Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrter Vorstand und Aufsichtsrat,
mein Name ist Tilman Massa, ich spreche für den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Mit den uns übertragenen Stimmrechten fordern wir von der Commerzbank deutliche effektivere Maßnahmen für den Schutz von Umwelt und Menschenrechten ein.
Wir kritisieren die angekündigten Stellenstreichungen im Zuge der Abwehr der Übernahmepläne durch die UniCredit. Die Verteidigung gegen eine Übernahme durch die Unicredit darf nicht auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen werden. Wer tausende Stellen abbaut, um die Eigenständigkeit der Commerzbank zu sichern, setzt die falschen Prioritäten.
Wir kritisieren nicht nur den aktuellen Kurs der Commerzbank, sondern stehen auch einer möglichen Übernahme durch die UniCredit kritisch gegenüber und lehnen aktuell eine Übernahme ab. Solange nicht klar ist, wie eine UniCredit-geführte Commerzbank klima- und sozialverträglich aufgestellt würde, kann ein entsprechendes Angebot keine Unterstützung finden. Es reicht für uns eben nicht aus, dass UniCredit bei einzelnen fossilen Kriterien derzeit besser dasteht als die Commerzbank. Offen bleibt bislang, welche Folgen eine Übernahme für Beschäftigte, Mitbestimmung, Filialstruktur sowie die künftige Klima- und Menschenrechtspolitik hätte.
Zurück zur Commerzbank: Wir können weiterhin nicht erkennen, dass Sie wirksame Maßnahmen und nachvollziehbare Kriterien für nachhaltige Investitionen vorantreiben. Stattdessen machen Sie eine Rolle rückwärts und schwächen Ihre Richtlinien sogar noch ab. Wir können auch dieses Jahr den Vorstand daher nicht entlasten. Wir haben entsprechende Gegenanträge eingereicht, die ich hiermit auf formal stelle.
Vor allem möchte Ich Ihnen aber Fragen zu Ihren Richtlinien stellen, zusammen mit unseren Partnerorganisationen Facing Finance und ShareAction.
Fragen von Facing Finance Commerzbank HV 2026:
- Seit gut einem Jahr gelten bei Projektfinanzierungen der Commerzbank die Equator Principles. Gab es in diesem Zeitraum Projekte, deren Finanzierung die Commerzbank überlegt hat, aber letztlich die Finanzierung abgelehnt hat, weil diese Projekte gegen die Umwelt- und Sozialstandards der Equator Principles verstoßen hätten? Falls ja, bei wie vielen Projekten genau und in welchen Ländern und Wirtschaftssektoren wären diese Projekte gewesen?
- Vor einigen Wochen hat die Commerzbank erstmals öffentlich Position bezogen zum Thema Tiefseebergbau. Das begrüßen wir, denn damit schafft die Commerzbank Transparenz gegenüber ihren Firmenkunden und anderen Stakeholdern. Plant die Commerzbank in einem weiteren Schritt, das WWF Business Statement für ein Moratorium von Tiefseebergbau zu unterzeichnen?
- Laut ESG-Rahmenwerk der Commerzbank gibt es für petrochemische Projekte und Firmen eine differenzierte Einzelfallentscheidung. Welche Kriterien werden in dieser Einzelfallprüfung konkret betrachtet? Zu Gesundheit, Verschmutzung, Biodiversität, CO2-Emissionen, Kreislaufmodelle? Plant die Commerzbank, die Kriterien, die bei dieser Einzelfallprüfung angewendet werden, künftig offenzulegen?
- Gibt es aktuelle Engagement-Prozesse (Shareholder Engagement oder Firmenkunden) mit Plastik- oder Petrochemiefirmen? Falls ja, mit wie vielen Firmen? Zu welchen Themen? Welche Forderungen stellt die Commerzbank dabei?
- Wie groß ist der aktuelle Gesamtumfang aller ausstehenden Kredite an Unternehmen aus dem Rüstungs- und Verteidigungsbereich? Wie hat sich der Umfang in den letzten Jahren entwickelt? Bitte listen Sie auf, wie hoch die Kreditsumme an Unternehmen aus dem Bereich Rüstung, Sicherheit und Verteidigung je war in den Jahren 2021, 2022, 2023, 2024 und 2025.
- Im ESG-Rahmenwerk der Commerzbank steht: „Wir finanzieren Rüstungsunternehmen, die Waffen und Rüstungssysteme für die Bundesrepublik Deutschland und ihre Verbündeten wie die Europäische Union herstellen.“ Bislang finanziert die Commerzbank Rüstungsfirmen, die nicht nur für Europas Landesverteidigung produzieren, sondern auch menschenrechtsverletzende Diktaturen und völkerrechtswidrige Kriege in Sudan, Libyen, Gaza, Libanon, Myanmar und Jemen beliefern. Die allgemeinen Firmenkredite der Commerzbank können also sowohl Rüstungsgüter für europäische Armeen als auch für Angriffskriege und Kriegsverbrechen finanzieren. Wenn das Ziel die Unterstützung der europäischen Verteidigung ist, warum werden an Rüstungsfirmen dann nicht ausschließlich zweckgebundene Kredite zur Ausstattung der EU-Armeen vergeben statt allgemeine Firmenkredite? Was hält die Commerzbank von der Idee der Defense Bonds, bei denen die Use of Proceeds an die Produktion für die Ausstattung der EU-Armeen gebunden sind?
