Mercedes-Benz Group AG Klimaschutz Hauptversammlung 2026

Mercedes-Benz: Falsche Prioritäten in stürmischen Zeiten

Rede von Markus Dufner auf der Hauptversammlung am 16. April 2026

Vorstandsvorsitzender Ola Källenius sagte auf der Hauptversammlung am 16. April wieder einmal: „Mercedes-Benz will die begehrenswertesten Fahrzeuge der Welt bauen.“


Sehr geehrter Herr Källenius, sehr geehrter Herr Brudermüller,
sehr geehrte Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat,
sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre,

Herr Källenius, Sie verwiesen in Ihrer Rede stolz auf die Historie von Mercedes-Benz: Vor 140 Jahren meldete Carl Benz das Patent für das erste Automobil an. Da möchte ich auch mal kurz einen Blick auf die Historie des Dachverbands der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre werfen.

In diesem Jahr feiert unser Verband mit 29 Mitgliedsorganisationen sein 40-jähriges Bestehen. Seit mehr als 30 Jahren sind wir auf den Hauptversammlungen von Daimler-Benz, Daimler-Chrysler, Daimler und jetzt Mercedes-Benz dabei.  
1991 übten Paul Russmann und die Kritischen Aktionär*innen Daimler zum ersten Mal bei der Hauptversammlung von Daimler-Benz Kritik an der Rüstungsproduktion des Konzerns. Der Stuttgarter Autobauer stellte damals auch Flugzeuge, Panzer, Schiffe und Unimogs her und wurde zu einem Hauptlieferanten der Bundeswehr.
In den Hauptversammlungen der 2010er Jahre legten mein Kollege Jens Hilgenberg vom Bund für Umwelt und Naturschutz und ich die Rolle von Daimler beim Diesel-Skandal offen. „Das Beste oder nichts“, wie der frühere Vorstandsvorsitzende Dr. Zetsche zu sagen pflegt, war das nicht.

Wie meine Vorredner spreche auch ich heute über die Verwendung des Bilanzgewinns. 
Doch eigentlich geht es um die viel fundamentalere Fragen:
Wofür steht Mercedes-Benz in dieser Phase der tiefgreifenden Transformation?
Steht dieses Unternehmen für die kurzfristige Ausschüttung von Gewinnen – oder für echte, langfristige Zukunftsfähigkeit?

Im Folgenden will ich konkret auf folgende Punkte eingehen:

1. Milliardenausschüttung trotz Gewinneinbruch

2. Transformation braucht Kapital und Klarheit

3. Gescheiterte Luxusstrategie

4. Qualität und Sicherheit dürfen keine Kostenfaktoren sein

5. Falsche Prioritäten in stürmischen Zeiten


Ich komme zu Punkt 1: Milliardenausschüttung trotz Gewinneinbruch

Der vorliegende Dividendenvorschlag ist in unseren Augen nicht angemessen. 3,35 Milliarden Euro Dividende plus 1,7 Milliarden Euro für Aktienrückkäufe – das ist eine massive Kapitalrückführung in einer Zeit, in der das EBIT um mehr als 57 Prozent eingebrochen ist.

Sie argumentieren mit Netto-Liquidität und stabilem Cashflow.
Das ist keine nachhaltige Finanzpolitik. Das ist ein Signal der kurzfristigen Renditeorientierung.
Aber genau das ist der Punkt: Sie könnten investieren – entscheiden sich aber dagegen.

In den letzten vier Jahren hat Mercedes Benz mehr als jeder andere deutsche Automobil-Hersteller über Dividenden und Aktienrückkäufe ausgeschüttet: mehr als 27 Milliarden Euro – über 80 Prozent des freien Cashflows.

Das ist kein Gleichgewicht zwischen Investition und Ausschüttung.
Das ist eine strukturelle Verschiebung zugunsten der Aktionärsrendite.

Daher sehen wir uns wie in unserem im Gegenantrag zu Tagesordnungspunkt 2 ausführlich begründet, den Vorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat zur Verwendung des Bilanzgewinns abzulehnen.

