Evonik Industries AG Hauptversammlung 2026

„Konfliktrohstoffe, Cyanid und PFAS zeigen: Menschenrechte und Nachhaltigkeit müssen entlang der gesamten Wertschöpfungskette umgesetzt werden“: Rede von Matthias Bachmann

Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,
sehr geehrte Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat,

ich spreche heute für den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.

Evonik positioniert sich als Unternehmen, das Nachhaltigkeit als Bestandteil seiner Unternehmensstrategie versteht. Herr Kullmann hat heute erneut betont, dass Evonik von Innovationen, Ressourceneffizienz und nachhaltigen Zukunftslösungen getragen werden soll. Besonders hervorgehoben wurden die sogenannten „Next Generation Solutions“, die mittlerweile rund 48 Prozent des Konzernumsatzes ausmachen und nach Aussage des Unternehmens einen überlegenen Nachhaltigkeitsnutzen bieten.

Zudem wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche Prozesse, Analysen und Programme eingeführt, um Nachhaltigkeitsrisiken systematischer zu erfassen und zu steuern.

Diese Bemühungen erkennen wir ausdrücklich an.

Gerade weil Evonik Nachhaltigkeit, Innovation und Transformation so stark in den Mittelpunkt seiner Strategie stellt und hier bereits Fortschritte erzielt wurden, lohnt sich ein genauer Blick auf die Bereiche, in denen weiterhin Herausforderungen bestehen.

Ein erster Punkt betrifft die Lieferkette.

Evonik betont, dass Menschenrechte und Nachhaltigkeit in den Lieferketten durch Risikoanalysen, Lieferantenbewertungen, Audits und die Brancheninitiative „Together for Sustainability“ abgesichert werden sollen. Gleichzeitig mangelt es in vielen Bereichen immer noch an Transparenz und Rückverfolgbarkeit.

Besonders deutlich wird dies beim Thema Palmöl und Palmölderivate.

Evonik engagiert sich hier bereits seit vielen Jahren für nachhaltigere Lieferketten und berichtet regelmäßig über Fortschritte bei Zertifizierung und Rückverfolgbarkeit. Diese Bemühungen sind ausdrücklich zu begrüßen. Dennoch wird auch heute noch darauf hingewiesen, dass gerade bei Palmölderivaten die vollständige Transparenz bis zur Plantagenebene schwierig bleibt.

Wo Transparenz fehlt, besteht auch die Gefahr, dass Entwaldung, Landkonflikte, schlechte Arbeitsbedingungen oder Menschenrechtsverletzungen in vorgelagerten Lieferketten verborgen bleiben.

Welche konkreten Hindernisse verhindern bislang eine vollständige Rückverfolgbarkeit der von Evonik eingesetzten Palmölderivate bis zur Plantagenebene, welche Maßnahmen ergreift Evonik zu deren Überwindung und bis wann erwartet der Vorstand eine vollständige Transparenz?

Evonik hat im Geschäftsjahr 2025 nach eigenen Angaben bei Risikoanalysen einen besonderen Fokus auf metallische und mineralische Wertschöpfungsketten gelegt. Zudem nennt das Unternehmen ausdrücklich Gold, Kobalt, Tantal, Wolfram und Mica als Rohstoffe, für die Herkunftsnachweise gefordert und Risikoprüfungen durchgeführt werden.

Das ist aus unserer Sicht sehr wichtig. Denn gerade diese Rohstoffe stehen weltweit immer wieder im Zusammenhang mit Kinderarbeit, gefährlichen Arbeitsbedingungen, Umweltzerstörung, Vertreibungen lokaler Gemeinschaften oder der Finanzierung bewaffneter Konflikte.

Gerade deshalb wäre aber auch mehr Transparenz über die Ergebnisse dieser Analysen wünschenswert.

Welche konkreten Risiken wurden im Rahmen der 2025 durchgeführten Analysen der metallischen und mineralischen Wertschöpfungsketten identifiziert und welche Maßnahmen wurden daraus abgeleitet?

Bereits in früheren Berichten hat Evonik selbst eingeräumt, dass bei bestimmten Lieferketten mehr Transparenz erforderlich ist. Vor diesem Hintergrund stellt sich für uns die Frage, wie Evonik mit besonders sensiblen Beschaffungsregionen umgeht.

