Das Dorf an der Abbruchkante

Eine Reportage aus Pödelwitz von Vincent Kuhn

Kurz bevor man auf die Landstraße nach Pödelwitz einbiegt, öffnet sich auf beiden Seiten der Autobahn das gigantische Loch des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain. Zur Rechten, jenseits der Grube, erkennt man schon den charakteristischen Zwiebelturm der Pödelwitzer Dorfkirche.

Über das kurze Stück Landstraße und durch eine Obstbaumallee erreicht man direkt den Ortskern. Schon nach wenigen Schritten spürt man, dass dieser Ort besonders ist. Typische Einfamilienhäuser aus den 90er Jahren, aber auch ältere Höfe aus Holzfachwerk liegen verlassen da, verrottete Zäune markieren die Grenzen der verwaisten, von Brombeersträuchern überwucherten Grundstücke. An fast jeder Fassade warnt ein Schild:
„Privatgelände! Unbefugten ist das Betreten und Befahren verboten. Jede Zuwiderhandlung wird straf- und zivilrechtlich geahndet. Den Anweisungen des Werkschutzes ist Folge zu leisten. MIBRAG“

Die Mitteldeutsche Braunkohle Gesellschaft(MIBRAG), Betreiberin des Tagebaus, ist in Pödelwitz allgegenwärtig.  Sie wollte die Abbaufläche ursprünglich um das Kohlevorkommen unterhalb des Dorfes erweitern. Dafür sollte die Bevölkerung umgesiedelt und der 700 Jahre alte Ort abgebaggert werden; ein Schicksal, das deutschlandweit bis heute etwa 300 Ortschaften getroffen hat. Der entsprechende Vertrag mit der Stadt Groitzsch war bereits 2012 geschlossen worden.

Doch 2021 wendete sich das Blatt durch den anhaltenden Widerstand der Bewohner*innen: Pödelwitz darf bleiben.

Pödelwitz und die Kohle: Eine Widerstandsgeschichte
Im Dorfgemeinschaftshaus empfängt uns ein kleines Komitee mit Kaffee und Kuchen. Franzi Knauer, hier geboren und aufgewachsen, Jens Hausner, engagierter Landwirt, und Nora Mittelstädt, seit zwei Jahren wohnhaft in Pödelwitz, führen uns durch ihr Dorf. Alle drei sind aktiv im Verein „Pödelwitz hat Zukunft“.

Wir beginnen unseren Rundgang am „Roten Hof“. Die ehemaligen Bewohner*innen haben ihr Grundstück wegen der drohenden Ausweitung des Tagebaus und auf Nachdruck der MIBRAG verkauft. Heute steht der denkmalgeschützte Dreiseithof, wie 80 Prozent aller Gebäude des Dorfes, leer. Efeu überrankt das von der MIBRAG an der Fassade angebrachte Schild. Unter dem roten Putz erkennt man ein Stück freigelegtes Mauerwerk.
Dieser Schaden, so Franzi Knauer, sei auf Probebohrungen der MIBRAG zur Altersbestimmung des Hofes zurückzuführen. Im Rahmen einer Protestaktion besserten Greenpeace-Aktivist*innen 2017 die Löcher im Mauerwerk weitestgehend aus, um das Holzfachwerk vor der Witterung zu schützen. Die MIBRAG rief damals die Polizei; nichts Neues in diesem beschaulichen Ort.
Anlässlich des hier veranstalteten Klimacamps Leipziger Land 2018 sei die sächsische Landespolizei samt Reiterstaffel, Wasserwerfer, Polizeihelikopter und dem Anti-Terror Panzerfahrzeug „Survivor R“ angerückt, erzählt unsere Begleitung.

Wir gehen weiter. Schräg gegenüber des Roten Hofs liegt eine Wiese, die der Verein von der Stadt Groitzsch gepachtet hat, welcher Pödelwitz als Ortsteil angehört. „Zu Beginn, als wir das Dorfgemeinschaftshaus noch nicht ganzjährlich mieten konnten, haben wir unsere Besprechungen oft hier auf der Wiese abgehalten.“, erzählt Nora Mittelstädt.