Ich habe aber dennoch Fragen zu Ihrer Dividenden-Politik, Herr Källenius und Herr Dr. Brudermüller:

  1. Sie betonen, dass Investitionen Vorrang haben.
    Wie erklären Sie dann konkret, dass in den letzten vier Jahren über 80 % des freien Cashflows ausgeschüttet wurden?
  2. Welche konkreten Investitionsprojekte wurden aufgrund der hohen Ausschüttungen verschoben, reduziert oder nicht umgesetzt?
  3. Angesichts eines EBIT-Rückgangs von über 57 %:
    Welche quantitativen Kriterien rechtfertigen in dieser Situation eine Dividende in nahezu unveränderter Höhe?
  4. Welches Zielniveau für Ausschüttungsquote halten Sie in einer Transformationsphase für angemessen – und warum liegt die aktuelle Ausschüttungsquote darüber?

2. Transformation braucht Kapital und Klarheit
Transformation erfordert aber auch Mut und lässt keine Ausreden zu.

Sie rühmen sich der „größten Produktoffensive Ihrer Geschichte“. Doch die Realität sieht anders aus:

  • Wir sehen eine verzögerte Elektromobilitätsstrategie.
  • Wir sehen einen Rückfall in alte Verbrenner-Investitionen.
  • Es fehlen bezahlbare Einstiegsmodelle.
  • Und es gibt technologische Rückschritte bei der Automatisierung.

Transformation bedeutet nicht, passiv darauf zu warten, was der Markt gerade will. Transformation bedeutet, eine klare Richtung vorzugeben und konsequent zu investieren. Wenn Sie sagen, das Tempo hänge allein von der Nachfrage ab, dann ist das keine Strategie – das ist reine Reaktion.

Meine Fragen zur Kapitalallokation und Strategie von Mercedes-Benz:

  1. Sie sprechen von „disziplinierter Kapitalallokation“.
    Welche konkreten Kennzahlen oder Schwellenwerte entscheiden darüber, ob Mittel investiert oder ausgeschüttet werden?
  2. Wie hoch ist der tatsächliche zusätzliche Investitionsbedarf, um die Transformation zur Elektromobilität zu beschleunigen – und warum wird dieser nicht priorisiert?

3. Die Luxusstrategie ist an der Realität gescheitert

Meine Damen und Herren, zusammen mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland kritisiert der Dachverband seit langem die falsche Flottenstrategie von Mercedes-Benz.
Herr Källenius, Sie selbst mussten einräumen, dass die bisherige Strategie nicht aufgegangen ist.
Hochpreisige Elektro-Modelle wie der EQS oder EQE sind Ladenhüter. Brauchen wir jetzt auch noch eine „Lounge auf vier Rädern“ mit Kinosaal wie das Modell VLE?
Eine elektrische S-Klasse ist erst für 2028 angekündigt, während erschwingliche Einstiegsmodelle weiterhin fehlen.

Während die Nachfrage nach E-Autos und damit die Verkäufe der Hersteller weltweit steigen, kann Mercedes-Benz diesen Trend bislang nicht nutzen. Mehr als 90 Prozent der 2025 von Mercedes-Benz verkauften Pkw hatten noch einen Verbrennungsmotor. Das ist mehr als enttäuschend für einen Konzern, der bis 2024 die „electric only“-Strategie verfolgte.

Es wird sich zeigen, ob die überfällige Abkehr von der Luxus-Strategie und neue Modelle wie der elektrische CLA dafür sorgen können, dass Mercedes-Benz für das faktische Ende des Verkaufs neuer Pkw mit Verbrennungsmotor in der EU 2035 gerüstet ist. Denn das ist nach wie vor geltende Rechtsgrundlage und darauf muss sich die Strategie des Konzerns ausrichten.

Das ist kein Problem des Marktes, das ist ein hausgemachtes Problem von Mercedes-Benz. Herr Dr. Brudermüller, ich frage Sie, warum Sie und der Aufsichtsrat diesen Kurs so lange mitgetragen haben. Übernehmen Sie mehr Verantwortung!

Meine Fragen zur Produkt- und Technologiestrategie:

  1. Sie führen die langsamere Nachfrage nach E-Autos an.
    Welche eigenen strategischen Fehlannahmen haben zu dieser Fehleinschätzung geführt?
  2. Wie erklären Sie konkret, dass Modelle wie EQS und EQE hinter den Erwartungen zurückbleiben – und welche Lehren ziehen Sie daraus für zukünftige Produktentscheidungen?
  3. Warum wurde die Entwicklung erschwinglicher Elektrofahrzeuge erst so spät priorisiert?
  4. Welche konkreten Zeitpläne gelten jetzt verbindlich für zentrale Elektromodelle – und wie unterscheiden sie sich von früheren Ankündigungen?