- Laut ESG-Rahmenwerk prüft die Commerzbank bei der Finanzierung einzelner Rüstungsgeschäfte Kriterien wie die Beteiligung an Kriegen oder die Menschenrechtslage. Gibt es bei allgemeinen Firmenkrediten auch eine Prüfung der Exportpraxis der Rüstungsfirma?
- Warum gelten strengere fossile Ausschlüsse überwiegend nur für Neukunden, nicht für Bestandskunden? Bräuchte es nicht für Bestandskunden auch ein Enddatum bis wann sie die fossilen Ausschlusskriterien erfüllen müssen? Im Bereich geächtete Waffen hat es die Commerzbank genau so gemacht. Dort wurde an Bestandskunden aus der Rüstungsindustrie die Anforderung gestellt, dass sie bis Ende 2025 die Produktion von weißem Phosphor, einer geächteten Brandwaffe, einstellen. Und genau so ist es dann gekommen. Seit 2026 finanziert die Commerzbank keine Rüstungsfirmen mehr, die weißen Phosphor herstellen. Den Bestandskunden aus der Rüstungsindustrie war mit Vorlauf bekannt, dass sie keinen weißen Phosphor mehr produzieren dürfen, wenn sie nach Ende 2025 weiterhin Kredite der Commerzbank erhalten wollen. Braucht es so ein Phase-Out-Datum nicht auch für Bestandskunden in der Öl- und Gasindustrie?
- Ende 2025 hat die Commerzbank ihre Anforderungen an die Finanzierung von Gasprojekten gelockert. Wie viele Gasprojekte wurden seit diesem Aufweichen der Gasrichtlinie finanziert? Bitte listen Sie alle Projekte mit jeweiligem Projektort auf.
- Wie viele Bestandskunden sind von der Änderung der Kohlerichtlinie Ende letzten Jahres betroffen? Also wie viele bestehende Firmenkunden hätten jetzt ausgeschlossen werden müssen wenn die Kohlerichtlinie nicht kürzlich geändert worden wäre? In welchen Ländern sitzen diese betroffenen Firmen?
- Die Commerzbank hat angekündigt, in diesem Jahr sektorspezifische Dekarbonisierungsziele für Kohle, Öl, Gas zu veröffentlichen. Werden diese Ziele von der SBTi validiert werden?
- Die frühere Kohlerichtlinie der Commerzbank sah ein Ende der Finanzierung von Kohlefirmen für das Jahr 2030 vor. Ende 2025 wurde diese Vorgabe von 2030 auf 2038 verschoben. Die UniCredit, der größte Anteilseigner der Commerzbank, der kürzlich ein Angebot für eine Fusion vorgelegt hat, plant, die Finanzierung von Kohlefirmen bereits 2028 zu beenden, also 10 Jahre früher als die Commerzbank. Steht die Verschiebung des Kohleendes im Einklang mit dem angekündigten Dekarbonisierungsziel für den Kohlesektor?
Fragen von ShareAction:
Ich stelle diese Frage im Namen von ShareAction.
Im November 2025 hat die Commerzbank ihre Richtlinien zu fossilen Brennstoffen deutlich zurückgenommen und frühere Beschränkungen für Kraftwerkskohle und LNG abgeschwächt. Insgesamt sind wir der Auffassung, dass die Richtlinien der Bank zu Öl, Gas und Kohle heute schwächer sind als zuvor. Damit untergräbt die Bank ihre Klimastrategie sowie ihr Management von Umwelt- und Transformationsrisiken.
Diese Entscheidungen setzen die Bank wachsenden Transformations-, Reputations- und Finanzrisiken aus. Kohle ist der CO₂-intensivste fossile Brennstoff, und der Ausstieg aus ihrer Nutzung im Energiesystem ist entscheidend, um überhaupt eine Chance zu haben, die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen. Zudem signalisiert die Commerzbank eine steigende Bereitschaft, Unternehmen zu finanzieren, die LNG-Infrastruktur ausbauen – und das zu einem Zeitpunkt, zu dem laut der Internationalen Energieagentur (IEA) bereits Überkapazitäten bestehen.
Die Zukunft von LNG ist durch den andauernden Konflikt im Iran und im weiteren Nahen Osten zusätzlich unsicher geworden. Wie zuvor schon der Krieg in der Ukraine zeigt auch dieser Konflikt, dass die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen uns alle anfälliger für volatile Preise macht. Gerade diese Volatilität zeigt, warum neue Investitionen in fossile Energien kurzsichtig sind. Langlebige Infrastruktur für fossile Brennstoffe wird Emissionen über Jahrzehnte festschreiben und die globalen Klimaziele weiter außer Reichweite bringen. Je schneller die Welt ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern überwinden kann, desto stärker und stabiler wird unsere Energiezukunft sein.