Auf der anderen Seite der Dorfstraße liegt der alte Landhof, in dem Jens Hausner mit seiner Familie wohnt. Der denkmalgeschützte Bau aus Holzfachwerk wird von den wuchernden Koniferen und Brombeerhecken des angrenzenden Grundstücks bedroht.
Die vielen verwahrlosten Häuser im Ort werden nach und nach zu einem Sicherheitsrisiko für die verbliebenden Dorfbewohner*innen. An einigen Fassaden zeigen sich bereits Risse, durch das Dach eines Schuppens zwängt sich ein Baum, andere, sturmgeschädigte Dächer machen den Anschein, sie könnten jeden Moment einstürzen. Die MIBRAG scheint das nicht zu kümmern.

Später, am Ortsausgang, stehen wir plötzlich dem Betriebspark gegenüber. Eine restaurierte Kohleeisenbahn schmückt den Eingang zum Werksgelände, ein hoher Zaun versperrt den Weg zum Tagebau. Vor einigen Jahren noch habe man zu Fuß bis an die Abbruchkante gehen können, erklärt uns Nora Mittelstädt. Nach einem längeren Hin und Her, bei dem die MIBRAG zu jeder angekündigten Protestaktion einen mobilen Zaun aufstellen ließ, wurde es dem Konzern offenbar zu bunt. Seitdem ist der Tagebau, der ihr Dorf einst bedrohte, für die Pödelwitzer*innen tabu.

Auf der benachbarten Kuhweide, nur durch eine kleine Zufahrtsstraße vom MIBRAG-Gelände getrennt, kampierten im Sommer 2018 für eine Woche über 1.000 Klimaschützer*innen. Unmittelbar gegenüber des Pförtnerhäuschens habe damals die Bar gestanden, erinnern sich unsere Guides.
Die Konfliktlinien zwischen Klimaschutz und Konzerninteressen verlaufen selten so deutlich sichtbar wie hier. Dass das Klimacamp überhaupt so nah am Werksgelände stattfinden konnte, ermöglichte eine lokale Familie, welche ihre Flächen gegen eine entsprechende Abgabe zur Verfügung stellte.

Bis vor kurzem war der Verein in seiner Arbeit größtenteils auf den guten Willen anderer Dorfbewohner*innen und die Grundstücke von Stadt und Kirche angewiesen. Erst 2024 gelang „Pödelwitz hat Zukunft“ jedoch ein großer Schritt: Aus eigenen Mitteln und mit Krediten aus dem Unterstützer*innenkreis konnte der Verein den Kauf eines großen Grundstücks, direkt gegenüber der Dorfkirche, stemmen. Hier entsteht heute der „Vielseithof“, ein inklusives Hofprojekt mit Wohnraum, Werkstätten und ambulanter Betreuung unter einem Dach. Das Projekt soll Beschäftigung und Gemeinschaft für Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen bieten. Durch den Aufbau einer solidarischen Landwirtschaft möchte der Verein das Dorf künftig mit nachhaltigen und regionalen Lebensmitteln versorgen.

Dieser Erfolg spendet Hoffnung, die es in dem langjährigen Ringen mit der MIBRAG dringend braucht.

Die Rolle von Kirche und Politik
Zu beinahe jeder Ecke des Dorfes ließen sich Szenen des Widerstands erzählen. Besonders die Dorfkirche, errichtet im 13. Jahrhundert, steht symbolisch für den Widerstandsgeist der Dorfbevölkerung. Nicht umsonst ist der Kirchturm prominent im Logo von „Alle Dörfer bleiben“ zu sehen. Das für die Initiative charakteristische gelbe Andreaskreuz lehnt mannshoch an einem Baum vor dem Eingang der Kirche. Jens Hausner lässt uns ein.
Erst vor kurzem wurde die romanische Kirche saniert, die Orgel aus dem Jahr 1791 inklusive. Nun erstrahlt die Kirche sanft in pastellgrün und weiß, für die gemeinschaftliche Nutzung wurde in den hinteren Teil der Kirche eine Toilette und eine Teeküche eingebaut. Die Empore zieren Darstellungen der abgebaggerten Nachbardörfer. Nur zwei von ihnen konnten vor diesem Schicksal bewahrt werden: Kieritzsch und Pödelwitz.