Und zwei Fragen zur zur Automatisierung / Technologie

  1. Warum wurde das ursprünglich angekündigte Level-3-System zurückgestellt – und welche technischen oder regulatorischen Probleme waren ausschlaggebend?
  2. Welche konkreten Meilensteine müssen erreicht werden, damit Level 3 und Level 4 tatsächlich umgesetzt werden – und bis wann?

4. Qualität und Sicherheit dürfen keine Kostenfaktoren sein

Besonders besorgniserregend ist die Häufung sicherheitsrelevanter Mängel. Brandrisiken durch fehlerhafte Batterien, Antriebsausfälle, Probleme bei Airbags. Dass hier oft erst mit Software-Pflastern reagiert wurde, statt konsequente technische Lösungen umzusetzen, wirft Fragen auf.
Geht es Ihnen um die Sicherheit der Kunden oder um kurzfristige Kostenvermeidung? Die steigenden Risiken bei Garantie- und Kulanzkosten sprechen eine deutliche Sprache.

Meine Fragen zu Qualität und Rückrufen:

  1. Sie sprechen von rückläufigen Rückrufzahlen.
    Wie erklären Sie dann die konkreten jüngsten Großrückrufe mit sicherheitsrelevanten Risiken wie Brandgefahr oder Antriebsausfall?
  2. Warum wurde bei den betroffenen Batterien zunächst auf Softwarelösungen gesetzt, statt sofort einen Austausch vorzunehmen?
  3. Welche internen Qualitätskennzahlen haben sich in den letzten drei Jahren verschlechtert – insbesondere bei sicherheitsrelevanten Komponenten?

5. Fazit: Falsche Prioritäten in stürmischen Zeiten

Mercedes-Benz steht vor gewaltigen Herausforderungen: Elektromobilität, geopolitische Spannungen, technologischer Umbruch. In dieser fragilen Situation Milliarden auszuschütten, ist kein Zeichen von Stärke. Es ist ein Zeichen von falschen Prioritäten.

Meine Damen und Herren, jeder Euro, der statt in Klimaschutz-Investitionen in hohe Dividenden fließt, schwächt die Mercedes-Benz AG.
Absatzkrise, Gewinnrückgang und sinkende Rentabilität fordern dringend einen Kurswechsel vom Vorstand.
Investitionen in Klimaschutz und E-Mobilität sichern Arbeitsplätze und den Standort Deutschland.

Wir fordern daher:

  • Eine deutliche Reduzierung der Dividende.
  • Massive Investitionen in echte Zukunftstechnologien.
  • Eine klare und konsistente Transformationsstrategie statt eines Zick-Zack-Kurses.

Wir fordern den Aufsichtsrat auf, seine Kontrollfunktion endlich ernst zu nehmen.

Meine konkreten Fragen an Sie, Herr Dr. Brudermüller, als Vorsitzender des Aufsichtsrats:

  1. Welche konkreten strategischen Entscheidungen des Vorstands hat der Aufsichtsrat in den letzten drei Jahren aktiv hinterfragt oder korrigiert?
  2. Wie bewertet der Aufsichtsrat im Nachhinein die Luxusstrategie – und welche Konsequenzen wurden daraus gezogen?

Abschließend frage ich Sie, Herr Källenius und Herr Dr. Brudermüller:

  1. Wie stellen Sie sicher, dass Kapitalallokation, Produktstrategie und Transformationsziele künftig konsistent aufeinander abgestimmt sind – und welche messbaren Ziele setzen Sie sich dafür?

Sehr geehrte Damen und Herren, wenn wir heute vom Vorstand und Aufsichtsrat keine überzeugenden Antworten erhalten, sehen wir uns gezwungen, beiden Gremien die Entlastung zu verweigern.

Dem Unternehmen Mercedes-Benz und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wünsche ich für die Zukunft alles Gute und ein Management, dass die richtigen Prioritäten in stürmischen Zeiten trifft.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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