„Es ist an der Zeit, dass BASF anerkennt, dass die Auswirkungen des Massakers von Marikana generationenübergreifend sind“: Rede von Amina Hassan Fundi

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre, sehr geehrte Führungskräfte der BASF,

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Ein neunjähriges Mädchen, das von seiner liebevollen Familie am Esstisch umgeben ist – Mutter, Vater und der ältere Bruder. Sie erzählen sich Geschichten und lachen, genießen die Gemeinsamkeit.

Dann klingelt das Telefon und durchbricht die Friedlichkeit.

Der Anruf brachte die Nachricht von einem Mann – einem Ehemann, einem Vater und einem hartarbeitenden Angestellten, der zum Dienst gerufen wurde.

Doch anstatt nach Hause zu seiner Familie zurückzukehren, fand sein Leben an jenem Tag ein gewaltsames Ende.

Er wurde ermordet und verbrannte.

Am Ende wurde ein gutes und erfülltes Leben auf zwei Wörter reduziert: ein „notwendiges Opfer“ beim Streben nach Profit und Produktion – von Lonmin; von Sibanye-Stillwater; von BASF.

Dieser Mann war mein Vater.

Heute steht dieses kleine Mädchen von damals mit heute 21 Jahren als erwachsene Frau vor Ihnen.

Bis heute bin ich geprägt von den Ereignissen dieses Tages und kämpfe noch immer für die Gerechtigkeit, die mir und meiner Familie bis heute verwehrt geblieben ist.

Trotz der vielen vergangenen Jahre und der einschneidenden Veränderungen unserer Lebensumstände ist eines unverändert geblieben: der vor 12 Jahren begonne unermüdliche Kampf für Gerechtigkeit, den meine Mutter und ich zusammen mit anderen Witwen und betroffenen Familien vor 12 Jahren begonnen haben, um Wahrheit, Rechenschaft und Entschädigung für die beim Massaker von Marikana ermordeten Menschenleben zu fordern.

Mein Name ist Amina Hassan Fundi. Ich repräsentiere die nächste Generation von Marikana. Ich möchte nicht nur zur Sprache bringen, wie das Ereignis von damals mich bis heute prägt, sondern möchte gesehen und gehört werden.

Ich trage die Hoffnung weiter, die diejenigen, die kamen, mit sich brachten und habe nun vor,diesen Kampf bis zum Ende zu führen.

Es schmerzt mich, dies zu sagen, aber die Führungskräfte Ihres Unternehmens scheinen eine verzerrte Sichtweise zu haben – die Sichtweise, sich von jeglicher Verantwortung für das Massaker von Marikana freisprechen zu können.

Sie behaupten, dass das Massaker“aus der Distanz schwer zu beurteilen ist“, aber lassen Sie mich Ihnen versichern, dass die Erinnerung und das Leid vom Massaker in Marikana so real und schmerzhaft sind wie eh und je.

Ich habe die Sicherheitsmaßnahmen im BASF-Werk in Mannheim aus erster Hand gesehen und frage mich nun: Warum galten für meinen Vater und seine Kollegen nicht der gleiche Arbeitsschutz? Warum waren ihre Leben weniger wert als das Platin, das für Ihren Profit so wertvoll und unentbehrlich ist?

Als langjähriger und damals größter Kunde des Platin-Zulieferers Lonmin hat BASF über Dekaden die Augen vor den menschenunwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen der Minenarbeiter und Menschenrechtsverletzungen durch den Konzern verschlossen.

Somit sind sie mitschuldig an den Handlungenund Unterlassungen von Lonmin.

Die Realität steht hierbei im Widerspruch zu Ihren Unternehmenswerten.

Sie behaupten, der Bildungsfonds von Sibanye-Stillwater ist eine Form der Entschädigung für die vom Massaker von Marikana betroffenen Familien.

Aber lassen Sie mich eines klarstellen: Tatsächlich ist es lediglich eine symbolische Geste und ein bescheidener Versuch, sich von Ihrer Schuld freizusprechen.

Die Zuwendungen für monatliche Hygieneartikel, Lebensmittel, Kleidung und Transporthaben sich seit 2012 nicht geändert: Noch heute bestehen die finanziellen Zuwendungen aus lediglich 1850 Rand, rund 90 Euro pro Monat.

Diese sind in Anbetracht der Inflation und den seit mehr als einem Jahrzehnt steigenden Lebenshaltungskosten völlig unzureichend.

Während ich hier vor Ihnen stehe, möchte ich Sie außerdem fragen:

Was könnten Sie tun, um das Unrecht der Vergangenheit zu korrigieren, dessen Konsequenzen wir bis heute spüren?

Hier sind ein paar Vorschläge für Sie:

1. Werden Sie den Familien der Opfer vom Massaker von Marikana eine angemessene Entschädigung zukommen lassen, einschließlich angemessener finanzieller Unterstützung und entsprechendem Zugang zu Bildungsmöglichkeiten?

2. Werden Sie einen Fonds einrichten, um das Leben in den Gemeinden zu verbessern, die von Ihren Aktivitäten betroffen sind, und in Infrastruktur, Gesundheitsversorgung und Bildung investieren – nicht nur in Marikana, sondern überall dort, wo Sie geschäftlich tätig sind?

3. Welche strengen Kontroll- und Rechenschaftsmaßnahmen werden Sie in Marikana und anderen Teilen der Welt ergreifen, um sicherzustellen, dass Ihre Zulieferer faire Arbeitsstandards einhalten und die Menschenrechte achten?

4. Wann werden Sie damit beginnen, mit den Gemeinden, die von Ihren Geschäften in Marikana und anderswo betroffen sind, in Kontakt zu treten, um deren Anliegen anzuhören und gemeinsam nach Lösungen zu suchen?

Abschließend möchte ich sagen, dass die Zeit für inhaltslose Gesten und halbherzige Entschuldigungen vorbei ist. Es ist an der Zeit, dass die BASF ihre Rolle bei dem Massaker in Marikana anerkennt und angemessene Maßnahmen ergreift.

Es ist an der Zeit, dass BASF zugibt, dass die Auswirkungen des Massakers in jeglicher Hinsicht generationenübergreifend sind.

Das Massaker wird als Erinnerung Teil meines Lebens und das meiner Kinder sein – so wie es Teil des Lebens meiner Eltern war.

Ich bitte Sie daher eindringlich, sich vermehrt dafür einzusetzen, dass sich eine solche Tragödie nicht wiederholt.

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