Alzchem Group AG Hauptversammlung 2026

„Keine Ausstiegsstrategie für hochgefährliche Pestizide“: Rede von Tilman Massa

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Tilman Massa, ich bin vom Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Mit den uns übertragenen Stimmrechten fordern wir zusammen mit unseren Partnerorganisationen von Ihnen, von Alzchem, ein Ende der Exporte von hochgefährlichen Pestiziden, die in der EU aus Gründen des Umwelt-, Arbeits- und Gesundheitsschutzes nicht zugelassen sind. Wir kritisieren das Fehlen einer klaren Ausstiegsstrategie für hochgefährliche Pestizide sowie mangelnde Transparenz hinsichtlich Ihrer menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten.

Daher werden wir auch dieses Jahr den Vorstand nicht entlasten. Wir haben dazu einen entsprechenden Gegenantrag eingereicht, den ich hiermit stelle.

Ich habe aber vor allem Fragen an Sie, insbesondere zu Ihrer Stellungnahme zu unserem Gegenantrag, die Sie – anders als andere Aktiengesellschaften – ja bereits auch transparent und ausführlich auf Ihrer HV-Internetseite veröffentlicht haben.

Zunächst möchte ich ein Statement und eine Frage von unserer Partnerorganisation Women on Farms Project vortragen, die auch mit Redebeiträgen auf der letzten Hauptversammlung den Dialog mit Ihnen gesucht hatten:

„Das Women on Farms Project (WFP) wird in diesem Jahr aus zwei Gründen nicht an der Hauptversammlung von AlzChem teilnehmen. Erstens stellt die ausschließliche Verwendung der deutschen Sprache als Kommunikations- und Anweisungssprache eine Hürde dar, die wir nicht überwinden können. Zweitens befürchten Frauen unter den Landarbeiterinnen aufgrund der ungleichen Machtverhältnisse auf Farmen Repressalien (z. B. den Verlust ihres Arbeitsplatzes), wenn sie ihre Erfahrungen und Beschwerden öffentlich in der Hauptversammlung zu Protokoll geben würden. Schließlich führt die Kopplung von Wohnverträgen an das Arbeitsverhältnis dazu, dass Landarbeiterinnen, die ihre Beschäftigung verlieren, in der Regel auch von der Farm verwiesen werden und von Obdachlosigkeit bedroht sind.

Daten von Public Eye zeigen, dass Südafrika ein wichtiger Markt für den Export von Cyanamid ist. Im Jahr 2024 wurden 416.000 kg an Philagro exportiert, den Vertriebspartner von Dormex in Südafrika. Zur Gewährleistung der Sicherheit enthält das Sicherheitsdatenblatt von Philagro folgende Anforderungen:

  • Vor der Verwendung alle Sicherheitsanweisungen einholen, lesen und befolgen.
  • Behandelte Felder innerhalb eines Tages nach der Anwendung nicht betreten, es sei denn, es wird Schutzkleidung getragen.
  • Nach dem Umgang Hände und Gesicht gründlich waschen.
  • Kontaminierte Arbeitskleidung darf den Arbeitsplatz nicht verlassen.
  • Schutzhandschuhe, Schutzkleidung sowie Augen- und Gesichtsschutz tragen.
  • Bei Augenkontakt die Augen sofort mehrere Minuten lang (mindestens 15 Minuten) vorsichtig mit Wasser aus der Augendusche spülen.
  • Bei Hautkontakt die betroffene Person die Haut 15 bis 20 Minuten lang mit reichlich kaltem Wasser unter der Notdusche spülen.
  • Bei Einatmen die betroffene Person an die frische Luft bringen; bei Atembeschwerden sollte qualifiziertes Personal Sauerstoff verabreichen.

Untersuchungen des Women on Farms Project (WFP) haben ergeben, dass die überwiegende Mehrheit der Farmen diese Kriterien nicht erfüllt. Der fragmentierte und veraltete südafrikanische Gesetzes- und Politikrahmen sowie die mangelnde Durchsetzung dieser Vorschriften durch das Arbeitsministerium schaffen eine Kultur der Straflosigkeit, in der Landwirte selbst entscheiden können, ob und welche Gesetze sie einhalten. So gibt es auf Farmen häufig weder fließendes Wasser noch Toiletten, Schulungen und Informationen werden selektiv bereitgestellt, Wiedereintrittsfristen werden nicht eingehalten, und die medizinische Versorgung nach Exposition entspricht nicht dem im Sicherheitsdatenblatt von Philagro festgelegten Standard.

