Sehr geehrte Damen und Herren,
mein Name ist Jeremy Kimbrell. Ich war 25 Jahre lang bei Mercedes-Benz U.S. International beschäftigt, als ich 2024 in Alabama die Gewerkschaftsinitiative der UAW anführte. Die Beschäftigten waren schon lange unzufrieden, und 2024 standen wir kurz davor, für eine Gewerkschaftsgründung zu stimmen. Unzureichende Bezahlung, unangenehme Schichten und die ständige Angst vor Bestrafung oder Kündigung hatten MBUSI zu einem unattraktiven Arbeitsplatz gemacht. Eine hohe Fluktuation und die Zurückhaltung qualifizierter, erfahrener Arbeitskräfte, dort überhaupt eine Beschäftigung in Betracht zu ziehen, wurden zu einem Risiko für unsere Zukunft. Mangelhafte Qualität, mögliche Produktrückrufe und Bedenken hinsichtlich der persönlichen Sicherheit spielten ebenfalls eine Rolle. Die Beschäftigten glaubten, dass sie durch die Gründung einer Gewerkschaft MBUSI wieder zu einem attraktiven und angesehenen Arbeitsplatz machen könnten – zum Vorteil der Beschäftigten, der Investoren und von Mercedes.
Ich hatte die Mercedes-Grundsätze zur sozialen Verantwortung und zu den Menschenrechten gelesen und ging davon aus, geschützt zu sein. In Ihren Grundsätzen heißt es auf Seite 10: „Im Falle von Organisationskampagnen verhalten sich Unternehmen und ihre Führungskräfte neutral.“
Ich war überzeugt, dass Mercedes sich höheren Standards als dem US-amerikanischen Recht verpflichtet fühlt, und habe diese Sichtweise mit meinen Kolleginnen und Kollegen geteilt. Vor zwei Jahren habe ich dann eine Stellungnahme abgegeben, die auf der Hauptversammlung 2024 verlesen wurde. Darin forderte ich Mercedes-Benz auf, das Recht meiner Kolleginnen und Kollegen zu respektieren, frei über eine Gewerkschaft abzustimmen. Ich bat Sie, darauf zu bestehen, dass die MBUSI-Führungskräfte in Alabama ihre aggressive Anti-Gewerkschaftskampagne beenden und die Firma RWP entlassen. Als Antwort erklärten Sie, man habe diese „Dienstleister“ engagiert, um den Beschäftigten zu helfen, eine „informierte Entscheidung“ über eine Gewerkschaftsgründung zu treffen.
Bedeutet das, dass Einsatz und Ziel dieser Gewerkschaftsbekämpfer dem Vorstand bekannt waren und von ihm gebilligt wurden – entgegen der Verpflichtung zur Neutralität?
Weniger als ein Jahr nach meiner Stellungnahme auf der Hauptversammlung wurde ich entlassen. Nach 25 Jahren bei MBUSI – ohne eine einzige offizielle Abmahnung – wurde ich gekündigt. Ich bin überzeugt, dass dies eine Vergeltungsmaßnahme für meine Rolle bei der Organisation der Gewerkschaft war und dafür, dass wir kurz vor einem Erfolg standen. Das National Labor Relations Board in den USA untersucht diese Vorwürfe derzeit.
RWP, das Unternehmen, nach dem ich 2024 gefragt habe, wird von Russell Brown geleitet, der zugleich Präsident der gewerkschaftsfeindlichen Non-Profit-Organisation Center for Independent Employees (CIE) ist. Laut Ihrer LM-10-Meldung für 2024 beim US-Arbeitsministerium haben Sie Russell Brown mindestens 71.615 US-Dollar gezahlt, um „bei der Aufklärung von Teammitgliedern über Arbeitnehmerorganisationen zu unterstützen“.
Auf seiner LinkedIn-Seite erklärt Browns Unternehmen CIE, es biete „rechtliche Beratung und Unterstützung für Beschäftigte, die Gewerkschaften aus ihren Betrieben entfernen wollen, die sich gegen erste Gewerkschaftszertifizierungen stellen [und] betriebliche Organisierungsbemühungen bekämpfen“.
Können Sie erklären, wie die Bekämpfung von Gewerkschaftszertifizierungen und von Organisierungsbemühungen mit Ihrer Verpflichtung zur Neutralität vereinbar ist?
