„Also doch Doppelmoral“: Rede von Christian Russau

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Christian Russau, ich bin vom Dachverband der Kritischen Aktionär*innen.

Es muss hier und heute mal wieder um Doppelmoral gehen. Ich hatte im Jahr 2016 eine Untersuchung der von BAYER in Brasilien zum Verkauf angebotenen Wirkstoffen in Pflanzenschutzmittel, wie BAYER sie nennt, vorgenommen. Die Kritischen Aktionär*innen wollten wissen, ob und welche Wirkstoffe BAYER in Brasilien vertreibt, die auf EU-Ebene laut EU-Pesticides-Database nicht zugelassen sind. Diese Untersuchung haben wir drei Jahre später wiederholt. Das Ergebnis: Die Zahl der von BAYER in Brasilien vertriebenen, aber auf EU-Ebene laut EU-Pesticides-Database nicht zugelassenen Wirkstoffe hat nicht ab-, sondern im Gegenteil zugenommen.

Von BAYER in Brasilien (2016) verkaufte Wirkstoffe, die auf EU-Ebene nicht zugelassen sind:

Carbendazim
Cyclanilid
Disulfoton
Ethiprole
Ethoxysulfuron
Ioxynil
Thidiazuron
Thiodicarb

Von BAYER in Brasilien (2019) verkaufte Wirkstoffe, die auf EU-Ebene nicht zugelassen sind:

Carbendazim
Cyclanilid
Ethiprole
Ethoxysulfuron
Fenamidone
Indaziflam
Ioxynil
Oxadiazon
Propineb
Thidiazuron
Thiodicarb
Thiram

Waren es im Jahr 2016 also noch acht Wirkstoffe, die BAYER in Brasilien verkauft, die aber auf EU-Ebene laut der EU-Pesticides-Database keine Zulassung haben, so waren es 2019 bereits zwölf Wirkstoffe, die in Brasilien vertrieben, aber laut der EU-Pestizid-Database nicht zugelassen sind. Dies entspricht einem satten Anstieg um 50 Prozent.

Was also legal ist, so scheint es, kann auch gemacht werden. Dies räumte Bayer schon Ende der 1980er Jahre ein. 1988 sagte der damalige Vorstandsvorsitzende von Bayer, Hermann J. Strenger: „In der Tat haben wir zum Beispiel in Brasilien nicht Gesetze wie in der Bundesrepublik.“ Dennoch sah er bei seiner Firma keine doppelten Standards walten, denn er ergänzte: „Aber wir stellen bei unseren Investitionen in Brasilien oder Indien, in den USA oder in Japan die gleichen Anforderungen wie hier.“ 31 Jahre später (31 Jahre!), verkauft Bayer in Brasilien noch immer Herbizide, Insektizide und Fungizide mit Wirkstoffen, die in Europa verboten sind. Also doch eine Doppelmoral. Und SIE stehen damit – WIEDER EINMAL – in unsäglicher historischer Kontinuität.

Warum fokussiert dieser Beitrag so auf Brasilien? Weil Brasilien im Zentrum des Wachstumsinteresses von Bayer steht. Herr Baumann, Sie sagten auf der Jahreshauptversammlung 2018, Bayers Interesse an der Übernahme von Monsanto läge im Saatgutbereich, und dort im Wachstum in diesem Sektor. Diese Art von Saatgut, um die es dabei geht, ist meist gentechnisch verändertes, und das braucht die Agrargifte. Setzt man diese drei Variablen – gentechnisch verändertes Saatgut, Agrargifte und Wachstum – zusammen, so kommt weltweit nur ein gemeinsamer Nenner raus: Brasilien. Das ist die traurige Realität. Denn das Wachstum in den Bereichen gentechnisch veränderten Saatgutes und bei Agrargiften hat in den USA bereits seine Grenzen erreicht, die Klagen gegen Monsanto zeugen davon als beredtes Fanal. Und auch in Europa sind die Widerstände in der Bevölkerung mittlerweile zu groß, als dass hier Wachstum noch zu erwarten wäre. In Indien erklären sich mehr und mehr Bundesstaaten „pestizidfrei“, auch China zeigt Besorgnisse über Pestizidverseuchungen. So bleibt also nur Brasilien. Und das hat seinen Grund.

