
Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,
sehr geehrte Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat,
ich spreche heute für den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.
Adidas blickt auf ein erfolgreiches Jahr zurück. Umsatz, Ergebnis und Marktposition haben sich positiv entwickelt. Dazu gratulieren wir!
Gerade deshalb stellt sich aber eine entscheidende Frage:
Wird dieser wirtschaftliche Erfolg auch genutzt, um bekannte strukturelle Herausforderungen konsequent zu lösen?
Denn ein genauerer Blick zeigt ein deutlich ambivalenteres Bild.
So ist der operative Cashflow im Jahr 2025 um 74 Prozent eingebrochen.
Die hohe Dividendenausschüttung, von rund 497 Mio. Euro, wirft hier Fragen auf. Denn es gäbe wichtiges zu tun.
Adidas erzielt in vielen ESG-Ratings gute Ergebnisse. Gleichzeitig zeigen die anhaltenden Probleme bei existenzsichernden Löhnen, Scope-3-Emissionen und Lieferketten, dass gute Ratings allein noch keine ausreichende Lösung struktureller Probleme bedeuten.
Viele ESG-Benchmarks bewerten vor allem Managementsysteme, Policies und Reporting. Entscheidend ist jedoch, ob sich die tatsächlichen Bedingungen in der Lieferkette messbar verbessern.
Und da wird seit Jahren immer wieder über Fälle berichtet, in denen grundlegende Arbeitsrechte nicht eingehalten werden.
In Kambodscha kämpfen ehemalige Beschäftigte des adidas-Zulieferers Hulu Garment seit Jahren um ausstehende Abfindungen – immer noch ohne zufriedenstellende Lösung.
In Myanmar werden bei Zulieferern wie Pou Chen weiterhin Löhne gezahlt, die deutlich unter einem existenzsichernden Niveau liegen.
Dabei hat Adidas gute Ansätze. Sehr gut beispielsweise, dass Sie existenzsichernde Löhne in ihre Analysen zur angemessenen Vergütung mit einbeziehen. Leider vergleichen sie diese dann jedoch mit Durchschnittslöhnen, die eine sehr ungenaue Aussagekraft, jedoch umso mehr Profilierungswirkung haben können. Noch mehr Transparenz wäre hier wünschenswert. Zudem – und das kann kein Zufall sein – sparen Sie problematische Länder wie Myanmar bei ihrer Analyse aus. So zeichnen Sie ein astreines Bild von adidas, das aber leider nicht -oder vielleicht noch nicht? – der Realität entspricht. Die Angabe von Durchschnittslöhnen und die Aussparung problematischer Länder wie Myanmar kaschieren, dass immer noch tausende Arbeiter*innen für Hungerlöhne adidas-Produkte herstellen. Gleichzeitig lehnt adidas die ACT-initiative ab, die sich branchenweit für existenzsichernde Löhne einsetzt. Das hinterlässt den Eindruck, dass sie es nicht ernst meinen und weiterhin alle Spielräume fehlender gesetzlicher Regulierungen oder niedriger Mindeststandards ausnutzen möchten, anstatt den Menschen die die Produkte herstellen, mit denen Sie ihr Geld verdienen, die angemessene Entlohnung zu gewährleisten.
Vor diesem Hintergrund möchte ich fragen:
Wo, also in welchen Ländern in ihrer Lieferkette werden die niedrigsten Löhne gezahlt?
Myanmar wird in der Analyse zur angemessenen Vergütung nicht aufgezählt, obwohl sie nachweislich dort Produkte in der Pou Chen Fabrik herstellen lassen. Welche Länder aus denen Sie Produkte beziehen, fehlen außer Myanmar noch in der Untersuchung?
Plant adidas die Durchsetzung von jeweils existenzsichernden Löhnen als Einkommensminimum in allen Zulieferbetrieben? Wenn nicht, warum nicht? Und wenn doch, wie, wann und durch welche konkreten Maßnahmen möchten Sie das durchsetzen?