„Hier in der Kirche fanden unter anderem Dorfbesprechungen, Planungstreffen und Umweltgottesdienste statt“, erzählt Jens Hausner. Der Verein habe die Räumlichkeiten praktisch nach freiem Belieben nutzen können. Er ist sich sicher; „Ohne den unermüdlichen Einsatz der damaligen Pastorin Friederike Kaltofen wäre die Erhaltung des Dorfes quasi unmöglich gewesen.“

Die Unterstützung, die Pödelwitz durch die lokale Kirche erfahren hat, ließen politische Amtsträger leider häufig vermissen. Seit einiger Zeit engagieren sich die Pödelwitzer*innen daher auch in der Lokalpolitik.  Mit Jens Hausner und Nora Mittelstädt wurden 2024 gleich zwei Mitglieder des Vereins in den Stadtrat Groitzsch gewählt. Seitdem streiten die beiden dafür, dass die Belange des Dorfes auch in der Politik Gehör finden. Zahlreiche Mitglieder des Bundestags hätten das Dorf über die Jahre besucht, erzählt Nora Mittelstädt, jedoch meistens nur für wenige Minuten und ohne echten Austausch.

Ganz umsonst scheint die politische Öffentlichkeitsarbeit jedoch nicht gewesen zu sein. Die Fortexistenz von Pödelwitz wurde im Koalitionsvertrag der sächsischen Landesregierung aus CDU, Grünen und SPD festgeschrieben, die nach der Landtagswahl 2019 gebildet wurde.

Dorfgemeinschaft und Ausblick
Einige Schritte weiter, im Schatten der Kirche, liegt der Bauwagenplatz des Dorfes. Der Gemeinschaftsgarten, die Wagen und die aus nachhaltigen Baustoffen errichteten Häuschen ergeben ein lebendiges Mosaik. In einem Baum, etwas abseits der Beete, sind die Reste eines unvollendeten Baumhauses zu sehen.
Das Zusammenleben zwischen den aktivistischen und den eher bürgerlichen Kräften im Dorf sei sehr harmonisch, erklärt Franzi Knauer. Man tausche sich aus und lerne voneinander, geeint in dem Ziel, die Zukunft von Pödelwitz zu gestalten. Derzeit experimentieren die Aktivist*innen damit, düngende Pflanzenkohle aus dem holzigen Gestrüpp zu gewinnen, welches sich überall im Dorf breitmacht.

Das Beispiel Pödelwitz verdeutlicht, dass breite Bündnisse, zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteuren vonnöten sind, um den Klimaschutz zu organisieren. Die vielleicht noch wichtigere Erkenntnis lautet jedoch: Es braucht Leute vor Ort, die willens sind anzupacken und nachhaltige Projekte über das Planungsstadium hinaus in die „echte“ Welt zu tragen.

Nach etwa drei Stunden neigt sich die Dorfführung dem Ende zu. Im Dorfgemeinschaftshaus warten heiße Suppe und frisch gebackenes Brot auf uns. Am großen Tisch wenden sich die Gespräche den zukünftigen Plänen zu.

Den Pödelwitzer*innen steht eine arbeitsreiche Zeit bevor. Der Vielseithof muss renoviert, der Acker gepflügt und Förderanträge gestellt werden. Darüber hinaus warten Hunderte kleiner und großer Aufgaben, die mit Herzblut in die Wege geleitet werden wollen. Zwar erledigt die Dorfgemeinschaft die meiste Arbeit selbst, einmal im Monat jedoch lädt der Verein zum „Wupptag“ ein, an dem gemeinschaftlich mit freiwilligen Helfer*innen an verschiedenen Projekten gearbeitet wird. Die regelmäßig abgehaltenen „Kuchensonntage“ bieten den Vereinsmitgliedern und der umliegenden Bevölkerung die Gelegenheit sich auszutauschen.

Auf dem Rückweg nach Leipzig halten wir noch an einem Aussichtspunkt. Im Norden thront das Kohlekraftwerk Lippendorf über der Grube, eine riesige Dampfwolke bezeugt die anhaltende Verstromung der Schleenhainer Braunkohle. Gegenüber, an der Abbruchkante, steht unbeirrt der Pödelwitzer Kirchturm.

Ob, und wann die MIBRAG die brachliegenden Grundstücke freigeben wird, und was nach dem Förderstopp 2035 mit dem Tagebau geschieht, ist ungewiss.

In einem sind wir uns jedoch sicher: Pödelwitz hat Zukunft.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://www.kritischeaktionaere.de/kohle-stoppen/das-dorf-an-der-abbruchkante/