Hapag-Lloyd AG Menschenrechte Hauptversammlung 2026 Governance

„Hapag-Lloyd muss den Buchungsstopp für Kuba zurücknehmen“: Rede von Markus Dufner

Hapag-Lloyd-Vorstandsvorsitzender Rolf Habben Jansen bei seiner Rede auf der virtuellen Hauptversammlung der Hapag-Lloyd AG

Hauptversammlung der Hapag-Lloyd AG am 20.05.2026: Zehrt die Dividende die Liquidität für notwendige Investitionen auf? Welche Risiken birgt die Übernahme der ZIM Integrated Shipping Services? Wie ist es um die Sicherheit von Hapag-Lloyd-Schiffen an der Straße von Hormuz bestellt? Wie vermeidet die Hapag-Lloyd die Kollision von Schiffen mit Walen?

Sehr geehrter Herr Habben Jansen, sehr geehrter Herr Gernandt,

mein Name ist Markus Dufner. Ich bin Geschäftsführer des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre. Mit unseren 29 Mitgliedsorganisationen sowie Kooperationspartnern aus den Bereichen Umwelt und Menschenrechte repräsentieren wir einen Teil der Zivilgesellschaft. Zudem ist der Dachverband Mitglied der Klimaallianz Deutschland mit 155 Mitgliedsorganisationen.

Herr Habben Jansen und Gernandt, die letzte Präsenz-Hauptversammlung der Hapag-Lloyd AG fand 2023 statt. Nach 2024 und 2025 haben Sie uns heute wieder nur zu einer virtuellen Hauptversammlung eingeladen. Wir werten das als Eingeständnis, dass Sie einem direkten Dialog mit uns Aktionärinnen und Aktionären lieber aus dem Weg gehen. Sie behindern damit auch den Austausch von uns Aktionär*innen untereinander, wie er auf einer physischen Hauptversammlung möglich ist.
Werden Sie 2027 wieder ein Präsenz-Versammlung durchführen?

Mein Kollege Sönke Diesener vom Nabu und ich nehmen heute an dieser virtuellen Hauptversammlung teil, um über den Kurs und die Verantwortung von Hapag-Lloyd zu sprechen.


Mein erstes Thema ist die Verwendung des Bilanzgewinns.

Die Hapag-Lloyd AG erwirtschaftete 2025 einen Konzerngewinn von 924 Mio. Euro nach 2,392 Mrd. Euro im Vorjahr und schlägt zugleich eine Dividende von 3,00 Euro je Aktie vor.
1. Ist die Dividende trotz Gewinnrückgang nicht zu hoch?

2. Zehrt die Dividende die Liquidität für notwendige Investitionen auf?

Hapag-Lloyd steht vor der gewaltigen Aufgabe, seine Flotte im Rahmen der globalen Klimaziele zu dekarbonisieren und in alternative Antriebe zu investieren.

3. Warum fließen über 500 Millionen Euro an die Aktionäre, statt dieses Kapital vollständig einzubehalten, um die Transformation zu finanzieren und die Abhängigkeit von teuren Fremdkrediten in einem volatilen Marktumfeld zu minimieren?

4. Dient die hohe Ausschüttung primär den Großaktionären auf Kosten der Resilienz?

Die Eigentümerstruktur von Hapag-Lloyd ist stark konzentriert: Die chilenische CSAV, Kühne Holding, die Stadt Hamburg und staatliche Fonds aus Katar und Saudi-Arabien halten zusammen die absolute Mehrheit der Aktien.
5. Wurde die Dividende von 3,00 Euro primär festgesetzt, um die Budgetpläne dieser Großaktionäre zu bedienen, anstatt die Bilanz gegen die aktuellen geopolitischen Risiken (wie den Blockaden im Nahen Osten) abzusichern?

6. Wie nachhaltig ist diese Dividendenpolitik bei anhaltendem Margendruck?
Der Gewinn ist im Vergleich zum Vorjahr (2,392 Mrd. Euro) um über 60 % eingebrochen, was das Ende des pandemiebedingten Frachtraten-Booms signalisiert. Wenn sich die Frachtraten durch Überkapazitäten am Markt weiter normalisieren oder die Kosten durch Krisen-Umleitungen hoch bleiben:
7. Riskierte das Management mit dieser großzügigen Ausschüttung, im Folgejahr 2026 substanzielle Rücklagen angreifen oder die Dividende radikal streichen zu müssen?