Und ein kleines Rechenspiel um den geringen Aufwand deutlich zu machen, der hier nötig wäre:
Können Sie ungefähre Angaben machen, mit wieviel Zusatzkosten pro Jahr sie rechnen müssten, wenn Sie durchsetzen könnten, dass eine jährliche Durchschnittsmenge von Artikeln in der Pou Chen Fabrik zu existenzsichernden Löhnen anstelle der momentan gezahlten Löhne produziert werden würden?
Können Sie die Zusatzkosten mit dem ungefähren durchschnittlichen Monatsgehalt der Vorstandsmitglieder vergleichen?
Warum ist adidas der ACT-Initiative bislang nicht beigetreten, und unter welchen Bedingungen wäre ein Beitritt denkbar?
Warum lösen Sie die genannten Fälle in Kambodscha nicht wie Nike oder Victoria`s Secret mit einer leicht zu stemmenden Abfindung?
Ein weiterer Punkt ist die Entwicklung der Beschwerdesysteme:
Über die „Wovo“-Plattform wurden im Jahr 2025 mehr als 47.000 Beschwerden im Zusammenhang mit Arbeits- und Menschenrechten gemeldet – die entspricht einem Anstieg von mehr als 32%!
Auch wenn Sie diese als zu 99% als gelöst bezeichnen, würde ich gerne verstehen:
Wie erklären Sie diesen Anstieg, und um welche Beschwerden handelte es sich?
Und wenn Sie den Anstieg allein durch gestiegenes Vertrauen in das Beschwerdesystem erklären, wodurch erklären sie sich diese immense Gesamtzahl an Fällen?
Und welche strukturellen Veränderungen möchten Sie vornehmen um die Zahl in Zukunft wieder zu senken? Oder anders: Werden Erkenntnisse aus Beschwerden systematisch genutzt um Strukturen zu verändern?
Sehr geehrte Damen und Herren,
Auch im Umweltbereich zeigen sich aus unserer Sicht deutliche Widersprüche.
Die Scope-3-Emissionen sind im Geschäftsjahr 2025 um fast 1 Mio. Tonnen CO2 gestiegen – dieser Anstieg ist erheblich! Dieser erklärt sich hauptsächlich durch die Umsatzsteigerung. Dennoch steht das stark im Widerspruch zu den erklärten Klimazielen. Sie selber – sind sich dessen Bewusst und sprechen dies als strukturelles bzw. branchenweite Problem an. Dieses muss aber gelöst und nicht nur zur Kenntnis genommen werden! Wir sind ausdrücklich der Meinung Sie könnten Ihre Marktstellung besser nutzen um, möglicherweise zusammen mit Wettbewerbern, hier Verbesserungen zu bewirken.
Gleichzeitig bestehen weiterhin Risiken beispielweise in der Lederlieferkette. Freiwillige Branchenstandards wie die der Leather Working Group sind eher symbolischer Natur und gewährleisten keine vollständige Rückverfolgbarkeit und damit nicht, dass für das eingesetzte Leder nicht Flächen in Regenwäldern wie dem Amazonas abgeholzt werden. Das Angegebene Ziel für entwaldungsfreie Lieferketten ist mit 2030 weit entfernt und gleichzeitig liegt hier keine erkennbare oder glaubwürdige Strategie vor. Unabhängige Zertifizierungen wären hier entscheidend.
Das führt mich zu weiteren Fragen:
Welche konkreten Maßnahmen werden kurzfristig von Adidas ergriffen oder sind in Zukunft geplant, um die Scope-3-Emissionen tatsächlich zu senken?
Bis wann und durch welche konkreten Maßnahmen plant adidas, eine vollständige Rückverfolgbarkeit der Lederlieferkette sicherzustellen?
Warum verlässt sich das Unternehmen weiterhin auf freiwillige Branchenstandards, statt verbindliche und überprüfbare Kriterien umzusetzen und das obwohl Ihnen durch die Erfahrungen (und Lösungen) in der Baumwolllieferkette die Problematik sehr gut bekannt ist?
