„Erheblicher Widerspruch zum eigenen Nachhaltigkeitsanspruch, solange tierfreie Methoden nicht umgesetzt werden“: Rede von Dr. Melanie Seiler, Ärzte gegen Tierversuche

Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstands und Aufsichtsrats,

mein Name ist Dr. Melanie Seiler von Ärzte gegen Tierversuche. Wir sind ein wissenschaftlicher Verein, der sich seit 1979 für die Abschaffung von Tierversuchen und den Einsatz moderner, humanrelevanter und tierfreier Methoden einsetzt. Ich möchte heute zur Verantwortung von Siemens Healthineers für Tierschutz und Nachhaltigkeit in der Lieferkette sprechen – konkret zur fortgesetzten Nutzung polyklonaler Antikörper aus Kaninchenblut, zu den aufgedeckten Missständen bei Zulieferbetrieben und zu bisher mangelnder Transparenz daingehend.

Es geht dabei um eine wiederholte, bekannte Problematik, um verfügbare tierfreie Methoden der Antikörperherstellung und um die Frage, warum Siemens Healthineers bisher keinen verbindlichen Ausstiegsplan aus der tierbasierten Antikörperproduktion vorlegt.

In den vergangenen Jahren kam es mehrfach zu nach unserer Rechtsauffassung schweren Verstößen gegen Tierschutzstandards bei Zulieferern von Siemens Healthineers:

In 2022 wurden massive Missstände in einem Zuliefererbetrieb in Baden-Württemberg durch Aninova aufgedeckt- hier hat Siemens Healthineers die Zusammenarbeit beendet.

Nun wurden 2025 in einem Zuliefererbetrieb aus Bayern erneut massive Missstände durch SOKO Tierschutz aufgedeckt – nach unserem Kenntnisstand besteht die Zusammenarbeit fort.
Siemens Healthineers verweist nach Anfrage auf umfassende Prüfverfahren und regelmäßige Audits bei Zuliefererbetrieben. Ich möchte hier aus einer offiziellen E-Mail zitieren: „Tierethik und Tierschutz nimmt Siemens Healthineers sehr ernst, so dass die Lieferanten den höchsten Standards in der Tierhaltung und Tiergesundheit unterliegen. Bevor Siemens Healthineers mit einem Lieferanten zusammenarbeitet, werden umfassende Prüfverfahren durchgeführt, die auch während der gesamten Geschäftsbeziehung fortgesetzt werden. Zusätzlich finden regelmäßig Audits statt – sowohl angekündigte als auch unangekündigte“.

Diese genannten Prüfverfahren greifen offensichtlich nicht. Die in beiden bereits genannten Fällen dokumentierten Zustände legen nahe, dass diese Kontrollen entweder nicht wirksam sind oder bekannte Missstände toleriert werden.

Diese Fälle werfen eine grundsätzliche Frage auf:
Sind die Kontrollen unzureichend – oder bleiben bekannte Missstände ohne wirksame Konsequenzen?

Aus unserer Sicht ist es nicht hinnehmbar, dass weiterhin eine Zusammenarbeit mit derartigen Betrieben besteht. Zudem ist es unverständlich, dass Siemens Healthineers einen durch die weiterbestehende Zusammenarbeit entstehenden Reputationsschaden in Kauf nimmt.

Zur Thematik Tierversuchsfreie Methoden:  

Wissenschaftlich ist die Lage eindeutig: Seit Jahren existieren vollständig tierversuchsfreie Verfahren zur Antikörperentwicklung und -produktion, darunter:

  • Phage-Display-Technologie,
  • monoklonale Antikörper aus Zellkulturen,
  • sowie multiklonale Antikörper, also Mischungen mehrerer monoklonaler Antikörper, die funktional polyklonalen Antikörpern entsprechen – ohne Tiernutzung.

Trotzdem heißt es in offiziellen Statements von Siemens Healthineers momentan: „Mit diagnostischen Tests von Siemens Healthineers, die Antikörper aus Kaninchenblut enthalten (polyklonalen Tests), können schwerwiegende Erkrankungen wie seltene Krebsarten, Leukämie, neurologische Störungen, Herzkrankheiten, Nierenschädigungen (Differenzialdiagnose) sowie Autoimmunerkrankungen diagnostiziert und anschließend behandelt werden. Obwohl Siemens Healthineers bei der Entwicklung alternativer Methoden Fortschritte macht, sind Tiere und Materialien tierischen Ursprungs weiterhin essenziell, um die menschliche Gesundheit zu erhalten und zu fördern.“

Für die nach unserer Kenntnis von Siemens Healthineers eingesetzten diagnostischen Marker handelt es sich um etablierte Parameter, nicht um experimentelle Neuentwicklungen.
Es ist daher nicht plausibel zu behaupten, es gebe keine tierfreien Methoden – zudem Siemens Healthineers offenbar bereits selbst an der weiteren Entwicklung solcher arbeitet, es aber – aus wiederum nicht nachvollziehbaren Gründen – nicht transparent darlegt, an welchen genau.

Dass weiterhin Kaninchenantikörper eingesetzt werden, liegt unserer Annahme nach nicht an einem wissenschaftlichen Defizit, sondern an einem technischen Problem: Ein Teil der Geräte basiert auf Präzipitationsassays, die historisch mit polyklonalen Antikörpern entwickelt wurden.

Dieses Problem ist lösbar – und es muss nun endlich angegangen werden.

