitsdirektor Hartz entgegnete, bei der Wolfsburg AG würden ehemalige Arbeitslose beschäftigt. Dafür sei mit der IG Metall einen Tarifvertrag geschlossen worden. In Hannover seien keine Neueinstellungen geplant, jedoch wolle das Unternehmen vermehrt Aushilfskräfte mit befristeten Verträgen einsetzen.

VW zahlt 200 Millionen für Zwangsarbeiter

Auf Fragen eines Aktionärs gab Vorstandsmitglied Jens Neumann bekannt, dass der Konzern 200 Millionen Mark für den Fonds zu Entschädigung ehemaliger Zwangs- arbeiter bereitgestellt habe. Der Betrag sei bereits auf ein Treuhand-Konto der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft überwiesen worden. Er schließe die Zahlungen aller zum VW-Konzern gehörender Firmen mit ein. Aus dem konzerneigenen 20-Millionen-Mark-Fonds habe VW bislang 11,59 Millionen an 1.159 Überlebende ausgezahlt.

Piëch kündigt „besser-wie-zwei-Liter“-Auto an

Mit einem bei ihm seltenen Lächeln berichtete Konzernchef Ferdinand Piëch, ein Exemplar des sogenannten Drei-Liter-Autos ,Lupo‘ befinde sich derzeit „auf einer Rekordfahrt in 80 Tagen um die Welt.“ Dabei liege der tatsächliche Verbrauch bisher bei 2,41 Litern Benzin pro 100 Kilometern.

„Ein Vorzeigeprojekt reicht nicht für den Klimaschutz“, wetterte daraufhin Dachver- bands-Sprecher Mathews. Er verwies auf die weiterhin zu hohen Verbrauchswerte vieler VW-Modelle und insbesondere der Limousinen von der Konzerntochter Audi.

Mathews erinnerte Piëch an seine Ankündigung eines Ein-Liter-Autos und an die Aufforderung von DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp, VW solle bei der Entwicklung eines Zwei-Liter-Autos vorangehen. In der ihm eigenen Art anwortete Piëch, ein Zwei-Liter-Auto werde VW nicht bauen, „aber viel besser schon.“ Auf die Nachfrage, ob dies nun doch die Ankündigung eines Ein-Liter-Fahrzeugs sei, meinte der Konzernchef: „Das ist die Ankündigung für ein Auto, das besser wie zwei Liter ist.“

Kritische Aktionäre wettern gegen Verschiebung der Altauto-Verordnung

Mathews griff Piëch auch scharf wegen seiner Einflußnahme auf die Bundesregierung zur Verschiebung der EU-Altauto-Richtlinie an. „Die Europäische Union wollte die Autohersteller verpflichten, ausgediente Fahrzeuge ab 2003 zurückzunehmen und zu recyclen“, so Mathews. Piëch habe jedoch seinen Einfluß auf Bundeskanzler Gerhard Schröder genutzt, um diesen zu einer Verschiebung der Richtlinie zu bewegen. Schröder habe daraufhin Bundesumweltminister Jürgen Trittin „zurückgepfiffen“ und ihn angewiesen, bei der EU eine Verschiebung der Richtlinie auf 2006 durchzusetzen.

„Damit steht Deutschland in der EU als Bremser beim Umweltschutz da“, stellte Mathews fest. „Durch ihr Auftreten, Herr Piëch, fällt das besonders auf VW zurück. Damit haben sie ihrem Unternehmen einen Bärendienst erwiesen.“ Unter dem Beifall der Aktionäre forderte Mathews, VW solle stattdessen als Vorreiter im Umweltschutz vorangehen und Kompetenz beim Recycling ausgedienter Fahrzeuge beweisen.

Piëch verteidigte hingegen seine Einflußnahme auf die Politik der Bundesregierung und nannte die Altauto-Verordnung „die größte Gefahr für Volkswagen“, weil 30 Millionen Fahrzeuge zur Rücknahme anstünden. Auf Nachfrage bestätigte der VW-Vorstand, das Unternehmen zahle des öfteren Spenden an politische Parteien.