Rede Markus Dufner

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats,

Ich heiße Markus Dufner und bin Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Mit unseren 26 Mitgliedsorganisationen und zahlreichen Kooperationspartnern setzen wir uns für Frieden, Umweltschutz und Menschenrechte ein – seit nunmehr 30 Jahren. Dass wir mit unseren Forderungen und Fragestellungen richtig liegen, finden auch immer mehr Kleinaktionäre.

Mit unserer aktuellen Kampagne „Rohstoffe – im Konflikt mit Menschenrechten“ setzen wir Kritischen Aktionäre uns für verbindliche menschenrechtliche Sorgfaltspflichten der Unternehmen ein.

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, bei runden Geburtstagen, Jubiläen oder Abschieden sollte man die Gelegenheit, Bilanz zu ziehen, nicht verpassen.

15 Jahre Adidas-Chef Herbert Hainer

Respekt, Herr Hainer: 15 Jahre lang haben Sie sich an der Adidas-Spitze gehalten. Länger als jeder amtierende Chef eines Dax-Konzerns. Im Schnitt halten sich Dax-Chefs nur gut fünf Jahre auf ihrem Posten. Verraten Sie uns Ihr Erfolgsrezept! Wie haben Sie das durchgehalten?

Alles in allem eine erstaunliche Karriere, die manche Parallele mit einem bekannten Fußball-Manager aufweist: Sie stammen wie Uli Hoeneß aus einer Metzger-Familie. Als Betriebswirt (FH) fanden Sie den Weg über Procter & Gamble zu Adidas und wurden 1987 Vertriebsdirektor in Herzogenaurach.  Bereits zehn Jahre später wurden Sie unter Robert Louis-Dreyfus in den Vorstand von Adidas berufen. 2001 folgten Sie schließlich Ihrem Förderer auf dem Chefposten.

Das besondere Verhältnis zum FC Bayern

Eigentlich müsste Ihnen heute jemand den Ehrentitel „Marathon-Mann“ verleihen. Aber Ihr Herz schlägt ja eher für den Fußball, genau genommen für den FC Bayern. 2010 sagten Sie in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung über das besondere Verhältnis zu den Münchnern:“Es gibt keinen anderen Verein, mit dem wir eine so enge Beziehung und so langfristige Bindungen haben.“ Schade für „die Clubberer“, die aus der Zweitklassigkeit nicht mehr rauskommen und sich in der nächsten Saison einen neuen Sponsor suchen müssen.

Herr Hainer, die folgende Frage wollte ich Ihnen schon immer mal stellen:
Einerseits sind Sie stellvertretender Aufsichtsrats-Chef des FC Bayern, andererseits dessen Geschäftspartner. Wie unabhängig können Sie in dieser Doppel-Funktion sein?nAdidas ist einer von drei externen Eignern der FC Bayern AG, die zu jeweils 8,33 Prozent am Klub beteiligt sind. Dieses Engagement ließ sich Adidas im Jahr 2001 150 Millionen Mark kosten. Damals sprachen Sie in Ihrer Rolle als frischgekürter Adidas-Cher von einem „Meilenstein“ und erklärten: „Diese Partnerschaft eröffnet uns Perspektiven in neuen Geschäftsfeldern (…) und wird uns helfen, unsere Führungsposition im Fußball (…) auszubauen.“

An dieser Stelle sei die Spekulation gestattet: Wie erfolgreich wäre der 1. FC Nürnberg mit einem Mäzen Hainer geworden?

Adidas, der Geldgeber von FIFA und DFB

Schwarze Kassen, korrupte Funktionäre, viele ungelöste Fragen: Der Weltfußballverband FIFA und der Deutsche Fußball-Bund, versinken im Chaos. Stets mittendrin: Der Sportkonzern Adidas als jahrzehntelanger Geldgeber der beiden mächtigen Organisationen. Herr Hainer, wie wirkt sich die Flut an Negativ-Schlagzeilen auf das Image Ihres Konzerns aus?

Ihr Kommentar zum Fußball-Sumpf: „Wenn die FIFA es schafft, sich zu reformieren, und da sind sie meines Erachtens auf einem guten Weg, werden wir weitermachen.“ Andernfalls wollen Sie „darüber nachdenken, was die Alternativen sind“.

Lassen Sie uns ein wenig mit überlegen: Was wären mögliche Alternativen?
Oder ziehen sie die gar nicht in Betracht, denn schließlich läuft der Vertrag zwischen Adidas und der FIFA noch bis 2030.

Die entscheidenden Fragen lauten: Wie sauber war Adidas in der Vergangenheit?
Und wie sauber ist Adidas heute?
Bitte legen Sie uns Aktionärinnen und Aktionären gegenüber heute klipp und klar Rechenschaft ab!

