„Hinweise zu sexualisiertem Machtmissbrauch zunächst ohne Konsequenzen“: Rede von Tilman Massa

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Vorstand und Aufsichtsrat,

ich spreche für den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Mit den uns übertragenen Stimmrechten fordern wir deutlich effektivere Maßnahmen gegen die Klimakrise sowie für den Schutz von Umwelt und Menschenrechten ein. Nachdem auf der letzten Hauptversammlung ein Nachhaltigkeitsbericht nach den neuen EU-Standards angekündigt und der Aufwand dazu kritisiert worden ist, habe ich dies zum Anlass genommen, den nun vorliegenden Nachhaltigkeitsbericht zu lesen, um auch den Nutzen testen zu können. Lassen Sie mich daher auf einige Aspekte Ihrer ökologischen und vor allem sozialen Verantwortung eingehen:

Neuer Nachhaltigkeitsbericht nach CSRD

Wir begrüßen ausdrücklich, dass Sie nun erstmals ihre Nachhaltigkeitserklärung nach den ESRS (European Sustainability Reporting Standards) der CSRD (Corporate Sustainability Reporting Directive) verfasst haben. Dass soll kein bürokratischer Akt sein, und bei der Umsetzung von Berichtspflichten bedarf es sicher Verbesserungen. Ihre Kritikpunkte bei der Umsetzung und vor allem, was aus Ihrer Sicht gut und nicht so gut läuft, ist auch für uns in der Zivilgesellschaft wichtig. Jede Klage über Bürokratie sollte auch mit konkreten Beispielen und konkreten Verbesserungsvorschlägen kommen. Denn aktuell droht eine Deregulierungswelle und das „Bürokratiemonster“-Narrativ einiger Wirtschaftsverbände ohne substanzielle Grundlage wichtige, bereits demokratisch und über lange Jahre hinweg diskutierte und beschlossene Grundpfeiler des EU Green Deals bis zur Unkenntlichkeit zu demontieren. Es kommt nicht von ungefähr, dass ausgerechnet bei der jüngsten Abstimmung des EU-Parlaments über das EU-Lieferkettengesetz die Brandmauer gefallen ist.

Nicht nur für uns, sondern auch für Medien und Öffentlichkeit stellen einheitliche, standardisierte Berichte die Grundlage von Transparenz und Rechenschaft dar, um jene Unternehmen, die sich ernsthaft und effektiv beim Schutz von Menschenrechten, von Sozialstandards, von Umwelt und Klima engagieren, von jenen Unternehmen unterscheiden zu können, die bloß Greenwashing betreiben.

Angesichts des Rechtsrucks und zunehmenden Antisemitismus, Herr Watzke, ist es eben kein Greenwashing, wenn der BVB nun auch im Nachhaltigkeitsbericht erläutert, Bildungs- und Gedenkstättenreisen sowohl für Beschäftigte als auch Fans zu organisieren, sondern verdient vielmehr unser Lob und unsere Anerkennung.

Es ist wichtig zu erfahren, dass Ihnen im letzten Geschäftsjahr keine bekannten Fälle von Menschenrechtsverletzungen in der Wertschöpfungskette vorliegen. Im Rahmen eines unbürokratischen, risikobasierten Ansatzes würde es viel bringen, wenn Sie Ihre Ausstatter wie Puma dabei aktiv unterstützen und auffordern, sich für Löhne in der Textil-Lieferkette einzusetzen, von denen Näherinnen auch Leben können, und Verstöße gegen Mindestlöhne und Gewerkschaftsrechte nicht toleriert werden.

Und hier möchte ich auch explizit erwähnen, dass sich viele Unternehmen für ein effektive EU-Lieferkettengesetz aussprechen, statt die Abschaffung, wie Teile des BDI und leider auch der Bundeskanzler zu glauben scheinen. Auch der Bundesverband der Deutschen Sportartikel-Industrie (BSI), zu dem ja auch Puma gehört, spricht sich für das EU-Lieferkettengesetz aus.

Umgang mit Hinweisen zu interpersoneller und sexualisierter Gewalt

In Ihrem neuen Nachhaltigkeitsbericht berichten Sie auch über Ihr übergreifendes Schutzkonzept zur Prävention interpersoneller und sexualisierter Gewalt, mit geschulten Ansprechpersonen und anonym nutzbarem Hinweisgebersystem ohne Repressionsgefahren. Sie konstatieren eine tatsächlich positive Auswirkung auf Ihre Beschäftigten durch die erhöhte Sensibilität aller Mitarbeitenden im Nachwuchsleistungszentrum.