Hat MBUSI die Neutralitätsverpflichtung von Mercedes eingehalten, als im Jahr 2024 in den Tagen vor der Abstimmung Banner innerhalb unseres Betriebsgeländes aufgehängt wurden, die einen Stimmzettel mit der Aufschrift „NO“ zeigten, der in eine Wahlurne mit der Aufschrift „VOTE NO“ eingeworfen wird?
Betrachten Sie dieses Banner als neutral? Falls nicht: Wie konnte es dann gut sichtbar auf dem Betriebsgelände vor der Gewerkschaftsabstimmung angebracht werden?
Gilt die Verpflichtung zur Neutralität und das Recht auf eine unabhängige Entscheidung nicht für Beschäftigte in den Vereinigten Staaten?
Wenn es Ihnen darum ging, dass die Beschäftigten eine informierte Entscheidung treffen, warum erhielten dann nur diese gewerkschaftsfeindlichen Beratungsfirmen Zugang zum Werk von MBUSI – nicht aber Vertreter der UAW oder auch der deutsche Betriebsrat, um eine alternative Perspektive darzulegen?
Warum wurden diesen Gewerkschaftsbekämpfern während der Arbeitszeit über zwei Wochen hinweg Besprechungsräume im Werk zur Verfügung gestellt, in denen ausschließlich eine gewerkschaftsfeindliche Position präsentiert wurde?
Warum erhielten MBUSI-Beschäftigte während der Arbeitszeit keinen Zugang zu ihren Kolleginnen und Kollegen oder zu Besprechungsräumen, um eine gewerkschaftsfreundliche Alternative darzustellen, damit die Belegschaft eine informierte Entscheidung treffen konnte?
Einer der Gründe für meine Kündigung war, dass ich während der Produktion mit Kolleginnen und Kollegen gesprochen habe. Warum durften diese externen Gewerkschaftsbekämpfer frei durch die Produktionslinien gehen und mit Beschäftigten sprechen, während gewerkschaftsfreundlichen Beschäftigten genau das untersagt wurde?
War Ihnen bekannt, dass Matthew Wilson, ein örtlicher Pastor und Stadtrat von Tuscaloosa, während der Arbeitszeit Zugang zur Produktionshalle erhielt, um unsere schwarzen Beschäftigten einzuschüchtern und sie dazu zu bewegen, mit „NO“ zu stimmen – indem er ihnen sagte, Menschen wie sie sollten dankbar für das sein, was sie haben, und dies nicht durch eine Gewerkschaftsgründung aufs Spiel setzen – während niemand mit einer gewerkschaftsfreundlichen Position vergleichbaren Zugang hatte?
Werden Sie den Beschäftigten von MBUSI schriftlich zusichern, dass bei künftigen Gewerkschaftskampagnen keine „Union-Avoidance-Berater“, „Gewerkschaftsbekämpfer“ oder andere externe Dritte – ob bezahlt oder unbezahlt – eingesetzt werden, um die freie Entscheidung der Beschäftigten über eine gewerkschaftliche Vertretung zu beeinflussen?
Werden Sie sich verpflichten, lokale Führungskräfte und Manager künftig zu sanktionieren, wenn sie gegen die Neutralitätsgrundsätze des Unternehmens verstoßen, um klarzumachen, dass Verstöße gegen die Mercedes-Prinzipien nicht toleriert werden?
Letztlich geht es um Folgendes: Wird Mercedes eine führende Rolle unter den internationalen Automobilherstellern einnehmen, wenn es darum geht, soziale Grundsätze und Menschenrechte einzuhalten? Werden Sie ein Unternehmen schaffen, in dem Menschen gerne arbeiten und in das Kundinnen und Kunden ihr Geld investieren, weil Mercedes ein Vorbild für Best Practices ist? Oder sind diese Grundsätze nur leere Worte? Hat der Vorstand tatsächlich die Fähigkeit, diese Prinzipien durchzusetzen, und den Willen, sich ihnen zu verpflichten?
Antwort von Olaf Schick, Vorstandsmitglied Mercedes-Benz Group AG Integrity, Governance & Sustainability:
„Ich möchte die gestellten Fragen gesamthaft beantworten. Zunächst möchte ich gerne unterstreichen, dass wir die Rechte unserer Beschäftigten einschließlich des Rechts auf gewerkschaftliche Vertretung selbstverständlich respektieren. Wir stehen für einen fairen, respektvollen und regelkonformen Umgang.