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Verlässlichkeit der Nachhaltigkeitsberichterstattung.
Die Nachhaltigkeitserklärung wurde lediglich mit „begrenzter Sicherheit“ geprüft.
Das bedeutet, dass zentrale Kennzahlen nicht mit hoher Sicherheit verifiziert sind. An vielen Stellen mangelt es an Transparenz, an Kennzahlen oder systematischen Erfassungen. Das liegt sicherlich auch daran, dass die Berichtspflichten noch nicht lange gelten und es diese aber leider brauchte, damit Unternehmen wie Adidas in den betroffenen Bereichen Verantwortung für ihr Handeln übernehmen und eben in der Folge solche Kennzahlen erst entwickeln müssen.
Daher meine Frage:
Welche konkreten Schritte planen Sie, um die Verlässlichkeit der ESG-Daten in den kommenden Jahren zu verbessern? Und wann planen Sie den Nachhaltigkeitsbericht ebenfalls voll prüfen zu lassen?
Und daran anschließend:
In welchen Bereichen basieren Ihre Angaben weiterhin überwiegend auf Selbstauskünften statt auf unabhängigen Prüfungen?
Wir haben einen Gegenantrag eingereicht, den sie an der dafür vorgesehenen Stelle finden, und auf dem sie unsere Kritikpunkte gerne nochmal nachlesen können, und den ich hiermit auch formal stelle. Dem können Sie auch die wesentlichen Teile unseres Abstimmungsverhaltens entnehmen. Zur Person Mathias Döpfner kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen. —
Insgesamt lässt sich für uns feststellen, dass adidas sehr umfassend über Nachhaltigkeit berichten kann — auch sehr ambitionierte Ziele und Policies formulieren kann – die tatsächliche Wirkung bisweilen aber leider hinter den Erwartungen zurückbleibt.
Und genau hier liegt aus unserer Sicht der zentrale Punkt:
Ein Unternehmen wie adidas hat – die Ressourcen – die Marktstellung und die öffentliche Wahrnehmung, um in diesen Bereichen eine führende Rolle einzunehmen und den niedergeschriebenen Ambitionen tatsächliche Veränderungen folgen zu lassen.
Entscheidend ist, dass strukturelle Probleme konsequent gelöst werden – auch dann, wenn dies kurzfristig Kosten verursacht.
Vor diesem Hintergrund halten wir es nicht für angemessen, eine erhöhte Dividende auszuschütten, ein massives Aktienrückkaufprogramm zu starten und gleichzeitig zentrale Risiken ungelöst zu lassen.
Adidas beschreibt – wie oben schon beispielhaft erwähnt – zahlreiche Risiken in der Lieferkette und im Klimabereich selbst als strukturell beziehungsweise branchenweit. Bei dieser Erkenntnis kann es aber nicht verbleiben, sondern es sollten auch bei Adidas ähnliche Fragen aufkommen wie:
Welche Maßnahmen möchte Adidas, über freiwillige Branchenstandards hinaus, umsetzen, um diese systemischen Probleme endlich tatsächlich und langfristig zu anzugehen? Gibt es Ideen oder bereits ausgearbeitete Konzepte?
Sucht Adidas hier den Zusammenschluss mit Wettbewerbern? – Einerseits um maximal wirksam zu sein und gleichzeitig Wettbewerbsnachteile zu mindern? Und in welcher Rolle sieht sich Adidas hier?
Seien Sie sicher, dass wir ähnliche Fragen auch bei der Konkurrenz stellen!
Abschließend noch folgende Anregung:
Zeigen Sie ihren Aktionären doch, dass auch Sie in der Lage sind rentabel zu wirtschaften und gleichzeitig ihre menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltspflichten vollumfänglich zu erfüllen. Das könnte, angesichts der Lieferkettengesetze und der einschlägigen Fortschritte bei vielen Wettbewerbern in Zukunft entscheidend für Adidas sein!
Vielen Dank!







