Sehr geehrter Herr Jungsthöfel, sehr geehrter Herr Leue,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats,
sehr geehrte Aktionär*innen,
mein Name ist Anna Lena Samborski und ich komme von der Umwelt- Menschenrechtsorganisation urgewald. Ich habe einige Fragen zur Nachhaltigkeitsstrategie von Hannover Re.
Versicherung Öl und Gas
Auch im letzten Jahr verfehlt es Hannover Re seine fossile Richtlinie von 2022 anzupassen und bestehende Ausschlüsse in der fakultativen Rückversicherung auf jegliche neue Gasinfrastruktur und neue Gaskraftwerke auszuweiten. Hannover Re schließt aktuell die fakultative Rückversicherung von Projekten zur Erschließung neuer Öl- und Gasressourcen aus sowie von Projekten, die dem Transport und der Verwahrung neuer Öl- und Gasressourcen dienen. Zudem ist die fakultative Rückversicherung von neuen Ölkraftwerken seit 2022 nicht mehr möglich. Somit bleibt die fakultative Rückversicherung von neuen LNG-Terminals weiterhin möglich. Dabei ist der Bau jedes neuen LNG-Export-Terminals zwangsläufig an die Expansion der Gasproduktion gekoppelt, was nicht im Einklang mit dem Net-Zero-Szenario der IEA steht. Auch der Bau neuer LNG-Import-Terminals führt zur Erschließung neuer Gasressourcen und droht, zu einem gefährlichen jahrzehntelangen fossilen Lock-in zu führen. Dazu zeigen die gegenwärtigen geopolitischen Krisen, dass eine echte Energiesicherheit nur mit 100% Erneuerbaren möglich ist. In diesem Zusammenhang haben wir folgende Fragen an Sie:
- Wann planen Sie eine entsprechende Weiterentwicklung Ihrer Öl- und Gasrichtlinie mit einer Ausweitung der Ausschlüsse auf die fakultative Versicherung neuer Gasinfrastruktur und neuen Gaskraftwerken?
- Versicherungszertifikate, die dem Rainforest Action Network in den USA vorliegen, weisen nach, dass Sie in der Vergangenheit über ein Syndikat bei Lloyds of London an der Versicherung des Tacoma LNG-Terminals in Washington State in den USA beteiligt waren. Wir haben bereits wiederholt auf die zahlreichen Umweltprobleme u. a. durch Fracking sowie menschenrechtsbezogene Probleme wie Umweltrassismus im Zusammenhang mit der Versicherung von LNG-Terminals in den USA hingewiesen. Waren Sie im letzten Jahr an der Versicherung von LNG-Terminals in den USA beteiligt? Waren Sie an der Versicherung weiterer LNG-Terminal weltweit beteiligt? Wenn ja, wie viele Verträge haben Sie jeweils gezeichnet und welche Bruttoprämieneinnahmen haben Sie jeweils in dem Bereich erzielt?
- In Südostasien befindet sich das Coral Triangle, eine Region besonderer Biodiversität, mit 70 % aller weltweiten Korallenarten, Mangrovenwäldern und enormem Fischreichtum. Gleichzeitig soll dort die Förderung von Öl- und Gas ausgeweitet werden und Gasinfrastruktur wie LNG Terminals ausgebaut werden. Aus Klima- und Biodiversitätsschutzgründen darf dieser Ausbau nicht stattfinden. Der galoppierende Artenverlust erfordert beherzte Maßnahmen wie klare Bereiche, in denen keine neuen (fossilen) Baumaßnahmen stattfinden, so genannte No-Go Zonen. Wie stehen Sie zu der Forderung, neue fossile Infrastruktur im Bereich des Coral Triangle von Investitionen und Versicherungen auszuschließen?
Obligatorische Rückversicherung
- Die fossilen Ausschlüsse gelten weiterhin nur für den fakultativen, nicht aber den obligatorischen Rückversicherungsbereich. Arbeiten Sie an Zielen und Methoden um die Richtlinien auf den obligatorischen Rückversicherungsbereich zu übertragen? Wenn ja, wann können wir mit Ergebnissen rechnen?
Metallurgische Kohle und Stahl
Durch den Einsatz von Kohle verursacht die Stahlindustrie rund 11 % der globalen CO₂-Emissionen. Weltweit investieren jedoch immer mehr Unternehmen in kohlefreien, Near-zero Stahl. Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet infolge dieses strukturellen Wandels in der Stahlproduktion einen Rückgang der Nachfrage nach metallurgischer Kohle. Dennoch bauen viele Bergbauunternehmen ihr Geschäft mit metallurgischer Kohle weiter aus, zu Lasten von Umwelt und der lokalen Bevölkerung.
- Immer mehr Versicherer schließen Versicherungen für die Expansion von metallurgischer Kohle aus. Wird das Thema auch bei Ihnen diskutiert bzw. wie stehen Sie zu Ausschlusskriterien für metallurgische Kohle im fakultativen Rückversicherungsbereich?
- Versichern Sie aktuell im fakultativen Bereich Projekte und Unternehmen aus der Stahlproduktion? Falls ja, ist Ihnen bekannt, welcher Anteil davon auf Near-Zero-Stahl entfällt?
- Wie setzen Sie Ihren Einfluss ein, um den Ausbau von grünem Stahl zu fördern -beispielsweise durch Engagement mit Produzenten oder durch „Build Back Better“ Ansätzen nach einem Schadensfall? Sind Sie der Ansicht, dass Hannover Re diesen Einfluss bereits voll ausschöpft?
- Durch den Emissionshandel sowie den CO₂-Grenzausgleichsmechanismus der EU wird grüner Stahl zunehmend wirtschaftlich attraktiver. Gleichzeitig betreiben einzelne Stahlunternehmen gezielte Lobbyarbeit gegen bestimmte Elemente dieser Instrumente. Wie positioniert sich Hannover Re hierzu, und wie fließt diese Haltung in Ihr Engagement mit Stahlunternehmen ein?
Atomkraft
- Bewertet Hannover Re Investitionen in neue Atomkraftwerke als nachhaltige Investitionen in Ihrer Berichterstattung zu Kapitalanlagen?
- Bewertet Hannover Re die Versicherung neuer Atomenergieanlagen als nachhaltige Zeichnungspraxis?
- Wie hoch ist das Interesse von Hannover Re den Bau neuer Atomkraftwerke in OECD-Ländern, in denen derzeit keine Atomkraftwerke zur Strom- und Wärmeerzeugung betrieben werden, zu versichern?
- Schließt Hannover Re Investitionen sowie die Erst- und Rückversicherung neuer Atomkraftwerke in EU-Ländern aus, wenn diese nicht die technischen Bewertungskriterien der EU-Taxonomie erfüllen?
Versicherungskrise und Verursacherprinzip
- Wann werden für verschiedene Emissions-Szenarien, die Sie in Ihren Klimamodellen berechnen, die Kosten durch Klimaschäden und die daraus folgenden zunehmenden Unversicherbarkeiten mögliche Profite durch den Ausbau des Naturkatastrophengeschäfts übersteigen? Wann wird also je nach Szenario die Klimakatastrophe negative Netto-Auswirkungen auf Ihr Versicherungsgeschäft haben?
- Haben Sie bereits über das Verursacherprinzip in Bezug auf Klimaschäden nachgedacht? Sehen Sie Möglichkeiten, ausgezahlte Klimaschäden durch Subrogation von den entsprechenden Unternehmen z. B. aus der fossilen Industrie zurückzufordern? Bis jetzt haben Sie dieses Mittel noch nicht angewendet, warum nicht?