Dazu habe ich mehrere Fragen:

Welche Herkunftsregionen wurden im Rahmen Ihrer Risikoanalysen als besonders risikobehaftet eingestuft und welche zusätzlichen Sorgfaltsmaßnahmen wendet Evonik dort an, um sicherzustellen, dass Rohstoffe nicht aus Konfliktregionen, sanktionierten Staaten oder Regionen mit schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen stammen?

Haben Sie im letzten Geschäftsjahr Rohstoffe aus Russland bezogen und wenn ja, welche Rohstoffe und in welchem Umfang (Menge und Preis) und von welchen Zulieferern? Geben Sie hier bitte zumindest die wichtigsten Rohstoffarten an und in welchem Verhältnis Ihre Importe aus Russland zu Ihrem Gesamtbezug von Rohstoffen steht.

Können Sie ausschließen, dass Gold aus dem Sudan – direkt oder indirekt – Bestandteil Ihrer Lieferketten ist?

Welche konkreten Rückverfolgbarkeitsmechanismen setzen Sie ein, insbesondere bei komplexen Handelsrouten über Drittstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate?

Wie setzen Sie die Anforderungen der EU-Konfliktmineralienverordnung konkret um – insbesondere im Hinblick auf Gold?

Menschenrechtliche Verantwortung endet jedoch nicht bei der Beschaffung von Rohstoffen. Sie betrifft auch die Verwendung von Produkten und deren mögliche Auswirkungen entlang der Wertschöpfungskette.

Evonik ist über verschiedene Geschäftsbereiche ein bedeutender Anbieter von Cyanidprodukten für den Goldbergbau. Cyanid wird weltweit zur Goldgewinnung eingesetzt. Gleichzeitig wird Goldabbau in verschiedenen Regionen der Welt – darunter etwa Sudan, Mali, Burkina Faso oder die Demokratische Republik Kongo – immer wieder mit erheblichen Umweltbelastungen, Gesundheitsrisiken, bewaffneten Konflikten oder schwerwiegenden Menschenrechtsproblemen in Verbindung gebracht.

Selbstverständlich trägt Evonik nicht die unmittelbare Verantwortung für jede einzelne Anwendung seiner Produkte. Dennoch stellt sich die Frage, welche Sorgfaltspflichten ein Unternehmen bei besonders sensiblen Anwendungen wahrnimmt.

Welche menschenrechtlichen und umweltbezogenen Sorgfaltsmaßnahmen ergreift Evonik bei Cyanidprodukten, um eine Nutzung in konfliktbelasteten oder menschenrechtlich problematischen Goldabbauregionen möglichst auszuschließen?

Führt Evonik für Cyanidprodukte besondere Risikoanalysen oder Endverwendungsprüfungen durch und welche Kriterien werden dabei angewendet?

Ein weiteres Thema betrifft den Umgang mit PFAS, den sogenannten Ewigkeitschemikalien.

PFAS stehen seit Jahren wegen ihrer extremen Langlebigkeit in der Umwelt und möglicher Risiken für Umwelt und Gesundheit in der Kritik. Deshalb wird auf europäischer Ebene derzeit über weitreichende Beschränkungen dieser Stoffgruppe diskutiert.

Evonik berichtet über den Austausch mit Investoren, unter anderem im Rahmen der „Investor Initiative on Hazardous Chemicals“, die sich für einen verantwortungsvolleren Umgang mit besonders gefährlichen Chemikalien einsetzt. Bemerkenswert ist dabei, dass die Kritik an PFAS nicht nur von Umweltorganisationen vorgebracht wird. Auch Investoren thematisieren die finanziellen und reputationsbezogenen Risiken besonders gefährlicher Chemikalien zunehmend gegenüber Unternehmen der Chemiebranche.

Herr Kullmann hat heute mehrfach die Bedeutung von Batterietechnologien, Wasserstoffanwendungen und anderen Zukunftstechnologien für das künftige Wachstum von Evonik hervorgehoben. Gerade diese Anwendungsbereiche werden von Evonik regelmäßig auch als Argument angeführt, weshalb eine pauschale PFAS-Beschränkung kritisch gesehen wird.

