Porsche Holding SE Hauptversammlung 2026

Vom Mobilitätsinvestor zur Rüstungsholding? Rüstungsinvestitionen brauchen klare rote Linien!: Rede von Matthias Bachmann

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Mitglieder von Vorstand und Aufsichtsrat,

ich spreche heute für den Dachverband der Kritischen Aktionärinnen und Aktionäre.

Bereits im vergangenen Jahr haben wir auf dieser Hauptversammlung Fragen zu möglichen Investitionen der Porsche SE in den Rüstungssektor gestellt.

Damals war vieles noch offen.

Heute kennen wir die Antwort.

Die Porsche SE hat sich entschieden, diesen Weg zu gehen.

Bereits seit einiger Zeit hält die Porsche SE eine Beteiligung von 4,9 Prozent am Drohnenhersteller Quantum Systems. Und Herr Pötsch, Sie haben es in Ihrer Eingangsrede erwähnt: Anfang dieses Jahres folgte dann die Ankündigung, 100 Millionen Euro in einen auf Rüstungs- und Sicherheitstechnologien spezialisierten Fonds von DTCP zu investieren.

Entscheidend ist daher nicht mehr, ob die Porsche SE in Rüstung investiert, sondern welche Verantwortung sie dabei übernehmen und welche Rolle der Rüstungssektor künftig für die Porsche SE spielen soll.

Herr Pötsch, Sie haben heute die Beteiligung an Quantum Systems als Beispiel dafür genannt, wie früh die Porsche SE Potenziale erkennen und von Wertsteigerungen profitieren könne. Zudem haben Sie die Weiterentwicklung der Porsche SE zu einer diversifizierten Investmentplattform hervorgehoben.

Genau deshalb interessiert mich nicht nur das wirtschaftliche Potenzial dieser Investitionen, sondern ebenso die ethischen Maßstäbe, die dabei gelten sollen.

Denn bislang entsteht der Eindruck, dass die Gesellschaft zwar bereit ist, in diesen Bereich zu investieren, gleichzeitig aber nur sehr begrenzt darüber spricht, wo ihre Grenzen verlaufen sollen.

Dabei handelt es sich keineswegs um gewöhnliche Investitionen. Es geht um Drohnen, künstliche Intelligenz, Cyberabwehr und autonome Systeme – also um Technologien, die in bewaffneten Konflikten eingesetzt werden und letztlich über Leben und Tod entscheiden können.

Gerade deshalb überrascht mich, dass die Porsche SE bislang keine klaren Leitplanken für ihre Investitionen im Rüstungssektor veröffentlicht hat.

Viele institutionelle Investoren verfügen mittlerweile über detaillierte Richtlinien für Investitionen in diesem Bereich.

Sie definieren Ausschlusskriterien.

Sie benennen kontroverse Waffen.

Sie legen fest, welche Technologien oder Geschäftspraktiken nicht mit ihren Werten vereinbar sind.

Bei der Porsche SE konnte ich bislang keine vergleichbaren Kriterien finden.

Moderne Konflikte werden zunehmend durch die Fähigkeit entschieden, Informationen zu sammeln, auszuwerten und in Echtzeit verfügbar zu machen – also durch Daten, Sensorik, Aufklärung, künstliche Intelligenz und autonome Systeme.

Das Beispiel Quantum Systems verdeutlicht dies besonders gut.

Quantum Systems ist kein klassischer Waffenhersteller. Statt Panzer, Raketen oder Munition entwickelt das Unternehmen Aufklärungsdrohnen und autonome Luftfahrtsysteme, die von Streitkräften genutzt werden und beispielsweise auch im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine zum Einsatz kommen.

Die Grenzen zwischen Aufklärung, Zielerfassung und militärischer Wirkung werden dabei immer unschärfer.

Herr Pötsch, Sie haben vorhin von „besonderem Potenzial für weitere direkte Beteiligungen“ im „Verteidigungssektor“ gesprochen und dabei auf aufstrebende Technologieunternehmen verwiesen, die mit ihrer Innovations- und Umsetzungsgeschwindigkeit den Wandel im „Verteidigungssektor“ prägen könnten.

Vor diesem Hintergrund möchte ich zunächst fragen:

Welchen Wandel der Rüstungsindustrie von woher und wohin meinen Sie genau?

Welche konkreten menschenrechtlichen, ethischen und nachhaltigkeitsbezogenen Kriterien hat die Porsche SE sowohl bei ihrer Beteiligung an Quantum Systems als auch bei ihrer Investition in den DTCP-Defense-Fonds angewendet?

Und wo verläuft aus Sicht der Porsche SE die Grenze zwischen einer Verteidigungstechnologie und einer Waffentechnologie?

Noch aufmerksamer wurde ich bei der Beschreibung des DTCP-Defense-Fonds.

Dieser investiert nach Angaben der Porsche SE und des Fondsmanagements insbesondere in Cyber Defence, künstliche Intelligenz und autonome Systeme.

Autonome Systeme.

Gerade dieser Begriff wirft erhebliche ethische und menschenrechtliche Fragen auf.

Die internationale Debatte über KI-gestützte Zielidentifikation in bewaffneten Konflikten zeigt, dass es sich längst nicht mehr um eine theoretische Zukunftsfrage handelt. Besondere Aufmerksamkeit erhielt zuletzt der Einsatz entsprechender Systeme im Gaza-Krieg.

