Fresenius SE Klimaschutz Hauptversammlung 2026 Governance

„Pervertierung des Gesundheitssystems, da Gewinne zulasten des Personals und der Beitragszahler erzielt werden“: Rede von Markus Dufner

In seiner Rede auf der Hauptversammlung verlangt Markus Dufner eine Einzelentlastung bei der Abstimmung über die Entlastung der Mitglieder des Aufsichtsrats. (Foto: Lisa Nathan)

Hauptversammlung der Fresenius SE am 22.05.2026 in Frankfurt am Main: Keine Entlastung des Vorstands / Antrag auf Einzelentlastung der Mitglieder des Aufsichtsrats / Kritik an Zweckentfremdung von Pflegepersonal in Helios-Kliniken

Sehr geehrter Herr Sen, sehr geehrter Herr Kirsch,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstands und Aufsichtsrats,
sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,

mein Name ist Markus Dufner und ich spreche im Namen des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Der Dachverband unterstützt die Fresenius Global Union Alliance.

Mit unseren 29 Mitgliedsorganisationen aus den Bereichen Klima- und Umweltschutz, Menschenrechte und sozialer und gewerkschaftlicher Rechte repräsentieren wir einen Teil der Zivilgesellschaft. Zudem ist der Dachverband Mitglied der Klimaallianz Deutschland mit 155 Mitgliedsorganisationen.

Herr Sen und Herr Kirsch, wie viele andere Aktionärinnen und Aktionäre freue ich mich, dass Sie sich wieder für eine Präsenz-Hauptversammlung entschieden haben. Dieses Format hat gegenüber dem virtuellen viele Vorteile. Bleiben Sie gern dabei. Nur eine kleine Anmerkung: Bitte sorgen Sie dafür, dass die Ausgabe des Mittagessens nicht vorzeitig beendet wird. Die war nämlich bei der gestrigen Hauptversammlung der Fresenius Medical Care der Fall. Es sollte auch für – in dieser Hinsicht hungrige – Aktionärinnen und Aktionäre, die bis 14 Uhr im Saal bleiben und dort die Antworten auf die Fragen verfolgen, noch etwas zu essen geben.

Herr Sen, in Ihrer Rede haben Sie eine positive Bilanz des Geschäftsjahres 2025 gezogen. Sie betonten den Erfolg des Transformationsprogramms #FutureFresenius, begleitet von einem Ausblick auf profitables Wachstum und KI-Investitionen.

Dennoch habe ich auch Kritikpunkte. Sie und die Mitglieder des Vorstands sind Ihrer Pflicht für eine nachhaltige und verantwortungsvolle Konzernführung in entscheidenden Bereichen nicht gerecht geworden. Zwar haben Sie die strategische Neuausrichtung des Unternehmens vorangetrieben, doch das geschah massiv zu Lasten von Personal, Patienten und der langfristigen Reputation.

Wir sehen mit Sorge eine systematische Fehlsteuerung bei Fresenius Helios. Fresenius Helios ist eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Holding Helios Health, die wiederum vollständig zum Fresenius-Konzern gehört.

Der Vorstand forciert bei der Tochtergesellschaft Helios eine EBIT-Marge von 10–12 %, was im Gesundheitssektor fast schon als gemeinwohlgefährdend einzustufen ist. Wie ich schon im vergangenen Jahr ausführlich dargelegt haben, werden bei Helios qualifizierte Pflegekräften angewiesen, Reinigungs- und Servicetätigkeiten zu übernehmen. Damit wird unser Gesundheitssystem zulasten der Beitragszahler und der Patientensicherheit ausgenutzt. Bitte nehmen Sie dazu Stellung.

Die Kritik an Fresenius SE in Bezug auf die Helios-Kliniken hat sich in den Jahren 2025 und 2026 deutlich verschärft. Im Zentrum steht der Vorwurf, dass gesetzliche Reformen zur Pflegeentlastung systematisch zum Zweck der Gewinnmaximierung umgangen werden. Ich bitte Sie, Herrn Sen, aber auch Herrn Möller, zu den Punkten, die ich jetzt anspreche, Stellung zu nehmen.

Ich nenne hier einmal im Detail die Art und Weise, wie Sie Pflegekräfte „zweckentfremden“:

  • Das Personal muss fachfremde Aufgabenübernehmen. So wirft die Gewerkschaft ver.di Helios vor, Pflegekräfte für Tätigkeiten wie z.B. Bettenreinigung, Essensausgabe, Wäscheservice einzusetzen,
  • Dahinter steht ein finanzielles Kalkül. Da Pflegekräfte über das gesetzliche Pflegebudget voll refinanziert werden, Servicepersonal hingegen nicht, spart der Konzern durch diese Strategie Personalkosten im Servicebereich ein.
  • Die Folgen sind verheerend. Laut Betriebsräten u.a. in Erfurt, Uelzen, Eisleben kommt es in Helios-Kliniken zu massiver Überlastung, Zeitmangel beim Patienten und einer Gefährdung der Versorgungsqualität. Herr Sen und auch Herr Dr. Pawlu als Nachfolger von Herrn Möller: Was tun Sie, um hier Abhilfe zu schaffen?