Wie eng sind die Verbindungen zwischen FIFA und Adidas?
Gibt es bei Adidas Schwarze Kassen?
Verfügt Adidas über Briefkastenfirmen in Steueroasen?
Sind Gelder von Adidas bzw. etwaigen Briefkastenfirmen an FIFA-Funktionäre geflossen?

Aber anscheinend haben Sie, Herr Hainer, ein gutes Gewissen, und brauchen die Ermittler nicht zu fürchten. Wie anders wäre sonst Ihr Statement zu deuten: „Man kann uns nicht für die verbrecherischen Machenschaften der Fifa-Funktionäre verantwortlich machen.“

So lange nichts anderes bewiesen ist, gilt für Adidas auch im Fall DFB die Unschuldsvermutung. Natürlich darf Adidas den Deutschen Fußballbund unterstützen. Nur zu dumm, dass der Verband wegen einer dubiosen Millionenzahlung von Monsieur Louis-Dreyfus unter Verdacht geriet, die WM 2006 gekauft zu haben. Honi soit qui mal y pense („ein Schuft, wer Böses dabei denkt“): Louis-Dreyfus war mal Adidas-Chef.

Panama Papers

Übrigens enthüllen die Panama Papers, dass auch Ex-Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus Kunde der Kanzlei Mossack Fonseca war. Louis-Dreyfus, mit seinen Geschäftsverbindungen in den deutschen Fußball, unterhielt mehrere Offshore-Firmen und schoss Uli Hoeneß Millionen für seine Spekulationsgeschäfte vor.

Hier eine Nachfrage, die das zukünftige Aufsichtsratsmitglied, Herrn Nassef Sawiris, betrifft: Er ist Mitglied des Board of Directors der OCI Partners LP mit Sitz in Wilmington, Delaware (USA). Was sind die Aktivitäten dieser Briefkastenfirma?

Und dazu noch eine interessante Fußnote: Der Jurist Jürgen Mossack, Gründer der panamaischen Kanzlei, wurde vor 67 Jahren in Fürth geboren.

Gerechte Löhne bei Adidas-Zulieferfirmen

Sehr geehrte Damen und Herren, Adidas hat mit den Workplace Standards Richtlinien für Geschäftspartner veröffentlicht. Von den Partnern wird erwartet, dass sie sich fair, integer und verantwortungsbewusst verhalten. Im Abschnitt Löhne und Sozialleistungen der Worplace Standards heißt es: „Grundlöhne müssen mindestens den Lebensunterhalt und darüber hinaus einige zusätzliche Ausgaben der Mitarbeiter sowie ein Mindestmaß an erspartem Vermögen ermöglichen.“

Herr Hainer, die Realität sieht leider anders aus als Ihre Workplace Standards. De facto haben Sie sich in Ihrer 15-jährigen Amtszeit nicht für gerechte Löhne in Zulieferfirmen eingesetzt. Ich werfe Ihnen, dem Chef des zweitgrößten Sportartikelkonzerns der Welt vor, dass in Ihren Zulieferfabriken keine existenzsichernden Löhne gezahlt werden. Der Lohnkostenanteil bei einem Adidas-Schuh beträgt nur 0,4 Prozent.

Die Menschen, die Adidas-Produkte fertigen, erhalten in aller Regel nur den gesetzlichen Mindestlohn. In den Schwellen- und Entwicklungsländern, in denen Adidas, Schuhe, T-Shirts und Bälle fertigen lässt, liegen die Mindestlöhne weit unter dem, was zur Sicherung der Grundbedürfnisse einer Familie nötig wäre.

Mein Kollege Maik Pflaum von der Christlichen Initiative Romero kennt die Verhältnisse in Zulieferfirmen aus eigener Anschauung. „Die Arbeiter stehen ständig unter enormem Druck mehr zu verdienen und sind daher zu jeder Überstunde bereit.“ Das sei auch bei den Adidas-Zulieferern so.

Zahlreiche Studien zeigen, dass ein existenzsichernder Lohn weit über dem gesetzlichen Mindestlohn liegen muss. Obwohl Adidas nach eigenen Angaben die Frage der fairen Löhne als Mitglied des Fair Wage Network prüft, hat dies keine praktische Verpflichtung zur Einführung fairer Löhne in den Fabriken zur Folge.

Herr Hainer, Ihre Gesamtvergütung lag 2015 laut Adidas-Geschäftsbericht bei fast 3,4 Millionen Euro. Damit erhalten Sie mehr als das 1.700-fache einer Näherin in einer Textilfabrik in El Salvador. Das wissen Sie spätestens seit 2014, als die ehemalige Näherin Estela Ramirez aus dem mittelamerikanischen Land bei der Adidas-Hauptversammlung zu Ihnen sprach.

Ihr Kollege vom Konkurrenten Puma zeigte sich in der Lohnfrage immerhin ein bisschen selbstkritisch: Bjørn Gulden meinte letztes Jahr, es sei nicht fair, dass er so viel mehr als diejenigen bekomme, die Puma-Produkte herstellen. Herr Hainer, welcher Monatslohn wäre für eine Näherin aus Ihrer Sicht fair? 200 Euro, 300 Euro, 600 Euro, 1000 Euro …?