Es sind alarmierende Meldungen aus Brasilien, dass die neue brasilianische Regierung von Jair Bolsonaro weitere hochgiftige, andernorts verbotene Agrargifte freigibt und mit Tereza Cristina – die selbst in Brasiliens größter und renommiertester Tageszeitung den Beinamen „Muse des Giftes“ erhält – eine erklärte Lobbyistin in Sachen Agrargifte Landwirtschaftsministerin geworden ist. Wie ein bekannter Wissenschaftler des staatlichen Forschungsinstituts für Gesundheitsfragen FIOCRUZ es unlängst umschrieb: „Brasilien wird das Paradies der Agrargifte werden“.

Es steht zu befürchten, dass sich auch Firmen wie Bayer weiter, vielleicht gar in verstärktem Maße, an Verkauf und Vertrieb hochgiftiger Wirkstoffe in Brasilien beteiligen werden – und dass es dabei für Bayer – als Frage des Überlebens angesichts der Milliardenkreditschweren Übernahme von Monsanto – letztlich nur um schieres Wachstum gehen wird. Alles Gift, was verkauft werden kann, soll dann auch verkauft werden.

Werfen wir einen kleinen Blick auf die „Pestizid-Hölle“ dieser Erde:

Brasilien ist Weltmeister beim Agrargift – und Mato Grosso ist Rekordlandesmeister: Wenn die insgesamt in Brasilien je Jahr ausgebrachte Menge Agrargifte auf die Bevölkerung heruntergerechnet wird, so kommt man auf die erschreckende Menge von 7,3 Litern je brasilianischer Bürger/in. Dies ist aber „nur“ der Landesdurchschnitt. Brasilienweiter Spitzenreiter beim Versprühen von Agrargiften ist der zentralbrasilianische Bundesstaat Mato Grosso: In diesem wurden laut neuesten Berechnungen des staatlichen Instituts für Agrarsicherheit des Bundesstaats Mato Grosso (Indea) in den Jahren 2005 bis 2012 jährlich 13,3% (140 Millionen Liter) aller in Brasilien ausgebrachten Agrargifte versprüht.

Schauen wir uns eine dieser „Boom“-Gemeinden genauer an – Sapezal, im Bundesstaat Mato Grosso. Im Jahr 2012 wurden neun Millionen Liter Agrargifte allein im Munizip Sapezal zur Anwendung gebracht. Dies sind die letzten verfügbaren Daten des staatlichen Instituts für Agrarsicherheit des Bundesstaats Mato Grosso (Indea). Rechnet man die Menge an Agrargift auf ganz Brasilien runter, kommen wir auf die erwähnten 7,3 Liter je Person. In Sapezal aber liegt dieser Wert 52 Mal höher: 393 Liter je Person, wenn wir als Basis die Bevölkerungszahl von 2016 nehmen.

Eine Studie der Bundesuniversität von Mato Grosso stellte bei einer Untersuchung fest, dass es in 13 Munizipien (644.746 Einwohner*innen laut letztem Zensus 2015), in denen zwischen 1992 und 2014 Soja, Mais und Baumwolle angebaut wurde, 1.442 Fälle von Magen-, Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs gab. In den 13 Vergleichsmunizipien (219.801 Einwohner*innen laut letztem Zensus 2015), wo statt agrarwirtschaftlicher eine vorwiegend touristische Nutzung stattfand), lag die Zahl der Krebsfälle bei 53. Daraus errechnet sich in agrarwirtschaftlich genutzten Munizipien eine Krebsrate von 223,65 je 100.000 Einwohner*innen, in vorwiegend touristisch genutzten Munizipien ergibt sich eine Krebsrate von 24,11 je 100.000 Einwohner*innen. Also in Munizipien, wo eifrig pestizide gesprüht werden, liegt die Krebsrate statitisch um den Faktor 8 höher.

Daher muss ich Sie abschließend fragen: Wieviel Krebsmedikamente (Menge und Umsatz) hat Ihr Pillendreher-Konzern 2016 und 2017 in den Bundesstaat Mato Grosso entsandt?

Leider endet meine knapp bemessene Redezeit hier und jetzt.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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