Herr Sen, Renditeziele vs. Gemeinwohl: Für 2026 strebt Helios eine EBIT-Marge von 10 bis 12 % an. Dies ist eine Pervertierung des Gesundheitssystems, da Gewinne zulasten des Personals und der Beitragszahler erzielt werden. Während das Personal über Belastung klagt, hebt Fresenius die Dividenden für Aktionäre an. Das ist eine falsche Prioritätensetzung. 

Ein weiterer wichtiger Punkt sind arbeitsrechtliche Konflikte.

  • Gewerkschaften kritisieren „Einschüchterungsversuche“ gegen Mitarbeitende, die sich gegen Umstrukturierungen wehren. So soll es zu rechtswidrigen Kündigungen in Tochtergesellschaften gekommen sein. Bitte erläutern Sie, wie Sie Abhilfe schaffen wollen.
  • In der Konzerntarifrunde 2025 wurde Helios vorgeworfen, zunächst kein annehmbares Angebot vorgelegt und Vorteile für Gewerkschaftsmitglieder verweigert zu haben.

Herr Sen, auch die Versorgungsqualität und Sicherheit liegt im Argen.

  • Berichten zufolge müssen sich einzelne Kliniken (z.B. Erfurt) zeitweise von der Notfallversorgung abmelden, da die Personaldecke auf Intensivstationen nicht für Neuaufnahmen ausreicht. Bitte nehmen Sie dazu Stellung.
  • Die Strategie, hochqualifizierte Kräfte durch weniger qualifiziertes Personal zu ergänzen („Skill Mix“), stellt ein Risiko für die Patientensicherheit dar. Bitte nennen Sie uns einige konkrete Beispiele. Welche Vorkehrungen treffen Sie, dass es in Zukunft nicht mehr dazu kommt?

Herr Sen, die Klimaschutz-Ambition bei Fresenius SE könnten ambitionierter sein.  Die Strategie zur Klimaneutralität beruht zu stark auf dem Zukauf von Zertifikaten (EACs), anstatt reale Emissionsminderungen im operativen Geschäft priorisiert umzusetzen. Bitte nennen Sie uns die Klimaschutzziele für Scope 1, Scope 2 und Scope 3 für die Jahre 2030, 2035 und 2040.

Herr Sen, Vergütung und Performance des Vorstands passen bei Fresenius SE nicht zusammen. Angesichts jahrelanger Underperformance der Aktie und der Belastung des Personals ist das millionenschwere Vergütungspaket des Vorstandsvorsitzenden ein falsches Signal an die Belegschaft und die Langzeitaktionäre.

All diese Punkte rechtfertigen es, dass der Dachverband der Kritischen Aktionäre beantragt, den Mitgliedern des Vorstands die Entlastung für das Geschäftsjahr 2025 zu verweigern.

Auch Sie, Herr Kirsch, und die Mitglieder der Kapitalseite des Aufsichtsrats, kann der Dachverband für das Geschäftsjahr 2025 nicht entlasten.
Der Aufsichtsrat ist seiner Kontrollfunktion gegenüber dem Vorstand sowie seiner Pflicht zur Aufarbeitung von Managementfehlern der Vergangenheit nur unzureichend nachgekommen.

Ich beantrage hiermit gemäß § 120 Absatz 1 Satz 2 Aktiengesetz die Einzelabstimmung über die Entlastung der Mitglieder des Aufsichtsrats.“

Herr Kirsch, bei der Aufarbeitung der Vamed-Krise haben Sie und der Aufsichtsrat nicht überzeugend agiert. Sie haben den aggressiven und letztlich gescheiterten Expansionskurs der Vergangenheit jahrelang durchgewinkt. Die massiven Milliarden-Wertberichtigungen und die daraus resultierenden BaFin-Prüfungen des Konzernabschlusses 2023 belegen ein gravierendes Kontrolldefizit bei der Überwachung der Bilanzierung und der Risikovorsorge.

Herr Kirsch, in den Helios-Kliniken dulden Sie seit langem prekäre Arbeitsbedingungen. Sie müssen stärkere Anreize zur Implementierung von sozialer Nachhaltigkeit setzen. Angesichts der massiven Überlastung des Personals in Helios-Kliniken und den damit verbundenen Notfallabmeldungen kann der Aufsichtsrat nicht länger wegschauen.

Herr Kirsch, es ist nun an der Zeit, bei Fresenius SE endlich Governance-Reformen durchzuführen, Fresenius nutzt dieStruktur der KGaA, um den Einfluss der freien Aktionäre zu beschränken.

Ein weiteres Problem ist die mangelnde Diversität im Aufsichtsrat. Trotz der strategischen Relevanz des US-Marktes spiegelt die Zusammensetzung des Gremiums noch nicht die notwendige internationale Diversität wider. Die Vertretung ethnischer Minderheiten und eine paritätische Frauenquote werden nicht mit dem nötigen Nachdruck verfolgt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Ich freue mich auf die Beantwortung meiner Fragen.

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