Umso wichtiger erscheint die Frage, wie Evonik den Anspruch einer nachhaltigen Transformation mit dem Einsatz besonders langlebiger Chemikalien in Einklang bringen möchte.

Denn daraus ergibt sich aus meiner Sicht ein Spannungsverhältnis. Einerseits betont Evonik seine Nachhaltigkeitsverantwortung und kündigt den Ausstieg aus bestimmten PFAS-Geschäften an. Andererseits wirbt das Unternehmen gegen eine umfassende PFAS-Beschränkung.

Welche PFAS-Anwendungen hält Evonik auch langfristig für unverzichtbar, und anhand welcher Kriterien entscheidet das Unternehmen, ob für eine Anwendung eine Ausnahme von einer PFAS-Beschränkung gerechtfertigt ist?

Wie stellt Evonik sicher, dass seine politische Interessenvertretung zur PFAS-Regulierung mit den eigenen Nachhaltigkeitszielen und dem Vorsorgeprinzip vereinbar ist?

Ein weiterer Aspekt betrifft die Rohstoffbasis des Unternehmens.

Evonik positioniert sich als Treiber nachhaltiger Transformation, Kreislaufwirtschaft und Defossilisierung industrieller Wertschöpfungsketten. Auch Herr Kullmann hat heute betont, dass Innovationen und Ressourceneffizienz zentrale Treiber der grünen Transformation sein sollen.

Gleichzeitig zeigt der Nachhaltigkeitsbericht, dass von einem gesamten Einkaufsvolumen von rund 9,8 Milliarden Euro etwa 3,2 Milliarden Euro auf petrochemische Rohstoffe entfallen.

Dies verdeutlicht, welche große Bedeutung fossile Rohstoffe weiterhin für das Geschäftsmodell des Unternehmens haben.

Der Anteil nachwachsender Rohstoffe liegt dagegen lediglich bei rund 10 Prozent.

Natürlich ist die vollständige Abkehr von fossilen Rohstoffen für ein Chemieunternehmen kurzfristig nicht möglich. Vor diesem Hintergrund stellt sich jedoch die Frage, ob die Transformation der Rohstoffbasis tatsächlich mit der Geschwindigkeit voranschreitet, die zur Erreichung langfristiger Klima- und Nachhaltigkeitsziele erforderlich ist.

Welche konkreten Zwischenziele verfolgt Evonik bis 2030 zur Verringerung der Abhängigkeit von fossilen und petrochemischen Rohstoffen und wie soll der Anteil erneuerbarer oder zirkulärer Rohstoffquellen erhöht werden?

Kommen wir abschließend zum Thema Arbeitssicherheit.

Sicherheit gehört zu den wichtigsten Aufgaben eines Chemieunternehmens. Umso kritischer ist es, wenn sich zentrale Kennzahlen verschlechtern.

Im Geschäftsjahr 2025 stieg die Zahl der Arbeitsunfälle mit Schichtausfall von 45 auf 56. Die Zahl der meldepflichtigen Verletzungen erhöhte sich von 213 auf 230. Die Unfallhäufigkeit erhöhte sich ebenfalls. Gleichzeitig lag die Ereignishäufigkeit in der Anlagensicherheit erneut über dem von Evonik selbst gesetzten Zielwert.

Natürlich können einzelne Kennzahlen von Jahr zu Jahr schwanken. Wenn sich jedoch mehrere Sicherheitsindikatoren gleichzeitig verschlechtern und ein selbst gesetztes Sicherheitsziel erneut verfehlt wird, sollte dies Anlass zur kritischen Selbstprüfung sein.

Welche wesentlichen Ursachen sieht der Vorstand für diese Entwicklung und welche zusätzlichen Maßnahmen sollen sicherstellen, dass die eigenen Sicherheitsziele künftig wieder erreicht werden?

Vielen Dank!

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://www.kritischeaktionaere.de/evonik-industries-ag/konfliktrohstoffe-cyanid-und-pfas-zeigen-menschenrechte-und-nachhaltigkeit-muessen-entlang-der-gesamten-wertschoepfungskette-umgesetzt-werden-rede-von-matthias-bachmann/