Hinzu kommt: Siemens Healthineers arbeitet selbst an tierfreien Methoden

Eine unserer Wissenschaftlerinnen war bereits 2022 bei Ihnen zu Besuch. Damals wurden rund 60 diagnostische Marker bei Siemens Healthineers noch mithilfe von Kaninchenantikörpern nachgewiesen. Bereits 2022 wurde in einem persönlichen Gespräch bestätigt, dass Siemens Healthineers:

  • aktiv am Ersatz polyklonaler Antikörper arbeitet,
  • Phage-Display-Antikörper testet,
  • multiklonale Antikörper extern entwickeln lässt.

Diese Arbeiten wurden offenbar erfolgreich fortgeführt: Durch eine eigene Recherche wissen wir, dass im September 2025 Siemens Healthineers ein Patent angemeldet hat, das zeigt, dass multiklonale Antikörper in Präzipitationsassays eine vergleichbare Sensitivität wie polyklonale Kaninchenantikörper erreichen.

Das bedeutet: Die technischen Voraussetzungen für einen vollständigen Umstieg sind gegeben, ohne bestehende Geräte obsolet zu machen oder die Versorgung mit Diagnostik zu gefährden.

Was bislang von Ihrer Seite fehlt, sind Transparenz, Verbindlichkeit und ein konkreter Zeitplan zum vollständigen Ausstieg aus tierischen Antikörpern.

Dazu habe ich nun konkrete Fragen an den Vorstand.

  1. Warum wurde die Zusammenarbeit mit dem 2025 aufgedeckten Zulieferbetrieb in Bayern bislang nicht beendet, obwohl unserer Rechtsauffassung nach schwerwiegende Tierschutzverstöße dokumentiert wurden?
  2. Wie häufig und in welcher Form wurden bei Lieferanten von Kaninchenantikörpern in den letzten fünf Jahren angekündigte und unangekündigte Audits durchgeführt, und welche wesentlichen Abweichungen wurden dabei festgestellt?
  3. Wie erklärt der Vorstand, dass bei wiederholten Aufdeckungen von unserer Rechtsauffassung nach schweren Tierschutzverstößen entweder keine wirksamen Kontrollen gegriffen haben oder bekannte Missstände ohne unmittelbare Konsequenzen geblieben sind?
  4. Für wie viele diagnostische Marker verwendet Siemens Healthineers derzeit noch polyklonale Antikörper aus Kaninchenblut?
  5. Für wie viele dieser Marker existieren bereits tierversuchsfreie Optionen, insbesondere in Form monoklonaler oder multiklonaler Antikörper?
  6. Für wie viele Marker befinden sich multiklonale Antikörper aktuell in Entwicklung, an denen Siemens Healthineers nach eigener Aussage seit mehreren Jahren arbeitet?
  7. Bis wann plant der Vorstand die vollständige Umstellung aller betroffenen Produkte auf tierfreie Antikörper?
  8. Warum veröffentlicht Siemens Healthineers keinen verbindlichen Ausstiegs- und Übergangsplan mit Zeitachsen, Meilensteinen und messbaren Fortschrittskriterien – obwohl die technischen Lösungen bekannt sind und intern bereits daran gearbeitet wird?
  9. Falls ein solcher Zeitplan aus Sicht des Vorstands nicht vorgesehen ist:
    Welche konkreten Gründe sieht der Vorstand dafür, weiterhin Kaninchenantikörper einzusetzen, obwohl tierversuchsfreie Methoden verfügbar sind und die Risiken für Tierwohl, Reputation und Regulierung bekannt sind?
  10. Wie bewertet der Vorstand die Vermutung, dass die fortgesetzte Nutzung von Kaninchenantikörpern nicht aus wissenschaftlichen Gründen erfolgt, sondern aufgrund technischer Altgeräte und historischer Assay-Formate?
  11. Wie ordnet der Vorstand das Reputations- und Regulierungsrisiko ein, das mit der fortgesetzten Nutzung tierbasierter Antikörper trotz verfügbarer tierfreier Methoden verbunden ist?
  12. Wie bewertet der Vorstand das Risiko, dass mit zunehmender Etablierung tierversuchsfreier Verfahren Genehmigungen für Immunisierungen künftig nicht mehr erteilt werden – und wie fließt dieses Risiko in die Produkt- und Nachhaltigkeitsstrategie ein?
  13. Wie stellt Siemens Healthineers Transparenz gegenüber Aktionärinnen, Aktionären und der Öffentlichkeit her, wenn zu Lieferanten, Tierzahlen, Tiernutzung und Ausstiegszielen keine konkreten Angaben gemacht werden?

Abschluss:

Angesichts der wiederholten dokumentierten Missstände in ihrer Lieferkette, der verfügbaren tierfreien Methoden und der eigenen Entwicklungsarbeiten von Siemens Healthineers ist die Situation klar:


Die Frage ist nicht mehr, ob ein Ausstieg aus polyklonalen Kaninchenantikörpern technisch möglich ist.
Die Frage ist, warum er bislang nicht verbindlich geplant, nicht transparent kommuniziert und nicht mit einem konkreten Zeitrahmen hinterlegt wird.

Solange bekannte Missstände bei Zulieferern nicht konsequent adressiert werden, solange verfügbare tierfreie Methoden nicht systematisch umgesetzt werden und solange Aktionärinnen keine nachvollziehbaren Angaben zu Umfang, Zeitplan und Zielen erhalten, bleibt ein erheblicher Widerspruch zwischen dem eigenen Nachhaltigkeitsanspruch und der tatsächlichen Praxis bestehen.

Vor diesem Hintergrund bitte ich den Vorstand nun um klare, konkrete und überprüfbare Antworten auf die gestellten Fragen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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