FRAGE:
Angesichts der Toxizität von Cyanamid/Dormex: Welche Verpflichtungen ist AlzChem (und Philagro) bereit einzugehen, um sicherzustellen, dass die Bedingungen auf südafrikanischen Farmen zumindest die Mindestanforderungen des Sicherheitsdatenblatts erfüllen?

Hier nun meine Fragen:

  1. Welche konkreten Exportmengen von Cyanamid beziehungsweise Dormex wurden in den vergangenen fünf Geschäftsjahren jeweils in welche Länder geliefert und welche Umsätze jeweils dadurch erzielt? Falls der Vorstand diese Informationen nicht offenlegt: Wie begründet er dies angesichts der behaupteten Transparenz bei menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten? Könnten Sie zumindest offenlegen, in welchen Ländern Sie einen relevanten Marktanteil von über 25 Prozent haben? 
  2. Sie verweisen regelmäßig darauf, dass Dormex bei „sachgemäßer Anwendung“ sicher eingesetzt werden könne. Wie vereinbart der Vorstand diese Aussage mit den Bewertungen europäischer Behörden, wonach selbst bei Verwendung persönlicher Schutzausrüstung die zulässige Anwenderexposition deutlich überschritten wird? Welche eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse oder unabhängigen Untersuchungen liegen Alzchem vor, die zu einer abweichenden Bewertung kommen? 
  3. Sie begründen in Ihrer Stellungnahme zu unserem Gegenantrag die Bedeutung von Dormex unter anderem mit Ernährungssicherheit und Klimawandel. Welche unabhängigen Untersuchungen liegen dem Vorstand konkret vor, wonach der Einsatz von Dormex tatsächlich notwendig ist, um die Versorgung mit Obst und Nüssen sicherzustellen – und nicht primär der Stabilisierung von Erträgen, Exportfähigkeit oder Qualitätsstandards industrieller Landwirtschaft dient?
  4. Der Vorstand bezeichnet Dormex als „alternativlos“. Welche konkreten alternativen Anbaumethoden, Sortenanpassungen, agroökologischen Verfahren oder weniger gefährlichen Wirkstoffe hat Alzchem in den vergangenen fünf Jahren systematisch geprüft oder gefördert, und nach welchen Kriterien wurden diese als nicht ausreichend bewertet?
  5. Sie führen aus, dass ein Rückzug von Alzchem die Situation möglicherweise verschlechtern würde, da andere Anbieter geringere Sicherheitsstandards hätten. Bedeutet dies im Umkehrschluss, dass Alzchem selbst davon ausgeht, dass die bestehenden Sicherheitsbedingungen in den Anwendungsregionen derzeit unzureichend sind? Falls nein: Warum wird dieses Argument dann überhaupt angeführt?
  6. Sie erklären, dass Alzchem „höchsten Wert“ auf sichere Anwendung legt. Welche objektiv überprüfbaren Kennzahlen verwendet der Vorstand konkret, um zu bewerten, ob die Anwendung von Dormex in einem Land tatsächlich sicher erfolgt?
  7. Wie viele Vor-Ort-Kontrollen oder unabhängige Überprüfungen der tatsächlichen Nutzung von Schutzausrüstung hat Alzchem beziehungsweise von Alzchem beauftragte Stellen in den vergangenen drei Jahren durchgeführt, und welche Defizite wurden dabei festgestellt? 
  8. Der Vorstand verweist auf Schulungen durch Vertriebspartner. Welche unabhängigen Kontrollen führt Alzchem selbst durch, um zu überprüfen, ob die Schulungen tatsächlich stattfinden, ob Landarbeiter*innen die Inhalte verstehen und ob die Sicherheitsmaßnahmen anschließend auch praktisch umgesetzt werden?
  9. Sie führen aus, dass selbst Personen geschützt würden, die Etiketten möglicherweise nicht lesen können. Wie stellt Alzchem konkret auch im Rahmen von Schulungen, aber auch dann, wenn es keine Schulungen gibt, sicher, dass Analphabetismus, Sprachbarrieren oder prekäre Arbeitsverhältnisse die sichere Anwendung tatsächlich nicht beeinträchtigen?
  10. Welche konkreten Erkenntnisse hat Alzchem darüber, ob die empfohlene persönliche Schutzausrüstung unter realen Arbeitsbedingungen in heißen Klimazonen dauerhaft getragen werden kann, ohne selbst erhebliche Gesundheitsbelastungen zu verursachen?
  11. Sie erklären, in einzelnen Märkten werde Schutzausrüstung kostenlos zur Verfügung gestellt. In welchen Ländern geschieht dies konkret, welche Art von Schutzausrüstung wird bereitgestellt und wie überprüft Alzchem deren tatsächliche Nutzung und Wirksamkeit vor Ort?