Nun komme ich zu meinem zweiten Thema ZIM:

Die geplante Übernahme der israelischen Reederei ZIM Integrated Shipping Services durch Hapag-Lloyd für rund 4,2 Milliarden US-Dollar (ca. 3,4 Milliarden Euro) ist ein strategischer Meilenstein, birgt jedoch erhebliche Reputations- und Finanzrisiken. [1, 2, 3]

Wie ist die Reputation von ZIM?

ZIM gilt in der maritimen Industrie als Januskopf – geschätzt für seine Agilität, aber geopolitisch extrem exponiert:

  • Starke Marktposition und Digital-Pionier: ZIM hat den Ruf, eine sehr wandlungsfähige und digital fortschrittliche Reederei zu sein. Sie ist stark auf profitablen Nischenrouten (z. B. Transpazifik) vertreten und hat seit dem Börsengang 2021 immense Gewinne eingefahren.
  • Militärisch-strategische Bedeutung: ZIM ist eng mit dem israelischen Staat verwoben. In Krisenzeiten (wie seit dem 7. Oktober 2023) fungiert die Reederei als maritime Lebensader für Israel und transportiert im Regierungsauftrag Rüstungsgüter und strategische Fracht.
  • Zielscheibe im Nahost-Konflikt: Aufgrund der staatlichen Nähe Israels ist die ZIM-Flotte das primäre Angriffsziel von Akteuren wie den Huthis im Roten Meer oder pro-iranischen Gruppen. Schiffe unter ZIM-Flagge meiden diese Regionen bereits weiträumig. [1, 2, 3, 4, 5]


Mein drittes Thema: Buchungsstopp für Kuba
 
Die jüngste Entscheidung der Unternehmensleitung, sämtliche Buchungen für Kuba vorerst zu stoppen, wirft einen tiefen Schatten auf die ethische und rechtliche Integrität dieses Unternehmens.

Ich sehe darin einen eklatanten Mangel an unternehmerischer Souveränität.
Der Vorstand hat beschlossen, sich vorauseilend einem US-Dekret zu beugen. Mit diesem Stopp von Buchungen für Kuba unterwirft sich Hapag-Lloyd einseitig der Sanktionspolitik Washingtons. Sie agieren hier nicht als souveränes, global denkendes Traditionsunternehmen, sondern lassen sich zum verlängerten Arm einer fremden Gesetzgebung machen. Wo bleibt der unternehmerische Mut, die Interessen unserer weltweiten Kunden und Handelsbeziehungen unabhängig zu schützen?

Herr Habben Jansen und Herr Gernandt, sind Sie sich bewusst, dass Sie mit dieser Entscheidung sowohl Unternehmensinteressen, europäische Interessen und deutsche Interessen missachten? Aber noch schwerer wiegt, dass Sie das Völkerrecht verletzen.  Die Bundesregierung und die Vereinten Nationen verurteilen die Blockade Kubas seit Jahrzehnten. Die Ausdehnung von US-Sanktionen auf Drittstaaten – und damit auch auf uns – ist ein klarer Bruch des Völkerrechts!

Zudem unterminiert die Entscheidung von Hapag-Lloyd die Interessen Deutschlands und der Europäischen Union, die wirtschaftlichen Beziehungen zu Kuba explizit auszubauen. Indem Sie dieses Embargo befolgen, agiert die Hapag-Lloyd AG aktiv gegen die erklärten außenwirtschaftlichen Prinzipien unseres eigenen Landes.

Herr Gernandt, Sie haben als Präsident des Verwaltungsrats der Kühne Holding AG und seit Februar 2026 als Aufsichtsrat eine herausgehobene Stellung in der Hapag-Lloyd AG. Es ist schwer vorstellbar, dass ein Anteilseigner, der 30,0 % der Anteile kontrolliert, nicht die treibende Kraft hinter der Entscheidung war.
Können Sie meine Annahme bestätigen?
Wenn ja, was hat Sie dazu bewogen, eine solch fragwürdige Entscheidung zu treffen?