In diesem entscheidenden Moment gelingt es der Commerzbank nicht, ihre Kund*innen schnell genug von Kohle und LNG wegzuführen, um mit der Energiewende Schritt zu halten – und setzt sich damit erheblichen und wachsenden Risiken aus. Ob sich diese Risiken in Reputationsschäden für die Bank, höheren Wertberichtigungen durch „stranded assets“ oder einem schwierigeren Kreditumfeld infolge der physischen Auswirkungen des Klimawandels äußern: Die Kosten werden die Investor*innen tragen.
Meine Frage an den Vorstand ist daher zweigeteilt:
- Wie rechtfertigt der Vorstand Entscheidungen, die die Richtlinien zur Finanzierung fossiler Brennstoffe abgeschwächt haben?
- Und werden Sie in Erwägung ziehen, einige dieser Entscheidungen rückgängig zu machen?
Fragen zum sog. „Debanking“, Compliance und politischer Einflussnahme
- Ende 2025 wurden von einigen Banken die Konten von zivilgesellschaftlichen Initiativen und Vereinen gekündigt. Wie sieht der Vorstand dieses Vorgehen im Spannungsfeld zwischen regulatorischer Compliance, Geldwäscheprävention und politischer Neutralität von Banken, und inwiefern ist auch die Commerzbank von dem Thema betroffen?
- Hat die Commerzbank im Geschäftsjahr 2025 oder im laufenden Geschäftsjahr Kontoverbindungen von Vereinen, NGOs, Medienprojekten, politischen Initiativen oder zivilgesellschaftlichen Organisationen aufgrund politischer, geopolitischer oder reputationsbezogener Erwägungen beendet oder eingeschränkt? Falls ja: Nach welchen Kriterien geschah dies?
- Gab es im Zusammenhang mit Kontoeröffnungen, Kontokündigungen oder Geschäftsbeziehungen Hinweise, informelle Erwartungen oder direkten Druck durch ausländische Regierungen, Behörden, Sanktionsregime oder internationale Finanzpartner, insbesondere aus den USA? Falls ja: Wie ist der Vorstand damit umgegangen?
- Welche Rolle spielen sogenannte „Reputationsrisiken“ bei der Entscheidung über die Fortführung oder Kündigung von Konten? Wie stellt die Bank sicher, dass legitime politische oder zivilgesellschaftliche Betätigung nicht faktisch zu finanzieller Ausgrenzung führt?
- Hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, also die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, gegenüber der Commerzbank im Jahr 2025 oder aktuell Hinweise, Prüfungen, Beanstandungen oder aufsichtsrechtliche Erwartungen im Zusammenhang mit politisch exponierten Kundengruppen, NGOs oder sogenannten Hochrisikokund:innen geäußert?
- Wie viele interne Prüfungen, Compliance-Prüfungen oder Risikoanalysen zu bestehenden Kund:innenbeziehungen mit politisch aktiven oder gesellschaftspolitischen Organisationen wurden im vergangenen Geschäftsjahr durchgeführt?
- Wie viele externe Prüfungen oder Anfragen von Aufsichtsbehörden, Korrespondenzbanken, Wirtschaftsprüfern oder internationalen Partnerbanken gab es in diesem Zusammenhang?
- Verfügt die Commerzbank über interne Kategorien oder Einstufungen für Kund:innen oder Organisationen mit erhöhtem „politischen“, „aktivistischen“ oder „reputativen“ Risiko? Falls ja: Welche Governance-Regeln gelten hierfür?
- Wie stellt der Vorstand sicher, dass Entscheidungen über Kontokündigungen nicht mittelbar zur Einschränkung von Vereinigungsfreiheit, Meinungsfreiheit oder zivilgesellschaftlichem Engagement beitragen?
- Gibt es innerhalb der Commerzbank spezielle Eskalations- oder Beschwerdeverfahren für Kund:innen, die eine Kontokündigung oder Leistungsverweigerung als politisch motiviert ansehen?
- Wie bewertet der Vorstand die gesellschaftlichen und demokratischen Risiken einer Entwicklung, bei der Banken faktisch darüber entscheiden können, welche Organisationen am Zahlungsverkehr teilnehmen können?
- Welche Maßnahmen ergreift die Commerzbank, um sicherzustellen, dass gesetzlich zulässige politische Betätigung oder kontroverse gesellschaftliche Positionen allein kein Ausschlusskriterium für Bankdienstleistungen darstellen?
- Wäre der Vorstand bereit, sich gegenüber Politik und Aufsicht für klarere rechtsstaatliche Standards einzusetzen, die willkürliche oder politisch motivierte Kontokündigungen verhindern?
- Tauscht sich die Commerzbank zu Kontokündigungen in diesem Kontext mit anderen Banken aus?
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.