Bei der Mercedes-Benz Group und unseren Tochtergesellschaften erkennen wir das Recht unserer Beschäftigten auf Bildung von Arbeitnehmervertretungen ausdrücklich an. Wir respektieren die freie Entscheidung unserer Teammitglieder, ob Sie sich für oder gegen eine gewerkschaftliche Vertretung aussprechen. Dieses Selbstverständnis ist in unserer Grundsatzerklärung für soziale Verantwortung und Menschenrechte verankert, einschließlich des dort vereinbarten Neutralitätsgebots bei Organisationskampagnen.
Neutralität heißt für uns, keine ungerechtfertigte Benachteiligung oder Begünstigung aufgrund von Gewerkschaftszugehörigkeit oder -aktivität, Schutz vor Vergeltungsmaßnahmen sowie ein Umgang der von Respekt, Fairness und Transparenz geprägt ist.
Gleichzeitig ist es im Rahmen des jeweils anwendbaren Rechts legitim und auch notwendig, Beschäftigte über Prozesse, Rechte und mögliche Auswirkungen zu informieren, damit Entscheidungen auf einer fundierten Grundlage getroffen werden können.
Hierzu stellte unsere Tochtergesellschaft MBUSI im Einklang mit US-amerikanischen Recht für seine Beschäftigten den Zugang zu Informationen sicher, die für eine fundierte Wahlentscheidung erforderlich sind. Dabei wurde sie von Dienstleistern unterstützt.
Mercedes-Benz hält an seine Position fest, dass es an keinem Standort ein Teammitglied in seinem Recht auf gewerkschaftliche Vertretung behindert wurde oder Maßnahmen ergriffen wurden, die diese Rechte beeinträchtigen.
Zugleich gilt: Jeden konkreten Hinweis auf mögliche Verstöße gegen diese Grundsätze nehmen wir sehr ernst und gehen ihnen nach. Wir prüfen Sachverhalte strukturiert und sorgfältig und binden dabei auch die relevanten internen Funktionen ein, sei es der HR-Bereich, Compliance oder Legal, und je nach Einzelfall ziehen wir auch externe Expertise hinzu.
Wo Behörden zuständig sind, kooperieren wir mit dem jeweiligen Verfahren und tragen unsere Sicht auch dort vor. Unser Anspruch ist ein klares, regelkonformes Verhalten und transparente Anlaufstellen für unser Teammitglieder, wenn Sie Fragen oder Bedenken haben
Die Vorwürfe der UAW sind uns seit längerem bekannt. Wir setzen uns damit auch regelmäßig und auch inhaltlich konkret auseinander. Für den Standort Tuscaloosa ist festzuhalten: Im Mai 2024 stimmten die Teammitglieder in einer fairen und geheimen Wahl, unter der Aufsicht das National Labor Relations Board, mehrheitlich gegen eine Vertretung durch die UAW. Die UAW hat dieses Ergebnis angefochten und weitere Vorwürfe erhoben, darüber hinaus wurden auch Schritte in Deutschland unter anderem im Kontext des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes eingeleitet.
Wir nehmen diese Verfahren ernst, gerade weil sie Fragen der Arbeitnehmerrechte berühren. Nach unserer Auffassung, und das ist wichtig, entbehren die erhobenen Vorwürfe jedoch jeder sachlichen oder rechtlichen Grundlage. Vor diesem Hintergrund hat MBUSI zudem einem Vergleich mit dem National Labor Relations Board zugestimmt, ohne Eingeständnis eines Fehlverhaltens und ausschließlich, um einzelne Teilverfahren zu beenden.
Da verschiedene rechtliche Verfahren weiterhin laufen, ist die Hauptversammlung heute auch nicht der geeignete Ort, diese Themen im Detail zu erörtern oder laufende Verfahren zu kommentieren. Das heißt aber nicht, dass wir die Hinweise pauschal abtun. Wir adressieren die Themen konsequent in den zuständigen Gremien und Verfahren und beantworten dort Fragen und nehmen, wenn erforderlich, Stellung. Unser Ziel ist es, berechtigte Erwartungen an Transparenz und Verantwortung mit der gebotenen Zurückhaltung in laufenden Verfahren in Einklang zu bringen.“