Die dabei diskutierten Risiken reichen von Fehlidentifikationen bis hin zur Frage, wie viel menschliche Kontrolle bei militärischen Entscheidungen erhalten bleibt.

Vor diesem Hintergrund stellen sich für mich folgende Fragen:

Warum hat der Aufsichtsrat dieser Investitionsstrategie zugestimmt, ohne den Vorstand zu verpflichten, klare und öffentlich nachvollziehbare Ausschlusskriterien – beispielsweise für autonome letale Waffensysteme – festzulegen?

Welche Position vertritt die Porsche SE zu KI-gestützter Zielidentifikation und anderen Anwendungen künstlicher Intelligenz im militärischen Bereich?

Unterstützt die Porsche SE den Grundsatz, dass Entscheidungen über den Einsatz tödlicher Gewalt niemals vollständig an autonome Systeme delegiert werden dürfen und stets eine wirksame menschliche Kontrolle gewährleistet sein muss?

Falls ja: Wie wird dieser Grundsatz bei Investitionsentscheidungen konkret berücksichtigt?

Welche konkreten Ausschlusskriterien gelten für Investitionen im Rüstungssektor?

Sind Investitionen in Unternehmen ausgeschlossen, die an autonomen Waffensystemen beteiligt sind?

Sind Unternehmen ausgeschlossen, die Streumunition, Antipersonenminen oder andere völkerrechtlich geächtete Waffen herstellen?

Denn wer in Bereiche wie künstliche Intelligenz, autonome Systeme und andere Rüstungstechnologien investiert, investiert nicht nur in wirtschaftliche Chancen.

Er investiert auch in Technologien, die erhebliche Auswirkungen auf Menschenrechte, den Schutz der Zivilbevölkerung und die Einhaltung des humanitären Völkerrechts haben können.

Bislang begründet die Porsche SE ihre Aktivitäten im Rüstungsbereich vor allem mit Diversifizierung, Innovationskraft und Wachstumspotenzial.

Diese Argumente mögen aus finanzieller Sicht nachvollziehbar sein.

Sie beantworten jedoch nicht die Frage, welche Verantwortung ein Investor übernehmen will, wenn seine Beteiligungen Technologien entwickeln, die in bewaffneten Konflikten eingesetzt werden können.

Vor einem Jahr sprach die Porsche SE noch über die Suche nach einer möglichen dritten Kernbeteiligung. Inzwischen wird die Weiterentwicklung zu einer diversifizierten Investmentplattform sogar durch den Vorschlag zu einer entsprechenden Satzungsänderung unterstrichen. Neben der Beteiligung an Quantum Systems, dem Investment in den DTCP-Defense-Fonds, hat sich auch der Aufsichtsrat bereits im vergangenen Geschäftsjahr im Rahmen eines eigenen Workshops mit dem Rüstungs- und Sicherheitssektor befasst. Zusammen erweckt dies den Eindruck einer strategischen Annäherung an den Rüstungssektor.

Damit stellen sich für mich abschließend einige Fragen zur strategischen Ausrichtung der Porsche SE.

Wenn Diversifizierung künftig ein zentrales Element der Strategie der Porsche SE sein soll, stellt sich aus meiner Sicht auch die Gegenfrage:

Welche Investitionen würde die Porsche SE bewusst nicht tätigen?

Und anhand welcher Kriterien werden diese Grenzen definiert?

Aus welchem Grund hielt der Aufsichtsrat einen gesonderten Workshop zum Rüstungs- und Sicherheitssektor für erforderlich und welche Schlussfolgerungen hat er daraus für die Begleitung und Kontrolle entsprechender Investitionen gezogen?

Handelt es sich lediglich um einzelne Finanzinvestitionen oder entwickelt sich der Rüstungssektor zu einem langfristigen strategischen Schwerpunkt der Porsche SE?

Falls Letzteres nicht ausgeschlossen wird: Welche Grenzen setzt sich die Porsche SE dabei?

Gelten für Investitionen im Rüstungssektor dieselben ESG- und Menschenrechtsstandards wie für andere Beteiligungen der Porsche SE?

Falls nein: Warum nicht?

Wie passt das Investment in militärische Cyber-Defense, KI und autonome Systeme ethisch und strategisch zum erklärten Anspruch der Porsche SE, ein verantwortungsvoller, auf nachhaltige Mobilität ausgerichteter Investor zu sein?

Meine Damen und Herren,

die Geschichte des Porsche-Konzerns ist eng mit der deutschen Industriegeschichte verbunden.

Dazu gehören auch die Verstrickungen in die Rüstungsproduktion während der Zeit des Nationalsozialismus.

Gerade deshalb halte ich es für angemessen, dass die Porsche SE heute besonders transparent darlegt, nach welchen ethischen Maßstäben sie Investitionen im Rüstungssektor beurteilt.

Wer sich nach Jahrzehnten erneut entschließt, in Rüstungs- und Sicherheitstechnologien zu investieren, sollte nicht nur über Renditen und Wachstumschancen sprechen.

Er sollte auch erklären können, wo seine roten Linien verlaufen.

Genau diese Antwort bleibt die Porsche SE bislang schuldig.

Vielen Dank.

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