Umso mehr stört hier der Eindruck durch Medienberichte, die nahelegen, dass in der Vergangenheit Vorwürfe von sexualisiertem Machtmissbrauch gegen einen ehemaligen BVB-Funktionär nicht die nötigen Konsequenzen hatte, welche Betroffene schützt und präventive Maßnahmen fördert.

Wie wir im „Spiegel“ lesen können, hatte Herr Lunow anscheinend selbst den Vereinsausschluss des mutmaßlichen Täters vorangetrieben, da die verantwortlichen Gremien bzw. Verantwortlichen selbst nicht hinreichend aktiv schienen.

Sie haben nun Kanzlei mit der Aufarbeitung der Vorfälle beauftragt, auch die Staatsanwaltschaft in Hagen ermittelt nun gegen den ehemaligen BVB-Manager und mutmaßlichen Täter. Wir können nun zu laufenden Ermittlungen keine Fragen stellen – es stellen sich uns aber diese allgemeinen Fragen:

  1. Haben Sie aus diesen Vorgängen gelernt und welche konkreten Konsequenzen in Bezug auf Ihr Schutzkonzept gezogen?
  2. Sie berichten, dass im Berichtsjahr 2024/25 über Ihr Hinweisgebersystem keine schwerwiegenden Verstöße gemeldet worden sind, ob nun in Bezug auf die eigenen Beschäftigten oder die Lieferkette. Wie viele Hinweise hat es insgesamt gegeben zu welchen Themen, und waren darunter auch Hinweise zu interpersoneller und sexualisierter Gewalt? Wenn ja, wie haben Sie reagiert?

Thema Klimaschutz und Flugreisen

In den Medien waren zuletzt auch Ihre Flugreisen, Herr Watzke, ein Thema. Wir müssen auf den ersten Blick hierzu wahrscheinlich keine Sonderprüfung beantragen, sondern vertrauen auf die internen Mechanismen und auch den Aufsichtsrat. Daher diese Fragen, auch an den Aufsichtsrat:

  1. Alle Flüge, über die in den Medien kritisch berichtet wurde, seien laut BVB intern überprüft worden und hätten einen „dienstlichen Zweck“ gehabt. Ist dies auch der Wissensstand bzw. Standpunkt des Aufsichtsrates und kann der Aufsichtsrat dies bestätigen?
  2. Sie schreiben in Ihrem Nachhaltigkeitsbericht: „Ergänzend wurde im Berichtsjahr 2024/2025 eine Analyse der Scope-3-Emissionen durchgeführt, die die Emissionsquellen hinsichtlich Beeinflussbarkeit und Wesentlichkeit kategorisiert.“ Planen Vorstand und ggf. der Aufsichtsrat, allgemein die Richtlinien zu Geschäftsreisen auch im Hinblick auf die Erreichung der eigenen Klimaziele anzupassen und wenn ja, in welcher Form?
  3. Privatjetflüge verursachen einen erheblichen Klimaschaden, sie sind pro Passagier mit Abstand die klimaschädlichste Form der Mobilität. Unter welchen Bedingungen und Kosten halten Sie dienstliche Flüge im Privatjet für gerechtfertigt?
  4. Wie hoch ist der Anteil der Emissionen dieser Flüge an Ihrer Klimabilanz im letzten Geschäftsjahr? Werden diese Flüge überhaupt in Ihrer Klimabilanz erfasst oder sind es nur die Mannschaftsflüge? Die Emissionen aus Geschäftsreisen hatten sich im Vorjahresvergleich um ganze 26 Prozent erhöht, auf über 4.000 Tonnen CO2. Emissionen aus Geschäftsreisen machen nun immerhin fast 10 Prozent Ihrer Klimabilanz aus.
  5. Sie kompensieren Emissionen aus Geschäftsreisen, anscheinend aber nur die Flüge der Mannschaft, oder auch die Flüge von Herrn Watzke?
  6. Können Sie wirklich ausschließen, dass Sie nicht auf Anbieter mit Fake-Zertifikaten bzw. unglaubwürdigen Versprechen bei der Kompensation zurückgegriffen haben? Davor schützen auch angebliche Gold-Standards nicht.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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