  12. Der Vorstand verweist darauf, dass Cyanamid auch natürlich vorkomme und biologisch abgebaut werde. Welche Relevanz misst der Vorstand diesem Argument für die Bewertung der konkreten Gesundheitsrisiken bei konzentrierter industrieller Anwendung bei, insbesondere im Hinblick auf dokumentierte Vergiftungsfälle?
  13. Sie betonen, dass Rückstände im Erntegut nicht mehr nachweisbar seien. Warum fokussiert sich die Stellungnahme nahezu ausschließlich auf Verbraucher*innen, obwohl sich die Kritik des Gegenantrags vor allem auf Gesundheitsrisiken für Anwender*innen und Landarbeiter*innen bezieht?
  14. Der Vorstand spricht von „seltenen Fällen“ schwererer Gesundheitsschäden. Auf welcher Datengrundlage basiert diese Einschätzung, und wie viele dokumentierte Fälle akuter oder chronischer Gesundheitsschäden im Zusammenhang mit Dormex sind Alzchem weltweit bekannt?
  15. Sie erklären, dass Dormex in vielen Ländern zugelassen sei und die autonome Entscheidung der Staaten respektiert werde. Welche eigenständigen menschenrechtlichen Prüfmaßstäbe legt Alzchem zusätzlich zu lokalen Zulassungen an, insbesondere in Ländern mit schwächeren Arbeits- und Kontrollstandards?
  16. Welche konkreten Kriterien müssten erfüllt sein, damit der Vorstand zu dem Schluss käme, dass ein Vertrieb von Dormex in einem bestimmten Land trotz formaler Zulassung menschenrechtlich oder aus anderen Gründen in Bezug auf den Anwenderschutz nicht mehr vertretbar ist?
  17. Wenn Alzchem erklärt, dass sichere Anwendung „alternativlos“ sei: Bedeutet dies, dass das Unternehmen ausschließen kann, dass Anwender*innen trotz Schulung und Schutzausrüstung gesundheitliche Schäden erleiden? Falls nein: Welche Restrisiken hält der Vorstand für akzeptabel und auf welcher Grundlage?
  18. Welche eigenen wissenschaftlichen oder toxikologischen Untersuchungen hat Alzchem seit dem EU-Zulassungsverlust von Cyanamid beauftragt oder durchgeführt, um die damaligen behördlichen Risikobewertungen zu überprüfen oder zu widerlegen?
  19. Der Vorstand verweist auf die kurze Halbwertszeit im Boden und den Abbau im menschlichen Körper. Welche Bedeutung misst Alzchem diesen Eigenschaften für die Bewertung akuter Gesundheitsgefahren während der Anwendung zu?
  20. Hat Alzchem untersucht, ob die wirtschaftliche Abhängigkeit bestimmter Anbauregionen von Dormex langfristig zu einer klima- und menschenrechtlich problematischen Stabilisierung landwirtschaftlicher Produktionsweisen in ungeeigneten Regionen führt? Falls ja: Zu welchen Ergebnissen kam diese Analyse?
  21. Sie argumentieren, andere Anbieter seien möglicherweise weniger zuverlässig. Welche konkreten zusätzlichen Sicherheitsstandards bietet Alzchem im Vergleich zu Wettbewerbern an, und wie misst der Vorstand deren tatsächliche Wirksamkeit?
  22. Welche konkreten Maßnahmen hat der Vorstand im Geschäftsjahr 2025 ergriffen, um die Abhängigkeit des Unternehmens von hochgefährlichen Pestizidexporten strategisch zu reduzieren? Wenn nicht, warum nicht?
  23. Welche konkreten alternativen Methoden, Produkte oder agronomischen Verfahren hat Alzchem selbst geprüft oder gefördert, um den Einsatz von Dormex zu reduzieren oder perspektivisch zu ersetzen? Bitte nennen Sie auch Forschungs- oder Entwicklungsbudgets hierfür. 
  24. Welche konkreten Ziele, Zeiträume und Investitionen bestehen innerhalb des Unternehmens zur Entwicklung weniger gefährlicher Alternativen zu Cyanamid? Falls keine konkreten Ziele existieren: Warum nicht? 
  25. Erkennt der Vorstand grundsätzlich eine Grenze unternehmerischer Verantwortung an, ab der ein Produkt trotz wirtschaftlicher Vorteile und formaler Zulassung nicht weiter vermarktet werden sollte, wenn erhebliche menschenrechtliche Risiken praktisch nicht vollständig kontrollierbar erscheinen? Falls ja: Wo zieht Alzchem diese Grenze konkret?

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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