Fazit: Die Übernahme von Verantwortung für faire Löhne entlang der Lieferkette, unabhängig von den nationalen Gegebenheiten der Zulieferbetriebe, findet bei Adidas nicht statt.

Gestatten Sie mit eine Bemerkung zu den Ausführungen, die mein Vorredner von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger, Gerhard Jäger, machte: Ich finde, es kann nicht Ziel der Adidas AG sein, durch Umzug in Länder mit noch niedrigerem Lohnniveau die eh schon niederen Löhne in den Adidas-Zulieferbetrieben noch weiter zu drücken. Das ist Raubtierkapitalismus.

Beschaffungsmanagement

Laut unseren Informationen verantwortet die Adidas Sourcing Ltd. mit Sitz in Hong Kong die weltweite Beschaffung des Adidas-Konzerns. Die Produkte werden hauptsächlich von ca. 1.200 Direktlieferanten aus 69 Ländern bezogen. Diese wiederum werden von rund 300 Unternehmen aus 45 Ländern beliefert.
Sind diese Angaben korrekt?

Audits bei Zulieferfirmen

Nach welchem Standard führt Adidas Audits bei Zulieferfirmen durch?

Mit wieviel Vorlauf werden die Audits bei den Zulieferfirmen angekündigt?

Wie viele Audits ließ Adidas 2015 bei seinen Zulieferfirmen durchführen?

Bei wie vielen Audits gab es Beanstandungen? Bitte nennen Sie Länder, Name der Firmen und Gründe!

Welche Lieferanten haben Sie ausgeschlossen?

Mangelnde Transparenz: Water Footprint, Pestizide bei Baumwolle

Herrn Hainer, ich hoffe, dass Ihr Nachfolger mit transparenteren Berichten als Sie aufwartet. Beispiel der Water Footprint: Der wird für die einzelnen Zulieferländer und Produkte bei Adidas nicht transparent dargestellt.  Der Umgang mit Wasser als Lebensgrundlage aller Menschen wird nicht thematisiert.

Adidas wirbt mit der Dry-dye Technologie, die 25 Liter Wasser pro T-Shirt einspart. Bei der Produktion eines T-Shirts werden im Schnitt 2.720 Liter Wasser eingesetzt. Einspareffekt: nicht einmal ein Prozent!

So können die der Wasserprobleme in vielen Regionen der Welt nicht gelöst werden.

Intransparent ist Adidas auch bei der Baumwolle. Der Umgang mit und der Anteil an gentechnisch veränderter Baumwolle wird nicht transparent dargestellt. Auch der Umgang mit Pestiziden, die beim Anbau der Baumwolle eingesetzt werden, wird in den Adidas-Berichten alles andere als  klar dargestellt.

Meine Damen und Herren, Leidtragende sind von Adidas abhängige Kleinbauern in Schwellen- und Entwicklungsländern, die in Existenznot geraten und ArbeiterInnen in den Zulieferfabriken, die vergiftet werden. Seit 1997 haben sich 200.000 Kleinbauern das Leben genommen, weil sie keinen Ausweg aus ihrer katastrophalen Lebenssituation mehr sahen. Laut Schätzung der Weltgesundheitsorganisation sind durch den gesamten Pestizideinsatz jährlich ca. 2 Mio. Menschen von gesundheitlichen Langzeitschäden (z.B. Krebs) betroffen und rund 30.000 Vergiftungsfälle enden tödlich. Schätzungen im Baumwollbereich gehen von rund 200.000 Vergiftungsfällen aus, wovon mehr als 20.000 tödlich enden. Bei ca. 13 Mio. Arbeitsplätzen in der Baumwollproduktion heißt das, dass fast 1% aller Arbeitskräfte jährlich an unterschiedlich stark ausgeprägten Vergiftungen erkranken.

Sehr geehrte Damen und Herren, es sieht so aus, dass der neue Adidas-Chef, der im Herbst sein Amt antritt, viel zu tun hat.

Der Dachverband der Kritischen Aktionäre fordert Kasper Rorsted auf:
Sorgen Sie für spürbare Verbesserungen für ArbeiterInnen in Zulieferfirmen. Berichten Sie transparent über den Water Footprint von Adidas, und in den Umgang mit gentechnisch manipulierter Baumwolle.
Zeigen Sie klare Kante gegenüber Korruption im Sport.

[Dufner hält den „Adidas Steckbrief 2016“ hoch]

Meine Damen und Herren, Analysen und Fakten zu Adidas hat der Dachverband der Kritischen Aktionäre im „Steckbrief Adidas“ zusammengestellt. Sie können den Steckbrief auf unserer Website www.kritischeaktionaere.de herunterladen.

Vielen Dank!

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