Aber auch die Freie und Hansestadt Hamburg hält über die HGV (Hamburger Gesellschaft für Vermögens und Beteiligungsmanagement mbH) 13,86 Prozent der Anteile an der Hapag-Lloyd. Frau Dr. Niklas, Sie sind Geschäftsführerin der HGV und Vertreterin der Stadt Hamburg im Aufsichtsrat. Hat die Stadt Hamburg und haben Sie persönlich die Entscheidung mitgetragen, sämtliche Buchungen für Kuba zu stoppen?
Welche Mitglieder des Aufsichtsrats haben dafür gestimmt, welche dagegen?

Wie sieht es aus mit der besonderen Verantwortung des Aufsichtsrats und insbesondere der HGV für das Gemeinwohl?

Sehr geehrte Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats, sind Sie sich im Klaren über die humanitären Konsequenzen Ihres Handelns? Hinter den nackten Buchungszahlen stehen Menschen. Krankenhäuser, die wegen Stromausfällen nur eingeschränkt arbeiten, und Städte, die nicht mehr richtig mit Lebensmitteln versorgt werden können. Dass unser Unternehmen durch einen Transportstopp zu dieser fatalen Verschärfung beiträgt, ist ethisch nicht vertretbar.
Wenn Sie bei Ihrer falschen Entscheidung bleiben, machen Sie sich mit schuldig an einem Völkerrechtsbruch. Dann tragen Sie dazu bei, dass die Wirtschaft des kleinen Landes Kuba regelrecht erdrosselt wird. Das ist für ein Unternehmen mit unseren Wurzeln in einer weltoffenen Handelsstadt inakzeptabel!

Ein Hapag-Lloyd Sprecher hat gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters dieses Einknicken vor Trump mit Risiken bei der Einhaltung von Richtlinien begründet, die mit der Anordnung des US-Präsidenten verbunden seien. Von welchen Risiken ist hier die Rede?

Herr Habben Jansen, Herr Gernandt, wir fordern Sie dringend auf, diesen politischen Kniefall unverzüglich zu korrigieren. Bringen Sie Licht ins Dunkel und klären Sie diese Hauptversammlung lückenlos auf, wie es zu dieser Fehlentscheidung kommen konnte.

Wir fordern die sofortige Rücknahme des Buchungsstopps für Kuba. Hapag-Lloyd muss für freien, völkerrechtskonformen Welthandel stehen – und nicht für die Durchsetzung illegaler Embargos.


Mein viertes Thema ist die Blockade und der Krieg im Nahen Osten:

Die Blockade hat auch Schiffe der Hapag-Lloyd AG in der Straße von Hormuz und dem Persischen Golf in eine kritische Lage gebracht. Während einige Schiffe die Meerenge verlassen konnten, harren weitere Frachter in der Region aus.
Herr Habben Jansen, vor dem Hintergrund der anhaltenden Spannungen habe ich  folgende Fragen an Sie: [
1, 2, 3, 4, 5]

  1. Sicherheit der Seeleute: Trotz Waffenruhe ist das Risiko erneuter Angriffe oder Minen präsent. Wie rechtfertigt Hapag-Lloyd, dass sich immer noch Besatzungen auf den im Persischen Golf festsitzenden Schiffen befinden, und welche konkreten Evakuierungs- oder Rotationspläne bestehen für die Crews?
  2. Krisenmanagement: Ein Hapag-Lloyd-Schiff, die Source Blessing, wurde im März 2026 bei Hormus von Projektilen getroffen. Welche Lehren wurden aus diesem Vorfall gezogen und inwiefern wurden die Sicherheitsrichtlinien für das Fahrgebiet seitdem verschärft?
  3. Rolle von Militärgeleiten: Die USA bieten mittlerweile Eskorten für Handelsschiffe an. Unter welchen Bedingungen (z.B. direkte militärische Begleitung) ist Hapag-Lloyd bereit, die restlichen Schiffe durch die Straße von Hormuz zu beordern und wie bewertet man die Gefahr, durch eine solche Parteinahme selbst zur Zielscheibe zu werden?
  4. Kommunikationspolitik: Die Reederei hält sich bei Fragen zu den Umständen der Ausreise einzelner Schiffe, wie etwa der Tema Express, aus Sicherheitsgründen bedeckt. Lässt diese Intransparenz darauf schließen, dass die Durchfahrten mit hohen operativen oder politischen Zugeständnissen verbunden waren?
  5. Wirtschaftliche Verantwortung: Die Krise führt weltweit zu Lieferengpässen und explodierenden Frachtraten. Wie wirken sich die wochenlangen Liegezeiten der Frachter auf die Versicherungskosten des Unternehmens aus, und in welchem Maße werden diese finanziellen Risiken auf die Kunden abgewälzt?

Meine Damen und Herren, ich kommen jetzt noch zu meinem letzten Thema.
Ein Buckerlwal hat in den letzten Wochen Millionen von Menschen bewegt: Timmy.
Der in der Ostsee verirrte Buckelwal, der seine „Rettung“ nicht lange überlebte. Während sich die Aufmerksamkeit auf einen Wal fokussierte, sterben täglich Dutzende Wale unbemerkt: gerammt von Containerschiffen, Fähren oder Tankern auf hoher See. Schätzungsweise 20 000 solcher Kollisionen werden jährlich gemeldet – und das sind nur die bekannten Fälle. Ein australisches Unternehmen möchte die Meeressäuger nun mithilfe von KI besser schützen.

Hierzu meine Fragen:
1. Medienberichte zum Fall des Buckelwals „Timmy“ sowie Studien zu Schiffskollisionen weisen darauf hin, dass weltweit zahlreiche Wale durch Kollisionen mit großen Schiffen sterben. Welche konkreten Maßnahmen ergreift Hapag-Lloyd aktuell, um Kollisionen mit Walen entlang seiner weltweiten Routen systematisch zu vermeiden? (Salzburger Nachrichten)

2. Hapag-Lloyd verweist in seinem Nachhaltigkeitsbericht auf die Beteiligung an Programmen wie „Protecting Blue Whales and Blue Skies“ sowie an der Entwicklung einer „WSC Whale Chart“. Welche messbaren Erfolge hinsichtlich der tatsächlichen Verringerung von Wal-Kollisionen konnten durch diese Programme bislang erreicht werden? (hapag-lloyd.com)

3. Das australische Unternehmen WhaleSpotter nutzt laut aktuellen Berichten KI-gestützte Systeme, um Wale frühzeitig zu erkennen und Schiffe zu warnen. Prüft Hapag-Lloyd den Einsatz vergleichbarer KI-gestützter Echtzeit-Warnsysteme auf den eigenen Schiffen? Falls ja: Auf welchen Routen und in welchem zeitlichen Rahmen? (Salzburger Nachrichten)

4. Inwiefern nutzt Hapag-Lloyd die bereits vorhandene digitale Infrastruktur und GPS-Tracking-Technologie der Flotte auch für den Schutz mariner Säugetiere, etwa durch automatische Warnungen an Kapitäne beim Einfahren in bekannte Walgebiete? (hapag-lloyd.com)

5. Welche verbindlichen Geschwindigkeitsbegrenzungen gelten bei Hapag-Lloyd in besonders sensiblen Gebieten mit erhöhtem Walaufkommen, und wie wird deren Einhaltung kontrolliert? (hapag-lloyd.com)

6. Plant Hapag-Lloyd, die Einhaltung freiwilliger Programme zum Walschutz künftig in verbindliche interne Richtlinien oder Zielvorgaben für die gesamte Flotte zu überführen?

7. Welche Rolle spielt der Schutz mariner Biodiversität insgesamt in der Unternehmensstrategie von Hapag-Lloyd, insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Belastungen der Meere durch Lärm, Klimawandel und Schiffsverkehr? (MOPO)

8.Unterstützt Hapag-Lloyd internationale Bestrebungen zur Ausweisung zusätzlicher Meeresschutzgebiete oder saisonaler Schutzkorridore für Wale entlang wichtiger Handelsrouten? Falls ja, welche konkret?

9. Werden Kapitän:innen und Besatzungen der Hapag-Lloyd-Flotte verpflichtend zu Walerkennung, Verhalten in Schutzgebieten und Kollisionsvermeidung geschult? Wenn ja, wie häufig und nach welchen Standards?

10. Hapag-Lloyd hebt in öffentlichen Erklärungen das eigene Engagement im Walschutz hervor. Welche konkreten Reduktionsziele für Wal-Kollisionen und Unterwasserlärm hat sich das Unternehmen gesetzt, und bis wann sollen diese erreicht werden? 

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